Grand Tour [] (französisch; deutsch „große Reise“), auch Kavalierstour oder Cavaliersreise, war die Bezeichnung für eine seit der Renaissance obligatorische Reise der Söhne des europäischen Adels, später auch des gehobenen Bürgertums, durch Mitteleuropa, Frankreich, Italien, Spanien und auch ins Heilige Land. In weiterem Sinne wurden auch die Bildungsreisen erwachsener Angehöriger der genannten Stände so bezeichnet. Insbesondere in England fand die Grand Tour im 18. Jahrhundert einen reichen literarischen Niederschlag. mini|British connaisseurs in Rome, Gemälde von James Russel, ca. 1750 mini|Bildergalerie des antiken Rom (Roma Antica), Gemälde von Giovanni Paolo Pannini, 1757
Ziele Die Grand Tour stellte ursprünglich den Abschluss der Erziehung dar, die die Bildung des Reisenden vollenden sollte. Die Adeligen suchten insbesondere bedeutende europäische Städte auf und besichtigten dort Baudenkmäler aus Antike, Mittelalter und Renaissance, reisten durch malerische Landschaften, sprachen aber auch an europäischen Fürstenhöfen vor. Dabei sollten sie Kultur und Sitten fremder Länder kennenlernen, neue Eindrücke sammeln und für das weitere Leben nützliche Verbindungen knüpfen. Weiter diente die Tour der Vertiefung von Sprachkenntnissen sowie der Verfeinerung von Manieren, allgemein dem Erwerb von Weltläufigkeit, Status und Prestige. Gerade für adlige Reisende war es auch reizvoll, Lektionen französischer oder italienischer Fechtmeister in Anspruch zu nehmen und dadurch ihre Kenntnisse im Waffenhandwerk zu vertiefen. Unausgesprochenes weiteres Ziel war häufig die Erlangung einer gewissen Erfahrung in erotischen Dingen, manchmal auch die Anbahnung von Heiratsmöglichkeiten.
Bei älteren Reisenden traten zur Vertiefung der Bildung und Horizonterweiterung häufig weitere Beweggründe hinzu. Mitunter versprachen sie sich vom milderen Klima des europäischen Südens die Heilung oder Linderung von Krankheiten, so etwa der 1820 nach Italien gereiste Dichter John Keats.
Andere Reisende wiederum tauschten sich in fremden Staaten mit Fachkollegen ihres Berufsstandes aus oder betrieben vielfältige Forschungen. Der Botaniker John Ray etwa strebte bei seiner Kontinentaltour in den 1660er Jahren die Erstellung einer umfassenden Liste ausländischer Pflanzen an, während der Barockmaler Jonathan Richardson Anfang des 18. Jahrhunderts in Holland und Italien nicht weniger als einen „vollständigen Katalog aller vorhandenen Statuen und Gemälde“ anlegen wollte. Häufig wurden die Grand Tours auch zum Ankauf von Kunstwerken benutzt, so etwa von Thomas Howard, 21. Earl of Arundel.
Wenn auch der Großteil der eine Grand Tour absolvierenden Reisenden männlichen Geschlechts war, so gab es gleichwohl unter ihnen auch einige Damen, etwa Mariana Starke (1762–1838) oder Lady Morgan (1776–1859).
Geschichte mini|hochkant|Douglas, 8th Duke of Hamilton, auf seiner Grand Tour mit seinem Arzt John Moore und dessen Sohn John. Im Hintergrund ist die Stadt Genf zu sehen. Gemalt von Jean Preudhomme, 1774
Die Besichtigung antiker Stätten in Italien hatte in Kreisen der Künstler und Intellektuellen bereits seit dem Spätmittelalter Tradition. Einen wahren Aufschwung erlebte die Grand Tour aber erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts, als es im englischen Adel, vergleichbar einem Initiationsritus, Mode wurde, seine Sprösslinge auf eine mehrjährige Bildungsreise auf den Kontinent zu schicken. Ihren Anfang nahm sie während der Regentschaft von Königin Elisabeth I. von England im 16. Jahrhundert. Die jungen Männer zwischen 17 und 21 Jahren machten sich zumeist in Begleitung eines Tutors, und finanziell großzügig von der Familie unterstützt, auf den Weg zum Kontinent und durch Europa, um ihren Horizont zu erweitern, antike Bauwerke und Denkmäler zu besichtigen, aber auch um sich in die hohe Schule der Diplomatie einführen zu lassen. Station machte man vorwiegend bei Verwandten, und nicht wenige gingen bei dieser Gelegenheit erfolgreich auf Brautschau. Diese große Mode aus England fand bald auch in anderen Ländern Anklang.
Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts erweiterte sich der gesellschaftliche Kreis der Reisenden auf das Bürgertum. Ein bürgerlicher Engländer, der über Wohlstand verfügte, unternahm zumindest eine kurze Reise auf das Festland. Ähnlich heutigen Reiseführern, wurden in Ratgebern und Reisetagebüchern zur Grand Tour Empfehlungen über die Wegstrecke gegeben, Sehenswürdigkeiten, Sitten, die notwendige Kleidung, die Apotheke und Lektüre besprochen sowie wichtige Sätze und Vokabeln fremder Sprachen als Hilfe verzeichnet. Vor Ort nahmen sich Reise- und Bergführer der jungen Leute an, die personifizierte Referenzbücher führten. Um die Reisenden entstand ein eigener Dienstleistungssektor.
Der Großteil der Bevölkerung hatte nicht die finanziellen Mittel, um im Stil einer Grand Tour zu reisen. Bürger konnten sich eine Fortbewegung mittels Pferd oder mit der Kutsche leisten. Die Masse der Menschen ging aber immer noch zu Fuß. Die Reisebedingungen hatten sich damit seit dem Mittelalter kaum verbessert.Vgl. Petra Krempien: Geschichte des Reisens und des Tourismus. Ein Überblick von den Anfängen bis zur Gegenwart. FBV-Medien-Verlag, Limburgerhof 2000, S. 90–93. Siehe dazu auch: Gerhard Ammerer: Reise-Stadt Salzburg: Salzburg in der Reiseliteratur vom Humanismus bis zum beginnenden Eisenbahnzeitalter. Archiv und Statistisches Amt der Stadt Salzburg, Salzburg 2003, S. 9–11.
Die Vorreiterrolle Englands erklärt sich unter anderem daraus, dass sich das Land nach dem Sieg über die spanische Armada 1588 auf dem Weg zu einer Weltmachtstellung sah. Anders als der Kontinent hatte es nicht unter den Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs zu leiden. Hinzu kommt schließlich, dass das Ideal des Gentleman, also des bildungsbeflissenen, begüterten, häufig aber müßig-politikfernen Gentry-Angehörigen nur dort anzutreffen war. Zugleich begünstigte der Umstand, dass sich nur die Begüterten solche Reisen leisten konnten, aber auch die Entstehung eines Zerrbildes von „den Engländern“ auf dem Kontinent, das bis weit ins 20. Jahrhundert anzutreffen war.
Einen erheblichen Aufschwung erlebte die Grand Tour Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Zuge der Aufklärung nahm das Interesse an fremden Kulturen und Menschen, deren Lebensbedingungen und Umgebung, weiter zu. Zusätzlich wurde die Reiselust durch Berichte von Weltreisen und Reiseliteratur geweckt.
Dem Niedergang des Adels nach der Französischen Revolution entsprach auch derjenige der Grand Tour im klassischen Sinne. Sie wurde im 19. Jahrhundert von der Bildungsreise abgelöst, die zwar ähnliche Ziele verfolgte, aber mit weitaus weniger Aufwand verbunden war und organisatorisch meist in den Händen des – nunmehr häufig bereits älteren – Reisenden selbst lag.
Vorbereitung
Formalitäten Die Durchführung der Grand Tour war mit allerlei Formalitäten verbunden. So mussten etwa Reisepässe und Gesundheitszeugnisse beschafft werden – dies wegen der insbesondere in Italien und Deutschland herrschenden Kleinstaaterei häufig in großer Menge, was beträchtliche Kosten verursachte. Da Devisen nur in begrenztem Umfang aus England ausgeführt werden durften, musste bei italienischen Banken in London Geld hinterlegt werden, das gegen Vorlage entsprechender Zahlungsanweisungen in Italien wieder in Empfang genommen werden konnte.
Angehörige des europäischen Hochadels und insbesondere die Prinzen regierender Häuser unternahmen ihre Grand Tours aus Sicherheitsgründen wie auch zur Vermeidung von Rangstreitigkeiten häufig inkognito. So reiste der spätere August der Starke 1687 etwa als Graf von Meißen nach Italien.
Reisebegleiter mini|hochkant|James Hay als „bear-leader“, Radierung von Pier Leone Ghezzi, 1725
Zentrale Bedeutung kam der Auswahl eines Reisebegleiters (tutor, governor, „bear-leader“) zu, der über Organisationstalent, Bildung und umfassende Sprachkenntnisse verfügen musste, vor allem aber auch über die Umsicht und Reife, seinen jugendlichen Schützling vor physischen, finanziellen und moralischen Gefahren aller Art zu bewahren. Ein bekannter Tutor war Thomas Hobbes, der mit großem Vergnügen 1610 den Sohn von Lord Cavendish sowie 1634 den Sohn des Earl of Devonshire auf ihren Grand Tours begleitete. Besonders wohlhabende Familien gesellten ihren Sprösslingen neben dem Tutor noch weiteres Personal bei, wozu Ärzte, Kunstexperten, Dienstboten, Maler und Musiker gehören konnten. Wenn junge Damen der besseren Gesellschaft nach Italien reisten, um sich zu bilden, gehörte eine unverheiratete Tante oder Cousine als Anstandsdame („chaperone“) unbedingt dazu.
Literatur, Karten Schließlich galt es die bereits im 18. Jahrhundert in relativ großer Zahl verfügbare Reiseführer-Literatur zu konsultieren. Es wird geschätzt, dass jedes Jahr im Schnitt zwei neue Werke erschienen. Zu den bedeutendsten zählten Maximilien Misson, Nouveau Voyage d’Italie (1691/95), Joseph Addison, Remarks on the Several Parts of Italy (1705), Richard Lassels, The Voyage of Italy (1670), Thomas Nugent, The Grand Tour, or, a Journey through the Nederlands, Germany, Italy and France (1749), Jérôme Lalande, Voyage d’un Francois en Italie (1769), Thomas Martyn, The Gentleman’s Guide in His Tour through Italy: with a Correct Map and Directions for Travelling in this Country (1787) und Joseph Forsyth, Remarks on Antiquities, Arts and Letters during an excursion in Italy (1813).
Nicht einfach war es, an geeignetes und verlässliches Kartenmaterial zu gelangen. In den bereisten Ländern war es oft nicht einmal in großen Städten erhältlich. Die in England gekauften Karten wiesen indes häufig beträchtliche Fehler und Unzulänglichkeiten auf. Eine verbreitete Sammlung war Il portafoglio necessario a tutti quelli che fanno il giro d’Italia, die 1774 in London mit englischer Beschriftung veröffentlicht wurde.
Ausrüstung Des Weiteren war die Beschaffung stabiler und dauerhafter Ausrüstung erforderlich, die den Strapazen längerer Kutschfahrten und der mitunter rüden Behandlung durch Dienstboten und Gastwirte standhielt. Auch musste eine große Zahl von Gegenständen des täglichen Bedarfs wie Bettzeug, Besteck, Geschirr, Schreib- und Malutensilien, Nähzeug, Körperpflege- und Arzneimittel wegen ungewisser Erhältlichkeit an den Zielorten aus England mitgebracht und ständig mitgeführt werden, was den umfangreichen Gepäckbestand der Kavaliere ebenso erklärt wie das Aufkommen platzsparender Necessaires. Empfohlen wurde sogar die Mitnahme von Waffen und Moskitonetzen.
Berichtet wird von Exzentrikern wie dem Jagdliebhaber Thornton, der u. a. mit zehn Pferden, hundertzwanzig Spürhunden sowie drei von einem eigenen Falkner betreuten Falken auf die Grand Tour ging, oder Lady Blessington, die in ihrer doppelt gefederten Kutsche selbst Toilette, Küche und Bibliothek nicht missen mochte. Lord Byron reiste gar mit einem auf mehrere Begleitwagen verteilten kleinen Zoo, der ihm zur Nahrung wie Zerstreuung dienen sollte.
Verlauf Es gab keine festgelegte Route, wohl kristallisierten sich aber Städte und Stätten heraus, die besonders oft besucht wurden.Vgl. Petra Krempien: Geschichte des Reisens und des Tourismus. Ein Überblick von den Anfängen bis zur Gegenwart. FBV-Medien-Verlag, Limburgerhof 2000, S. 90. Es gab Stationen, die unbedingt zu besuchen waren, während umgekehrt Orte, die nicht allgemein bekannt waren und nicht ob ihrer kulturellen Bedeutung weithin gerühmt wurden, meist ignoriert wurden. Raum für individuelle Abweichungen gab es nur in begrenztem Maße.
Frankreich