Wortlänge wird danach bestimmt, aus wie vielen kleineren Einheiten ein Wort besteht. So ist es möglich, die Wortlänge entsprechend der Zahl der Buchstaben, Laute, Phoneme, Morphe, Silben oder Moren zu definieren. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Zeit zu messen, die ein Sprecher benötigt, um ein Wort auszusprechen; man erhält dann als Wortlänge die Wortdauer. Bevor man jedoch die Wortlänge oder Wortdauer bearbeiten kann, muss bestimmt werden, was genau ein Wort sein soll, ein keineswegs triviales Problem.
Kürzeste Wörter – längste Wörter Eine Frage, die auf ein breites Interesse stößt, ist die nach dem längsten oder kürzesten Wort, entweder in einer bestimmten Sprache oder auch ganz allgemein.Rainer Perkuhn: Das längste deutsche Wort? Ein fiktives Gespräch mit wahrem Hintergrund. In: Sprachreport, 26. Jahrgang, Heft 2, Mannheim 2010, S. 2–6. https://pub.ids-mannheim.de/laufend/sprachreport/pdf/sr10-2a.pdf Meist werden hierzu Wörter mit Angabe der Zahl der Buchstaben, aus denen sie bestehen, angeführt. Die anders gerichtete Frage nach dem kürzesten Wort ist sehr leicht zu beantworten, da ein Wort nicht kürzer als ein Buchstabe, Laut oder Phonem sein kann. Beispiele sind der lateinische Imperativ „ī“ (= geh), die polnische Präposition „w“, die spanischen Wörter „y“ (= und) und „o“ (= oder) oder die deutsche Interjektion „o“, wie in O du lieber Augustin; es gibt also nicht nur ein solches kürzestes Wort.
Anders steht es um die Frage nach dem längsten Wort, zu der man einige Beobachtungen und Überlegungen beitragen, die man aber letztlich nicht beantworten kann. Ein paar Hinweise zum Deutschen mögen das demonstrieren:
Schon Jean Paul (1820) hat sich mit dem Phänomen langer Wörter befasst und selbst ein besonders langes erfunden: Wortbandwurmstockabtreibmittellehrbuchstempelkostenersatzberechnung, ein Wort mit 67 Buchstaben.Jean Paul: Über die deutschen Doppelwörter; eine grammatische Untersuchung in zwölf alten Briefen und zwölf neuen Postskripten. In: Jean Paul: Sämtliche Werke. Abteilung II, Band 3, herausgegeben von Norbert Miller. Zweitausendeins, Frankfurt 1996 (Nachdruck der Ausgabe des Hanser-Verlags 1963), Seite 9–108, Beispiel Seite 67.
Anlässlich einer entsprechenden Preisaufgabe der Gesellschaft für deutsche Sprache wurde „Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung“ angeführt, ein Wort, das aus 67 Buchstaben besteht. Es handelt sich dabei um eine amtliche Gesetzesformulierung (GrundVZÜV, von 2003, 2007 wieder aufgehoben).http://dipbt.bundestag.de/extrakt/ba/WP16/93/9377.html Ebenfalls amtlich belegt ist das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz in Mecklenburg-Vorpommern (RkReÜAÜG, von 1999, 2013 aufgehoben), das aus 63 Buchstaben besteht. Sowie das aktuell gültige „Arzneimittellieferengpassbekämpfungsundversorgungsverbesserungsgesetz“, (ALBVVG, von 2023) mit 70 Buchstaben.
Von solchen in Textkorpora häufiger vorkommenden Wortgebilden, meist aus der Rechts- und Verwaltungssprache, unterscheidet der Duden „individuelle, kreative Augenblicksbildungen“, die in der Regel nur einmal vorkommen,Die längsten Wörter im Dudenkorpus Duden, Abruf am 28. April 2016 wie zum Beispiel „Steuerentlastungsberatungsvorgesprächskoalitionsrundenvereinbarungen“Was fehlt 29. Mai 1997, die tageszeitung – das Archiv – taz.de. Abruf am 28. April 2016 (68 Buchstaben) oder „Schauspielerbetreuungsflugbuchungsstatisterieleitungsgastspielorganisationsspezialist“Bei Shakespeares «Richard III.» wird Rudolf K. Rath wortbrüchig 23. Oktober 2002, Neue Zürcher Zeitung, Abruf am 28. April 2016 (85 Buchstaben). Der Korpuslinguistiker Rainer Perkuhn vom Institut für Deutsche Sprache nennt als rekordverdächtig: „Psychoselbsterfahrungsfamilienaufstellungskörpertantrapersönlichkeitsentwicklungsseminare“.Rainer Perkuhn: Das längste deutsche Wort? Ein fiktives Gespräch mit wahrem Hintergrund. In: Sprachreport, 26. Jahrgang, Heft 2, Mannheim 2010, S. 2–6, Beispiel S. 6. https://pub.ids-mannheim.de/laufend/sprachreport/pdf/sr10-2a.pdf Im Guinness-Buch der Rekorde wird „Donaudampfschifffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft“ genannt. Die Wörter bilden nicht die Obergrenze für Wortlänge im Deutschen, da man immer noch ein weiteres ergänzen kann, ohne die Wortbildungsregeln des Deutschen zu verletzen; so kann man an „Donaudampfschifffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft“ zum Beispiel „-sgründung“ anhängen. Das dadurch entstandene Wort mag nicht belegt sein, es ist aber möglich. Dies zeigt, dass man zwischen den längsten gefundenen Wörtern und den längsten möglichen Wörtern unterscheiden muss.Weitere Beispiele in: Karl-Heinz Best: Unser Wortschatz. Sprachstatistische Untersuchungen. In: Karin. M. Eichhoff-Cyrus, Rudolf Hoberg (Hrsg.): Die deutsche Sprache zur Jahrtausendwende. Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich: Dudenverlag, 2000, S. 35–52, Beispiel S. 42, ISBN 3-411-70601-5.
Die Liste sehr langer Wörter lässt sich noch übertreffen, wenn man die Fachsprache der Chemie/Medizin hinzunimmt. So verzeichnet die „Rote Liste“ unter anderen die Bezeichnung „(6R,7R)-7-[(Z)-2-(2-Amino-1,3-thiazol-4-yl)-2-(methoxyimino)acetamido]-3-(6-hydroxy-2-methyl-5-oxo-2,5-dihydro-1,2,4-triazin-3-ylsulfanylmethyl)-8-oxo-5-thia-1-azabicyclo[4.2.0]oct-2-en-2-carbonsäure“ für ein Antibiotikum (Kurzbezeichnung „Ceftriaxon“).[online.rote-liste.de Rote Liste online], abgerufen am 27. März 2015. Dieses Wort ist kein Einzelfall, da aufgrund der schier unendlichen Anzahl von Verbindungen in der organischen Chemie die IUPAC eine systematische Nomenklatur eingeführt hat, die es erlaubt, beliebig große (neu synthetisierte) Moleküle exakt zu benennen und international zu identifizieren, da – insbesondere pharmazeutische – Substanzen häufig unter verschiedenen Synonymen geführt werden.
Um die genannten (und weitere möglichen) Beispiele richtig einzuschätzen, muss man daran denken, dass das Deutsche zwar eine Sprache ist, in der leicht lange Komposita gebildet werden können; es gibt aber durchaus Sprachen, die dem Deutschen mindestens ebenbürtig sind, wenn es um die Möglichkeiten der Bildung langer Wörter geht, z. B. polysynthetische Sprachen.
Wortlängen in einem alphabetischen Wörterbuch des Deutschen Interessieren kann aber auch die Frage, aus wie vielen Silben (oder: Morphen) Wörter bestehen können. Einen Eindruck davon vermitteln Auswertungen von Wörterbüchern. Die folgenden Daten wurden anhand der Auswertung des Aussprachewörterbuchs von ViëtorWilhelm Viëtor: Deutsches Aussprachewörterbuch. 3. durchgesehene Auflage, besorgt von Ernst A. Meyer: O. R. Reisland, Leipzig 1921. durch MenzerathPaul Menzerath: Die Architektonik des deutschen Wortschatzes. Dümmler, Bonn 1954. gewonnen; das Wörterbuch umfasst 20453 Stichwörter. Es ergibt sich folgende Übersicht:Best 2006, Seite 42.
Zahl der Silbenpro WortHäufigkeitWörterbuchprozentualer Anteilim Wörterbuch 1 2245 11,00 2 6396 31,27 3 6979 34,12 4 3640 17,80 5 920 4,50 6 214 1,05 7 42 0,21 8 11 0,05 9 6 0,03
Aus diesen Werten lässt sich berechnen, dass Wörter in diesem Wörterbuch durchschnittlich aus 2,78 Silben bestehen. Nimmt man zum Vergleich die Werte eines Häufigkeitswörterbuchs, so ergibt sich eine geringere Länge, da kürzere Wörter in der Regel häufiger als längere verwendet werden. Dies zeigt die folgende Aufstellung.
Wortlängen in einem Häufigkeitswörterbuch (Frequenzwörterbuch) des Deutschen Unter der Leitung von Friedrich Wilhelm Kaeding wurde Ende des 19. Jahrhunderts ein deutschsprachiges Textkorpus von 10,906,235 laufenden Wörtern ausgezählt; nach Wortlängen sortiert ergab sich folgende Übersicht:
Zahl der Silbenpro WortHäufigkeit imTextkorpusprozentualer Anteilim Textkorpus 1 5,426,326 49,75 2 3,156,448 28,94 3 1,410,494 12,93 4 646,971 5,93 5 187,738 1,72 6 54,436 0,50 7 16,993 0,16 8 5,038 0,05 9 1,225 0,01 10 461 0,00 11 59 0,00 12 35 0,00 13 8 0,00 14 2 0,00 15 1 0,00
Die Tabelle beruht auf Daten, die Zipf (1935, Neudruck 1968, Seite 23) entnommen wurden.George Kingsley Zipf: The Psycho-Biology of Language. An Introduction to Dynamic Philology. The M.I.T. Press, Cambridge, Massachusetts 1968, Seite 23. Erstdruck 1935. Zipf erwähnt noch, dass Kaeding die Summe der Wörter auf 10,910,777 korrigiert habe, ohne die Verteilung auf die verschiedenen Wortlängen mitzuteilen. Die angeführte Berechnung ist geringfügig korrigiert und etwas ergänzt. Die gleichen Daten wie bei Zipf finden sich in: David Crystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Campus, Frankfurt / New York 1993, Seite 87, ISBN 3-593-34824-1. Aus ihnen lässt sich die durchschnittliche Wortlänge (gemessen nach der Zahl der Silben pro Wort) mit 1,83 berechnen.
Die längsten Wörter bei Viëtor kommen auf neun, das längste bei Kaeding auf 15 Silben. Wohl nur in der bereits erwähnten Fachsprache der Chemie/Medizin kann man auf noch längere Wörter stoßen.
Wortlängen verschiedener Sprachen im Vergleich FucksWilhelm Fucks: Nach allen Regeln der Kunst. Diagnosen über Literatur, Musik, bildende Kunst - die Werke, ihre Autoren und Schöpfer. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, Seite 80. gibt für 11 Sprachen die mittlere Wortlänge (Silben pro Wort) literarischer Autoren an:
Sprachemittlere Wortlängeliterarischer Werke Englisch 1,4 Französisch 1,6 Deutsch 1,7 Esperanto 1,9 Italienisch 2,0 Griechisch 2,1 Japanisch 2,1 Ungarisch 2,2 Russisch 2,2 Lateinisch 2,4 Türkisch 2,5
Im Häufigkeitswörterbuch von Kaeding ergab sich eine durchschnittliche Wortlänge für das Deutsche von 1,83 Silben pro Wort, während Fucks 1,7 angibt. Der Unterschied ist darauf zurückzuführen, dass Fucks in diesem Fall nur Daten zu literarischen Texten anführt.
Durchschnittliche Wortlänge in verschiedenen Textgruppen Charakterisiert man eine Sprache oder Stile/Texte hinsichtlich ihrer Wortlängen, stellt sich die Frage, wie und in welcher Einheit die Wortlängen bestimmt werden sollen. So können Stichwörter im Lexikon oder Wörter im laufenden Text untersucht werden.
Als Beispiel seien einige Durchschnittswerte für Wortlängen im Deutschen genannt, bestimmt nach der Zahl der Silben im Wort; die Daten stammen aus Best (2006).Karl-Heinz Best: Wortlängen im Deutschen. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 13, 2006, S. 23–49; es werden hier immer nur die beobachteten Werte der Wortlängen angegeben. Alle in der Tabelle zusammengestellten Daten beruhen auf Texten aus dem 20. Jahrhundert. Die durchschnittliche Zahl der Silben je Wort in deutschen Texten wurde wie folgt erarbeitet:
Textklasse Grenze der Wortlänge untere obere Pressetexte 1,81 2,29 fachwissenschaftliche Texte 2,04 2,32 gesprochene Sprache 1,52 1,66 Lese- und Lehrbuchtexte 1,32 1,88 SMS-Texte – 1,51 Briefe 20. Jahrhundert – 1,68 Epik und Prosa 20. Jahrhundert – 1,70 Gedichte von Erich Fried – 1,60
Zur Erläuterung: Für die ersten vier Textklassen können die beobachteten unteren und oberen Durchschnittswerte angegeben werden. Diese Textklassen sind interessant, weil sie zeigen, wie sehr auch innerhalb einer Textklasse die Werte schwanken können. In den übrigen Fällen kann im Moment nur ein Wert genannt werden; dann ist der Höchstwert mit dem einen Durchschnittswert identisch. Weitere Details sind in der angegebenen Arbeit aufgeführt, einerseits zu Gruppen von Texten innerhalb einer Textklasse, andererseits zur Entwicklung der Wortlänge über die Jahrhunderte hinweg.
Natürlich sind die angegebenen Werte von der Auswahl der ausgewerteten Texte abhängig. Die Tabelle vermittelt einen Eindruck davon, wie sehr diese Durchschnittswerte schwanken können. Ein ähnliches Bild würde sich ergeben, wenn man Wortlänge anders als durch die Zahl der Silben je Wort bestimmt.
Wortlängenverteilung und Wortlänge im Zusammenspiel mit anderen sprachlichen Größen Die Quantitative Linguistik hat sich in vielfältiger Weise mit den Gesetzmäßigkeiten der Wortlängen befasst.