Die italienische Parteienlandschaft war traditionell stark zersplittert, auch viele kleine Parteien konnten sich immer wieder auf nationaler Ebene ihren Einfluss sichern. Den kleineren Parteien kam zudem durch die häufigen Regierungskrisen und wechselnde Mehrheiten im Parlament ein nicht unerheblicher Einfluss bei der parlamentarischen Willensbildung zu.

Parteienlandschaft von 1945 bis 1994 Geschichtliche Hintergründe Von 1922 bis 1943 herrschte in Italien Benito Mussolini als faschistischer Diktator. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dominierten zwei Gruppierungen, die zwar beide die Diktatur bekämpft hatten und nun bestrebt waren, ein Wiedererstarken des Faschismus zu verhindern, sich aber in ihren Ansichten deutlich unterschieden: die westlich orientierten Christdemokraten und die anfangs sowjettreuen Kommunisten, die sich nach und nach von Moskau distanzierten und als Vertreter des Eurokommunismus auftraten. Dieser Gegensatz prägte das öffentliche Leben der Italiener während der sogenannten Ersten Republik (bis 1994). Das politische System Italiens reflektiert dies.

Auch in vielen italienischen Filmen zeigt sich dieser Gegensatz (z. B. Don Camillo und Peppone). Der Gegensatz spiegelte sich auch in der Gewerkschaftsbewegung, die Gewerkschaften waren in ein kommunistisches (CGIL), ein christliches (CISL), ein sozialdemokratisch-laizistisches (UIL) und ein neofaschistisches Lager (CISNAL) gespalten.

Die 1970er Jahre – die berüchtigten anni di piombo (bleiernen Jahre) – wurden vom politischen Extremismus bestimmt. Der Terrorismus der linksextremen Roten Brigaden und die blutigen Attentate neofaschistischer Extremisten, an denen auch die Geheimdienste beteiligt waren, führten zu einer bedrohlichen Destabilisierung der politischen Situation.

Die schwierigen Umstände führten zu einer Annäherungen von Christdemokraten und Kommunisten (compromesso storico). Die Kommunisten erklärten sich bereit, eine christdemokratische Minderheitsregierung zu tolerieren. Umgekehrt ließen die Christdemokraten zu, dass die Kommunisten ihre Forderung nach einer Koppelung der Löhne an die Inflation durchsetzten (Diese Regelung wurde dann wegen einer einsetzenden Lohn-Inflationsspirale in den 80er Jahren wieder abgeschafft).

Übersicht: wichtige Parteien bis 1994

Democrazia Cristiana (DC) – katholische Volkspartei der Mitte, beinhaltete christlich-soziale, liberale und konservative Strömungen; regierte ununterbrochen von 1945 bis 1994 und stellte meist den Ministerpräsidenten. Wichtige Vertreter: Alcide De Gasperi, Aldo Moro, Giulio Andreotti, Francesco Cossiga. Movimento Sociale Italiano (MSI) – neofaschistische Partei, fusionierte mit den Monarchisten; im Norden eher nationalrevolutionär, im Süden eher rechtskonservativ; stand außerhalb des „Verfassungsbogens“, tolerierte aber zeitweise Regierungen der DC. Wichtige Vertreter: Giorgio Almirante, Gianfranco Fini. Partito Comunista Italiano (PCI) – mitgliederstärkste und bei Wahlen meist zweitstärkste Partei; war nie an der nationalen Regierung beteiligt, stellte aber viele Bürgermeister; wandte sich nach 1968 von der Führungsrolle der Sowjetunion ab und vertrat einen „Eurokommunismus“; 1989 gab sie das Ziel des Kommunismus ganz auf und benannte sich in Partito Democratico della Sinistra (PDS) um. Wichtige Vertreter: Palmiro Togliatti, Enrico Berlinguer. Partito Liberale Italiano (PLI) – rechtsliberale und liberal-konservative Kleinpartei, häufig Koalitionspartner der Christdemokraten. Wichtiger Vertreter: Luigi Einaudi. Partito Radicale (PR) – radikal-liberale Abspaltung der PLI mit dezidiert progressiver und antiklerikaler Haltung, Partner neuer sozialer Bewegungen und der europäischen Grünen. Wichtiger Vertreter: Marco Pannella. Partito Repubblicano Italiano (PRI) – linksliberale und laizistische Kleinpartei, häufig Koalitionspartner der Christdemokraten. Wichtige Vertreter: Carlo Sforza, Giovanni Spadolini. Partito Socialista Democratico Italiano (PSDI) – antikommunistische Abspaltung der PSI, sozialdemokratisch, häufig Koalitionspartner der Christdemokraten. Wichtiger Vertreter: Giuseppe Saragat. Partito Socialista Italiano (PSI) – drittstärkste Partei, mit demokratisch-sozialistischer Ausrichtung; zunächst Partner der Kommunisten, ab 1963 häufig Koalitionspartner der Christdemokraten. Wichtige Vertreter: Pietro Nenni, Sandro Pertini, Bettino Craxi.

Siehe auch: Pentapartito

Die wichtigsten Parteien im Einzelnen

Christdemokratische Partei

Vierzig Jahre lang war die Democrazia Cristiana (DC) an jeder Regierung beteiligt (bis 1994), sie war die dominante Partei und lag in den ersten Jahren immer im Bereich von 40 % der Wählerstimmen. Diese Dominanz nahm langsam ab, bis sie zum Schluss bei knapp unter 30 % lag. Unter Beibehaltung eines reinen Verhältniswahlrechts (ohne 4- oder 5-Prozent-Hürde) gelang es der Partei durch die Einbeziehung von i. d. R. vier oder fünf kleineren Parteien (sog. Pentapartito), die Kommunisten von einer Regierungsübernahme abzuhalten. Die weitaus meisten Ministerpräsidenten der sogenannten Ersten Republik (1946–1994) entstammten der Democrazia Cristiana. De Gasperi und Andreotti führten jeweils sieben, Fanfani sechs und Moro fünf Regierungen an. Nur vier Kabinette wurden von Mitgliedern anderer Parteien geführt: namentlich die Regierungen Spadolini (PRI, 1981–82), Craxi (PSI, 1983–87), Amato (PSI, 1992–93) und Ciampi (parteilos, 1993–1994).

Skandale um Korruption und weitere illegale Machenschaften bis hin ins Mafiöse erschütterten die Partei und lösten einen Zusammenbruch nach innen aus. Aus ihr gingen zahlreiche Kleinparteien hervor, zahlreiche Christdemokraten fanden sowohl im neuen Mitte-links- als auch Mitte-rechts-Lager ihre neue politische Heimat.

Kommunistische Partei

Die Kommunistische Partei Italiens mit ihrem langjährigen Vorsitzenden Enrico Berlinguer war zu Beginn der 1970er Jahre mit über zwei Millionen Mitgliedern und zirka 30 Prozent der Wählerstimmen die stärkste und politisch einflussreichste KP der kapitalistischen Industriestaaten. Im Parlament belegte sie den zweiten Platz. 1976 konnte die Partei ihr bestes Ergebnis bei den italienischen Parlamentswahlen verzeichnen, 34,4 %, blieb aber hinter den Christdemokraten stehen. 1984 gelang es der KPI zum ersten und einzigen Mal als stärkste Partei hervorzugehen: Sie erreichte bei der Europawahl 33,3 % der Stimmen und landete knapp vor den Christdemokraten mit 32,97 %.

Die KPI konnte sich nie direkt an der nationalen Regierung beteiligen. Ihre Tolerierung war aber maßgeblich für das Bestehen eines christdemokratischen Minderheitskabinetts von 1976 bis 1979.

Sozialistische Partei

Der 1892 gegründete Partito Socialista Italiano (PSI) repräsentierte die sozialistische Tradition Italiens. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete der PSI zusammen mit den Kommunisten die Volksfront gegen die „kapitalistische Restaurierung“. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre distanzierte sich die Partei nach und nach von der KPI. Dabei spielte die Niederschlagung der Aufstände in Ungarn und Polen im Jahr 1956 eine zentrale Rolle. Im Jahr 1963 begann dann eine vornehmlich von der DC und der PSI getragene Phase von Mitte-links-Koalitionen. 1979 wurde Sandro Pertini als erster Sozialist zum Präsidenten der italienischen Republik gewählt. 1983 kam es dann mit Bettino Craxi zur ersten Regierung unter sozialistischer Führung. Bei Wahlen konnte die Partei regelmäßig um die 10 % der Stimmen auf sich vereinigen, ihr bestes Ergebnis erlangte sie 1987 mit 14,2 %.

Sozialdemokratische Partei

Der Partito Socialista Democratico Italiano (PSDI) spaltete sich 1947 von den Sozialisten ab, aus Protest gegen den damals sowjetfreundlichen Kurs der Partei. Die Sozialdemokraten waren an zahlreichen Koalitionsregierungen unter Führung der DC beteiligt. 1969 wurde Giuseppe Saragat zum 5. Präsidenten der italienischen Republik gewählt. Der PSDI war eine kleine Partei: Das beste Ergebnis lag 1948 bei 7,21 %, danach stagnierte sie zwischen 2,5 % und 4 %.

Liberale Partei

Der Partito Liberale Italiano (PLI) wurde 1922 gegründet. Die Partei wurde unter der faschistischen Diktatur verboten und konstituierte sich 1944 neu. Zu den Mitbegründern gehören der Philosoph Benedetto Croce sowie die ersten zwei italienischen Staatspräsidenten, Enrico De Nicola und Luigi Einaudi.

Der PLI war an vielen Regierungen beteiligt, verlor mit dem Umbruch im italienischen Parteiensystem infolge weit verbreiteter Korruption 1992/1993 aber an Einfluss und löste sich schließlich am 6. Februar 1994 auf. Ihr bestes Wahlergebnis erreichte die Partei bei den Parlamentswahlen 1963, sie erreichte damals 7,0 % der Stimmen.

Republikanische Partei

Der Partito Repubblicano Italiano (PRI) entstand bereits 1895. Seine ideologischen Vorbilder waren Giuseppe Mazzini und Carlo Cattaneo (ein italienischer Föderalist aus dem 19. Jahrhundert). Im Gegensatz zum Partito Liberale Italiano, welcher wirtschaftsliberale Positionen vertrat, war der PRI eher Mitte-Links bzw. sozialliberal einzuordnen.

Der PRI war mehrmals an italienischen Regierungen beteiligt und stellte mit Giovanni Spadolini (1981–1982) den ersten nicht-christdemokratischen Ministerpräsidenten in Italiens Nachkriegsgeschichte.

Ihr bestes Wahlergebnis erzielte die Partei im Jahr 1983 mit 5,1 % der Stimmen.

Neofaschistische Partei

Der Movimento Sociale Italiano (deutsch: Italienische Sozialbewegung, abgekürzt MSI) wurde am 26. Dezember 1946 von Anhängern der Repubblica Sociale Italiana (darunter Giorgio Almirante, Augusto De Marsanich und Pino Romualdi) gegründet. Das Parteisymbol war die Flamme in den italienischen Nationalfarben (fiamma tricolore).

Von den anderen Parteien ausgegrenzt, konnte der MSI nie Regierungsverantwortung übernehmen. Bis auf die Tolerierung des kurzlebigen Kabinetts Tambroni (25. März 1960 bis 26. Juli 1960) konnten die Neofaschisten effektiv von der Macht ferngehalten werden.

Die Wahlergebnisse des MSI lagen stabil zwischen 4 % und 6 %. Ihr bestes Ergebnis erzielte die Partei nach der Fusion mit den Monarchisten bei den Parlamentswahlen 1972 (8,6 % in der Kammer und 9,0 % im Senat). Den höchsten Zuspruch erhielt der MSI in der Region um Rom (17,4 %) und in Süditalien (26,3 % in Neapel).

Regierungsverschleiß

Weil es faktisch keine Sperrklauseln gab, waren die Parteien immer auf Koalitionen angewiesen und so zeigte sich in Italien ein hoher Regierungsverschleiß. Je nachdem wie man operationalisiert, handelt es sich um 50–60 Regierungen in der so genannten 1. Republik (bis 1994). Erstaunlicherweise weist jedoch die Politik und die Personalbesetzung eine große Kontinuität auf. Oftmals wurden abgewählte Ministerpräsidenten in der nächsten Wahl unter minimal anderen Koalitionsverhältnissen wiedergewählt. Die lange Phase der Regierungsbildung, bei der die Verfassung den Parteien allen Freiraum beließ, während das Parlament als ganzes zur Untätigkeit verdammt war, führte oft zu Ergebnissen, die den unmittelbaren Wahlausgang nur mehr sehr bedingt widerspiegelten, und diese Diskrepanzen trugen zur Entfremdung der Bürger von den politischen Parteien und Institutionen bei.

Der erste Wandel: Zerfall der alten Parteien (1991–94) mini|hochkant=1.6|Italiens Parteiensystem im Übergang 1992–1995

Zu Beginn der 1990er-Jahre hat die italienische Parteienlandschaft einen tiefgreifenden Wandel erfahren.

Das Ende des Kalten Krieges und der Mauerfall beschleunigten den bereits in den 1970er-Jahren begonnenen ideologischen Wandel der Kommunisten. Die Mehrheit der PCI beschloss 1991, sich in Partito Democratico della Sinistra (PDS; Demokratische Linkspartei) umzubenennen – später verkürzt zu Democratici di Sinistra (DS; Linksdemokraten) – und fortan sozialdemokratisch aufzutreten. Die Minderheit, die weiter das Ziel des Kommunismus verfolgen wollte, bildete die Partito della Rifondazione Comunista (PRC). Mehrere Abspaltungen führten zu einer weiteren Zersplitterung des linken Spektrums in mehrere kleine Parteien neben den DS.