Die Bestattung von Bad Dürrenberg ist eine mesolithische Doppelbestattung einer 25 bis 35 Jahre alten Frau und eines etwa 6 bis 8 MonateDie Schamanin von Bad Dürrenberg: Das rätselhafte Kind | Archäologie exklusiv. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. In: YouTube. Minute 3:15. 2. Februar 2023, abgerufen am 2. Februar 2023. alten Kindes im heutigen Bad Dürrenberg im Saalekreis (Sachsen-Anhalt). Sie ist vor allem durch ihre ungewöhnlichen Grabbeigaben und medizinischen Anomalien bekannt geworden, aufgrund deren die Frau der Öffentlichkeit als „Schamanin von Bad Dürrenberg“ präsentiert wird.So vom Landesmuseum für Vorgeschichte selbst: https://www.landesmuseum-vorgeschichte.de/dauerausstellung/menschenwechsel/die-schamanin-von-bad-duerrenberg.html (Abgerufen am 16. August 2023) Sie war archäogenetisch eine Vertreterin der Westeuropäischen Jäger und Sammler. Das Grab wurde 1934 bei Kanalarbeiten im Kurpark von Bad Dürrenberg gefunden.J. M. Grünberg: Mesolithische Bestattungen in Mitteldeutschland. 2004, S. 275–287. Zwischen 1989 und 2014 wurden mittels Radiokarbonmethode insgesamt vier Altersbestimmungen am Skelettmaterial vorgenommen, die es auf ein Alter zwischen 9000 und 8600 Jahren vergleiche Epipaläolithikum bzw. Mesolithikum datieren.Judith M. Grünberg: The Mesolithic burials of the Middle Elbe-Saale region. 2016, S. 263–267. Es handelt sich damit um die zweitälteste bekannte Bestattung in Sachsen-Anhalt. Heute ist der Fund im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt.
Archäologische Befunde Die initiale Ausgrabung 1934 erfolgte lediglich durch einen schmalen Graben, so dass Anteile der mit Rötel bedeckten Grabgrube unangetastet blieben. Im Dezember 2019 wurden im Kurpark von Bad Dürrenberg weitere Ausgrabungen im Bereich der vermuteten Fundstelle des Grabes durchgeführt. Die Grabungen waren erfolgreich und förderten die ursprüngliche Fundstelle zu Tage.
In der Nachgrabung konnten weitere Funde geborgen werden. Unmittelbar vor der eigentlichen Grabgrube wurde eine weitere, kleinere Grube entdeckt, die wohl etwa 600 Jahre nach der ursprünglichen Bestattung angelegt worden war. Sie wurde en bloc geborgen und im Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle (Saale) unter kontrollierten Bedingungen, mittels technisch-instrumenteller Verfahren untersucht. Unter anderem wurden zwei Masken aus Hirschgeweih gefunden, die dort etwa 600 Jahre nach dem Tod der Bestatteten niedergelegt worden waren.
Die Frau war in aufrecht gehockter Haltung (Sitzbestattung) beigesetzt worden. Diese Bestattungsposition war für die Jäger und Sammler der Epoche nicht untypisch. Zwischen den Oberschenkeln hielt die Frau einen Säugling. Sitzbestattungen sind ein Phänomen, das regional vom Paläolithikum bis in die Eisenzeit und darüber hinaus zu finden ist.
Der archäologische Befund stellt sich wie folgt dar: Die Skelettreste und die Beigaben waren in der Grabgrube eingebettet. Nur die obere Hälfte des Schädels der Frau ragte heraus. Das pulverisierte Mineral ist in kultischem Kontext vielfach nachweisbar. In der Grube fand sich ein 30 g schweres Rötelstück mit einer angeriebenen Fläche. Ein plattiges, dreieckiges Stück aus amphibolitischem Schiefer und ein oval-rundliches Schiefergeröll hatten zum Zerreiben der Farbe gedient. Zwei zusammenpassende Schädelfragmente mit dem Geweih von Rehen und Bruchstücke von drei Unterkieferhälften könnten auf dem Kopf getragen oder an der Kleidung befestigt gewesen sein.
Außer den Skeletten der Frau und des 6 bis 8 Monate alten Säuglings wurden im Grab noch zwei isolierte Wirbelbögen von zwei 2- bis 6-jährigen Kleinkindern gefunden.Jörg Orschiedt, Wolfgang Haak: Die Schamanin und die Kinder: Osteologie, Verwandtschaft und Genetik westlicher Jäger und Sammler. In: Harald Meller, Michaela Schefzig, Anja Stadelbacher (Hrsg.): Die Schamanin. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale). Hirmer, Halle 2026, ISBN 978-3-911693-07-3, S. 55–59
Dazu wurden mehr als 100 Skelettreste von einer Vielzahl von Tieren gefunden. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Schädelfragmente von Rehen und Zähne von Rothirschen, Wildschweinen und Ur oder Wisenten.Franziska Knoll, Jörg Orschiedt, Andreas Siegl, Harald Meller: Ein ganzer Kosmos im Grab: Die Bestattung der Schamanin von Bad Dürrenberg. In: Harald Meller, Michaela Schefzig, Anja Stadelbacher (Hrsg.): Die Schamanin. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale). Hirmer, Halle 2026, ISBN 978-3-911693-07-3, S. 39–53 Über 20 Schneidezähnen von Wildschwein und Ur oder Wisent waren durchlocht und wurden wahrscheinlich als Halskette oder Schmuckanhänger an der Kleidung getragen. Ebenso zwei Schmuckplatten aus Wildschweinhauern. Etwa 40 Zähne vom Rothirsch und Reh, Ur oder Wisent sowie vier Eberhauer bzw. deren Fragmente weisen keine Durchlochung auf. Von einigen Tieren war nur ein einziger Knochen vorhanden, so das Schulterblatt eines Igels, das Sprungbein eines Bibers und der Oberarmknochen eines Kranichs. Außerdem wurden die Panzerbruchstücke von mindestens sechs Sumpfschildkröten geborgen. Auf deren Innenseite wurden die Reste von zu Pulver geriebenem Hämatit nachgewiesen, das als rotes Farbpigment Verwendung fand.
Etwa 120 Schalenfragmente von Fluss-, Maler- und Flussperlenmuscheln stammen vermutlich von Nahrungsbeigaben. Dem Säugling war eine Kette aus 14 durchbohrten Gyraulus-Schnecken mit ins Grab gegeben worden. Diese fossilen Schnecken stammen wahrscheinlich aus dem 320 km entferntem Steinheimer Becken. In Bodenproben, die in der Nähe des Kopfes der Frau genommen wurden, konnten Fragmente von Federn, Haaren und Bastfasern nachgewiesen werden. Eines der Federfragmente wurde aufgrund seiner morphologischen Details den Gänsevögeln (Anserinae) zugeordnet. Die stark abgenutzten Grannenhaare wurden vorläufig als Haare von Auerochse oder Wisent identifiziert.Tuija Kirkinen: Federn und Fell im Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg. In: Harald Meller, Michaela Schefzig, Anja Stadelbacher (Hrsg.): Die Schamanin. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale). Hirmer, Halle 2026, ISBN 978-3-911693-07-3, S. 60–61 Außerdem wurden Pollen einer Vielzahl von Heil- und Blütenpflanzen in den Bodenproben nachgewiesen.
In einem Behälter aus dem Langknochen eines Kranichs lagen 29 für die Mittelsteinzeit typische kleine, bearbeitete Feuersteinstücke, so genannte Mikrolithen. Es handelt sich dabei um Einsätze in Werkzeuge aus Holz, Knochen oder Geweih, so genannte Kompositgeräte. Neben weiteren Feuersteinen und Abschlägen zählen ein als Schlagstein benutztes Quarzitgeröll, eine geschliffene Flachhacke (oder ein Beil) aus schwarzem Hornblendeschiefer, eine Gerätfassung mit Schaftloch aus einem Hirschgeweihstück, vier Knochenpfrieme und eine 22,1 cm lange Knochenspitze zu den Gerätebeigaben.
Rekonstruktion nach Ausgrabung der Grabkammer Die fast rechteckige Grabgrube von etwa 90 cm und 55 cm Tiefe war etwa 30 cm hoch mit Rötel gefüllt.Zeichnerische Darstellung der Grabkammer durch Karol Schauer, auf static.nationalgeographic.de Nach Angaben des Grabungstechnikers Andreas Siegl ließe sich die Grabgrube wie folgt rekonstruieren: Bei dem Grab handelte es sich um ein rechteckiges, wahrscheinlich aus Weidenruten geflochtenes, korbartiges Behältnis. Die Grabkammer mit dem korbartigen Flechtwerk war sorgsam in den eigentlichen, achteckigen Bodenaushub eingelassen. Der Zwischenraum zwischen der Grubenwand und dem Flechtwerk wurde mit weißem Lehm verfüllt, die Innenseite zu den Leichnamen hin mit rotem Mineral verputzt. Es wird vermutet, dass die entstandene Grabkammer mit Hölzern nach oben hin abgedeckt wurde. Nachdem beide Leichname in der geflochtenen Grabkammer platziert worden waren, wurden sie mit einer ca. 30 cm dicken Schicht aus Rötel bestreut. Zusammen mit der Frau wurde ein maximal zwölf Monate altes männliches Kind bestattet.Harald Meller, Kai Michel: Das Rätsel der Schamanin. Eine Reise zu unseren archäologischen Anfängen. Rowohlt, Hamburg 2022, ISBN 978-3-498-00301-2, S. 209–213 Zu den Beigaben der Leichname im Grab gehörten diverse Feuersteinklingen, zwei Knochennadeln, eine Geweihhacke, ein geschliffenes Steinbeil und mehrere Schmuckplatten aus Hauern eines Wildschweins. Daneben fanden sich zwei Knochen eines Kranichs, ein Knochen eines Bibers und eines Rothirschs, Schneidezähne von Rothirschen, zwei zusammenpassende Schädelfragmente mit Geweih von einem Reh, Bruchstücke der Panzer von mindestens drei Sumpfschildkröten und Fragmente von Flussmuscheln etc. In einer Hülse aus Kranichknochen fanden sich 31 kleine Feuersteinklingen.
Anthropologische Befunde Das Geschlecht des erwachsenen Individuums wurde zunächst als männlich bestimmt. Erste Nachuntersuchungen führten jedoch zu dem Ergebnis, dass es sich um ein weibliches Skelett handelte.V. Geupel: Das Rötelgrab von Bad Dürrenberg, Kr. Merseburg. 1977, S. 102. Die Frau war zum Zeitpunkt ihres Todes vermutlich zwischen 25 und 35 Jahren alt.J. Orschiedt: Manipulation an Menschlichen Skelettresten. Taphonomische Prozesse, Sekundärbestattung oder Kannibalismus? 1999, S. 128. Die Rekonstruktion ihres Genoms (mit Hilfe von Knochenmaterial aus der Region des Felsenbeins) ergab, dass die Frau helle Augen und eher dunkle Haut hatte.Das Grab der Schamanin - ein Geheimnis aus der Steinzeit. Terra X, abgerufen am 17. Februar 2025
Das Skelett des Babys war nach der Bergung sehr unvollständig. Das Kind war zum Zeitpunkt seines Todes ca. 12 Monate alt.J.M.Grünberg: Die mesolithische Bestattungen in Mitteldeutschland. 2004, S. 275. Wie Harald Meller und Kai Michel in ihrem 2022 erschienenen Buch Das Rätsel der Schamanin zeigen, handelt es sich bei dem Kind um einen nicht ersten Grades, möglicherweise aber dritten oder vierten Grades mit der Frau verwandten Jungen.Roberto Risch, Wolfgang Haak, Johannes Krause, Harald Meller: Kinship, Sex, and Biological Relatedness – The contribution of archaeogenetics to the understanding of social relations. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, BAND 28 (2023), HTTPS://WWW.DOI.ORG/10.11588/PROPYLAEUM.1280.C18044, auf researchgate.net S. 20 Bei der Nachgrabung (2019) war das Felsenbein des Jungen sichergestellt worden, so dass der Verwandtschaftsgrad mittels Genanalyse ermittelt werden konnte.
Am Skelett der Frau gibt es einige pathologische Veränderungen (Paläopathologie), die für das Mesolithikum typisch sind. Hierbei handelt es sich um Abnutzungserscheinungen. Auffällig ist der gute Zustand der Zähne, wobei jedoch die Schneidezähne deutliche Abrasionen aufweisen, die durch gezielte Außeneinwirkung herbeigeführt sein müssen. Diese Abrasion ist so stark, dass die Nerven der Schneidezähne abstarben und der Kiefer der Frau sich entzündete. Diese Entzündungen waren jedoch lokal begrenzt und teilweise verheilt, so dass sie nicht als Todesursache in Betracht kommen.M. Porr, K. W. Alt: The Burial of Bad Dürrenberg, Central Germany: Osteopathologyand Osteoarchaeology of a Late Mesolithic Shaman’s Grave. In: Int. J. Osteoarchaeol. 16: S. 395–406 (2006), DOI:10.1002/oa.839
Eine weitere Besonderheit ist eine Anomalie am Atlaswirbel, die anfänglich fälschlicherweise für die Spur einer Enthauptung gehalten wurde. Diese Anomalie führte dazu, dass bei einer bestimmten Kopfbewegung eine Arterie eingeklemmt wurde, was die Blutzufuhr zum Gehirn kurz unterbrach. Da die Frau aber 25 bis 35 Jahre alt wurde, gingen einige Experten davon aus, dass diese Anomalie nicht tödlich gewesen sei.Jörg Orschiedt: Manipulation an Menschlichen Skelettresten. Taphonomische Prozesse, Sekundärbestattung oder Kannibalismus? 1999, S. 128–129 Andere Forschende vermuteten, dass die Frau Kontrolle über diese Körperfunktion hatte und sich selbst in Trance versetzen konnte. Eine Abnutzung könnte jedoch zu einem Riss in der Gefäßwand geführt haben, was als Todesursache möglich wäre.
Archäogenetische Analysen