mini|hochkant=0.7|Bismarck als Student (1832/33), Skizze seines Corpsbruders Gustav Scharlach
Die Studentenjahre Otto von Bismarcks in Göttingen (1832–1833) und Berlin (1834–1835) stellen einen prägenden und zeitweilig recht wilden LebensabschnittVolker Ullrich: Lump oder der erste Mann Preußens. In: ZEIT Campus, 03/2007. des späteren deutschen Reichskanzlers dar.
Studienbeginn in Göttingen Otto von Bismarck beendete seine Schulzeit am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster mit seiner Abgangsprüfung am 3. April 1832 und wurde dort am 14. April 1832 als Schüler entlassen.George Hesekiel: Das Buch vom Fürsten Bismarck. Bielefeld 1873. Nach dem Willen seiner Mutter war er für die Diplomatenlaufbahn vorgesehen und eigentlich hatte die Familie als Universitäten Bonn, Genf oder Berlin ins Auge gefasst; aber man entschied sich dann doch zunächst für die Georg-August-Universität Göttingen, die über Deutschland hinaus im Ruf einer Eliteuniversität stand und deren Studentenschaft einen hohen Anteil von Abkömmlingen des Adels aufwies. Bismarck immatrikulierte sich in Göttingen am 10. Mai 1832.Universitätsmatrikel „36458.118 Leopold Eduard Otto von Bismarck, Preußen, jur., Zeugn. v. Berlin, V. Gutsbesitzer zu Schönhausen in der Altmark“; Faksimile in: A. O. Meyer: Bismarck, Bielefeld und Leipzig 1925. Im ersten Jahr in Göttingen wohnte er dort im Haus des Bäckers Justus Friedrich mit der heutigen Adresse Rote Straße 27, das mit einer Göttinger Gedenktafel gekennzeichnet ist.Walter Nissen: Göttinger Gedenktafeln. Ein biographischer Wegweiser. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1962, S. 28 f., hier S. 29. Im Sommersemester 1833 wohnte er in einem zum Gartenhaus umgebauten ehemaligen Festungsturm des Göttinger Stadtwalls am Leinekanal, der deshalb seit den 1930er Jahren Bismarckhäuschen genannt wird.
Göttingen selbst stand 1832 noch ganz im Zeichen des niedergeschlagenen Göttinger Aufstands, der als Folge der Pariser Julirevolution von 1830 im Januar 1831 ausgebrochen war. Während das Königreich Hannover weitgehend ruhig blieb, kam es in Göttingen durch eine Verkettung verschiedener Ursachen zu einem gewaltsamen Ausbruch, in deren Folge unter der Führung des Privatdozenten Johann Ernst Arminius von Rauschenplat ein Revolutionsrat gebildet und am 8. Januar 1831 der Magistrat der Stadt Göttingen vorübergehend aufgelöst wurde. Der Aufstand wurde erst im März 1831 niedergeschlagen. Die Studentenverbindungen wurden in der Folge verboten und existierten nach außen als rein gesellschaftliche Zusammenschlüsse in Form sogenannter Clubbs nur insgeheim weiter. Erst nach dem Universitätsjubiläum 1837 entstanden neue Progress-Verbindungen, die in Konkurrenz zu den Landsmannschaften alten Stils traten. Burschenschaften waren wegen des ausgeprägt konservativen Klimas an der Universität Göttingen in der ganzen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Göttingen nur von untergeordneter Bedeutung. Bismarck schloss sich zunächst einigen Studenten aus Mecklenburg an, mit denen er nach dem Hambacher Fest im Mai 1832 eine Wanderung durch den Harz unternahm.Das mecklenburgische Corps Vandalia Göttingen hatte 1831 suspendiert und tat sich erst 1833 wieder auf Nach der Rückkehr erhielt er seitens des Universitätsgerichts seinen ersten Verweis, weil er in ausgelassener Stimmung eine Flasche aus dem Fenster des Göttinger Hotelrestaurants Krone auf die Weender Straße geworfen hatte.
Amerikanischer Freundeskreis mini|Silhouette Mitchell C. King (Göttingen 1832/33)
Bismarck hatte als Sehr gut benotete Sprachkenntnisse sowohl im Französischen wie im Englischen und freundete sich in Göttingen bald mit einer Gruppe von amerikanischen Kommilitonen an, mit denen er in engere Verbindung trat und mit denen er die jeweiligen Kenntnisse der Fremdsprache wechselseitig vervollkommnete. Darunter waren der spätere amerikanische Historiker und Diplomat John Lothrop Motley aus Boston sowie zwei Südstaatler. Beide wechselten im Herbst 1833 an die Universität Berlin und bezogen dort eine gemeinsame Wohnung in der Friedrichstraße. Der Mediziner Amory Coffin (1813–1884) ist durch die legendäre Champagner-Wette auch in Bismarcks Gedanken und Erinnerungen dokumentiert. Bismarck hatte in einer Wette mit Coffin darauf gesetzt, dass die Deutsche Einheit binnen 20 Jahren hergestellt sein würde; er hat die Wette also verloren, weil er sich um knapp 20 Jahre verschätzte.Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. I. Buch, 1. Kapitel. Der Mediziner Mitchell Campbell KingMitchell Campbell King, Hans-Georg Balder, Rüdiger B. Richter: Korporierte im amerikanischen Bürgerkrieg. 2. Auflage. Hilden: WJK-Verlag, 2013, S. 176 ff. aus South Carolina war der einzige aus diesem Kreis, der ihm später als Corpsbruder in das Corps Hannovera folgte.Heinrich F. Curschmann: Blaubuch des Corps Hannovera zu Göttingen. Band 1 (1809–1899), Göttingen 2002, Nr. 371 In dieser Runde feierte Bismarck am 4. Juli 1832 „in gehobener Stimmung“ den Independence Day. John Lothrop Motley als späterer enger Vertrauter Bismarcks folgte ihm hingegen nicht in das Corps. Er hatte sich auf sein Studium 1832 in Göttingen mit Hilfe eines Reiseführers von Henry DwightHenry Edwin Dwight: Travels in the north of Germany: in the years 1825 and 1826. G. & C. & H. Carvill, New York 1829 Digitalisat; Dwight hatte auf den Spuren George Bancrofts Deutschland bereist. vorbereitet, der das Studentenleben um 1825/26 an der Georgia-Augusta detailliert schildert, und bestätigte dessen unbefangene und keiner behördlichen Zensur ausgesetzten Beschreibungen, auch hinsichtlich der für Amerikaner unglaublichen Fechtfreude der Corps, in einem der ersten Schreiben aus Göttingen an seine Mutter in Boston, so dass die eingehenden Beschreibungen Dwights als authentisch anzusehen sind:
Motley stand zum Corpsstudententum in wohlwollender Distanz. Er verarbeitet den Studienfreund Bismarck später in seinem Roman Morton’s Hope, or the Memoirs of a Provincial (1839), in dem er Bismarck als Vorbild für die Romanfigur des Otto v. Rabenmark wählte.Zusammenfassung bei Erich Ebstein: John Lothorp Motley und Otto von Bismarck als Göttinger Studenten (Ostern 1832 bis Herbst 1833). In: Die Gegenwart. Band 65, 1904, S. 392–396. Deutlich wird dies ebenfalls in dem Brief vom 1. Juli 1832 an seine Mutter, wenn er seinen gegebenen Bericht über das Göttinger Studentenleben und die Corps abschließend resümiert:
und gleichzeitig betont
Die Bedeutung dieses studentischen Freundeskreises für Bismarcks spätere Einstellung und Außenpolitik gegenüber den Vereinigten Staaten, also die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, ist bis heute nicht abschließend analysiert, wenn man von dem ersten Ansatz durch die Dissertation des amerikanischen Historikers Louis Leo Snyder 1931 einmal absieht.Louis Leo Snyder: Die persönlichen und politischen Beziehungen Bismarcks zu Amerikanern. 1932, Darmstadt: Druckerei d. Stud. Wirtschaftshilfe (Dissertation 1931 an der Universität Frankfurt am Main); Vgl. auch Ansätze bei Ralph Lutz: Die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten während des Sezessionskrieges. 1911, S. 12 ff. (books.google.de). Sicher ist jedoch, dass er bei den diplomatischen Verhandlungen der Berliner Samoa-Konferenz 1889 erstmals Englisch als internationale diplomatische Verhandlungssprache einführte.Reiner Pommerin: Zwischen Eurozentrismus und globalem Staatensystem: Bismarck und die USA 1862–1890. Band 34 der Friedrichsruher Beiträge. Friedrichsruh 2007, ISBN 978-3-933418-37-1.
Corpsstudent mini|Korbschläger Bismarcks im Bismarck-Museum in Friedrichsruh mini|Kneipbild Otto von Bismarck als Göttinger Hannoveraner
Die Hannoveraner lernte Bismarck bereits im Mai 1832 bei einem Aufeinandertreffen auf der Weender Straße kennen. Sie bestanden zu dieser Zeit verfolgungsbedingt als Clubb, das Farbentragen in der Öffentlichkeit war für die Göttinger Verbindungen nicht möglich. Am 5. Juli 1832, also am Tag nach der ausgiebigen Feier mit seinen amerikanischen Freunden, ließ er sich durch den ebenfalls im Hause Rote Straße 27 logierenden Hannoveraner Adolf JägerAdolf Jäger († 1865 im amerik. Sezessionskrieg auf Unionsseite) Göttinger Kneipname: Chasseur. Vgl. Heinrich F. Curschmann: Blaubuch des Corps Hannovera zu Göttingen. Band 1 (1809–1899), Göttingen 2002, Nr. 329; Hans-Georg Balder, Rüdiger B. Richter: Korporierte im amerikanischen Bürgerkrieg. 2. Auflage. Hilden: WJK-Verlag, 2013, S. 173 ff. als Renonce vorschlagen und wurde als solche durch den Convent vom 6. Juli 1832 gemeinsam mit Albrecht ErxlebenKneipname: Peter angenommen. Adolf WuthmannHeinrich F. Curschmann: Blaubuch des Corps Hannovera zu Göttingen. Band 1 (1809–1899), Göttingen 2002, Nr. 342; Kneipname: Lappennase oder Hamster; Nachruf in: Jahresbericht über die Königliche Klosterschule zu Ilfeld 1878, Nordhausen 1878, S. 44. wurde sein Leibbursch. Am 10. August focht er erstmals eine Partie auf die Farben der Hannovera und am 15. August 1832 wurde er nach dem vorangegangenen Ballotement in das Corps rezipiert. Im Corpsconvent vom 6. Oktober 1832 wurde er zum Fuchsmajor gewählt und hatte damit auf den Kneipen die Lieder anzustimmen. Daran erinnerte er sich noch 1895 doppeldeutig:
Mehrere der für diese Zeit in Göttingen üblichen KneipnamenDie Erwähnung dieser Kneipnamen ist im Folgenden für das Quellenverständnis unentbehrlich. sind für Bismarck aus seinem Corps überliefert, so Kind und Kindskopf, aber auch unter Anspielung auf seine Heimat Kassube und zuletzt, mit Zunahme seiner fechterischen Leistungen Baribal, eine Anspielung auf den Amerikanischen Schwarzbären.Stadtmüller, Corpsgeschichte Hannovera. S. 98 ff. Ausweislich der in dieser Zeit sehr knapp gehaltenen Conventsprotokolle wurde er am 3. November 1832 zum Generaladjudanten für die Beerdigungsfeierlichkeiten des verstorbenen Mathematikers Hofrat Bernhard Friedrich Thibaut gewählt und am 7. Dezember 1832 unterzeichnete er mit seinen Corpsbrüdern eine Neufassung der Corpsconstitution als „Otto von Bismarck aus Pommern“. In seiner Göttinger Zeit focht Bismarck 26 Partien auf Schläger. Aus diesen Partien behielt er nur einen leicht sichtbaren Schmiss an der Nasenspitze aus der Partie mit dem Bremenser Heinrich Biedenweg am 2. Februar 1833 zurück. Mit ihm stritt Bismarck zeitlebens über die Frage, ob der Hieb Biedenwegs commentmäßig gewesen sei.Die Gartenlaube, 1869, S. 315; Geschichte des Corps Bremensia, S. 183 ff. (kulturerbe.niedersachsen.de Digitalisat). Als Sekundant stand er seinen eigenen Corpsbrüdern bei neun Partien zur Verfügung, ob er als „Leihsekundant“ auch anderen Corps in Schlägerpartien zur Seite stand, ist bislang nicht erforscht. Im Sommersemester 1833 bekleidete er die Charge des Conseniors.