mini|hochkant|Zeiss Ikon Werke Dresden – Gebäudeaufschrift: „Photo Kino – Unsere Arbeit dient dem Frieden“
Die Zeiss Ikon AG war bis zum Zweiten Weltkrieg einer der bedeutendsten Kamera- und Kinoprojektorenhersteller sowie Weltmarktführer bei Schmalfilmkameras. Zeiss Ikon stellte neben optischen Geräten auch Filme, Messtechnik, Autoteile, Türschlösser, Spiegelleuchten sowie Buchungsmaschinen her und war Inhaber des ersten Patentes auf den heute allgemein verbreiteten Profilzylinder.
1926 in Dresden gegründet, gehört das 1989 in Ikon AG umfirmierte Unternehmen heute zur Assa Abloy Sicherheitstechnik GmbH und fertigt unter der Marke „IKON“ nur noch Erzeugnisse der Schließ- und Sicherheitstechnik. Die Marke „Zeiss Ikon“ wird auch für Produkte genutzt, die nicht mit dem Dresdner Unternehmen und seinen Rechtsnachfolgern in Verbindung stehen.
Unternehmens- und Produktgeschichte Von der Gründung bis 1945 mini|links|Stammbaum der Zeiss Ikon AG Dresden mini|Ein stilisierter Teil des Zeiss-Tessar-Objektives bildet das Logo von Zeiss Ikon mini|Aktie über 100 Reichsmark der Zeiss Ikon AG vom 29. September 1926 mini|hochkant|Detailansicht einer Zeiss Ikon Ikonta mit Compur-Verschluss und Carl Zeiss Tessar-Objektiv mini|hochkant|Zeiss Ikon Telma mini|hochkant|Zeiss Ikon Nettar 510 mini|hochkant|Zeiss Ikon Contaflex, zweiäugige Spiegelreflexkamera
Die Gründung der Zeiss Ikon AG stellte eine der größten Industriefusionen in der Zeit der Weimarer Republik dar. Treibende Kraft des Zusammenschlusses und Mehrheitsaktionär der Zeiss Ikon AG war das Unternehmen Carl Zeiss in Jena. Die Fusion vollzog sich in mehreren Etappen und begann 1909 mit der von Carl Zeiss initiierten Gründung der Internationalen Camera Actiengesellschaft in Dresden. Am 14. und 15. September 1926 genehmigten die Hauptversammlungen von:
Internationale Camera Actiengesellschaft (ICA), Dresden, Optische Anstalt C. P. Goerz AG, Berlin, Contessa-Nettel AG, Stuttgart, und Ernemann-Werke AG, Dresden,
die schon zuvor geschlossenen Fusionsverträge. Diese hatten eine auf den 1. Oktober 1925 zurückdatierte Gültigkeit, sodass 1925/26 das erste Geschäftsjahr war. Die Gründung erfolgte durch Vermögensübertragung auf die Goerz AG, die ihren Namen in Zeiss Ikon AG änderte und ihren Sitz nach Dresden verlegte. Um die Ausrichtung auf Fotografie zu betonen, wurde das griechische Wort εἰκών (eikón bzw. deutsch „ikon“ = Bild) Bestandteil von Marke und Warenzeichen des Unternehmens. Der Namenszusatz Zeiss dokumentierte die Zugehörigkeit und den Führungsanspruch der Konzernmutter in Jena. Der erste Gesamtkatalog erschien 1927 und enthielt noch zahlreiche Produkte der Vorgängergesellschaften. Zum Abschluss kam die Fusion Ende 1928 durch die Beitritte der ehemaligen Goerz Tochterunternehmen: Aktiengesellschaft Hahn für Optik und Mechanik, Ihringshausen/Kassel (1927), und Goerz Photochemische Werke AG, Berlin (1928).
Obwohl der Zusammenschluss unter erheblichen Kapitalabschreibungen und sehr vorsichtiger Bewertung der Aktiva erfolgte, war die Zeiss Ikon AG bereits 1929 mit 50 Mio. Reichsmark mehr wert als der Hauptaktionär Carl Zeiss (21,3 Mio.). Aufgrund des Produktportfolios der Gründungsunternehmen war Zeiss Ikon von Beginn an breit diversifiziert. 1930 wurde in sechs großen Werken in Dresden, Berlin und Stuttgart produziert:
Betrieb Produktion ICA-Werk (Dresden) Kameras, Kino-Aufnahmeapparate, Projektionsapparate Ernemann-Werk (Dresden) Theater-, Schul- und Heimkino-Vorführungsapparate, ballistische Apparate Werk Reick („Wünsche-Werk“, Dresden) Fotozubehör, Werkzeugnormalien, Holz- und Metallbearbeitung, Gießerei-Artikel Contessa-Werk (Stuttgart) Kameras und Bedarfsartikel Goerzwerk (Berlin-Lichterfelde) Leuchten, Schlösser, Rechenmaschinen, Autozubehör, Instrumente, Kameras und Zubehör Filmwerk (Berlin-Lichterfelde) Rohfilm und fotografische Filme
Neben den sechs Hauptwerken besaß Zeiss Ikon zahlreiche kleinere Standorte und ungenutzte Kapazitäten. In den Anfangsjahren lag der Schwerpunkt der Unternehmenspolitik auf der Bereinigung des Kamerasortiments: 1927 wurden noch 100 Grundmodelle in über 1000 Varianten gefertigt; 1929 gab es noch 47, 1938 noch 14 Kamera-Grundmodelle. Hauptverantwortlich für die Konsolidierung der Produktion war der promovierte Maschinenbau-Ingenieur Heinz Küppenbender (1901–1989), der zuvor bei Carl Zeiss in Jena tätig war.
Am Beginn der 1930er Jahre war Zeiss Ikon an zahlreichen Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt und leistete wichtige Beiträge zur Grundlagenforschung in der feinmechanisch-optischen Industrie. Ausdruck dessen war beispielsweise die Gründung der „Fernseh Aktiengesellschaft Berlin“ (FESE) im Juni 1929, die im Goerzwerk angesiedelt wurde und zum Wegbereiter der Fernsehtechnik wurde. Die Fernseh AG wurde als Gemeinschaftsunternehmen von Bosch (Stuttgart), Baird Television (London), Loewe (Berlin) und Zeiss Ikon gegründet, die jeweils zu 25 Prozent beteiligt waren.
Zeiss Ikon beschäftigte dutzende renommierte Wissenschaftler und Spitzeningenieure, z. B. Ludwig Bertele, Wilhelm Winzenburg, Heinz Thiele, Otto Vierling, Paul Görlich, Alfred Krohs, Paul Gänsewein, Werner Haunstein, Heinrich Jacob, Herbert Brause und Hubert Nerwin. Zu den herausragendsten Köpfen des Konzerns gehörte Emanuel Goldberg (1881–1970), der auf allen Gebieten der Bildtechnologie forschte und zukunftsweisende Medientechnik („Wissensmaschine“) entwickelte, im Rahmen des nationalsozialistischen Terrors wurde Goldberg, der Jude war, verfolgt und zur Emigration gezwungen.
Zu den bedeutendsten Produkten von Zeiss Ikon gehört die 1932 auf dem Markt eingeführte Systemkamera Contax, mit der eine Konkurrenz zur berühmten Leica der Ernst Leitz GmbH geschaffen wurde. 1936 folgte mit der Contax II die erste Messsucherkamera der Welt. Anfang der 1920er Jahre entwickelten Ingenieure der Aktiengesellschaft Hahn in Ihringshausen bei Kassel den Profilzylinder, der 1924 zum Patent angemeldet wurde. (PDF; S. 7), abgerufen am 18. Januar 2011 1928 wurde Zeiss Ikon das Patent Nr. 469 260 für den Schließzylinder mit „Hahnprofil“ erteilt.80 Jahre Profilzylinder, ikon.de, S. 4 (PDF; 665 kB). Der Profilzylinder Bauart Zeiss Ikon ist heute in der DIN 18252 genormt und in Europa und quasi weltweit zum Standard geworden.
Die stückzahlmäßig bedeutendsten Kameras aus dem Hause Zeiss Ikon waren in der Zeit von 1930 bis 1939 die Klappkameras vom Typ Ikonta, die in verschiedenen Negativ-Formaten, Ausstattungen und Bestückungen angeboten wurden. Die Serie wurde nach unten ergänzt durch die etwas abgespeckten Kameras der Nettar- und Bob-Reihe. Weit verbreitet waren auch einfache Box-Kameras, wie die in Berlin produzierte Box Tengor.
Bereits 1933 richtete sich der Konzern auf die neuen Machthaber ein und brachte die Baldur heraus, eine nach dem NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach benannte Boxkamera in den Versionen für Aufnahmeformat 4,5 cm × 6 cm und 6 cm × 9 cm. 1934 folgte mit der Super Nettel eine 135er-Klappkamera mit Schlitzverschluss „ideal für Wehrtechnik und Sport“. 1936 erschien die Contaflex, eine zweiäugige Spiegelreflexkamera für den Kleinbildfilm und erste Kamera mit eingebautem fotoelektrischem Belichtungsmesser. 1938 stellte Zeiss Ikon die Tengor II vor, eine überarbeitete Goerz Box Tengor für das Aufnahmeformat 6 cm × 9 cm. 1937 kam die Tenax auf den Markt, eine Schnellschusskamera für das Format 24 mm × 24 mm auf 135er-Film. Ihr folgte noch kurz vor Kriegsausbruch die einfachere, im Taschenformat gehaltene Tenax I.
Ab 1940 wurde die gesamte deutsche Industrie auf Kriegswirtschaft umgestellt. Zeiss Ikon konnte nur noch Sonderserien der so genannten Kriegs-Tengor 54/2 und der Tengoflex bis 1944 ausliefern. Die Dresdner Zeiss Ikon Werke waren während des Zweiten Weltkriegs mit rund 6000 Mitarbeitern, darunter zahlreiche Zwangsarbeiter aus den von Deutschland besetzten Gebieten, größter Rüstungsbetrieb der Stadt. Bei Zeiss Ikon gab es eine 400 Mitarbeiter starke jüdische Abteilung. Werksleitung und Wehrmacht widersetzten sich Anfang 1942 mit der Drohung, das Werk sonst schließen zu müssen, zunächst teilweise erfolgreich der von der Gestapo beabsichtigten sofortigen Deportation der jüdischen Belegschaft in das Ghetto Riga.Jüdische Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie – das Goehlewerk der Zeiss Ikon AG., audioscript. Teil 12 von audioscript zur Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Dresden 1933–1945. Audio-Stadtrundgang Januar 2010, 13:02 min. Nur ein Teil der betriebsangehörigen Juden wurde verschleppt. Im November 1942 wurden die noch bei Zeiss beschäftigten Juden dann im Judenlager Hellerberg am nördlichen Stadtrand zusammengepfercht und drei Monate später, nachdem ihre Arbeitskraft in der Fabrik vollständig durch neu eingearbeitete Zwangsarbeiter ersetzt worden war, nach Auschwitz abtransportiert und ermordet.»Spucker, Schläger, Schreier«. In: Der Spiegel 29/1998, 12. Juli 1998.
Im Krieg wurden die Goerz-Werke in Berlin stark zerstört. Das Contessa-Nettel-Werk in Stuttgart blieb völlig unzerstört. Die Dresdner Werke Ernemann und Ica hatten nur geringfügige Bombenschäden. Nach Kriegsende erfolgte eine weitgehende Demontage aller Werke.
Zwangsarbeiterinnen und Außenlager des KZ Flossenbürg bei Zeiss Ikon Im Dresdner Goehle-Werk auf der Riesaer Straße 32 und im Werk Reick der Zeiss Ikon AG wurden im Oktober 1944 Außenlager des KZ Flossenbürg eingerichtet.Zum Werk Reick siehe Pascal Cziborra: KZ Dresden Reick. Tödlicher Typhus. (Reihe: Die Außenlager des KZ Flossenbürg). Lorbeer Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-938969-30-4.
In Berlin betrieb das Unternehmen im Goerzwerk und Filmwerk 4 Zwangsarbeitslager für mindestens 600 Zwangsarbeiter, darunter italienische Militärinternierte und „Ostarbeiter“Lagerdatenbank Berlin
Goehle-Werk
Das Goehle-Werk (auch Goehlewerk), benannt nach dem Konteradmiral der deutschen Kriegsmarine Herbert Goehle (1878–1947), war 1940/41 als Munitionsherstellungsbetrieb erbaut worden. Es wurden Zeitzünder, Brandschrapnelle für Flakgeschosse und Bombenzünder hergestellt. Im Goehle-Werk arbeiteten neben den Häftlingen aus den KZs Flossenbürg und Ravensbrück hauptsächlich ungelernte Zwangsarbeiterinnen, die zu einem großen Teil aus Polen und der Sowjetunion stammten. U. a. wurde die Jüdin Henny Brenner gezwungen, dort zu arbeiten. Zeugen sagten aus, dass die Lebensumstände der Arbeiterinnen äußerst widrig waren: So sei deren Verpflegung völlig unzureichend und folglich deren Gesundheitszustand mangelhaft gewesen. Die Aufseherin de Hueber wurde als hart und grausam beschrieben. Zahlreiche Fluchtversuche sprechen vom großen Leidensdruck der Frauen. Während der Luftangriffe auf Dresden am 14. Februar wurden die Frauen im Goehle-Werk eingesperrt. Einige flüchteten erfolgreich in den nachfolgenden Wirren. Das Außenlager wurde Mitte April zu Fuß die Elbe entlang und per Bahn nach Leitmeritz (heute Litoměřice) „evakuiert“ und währenddessen befreit. Viele konnten schon vorher flüchten. Im „Goehlewerk-Prozess“ wurden 1949 zehn Personen angeklagt – u. a. der stellvertretende Betriebsleiter, mehrere Meister und SS-Aufseherinnen – und zu Strafen zwischen einem und acht Jahren Haft verurteilt. Häftlingstötungen konnten nicht nachgewiesen werden.Wolfgang Benz, Barbara Distel, Angelika Königseder (Hrsg.): Orte des Terrors: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 4: Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück. München 2006, C.H. Beck, S. 88 ff. (books.google.de)
Nach 1945 1948 wurde das Unternehmen enteignet und in einen Staatsbetrieb mit Sitz in Dresden umgewandelt. Durch einen Hauptversammlungsbeschluss vom 3. März 1948 wurde daraufhin der Sitz der Zeiss Ikon AG rechtsgültig von Dresden nach Stuttgart verlegt. Damit waren alle Rechte, vor allem die Namensrechte, in Westdeutschland.
VEB Pentacon (DDR) mini|hochkant|links|Messestand des VEB Zeiss Ikon Dresden (1952) mini|hochkant|VEB Zeiss Ikon Pentacon mit Tessar 1:2,8/50 mini|hochkant|Ikoflex 1B 856/16 (1956)