Das Friedrichs-Waisenhaus Rummelsburg war eine im Jahr 1853 entworfene und von 1854 bis 1859 errichtete Heimstatt für elternlose Jungen und Mädchen, die in Berlin und der Umgebung aufgegriffen wurden. Es entstand im Auftrag des Berliner Magistrats am Nordostufer des Rummelsburger Sees mit der Adresse Hauptstraße 7 auf einer 13 Hektar großen stadteigenen Fläche. Noch bis 1949 wurden in den Gebäuden Waisenkinder untergebracht, später dienten sie zeitweilig auch der Rekonvaleszenz von Kindern und Jugendlichen. Die erhaltenen zwei Gebäude (Knabenhäuser) und die Umfassungsmauer stehen unter Denkmalschutz.
Geschichte Vorgeschichte: Großes Friedrichs-Waisenhaus in Alt-Berlin mini|links|Friedrichs-Hospital und Waisenbrücke vor 1783, von Johann Georg Rosenberg mini|Friedrichs-Waisenhaus, um 1830Stahlstich nach einer Vorlage von Friedrich Wilhelm Klose mini|Ehemaliges Friedrichs-Waisenhaus und Waisenbrücke, um 1880
Kurfürst Friedrich III. ließ ab dem Jahr 1697 an der Stralauer Straße die Vorgängereinrichtung des Friedrichs-Waisenhauses Rummelsburg von Martin Grünberg errichten. Auf einem Areal zwischen Stralauer Straße, Neuer Friedrichstraße und der Waisenbrücke an der Spree entstand zunächst ein Hospital.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 7 ff. Die in einer Portalinschrift enthaltene Jahresangabe 1702 gilt als Gründungsjahr des Hospitals. Zu diesem Zeitpunkt waren der Frontbau zur Stralauer Straße und der rechte Seitenflügel mit einem großen Gebetsraum in dessen zweiter Etage fertiggestellt. Das Haus erhielt zu Ehren seines im Vorjahr gekrönten Stifters den Namen Großes Friedrichs-Hospital,Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 11 obwohl es seit 1701 als Waisen- und Siechenhaus genutzt wurde.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 30 ff. Die Weiterführung des Baus, die nach dem Tod Grünbergs von Philipp Gerlach übernommen wurde und 1712/1713 zeitweise zum Erliegen kam, wurde nach dem Tod Friedrichs von dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm I. übernommen. Er ließ in den Bau anstelle des zu klein gewordenen Gebetsraums eine Kirche einfügen (1716 eingeweiht). Außerdem erhielt das Hospital einen „Neuen“ Flügel zwischen Stralauer Straße und Kirche (bis 1725) und der Bau eines die Mittelachse über der Kirche dominierenden, mit drei Glocken und einer Uhr versehenen Turms (1727) wurde abgeschlossen.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 12 ff., S. 22 Inschrift und S. 23 ff. Gedenkblatt zur Vollendung des Turms.Thomas Alfred Leger: Hospital, Hospitäler. In: Johann Samuel Ersch, Johann Gottfried Gruber (Hrsg.): Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, Sektion II, Teil I. Brockhaus, Leipzig 1834, S. 98–168, hier S. 127 f. () Gemäß der überlieferten Hausordnung von 1702 war das Hospital dazu bestimmt, „Waisenkinder, Kranke, Irre oder gar Unsinnige, item andere Arme“ aus der einheimischen Bevölkerung, außerdem sonstiges „loses Gesindel“ aufzunehmen.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 39 f. Bereits 1701 wurden 98 Waisenkinder von zwölf „alten Weibern“ im Haus betreut und 36 weitere, meist jüngere Waisen als Kost- und Pflegekinder in Pflegefamilien verdungen, außerdem 115 mittellose Kranke (darunter bis 1711 auch Irre) in der Krankenstube oder in ihren eigenen Quartieren versorgt. 1718 wurden 16 Alte, 140 Kranke und 291 Kinder (darunter 99 „Verdungene“) gezählt.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 32 Das weitere Wachstum war nicht zuletzt eine Folge der Militarisierung des Staates. Wegen des sehr hohen und ständig zunehmenden Anteils von Soldatenwaisen spendete Friedrich Wilhelm I. 1719 einen Teil der Mittel für den Unterhalt von 300 solcher Waisen, sodass 1721 bereits 400 und 1728 rund 500 Kinder im Hospital betreut wurden.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 32 f., S. 34 f Auch der Bau des Neuen Flügels und die Einbeziehung eines benachbarten Hauses wurden 1715 damit begründet, dass Raum für die Aufnahme von 50 abgedankten Soldaten benötigt wurde, um der Bettelei und Delinquenz dieser Bevölkerungsgruppe entgegenzuwirken.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 18, vgl. S. 35 Während der Anteil der im Haus gepflegten Alten und Siechen im 18. Jahrhundert durch Schaffung besonderer Einrichtungen wieder zurückging, blieb die Zahl von rund 500 „Hauskindern“ bis ins 19. Jahrhundert in etwa konstant, mit der Folge, dass auch der Name Friedrichs-Hospital allmählich durch Friedrichs-Waisenhaus, und ebenso der Name Hospital-Kirche durch Waisenhauskirche abgelöst wurde.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … (1852), S. 30 Noch 1839 wurden 429 interne und 635 Pflegekinder gezählt,Wilhelm von Türk: Ueber die Vorsorge für Waisen, Arme und nothleidende Kinder. Veit und Comp., Berlin 1839, S. 40 ff. in der Folgezeit dann aber die zulässige Zahl der Hauskinder auf 300 begrenzt.Weitling: Geschichte des Großen Friedrichs-Hospitals … 1852, S. 35 Seit 1802 beherbergte es zeitweise auch das auf Initiative von Christoph Wilhelm Hufeland eingerichtete Königliche Schutzpocken-Institut,Karl M. Einhäupl, Detlev Ganten, Jakob Hein (Hrsg.): 300 Jahre Charité im Spiegel ihrer Institute. Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2011, S. 128. in dem sich Kinder und Erwachsene aus Berlin und dem Umland unentgeltlich gegen Pocken impfen lassen konnten.Franz Seraph Giel: Die Schutzpockenimpfung in Bayern. Jakob Giel, München 1830, S. 35 ()
Das Waisenhaus und die übrigen der Königlichen Armendirektion unterstellten Einrichtungen der geschlossenen Armenpflege (Sylthaus-, Dorotheen- und Koppesches Hospital als Einrichtungen für Frauen, Armenhaus in der Alexanderstraße, Neues Hospital in der Wallnerstraße) gingen 1820 gemäß der Städteordnung von 1808 von der Königlichen an die neu gebildete Städtische Armendirektion.Die Anstalten der Stadt Berlin … 1866, S. 77. Die beengten räumlichen Verhältnisse und der steigende Bedarf für weitere Pflegeeinrichtungen aufgrund des schnellen Bevölkerungswachstums führten dazu, dass der Magistrat am 10. März 1853 die Schaffung neuer Anstalten für die Kranken-, Waisen- und Armenpflege beschloss.Die Anstalten der Stadt Berlin. 1886, S. 78. Für die neue Waisenanstalt fiel die Wahl auf den Standort am Rummelsburger See, mit der Planung wurde der aus Breslau stammende, 1852 zum Stadtbaurat berufene Architekt Gustav Holtzmann (auch: Holzmann) betraut.Uwe Kieling: Berlin: Bauten und Baumeister von der Gotik bis 1945. Berlin Edition, Berlin 2003, S. 317.
Die Weiternutzung des alten Waisenhauses, das unter eigener Verwaltung bis mindestens 1857 fortbestand, war zunächst strittig.Monatschronik für Deutsches Städte- und Gemeindewesen. Band III.a, Jahrgang 1857, III. Monats-Chronik, S. 350 ()Bericht des Magistrats an die Königliche Regierung zu Potsdam, betreffend die zwischen dem Magistrat und den Stadtverordneten entstandene Differenz in Betreff d. Disposition über das Friedrichs-Waisenhaus. Sittenfeld, Berlin 1857. Nachdem die neue Waisenanstalt in Rummelsburg fertiggestellt und 1859 eröffnet worden war, verblieb im alten Waisenhaus in der Stralauer Straße bis 1866 das zentrale Städtische Waisendepot, ausgestattet für die vorübergehende Unterbringung von rund 50 Kindern und eingesetzt als Anmelde- und Sammelstelle für bedürftige oder aufgegriffene Kinder, die von dort aus an das Rummelsburger Waisenhaus oder andere Einrichtungen überwiesen wurden.Die Anstalten der Stadt Berlin … 1886, S. 94 ff. 1877 wurde in den Räumen des alten Waisenhauses eine Männer-Siechenanstalt eingerichtet. Das Gebäude wurde Ende der 1900er Jahre abgerissen und das Gelände 1910 mit dem Verwaltungsgebäude der Städtischen Gaswerke bebaut.Neubauten der Stadt Berlin, Bd. IX, 1910.
Das Waisenhaus in Rummelsburg Auf der Grundlage des Beschlusses von 1853 wurde Gustav Holtzmann mit der Planung eines neuen Waisenhauses beauftragt. Er legte Entwürfe für eine großzügige neue Anstalt vor, die aus pavillonartigen Einzelgebäuden in einem Park bestanden. Neben vier zwei- bis dreigeschossigen roten Backsteinbauten mit einer gelben Klinkerfassade für die getrennte Unterbringung der Knaben und Mädchen entstanden nach diesen Plänen Wirtschafts- und Sozialgebäude, ein Krankenhaus, eine Gärtnerei, Bezirksamt Lichtenberg, abgerufen am 16. Februar 2011. ein Heizhaus, ein Wasserturm und im Nordbereich eine Waisenhauskirche samt Pfarrhaus. Im Waisenhaus wurden 500 Jungen und Mädchen im Alter von bis zu 15 Jahren untergebracht. Zeitgenossen priesen die neue Einrichtung besonders, es gäbe dort „frische Luft und gutes Trinkwasser, […] die Kinder leben unter günstigen hygienischen Bedingungen, können im Sommer im See baden und im Winter darauf Schlittschuh laufen“.Erklärungstafel einer Ausstellung im Heimatmuseum Lichtenberg von 2007. Die Heranwachsenden in dem Waisenhaus wurden für kleinere anstehende Arbeiten herangezogen. Die Jungen konnten ab 14 Jahren nach Beendigung der siebenjährigen Schulzeit Berufe wie Koch, Gärtner, Schuhmacher oder Bäcker erlernen, die Mädchen erhielten eine Ausbildung in der Säuglingspflege, Kindererziehung oder Hauswirtschaft.Christine Steer: Das Friedrichs-Waisenhaus und die Grenzkaserne Ost-Berlins. In: Rummelsburg mit der Victoriastadt. be.bra-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-8148-0181-0, S. 117–125. Bis 1925 gab es sogar eine Säuglings- und eine Krankenabteilung, die mit Fertigstellung des Hubertus-Krankenhauses wieder aufgelöst wurden. Zur Versorgung der Insassen hielt die Anstaltsleitung sieben Kühe, die auch für alle Kinder täglich frische Milch lieferten.
Nachdem im Jahr 1878 das preußische Gesetz zur Zwangserziehung in Kraft getreten war, ließ die Stadt Berlin neben dem Areal des Waisenhauses das Arbeitshaus Rummelsburg nach Plänen von Hermann Blankenstein errichten, das überwiegend für die Waisen gedacht war, sich später jedoch eigenständig entwickelte.
Das Krankenhaus diente offenbar nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 auch als Lazarett.Der Soldaten-Freund, 1906/1907. Die zum Waisenhaus gehörende Krankenanstalt für die Waisenverwaltung Berlins wurde ab 1902 vom Mediziner Erich Müller (1868–1952) geleitet. Seit 1925 stand die Krankenanstalt des Waisenhauses auch offiziell der Allgemeinheit zur medizinischen Versorgung von Kindern offen.
Das Friedrichs-Waisenhaus zwischen den 1940er Jahren und der deutschen Wiedervereinigung In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurden die Gebäude schwer beschädigt, die Kirche verschwand vollständig. Nach dem Kriegsende erfolgte eine provisorische Instandsetzung und die weitere Nutzung als Waisenhaus, denn jetzt gab es vor allem Kriegswaisen. 1949 wurde der Waisenhausbetrieb aufgegeben, einige Gebäude jedoch noch bis 1953 als „heilpädagogisches Kinderheim“ weitergenutzt. Als Betreiber fand sich eine Diakonie-Einrichtung, die eine Weiterbehandlung von genesenden Kindern durchführte oder die Häuser als Aufnahme- und Durchgangsheim öffnete.
Im Jahr 1950 wurden die Ruinen, wie die Kirche oder die Mädchenhäuser, abgerissen und die erhaltenen Gebäude instand gesetzt. Ein Teil des nordwestlichen Areals wurde städtischer Lagerplatz, der Uferstreifen wurde zunächst der Natur überlassen. Im Jahr 1961 ist auf einem Berliner Stadtplan das Gelände noch als Waisenhaus dargestellt, jedoch mit den Zeichen für Büsche und Bäume kenntlich gemacht. Die beiden erhaltenen Knabenhäuser dienten ab 1953 als allgemeine Verwaltungsgebäude, ab 1960 als Bürohaus für das hier neu stationierte Grenzregiment 35 der Grenztruppen der DDR, das für die Grenzkontrolle des Wasserabschnitts zuständig war. Als Unterkunft wurden eine aus Betonfertigteilen bestehende Kaserne auf einem Teil des Waisenhausparks errichtet sowie einige Bootsschuppen im Uferbereich aufgestellt.Mauergeschichte. Private Homepage, abgerufen am 17. Februar 2011
mini|Betonwerk Rummelsburg, 1960