mini|Karl Ernst von Baer, 1840 mini|Das Familienwappen derer von Baer, Edle von Huthorn, eines aus Westfalen ins Baltikum eingewanderten Geschlechts mini|Karl Ernst von Baer, um 1864, zur Zeit der Abfassung seiner Selbstbiographie

Karl Ernst Ritter von Baer Edler von Huthorn (* Datum nach seiner Selbstbiografie Nachrichten über Leben und Schriften des Herrn Geheimraths Dr. Karl Ernst von Baer, Sankt Petersburg 1865. auf Gut Piep (estnisch: Piibe), heute Gemeinde Rakke, in Gouvernement Estland, Russisches Kaiserreich; †  in Dorpat, Gouvernement Estland) war ein deutsch-baltischer Mediziner und Naturforscher, insbesondere Anatom, Zoologe, Embryologe, Anthropologe, Geograph und Forschungsreisender. Er wirkte als Hochschullehrer vor allem in Königsberg (Preußen) und St. Petersburg.

Von Baer entdeckte die menschliche Eizelle und formulierte die Baer-Regel der Embryonenähnlichkeit. Die unterschiedliche Erosion der Ufer an Flussbiegungen erklärte er durch die Corioliskraft, was aber in neueren Forschungen nicht bestätigt werden konnte. Er gilt als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts und wird wegen seiner wissenschaftlichen Leistungen auf zahlreichen Gebieten manchmal auch als der „Alexander von Humboldt des Nordens“ bezeichnet.

Sein botanisch-mykologisches Autorenkürzel lautet „“.

Leben und Wirken Ausbildung Karl Ernst von Baer, der Sohn des estländischen Rittergutsbesitzers und Landrats Johann Magnus von Baer (1765–1825) und von Julie Marie von Baer (1764–1820),Genealogisches Handbuch der baltischen Ritterschaften, C. A. Starke, Görlitz 1930, Seiten 12, 13 einschließlich FN 6, 14. Tochter eines russischen Offiziers, besuchte von 1808 bis 1810 die deutschsprachige Domschule in Reval, dem heutigen Tallinn. Anschließend studierte er bis 1814 Medizin an der damals ebenfalls deutschsprachigen Kaiserlichen Universität Dorpat. Sein wichtigster Lehrer war hier der aus Leipzig stammende Anatom und Physiologe Friedrich Burdach, der ihn später als Mitarbeiter nach Königsberg holte. Seine Medizinstudien setzte Baer nach dem Doktorat (über endemische Krankheiten der Esten: De morbis inter esthonos endemicis, 1814) in Wien und später (1815/1816) in Würzburg fort, wo der Anatom Ignaz Döllinger ein wichtiger Anreger für ihn wurde. In Wien wurde Baer klar, dass er nicht als Arzt, sondern als Naturwissenschaftler arbeiten wollte, in Berlin vervollständigte er 1816/17 seine naturwissenschaftliche Ausbildung. 1816 nahm er eine Stelle als Prosektor bei Burdach an der Universität Königsberg an und wurde dort auch habilitiert. Von 1817 bis 1834 lebte Baer in Königsberg; es war seine wissenschaftlich produktivste Zeit. Er war u. a. mit dem Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel befreundet und stand mit bedeutenden Wissenschaftlern in Briefwechsel, z. B. mit dem Entdecker der „Kiemenanlagen“ beim Menschen, Martin Heinrich Rathke oder mit Alexander von Humboldt, dem er später einen würdigenden Nachruf widmete.

Familie 1819 heiratete Baer in Königsberg Auguste von Medem (1791–1864) aus Rastenburg, Tochter der Juliane Walter und des Majors und Kreissteuereinnehmers Hans von Medem. Aus dieser Ehe gingen sechs Kinder hervor. Seine heutigen Nachfahren sind die Kinder und Enkelkinder der beiden Söhne Alexander (1826–1914) und Hermann (1829–1886) Im Hochzeitsjahr wurde Baer zum außerordentlichen Professor ernannt, zwei Jahre später übernahm er vom Königsberger Universalgelehrten Karl Gottfried Hagen das Ordinariat für Zoologie, 1826 auch das für Anatomie.

Embryologische Forschungen mini|Karl Ernst von Baer, 1865 Zu den Leistungen von Baers, der sich in den ersten Jahren seiner Laufbahn überwiegend der Embryologie widmete, gehören die Entdeckung der menschlichen Eizelle im Jahre 1827, die Begründung der vergleichenden und menschlichen Embryologie auf Grundlage des Keimblattkonzeptes, die Erstbenennung der Spermatozoen, die Erkenntnis der Chorda dorsalis als eines grundlegenden, homologisierbaren Merkmals aller Wirbeltiere und eine systematische Kritik an der Rekapitulationsthese.

In Königsberg begann Baer seine Forschungen zur Embryologie, die ihn 1827 zur Entdeckung der Eizelle, eigentlich des Eies, von Säugetieren,Roswitha Lienert: Karl Ernst von Baer und die Entdeckung des Säugetiereies. Medizinische Dissertation Würzburg 1977. insbesondere auch des Menschen, führten. (Von einer Eizelle kann erst nach der Formulierung der Zelltheorie durch Schleiden und Schwann 1838/39 die Rede sein.) Damit konnte Baer eine jahrhundertelang währende Suche nach dem „menschlichen Ei“ erfolgreich abschließen. Diese seine bedeutendste Entdeckung gab er noch im selben Jahr in einem lateinisch geschriebenen Brief an die St. Petersburger Akademie der Wissenschaften bekannt (De ovi mammalium et hominis genesi, Leipzig 1827) und 1828 in einem deutschen Aufsatz (Commentar, in Heusingers Zeitschrift für organische Physik) bekannt. Am 23. September 1828 demonstrierte Baer das Säugerei dem wissenschaftlichen Publikum bei der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Berlin.Alexander von Humboldt, Martin Hinrich Lichtenstein: Amtlicher Bericht über die Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Berlin im September 1828. Berlin 1829, S. 26. In seiner viel später geschriebenen Autobiographie beklagte sich Baer über den vergleichsweise geringen Widerhall seiner bedeutenden Entdeckung. Den Ausdruck „Spermatozoon“ (griechisch für Samentier, Samenlebewesen) verwendete Baer erstmals 1826. Die fertile Funktion dieser „Lebewesen im Sperma“ hielt er damals für (noch) unbewiesen.zitiert in Karl Friedrich Burdach: Die Physiologie als Erfahrungswissenschaft. Bd. 1, Leipzig 1826, S. 90, (vgl. Th. Schmuck: Baltische Genesis. Die Grundlegung der modernen Embryologie. Aachen 2009, S. 182).

Baer beschrieb 1828 als erster die Chorda dorsalis, von ihm Rückensaite (später Wirbel- oder Spinalsaite) genannt, als gemeinsames Merkmal der Wirbeltiere (bzw. der später so genannten Chordatiere): (so Baer 1828). Diese Begriffsbildung bedeutete auch die Ausdehnung des Verwandtschaftsverhältnisses des Menschen bis hin zu den Neunaugen, ein genialer und darum so fruchtbarer Gedanke.Arzt: Die Erforschungsgeschichte der Chorda dorsalis... S. 367

Baers embryologische Forschungen sind in seiner zweibändigen Monographie Über Entwickelungsgeschichte der Thiere (1828/1837) niedergelegt, einem Buch, dem noch der englische Nachruf von 1876 zugestand, es sei das wichtigste biologische Buch des 19. Jahrhunderts.„the most important biological work of the century“ (Anonymer Nachruf in den Proceedings of the American Academy of Arts and Sciences 1876/1877, S. 335). Baer zeigte in diesem Werk, das neben Säugetieren und Vögeln auch Reptilien, Amphibien, Fische und Wirbellose einbezieht, dass die Embryonalentwicklung bei Tier und Mensch von allgemeineren zu immer spezifischeren Merkmalsausprägungen fortschreitet (Baersche Regel). Hatte Christian Heinrich Pander die Keimblätter und ihre Entwicklung ab 1817 nur am Huhn demonstriert, dehnte Baer damit das Modell auf das Tierreich aus. Dabei erscheinen in der Embryonalentwicklung zuerst die Wirbeltiermerkmale (etwa die Chorda dorsalis), dann die eines Vogels, danach die eines Hühnervogels, zuletzt die eines Haushuhns. Dieses Gesetz einer zunehmenden Differenzierung steht in striktem Gegensatz zur Idee einer Rekapitulation, wie sie von Lorenz Oken, Friedrich Meckel d. J. und vielen anderen vertreten wurde. Korrespondierende Entwicklungsstadien zwischen verschiedenen Tiergruppen gibt es dabei nicht, ein Wirbeltier z. B. erscheint bereits von Anfang an (nämlich mit dem Auftreten der Chorda) als Wirbeltier, niemals aber als „Wurm“, Mollusk oder ähnliches. Baer übte also (vor allem im 5. Scholion der Entwicklungsgeschichte, 1. Bd.) vehemente Kritik an dieser Rekapitulationshypothese, die später von Ernst Haeckel zur biogenetischen Grundregel weiter entwickelt wurde. Baer gab in seiner Entwickelungsgeschichte der Thiere außerdem die erste Beschreibung der Entwicklung des Amnion, eine Darstellung der Entwicklung der Gehirnbläschen und der primären Augenbläschen aus dem Gehirn. Mit diesem Werk hatte Baer, so der Biologie-Historiker Adolf Erik Nordenskiöld, „die moderne Embryologie geschaffen“.Nordenskiöld, Die Geschichte der Biologie, Jena 1925, S. 369 Für den Anatomen Albert Kölliker war das Werk das Beste, „was die biologische Literatur nicht nur aller Zeiten, sondern auch aller Völker hervorgebracht“ habe.Kölliker zitiert nach dem Vorwort Benno Ottows zu Baers Über die Bildung des Eies der Säugetiere und des Menschen (Neuausgabe), Leipzig 1927, S. X

Akademische Karriere und Ehrungen mini|Der ehemalige Hauptsitz der Akademie an der Newa in Sankt Petersburg

Baer ging 1834 als Nachfolger seines Studienfreundes, des Embryologen Christian Heinrich Pander, an die St. Petersburger Akademie der Wissenschaften, wo er von 1834 bis 1846 als Zoologe und von 1846 bis 1862 als Anatom und Physiologe arbeitete. Hier galt er lange Zeit als „Seele der Akademie“.Schrenck, Nachruf auf Baer... 1876, S. 27–28. 1862 wurde er Berater des Ministeriums für Erziehung.

Er wurde am 1. Januar 1820 mit dem Beinamen „Veslingius“ in die Leopoldina aufgenommen.Geschichte der Kaiserlichen Leopoldino-Carolinischen deutschen Akademie der Naturforscher während des zweiten Jahrhunderts ihres Bestehens. Jena 1860, S. 250, Nr. 1150. 1832 wurde er zum korrespondierenden und 1849 zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. 1845 war Baer ein Gründungsmitglied der Russischen Geographischen Gesellschaft, er wurde 1849 in die American Academy of Arts and Sciences und 1851 in die Göttinger Akademie der WissenschaftenHolger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 30. gewählt, 1859 war er Gründungspräsident der Russischen Entomologischen Gesellschaft. Der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften gehörte er seit 1826 an. Später wurde er Ehrenmitglied dieser Akademie. Seit 1834 war er korrespondierendes und seit 1861 auswärtiges Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, seit 1858 Mitglied der Académie des sciences und seit 1864 der National Academy of Sciences.

Nach ihm wurde die Baermoorente (Aythya baeri) benannt.

Baers Forschungsreisen mini|Permafrostverbreitungsgebiete in Eurasien, Karl Ernst von Baer, Faksimile von 1843. Durch Baers Forschungsreisen hat in Russland auch die wissenschaftliche Untersuchung des Dauerfrostbodens ihren Anfang genommen. Baer erfasste schon vor 1837 aufgrund von geothermischen Beobachtungen aus einem 116,7 m tiefen Schacht in Jakutsk die Bedeutung der Permafrostforschung. Ende der 1830er Jahre empfahl er daher die Entsendung einer Expedition zur Erforschung des Dauerfrostbodens in Sibirien und schlug Alexander Theodor von Middendorff als Leiter vor. Die dabei für ihn geschriebene Expeditionsanleitung umfasste über 200 Seiten.