mini|Das erste Porträt einer Dogaressa wurde von Pietro da Fano geschaffen, wie erst 1883 erkannt wurde.Hubert Janitschek (Red.): Repertorium für Kunstwissenschaft, Bd. 10, Berlin/Stuttgart/Wien 1887, Nachdruck Walter de Gruyter, 1968, S. 331. Der Verfasser beruft sich auf Julius Friedländer: Ein Medaillon des Petrus de Domo Fani, in: Zeitschrift für Numismatik 10 (1883) 237–239 (Digitalisat). Die Medaille aus Bronze mit dem Porträt der über 60 Jahre alten Dogaressa Giovanna Dandolo († 1462) hat einen Durchmesser von 9,28 cm und ein Gewicht von 262,6 g. Die Medaille befindet sich in der Washingtoner National Gallery of Art. mini|Das um 1382 geschaffene Grabmal Michele Morosinis in der Kirche San Zanipolo (Detail), der Doge (links) und die Dogaressa Cristina Condulmer (rechts) kniend und in Gebetshaltung zu Füßen des gekreuzigten Jesus. Das Grabmal bietet eine der ältesten bildlichen Darstellungen einer Dogaressa, wenn es sich auch weniger um ein Porträt als um eine symbolische Darstellung handelt. mini|Die Ausfahrt der Dogaressa Morosina Morosini von San Marco, Andrea Vicentino (ca. 1542–1618)
Dogaressa war der Titel der Ehefrau des jeweils amtierenden venezianischen Dogen. Die erste bekannte Ehefrau eines Dogen war eine „Carola“, die fränkische Frau des Obelerio Antenoreo, im frühen 9. Jahrhundert. Sie kann jedoch kaum als Dogaressa bezeichnet werden, auch ist ihr Name nicht überliefert, er ist eine sehr viel spätere Erfindung. Im Frühmittelalter sollten weibliche Angehörige auswärtiger Mächte, die einen Dogen ehelichten, vorrangig dem Prestige des aufstrebenden Venedig dienen, aber auch Bündnisse festigen. Zugleich bewirkten diejenigen Dogaresse, die aus Byzanz stammten, erhebliche kulturelle Veränderungen, die die venezianische Geschichtsschreibung ignorierte oder als dekadent zu diffamieren suchte.
Die letzte amtierende Dogaressa war gegen Ende der Republik Elisabetta Grimani († 1792). Ähnlich wie der Doge wurde die Dogaressa gekrönt, hatte Anspruch auf einen feierlichen Einzug und einen kleinen Hofstaat. Ihr Symbol war ein goldener Schleier und eine Krone in ähnlicher Form wie die Mütze des Dogen. Für die dominierenden Adelsfamilien, die sich bei den Dogenwahlen nicht hatten durchsetzen können, war die Position einer Dogaressa eine Möglichkeit der informellen Einflussnahme. Diese Möglichkeiten wurden jedoch nach und nach ebenso eingedämmt, wie diejenigen des Dogen.
Titel und frühe Bezeichnungen Die früh- und hochmittelalterlichen Dogengattinnen wurden als coniunx, dann ducissa, dukissa oder duchessa bezeichnetGino Benzoni: I dogi, Electa, 1982, S. 163., später auch als PrincipessaSo etwa bei Francesco Sansovino: Delle cose notabili che sono in Venetia, Francesco Rampazetto, Venedig 1565, S. 9v. Dort erscheinen Doge und Principe, Dogaressa und Principessa.. Der Chronist Johannes Diaconus nannte Maria, die byzantinische Ehefrau des Dogen um 1000 nur ductrix,Holly S. Hurlburt: The Dogaressa of Venice, 1200-1500, Springer, 2006, S. 206, Anm. 13. da sie keine besondere verfassungsmäßige Rolle auszufüllen hatte.
Geschichte, Rechtsrahmen, gesellschaftliche Verankerung Ab dem Spätmittelalter regelten zunehmend Verbote und Beschränkungen ihren Aufgabenbereich, dann detailreiche Gesetze. Formal hatte die Dogaressa keine politischen Rechte, sondern sie sollte den Ruhm des Staates und seine Tugenden repräsentieren. Daher wurde im Falle der Verwitwung erwartet, dass sie ins Kloster ging. Ab dem 13. Jahrhundert durfte die Dogaressa keine ausländischen Würdenträger mehr empfangen, ähnlich wie der Doge, der diese nur in Gegenwart seiner Berater sprechen durfte. Ab 1342 durfte die Dogaressa keine wirtschaftlichen Geschäfte mehr führen.
Ihr politischer Einfluss und dessen Einhegung mini|In einem Gemälde von Jacopo Palma d. J. von 1585 nehmen im Jahr 1268 Doge und Dogaressa (Renier Zen und seine Frau Aluica) an einer Ratssitzung teil, in der das Procedere der Dogenwahl endgültig festgelegt wird; Oratorio dei Crociferi in Santa Maria Assunta. Die Kinder der Dogaresse stiegen oftmals in die höchsten Staatsämter auf, umgekehrt nutzten die Familien die Verehelichungen zur Einflussnahme auf die Politik. So waren zwei Frauen der Familie Dandolo mit Dogen verheiratet. Giovanna Dandolo, von der das einzige Porträt einer Dogaressa des Mittelalters und der Renaissance überliefert ist,Peter Humfrey: The Portrait in Fifteenth-Century Venice, in: Dale Tucker, Margret Aspinwall (Hrsg.): The Renaissance Portrait. From Donatello to Bellini, Metropolitan Museum of Art, New York 2011, S. 48–63, hier: S. 61 (Abbildung). und die als Ehefrau von Pasquale Malipiero Dogaressa von 1457 bis 1462 war, sowie Zilia Dandolo.
Ähnlich wie im Falle des Dogen, wo die Gegner einer Entwicklung zu königgleicher Stellung die Möglichkeit sahen, durch einen Amtseid (promissio) die Macht des Staatsoberhauptes zu kontrollieren, wurden die darin enthaltenen Beschränkungen auch für die Dogaressa festgesetzt. Die promissio des Dogen enthielt seit dem 12. Jahrhundert allerlei Verpflichtungen, aber auch Amtsbeschränkungen. Sie musste seit Enrico Dandolo in schriftlicher Form vorliegen und öffentlich beeidet werden. Offenbar wurde auch die ducissa, die in den Eiden immer mit dem lateinischen Titel angesprochen wird, niemals mit der Bezeichnung mulier oder uxor (Ehefrau), als einzubindender Teil des Machtapparates und als potentielle Gefahr für das fragile Machtgleichgewicht in der Stadt gesehen.
Dies galt vor allem für die Verwandten ausländischer Potentaten, die womöglich noch Inhaber von dortigen Lehen waren. Daher kamen Kandidaten für das Dogenamt ab 1275 nicht mehr in Frage, wenn ihre Frauen Ausländerinnen waren, oder wenn sie Lehen mit in die Ehe gebracht hatten.
Um die Fokussierung oder öffentliche Verherrlichung auf die Stadt umzulenken, kam es zu weiteren Regulierungen. Dabei kam der Dogaressa im zeremoniellen Rahmen der hochentwickelten Staatsinszenierung im öffentlichen Raum wachsende Bedeutung zu. Dort konnten die sozialen Gruppenzugehörigkeiten, die Hierarchien, aber auch die ästhetische Wirkung einer solchen Veranstaltung in Szene gesetzt werden. Andererseits hing ihre Rolle ausschließlich von der Autorität ihres Ehemannes ab, der sie formal zum Eid veranlasste. Die erste Nennung einer Dogaressa in einem solchen Amtseid erfolgte im Eid Jacopo Tiepolos von 1229, und zwar im Zusammenhang mit Geschenken. Die erste breite Schilderung eines Einzugs in den Dogenpalast erfolgte anlässlich der Zeremonien von 1268, als Marchesina Ghisi ihren feierlichen Einzug hielt.
Zu dieser Zeit durfte sowohl der Doge als auch seine Frau Venedig noch verlassen, ohne vorher um Genehmigung zu fragen. Während jedoch der Doge ab 1289 noch nicht einmal ohne Erlaubnis nach Torcello fahren durfte, geschweige denn das venezianische Herrschaftsgebiet verlassen, durfte die Dogaressa Venedigs Herrschaftsgebiet durchaus verlassen – vielleicht eine Reminiszenz an frühere Dogaresse, die ja vielfach aus dem Ausland stammten und von ihrem Stand her Anspruch auf Geschenke hatten.Holly S. Hurlburt: The Dogaressa of Venice, 1200–1500. Wife and Icon, Palgrave MacMillan, 2006, S. 21.
Geschenke So hatten seit Doge Renier Zen zwei Paduaner Orte, nämlich Piove di Sacco und Corte, die Pflicht, der Dogaresse Leinen im Wert von 100 Libra zu „schenken“. Spätestens ab 1312 musste die dortige Zunft alljährlich zu Ostern der Dogaressa ‚ein schönes Stück Tuch‘ zukommen lassen. Ab dem 14. Jahrhundert kamen gegerbte Kuh- oder Schafhäute hinzu. Ab 1462 mussten die Stoffhändler der Dogaressa eine in Gold gewirkte Tasche im Wert von vier Dukaten zukommen lassen, in der sich acht Soldi novi zu finden hatten. Die Dogaressa ihrerseits verteilte derartige Taschen an die Ratgeber ihres Mannes und den Großkanzler. Diese vier Geschenke wurden als regalie bezeichnet. Dies spiegelte und förderte zugleich eine enge Beziehung der Dogaressa zu den Zünften und Gilden, insbesondere zu den zahlreichen Zünften der Tuchverarbeitung und des Handels, sowie einigen Orten des Herrschaftsgebietes.
Ähnliches galt innerhalb Venedigs. Das Kloster San Zaccaria, dessen Nonnen immerhin die Dogenmütze herstellten, und das der Doge jedes Jahr zu Ostern besuchte – zumal sein Herrschaftssitz, der Dogenpalast, auf dem Gelände des Klosters stand –, erhielt vergängliche Geschenke, wie man sie vorzog, um keine symbolischen Dauerhaftigkeiten zu schaffen. Zum Fest des hl. Clemens erhielt die Dogaressa von den Nonnen zwei Schalen mit Mandelkuchen. Sie schenkte im Gegenzug Fisch und drei Amphoren Wein. Ab 1275 durfte die Dogaressa, ähnlich wie ihr Gatte, Geschenke nur noch zu Weihnachten und an bestimmte Kreise vergeben.Holly S. Hurlburt: The Dogaressa of Venice, 1200–1500. Wife and Icon. Palgrave MacMillan, 2006, S. 24 f.
Schutzherrin, Förderin Auf dem Feld der staatlichen Legitimation und der Herleitung der Rechte Venedigs von einem christlichen Urgrund spielte die Ehefrau des Dogen schon sehr früh eine zentrale Rolle. So war Felicitas, die Frau des Dogen Giustiniano Particiaco, nicht nur Nachlassverwalterin und Erbin ihres 829 verstorbenen Mannes, sondern vor allem verantwortlich für die Reliquien des Evangelisten Marcus, des Schutzheiligen Venedigs, die in die Markuskirche gelangt waren.
Im Spätmittelalter war die Dogaressa Schutzherrin verschiedener Scuole, also der geistlichen und karitativen Korporationen, Handwerker- und Händlergilden der Republik Venedig. Für Zilia Dandolo (1556–1559, † 1566), die 1526 Lorenzo Priuli geehelicht hatte, errichtete die ungemein vermögende Arte dei Beccai, die Metzgerzunft, 1557 für ihren Einzug einen Triumphbogen auf der Piazzetta beim Markusdom,Evelyn Korsch: Bilder der Macht. Venezianische Repräsentationsstrategien beim Staatsbesuch Heinrichs III. (1574), Walter de Gruyter, 2013, S. 51. wohl der erste jemals in Venedig errichtete Triumphbogen.Mary E. Frank: A Face in the Crowd: Identifying the Dogaressa at the Ospedale dei Crociferi, in: Katherine A. McIver (Hrsg.): Wives, Widows, Mistresses, and Nuns in Early Modern Italy, Routledge, London 2012, S. 99–118, hier: S. 111; Maximilian L. S. Tondro: The first triumphal arch in Venice, in: James Ronald Mulryne, Elizabeth Goldring (Hrsg.): Court Festivals of the European Renaissance. Art, Politics and Performance, Aldershot/Burlington 2002, S. 335–362.
Giovanna Dandolo, Dogaressa von 1457 bis 1462, förderte in besonderem Maße die Nadelspitzenindustrie und das Klöppelhandwerk auf der Insel Burano, die dort, ebenso wie auf Pellestrina, noch immer bestehen. Zudem förderte sie den frühen Buchdruck in Venedig, der zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt aufstieg.
Die letzten Dogaresse, Zeremonien mini|Morosina Morosini, Dogaressa von 1595 bis 1606, porträtiert von Jacopo Tintoretto: la Dogaressa mini|Niccolò Cassana (1659–1714): Elisabetta Querini, Dogaressa von 1694 bis 1700, 1694, Pinacoteca Querini Stampalia