mini|Das Mundloch des Marx-Semler-Stollns

Der Marx-Semler-Stolln, auch Markus-Semmler-Stolln, ist das am längsten ununterbrochen in Betrieb stehende Grubengebäude Deutschlands. Mit einer Gesamtlänge von über 220 km ist er gleichzeitig das größte Stollnsystem Deutschlands. Sein Mundloch befindet sich bei an der Zwickauer Mulde in Niederschlema im sächsischen Erzgebirgskreis.

Er wurde im 15. Jahrhundert zur Entwässerung der Oberschlemaer und Schneeberger Bergwerke angelegt und lag seither nie im Bergfreien. In Anlehnung an den Namenspatron des Lehensträgers, Marcus Semler, wurde der Stolln 1503 St.-Marcus-Stolln genannt. Der Name wandelte sich in den folgenden Jahrzehnten; ab 1590 ist der Name Marx-Semler-Stolln verbürgt. Seit 1946 ist seine Sohle als Nullsohle der Bezugspunkt für den Bergbau der Wismut AG/SDAG Wismut in den Revieren Schneeberg, Oberschlema und Niederschlema-Alberoda.

Der Markus-Semmler-Stolln ist Bestandteil der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, welche seit 2019 zum UNESCO-Welterbe gehört.Der Markus-Semmler-Stolln auf der Website der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří

Geschichte 1480 bis 1520 Mit dem allmählichen Niedergang des Silberbergbaues in Schneeberg im Verlaufe des ausgehenden 15. Jahrhunderts war der König David Stehenden (Oberschlemaer Kupfergang) mit seiner Erstreckung von über 1000 m, einer Mächtigkeit zwischen einem und vier Metern und einem Silbergehalt von durchschnittlich 1 Prozent von entscheidender Bedeutung für den Bergbau in der Region. Die auf diesem Gang bauenden Gruben König David, Obere Nicol Schmidt, Unterer Nicol Schmidt, Pfeffer, St. Georg, St. Erasmus, St. Pankratius, St. Barbara, Görners Lehen und Fundgrube standen vor dem Problem, die Wasserlösung der tiefen Baue zu gewährleisten. Schon 1481 entstand die Idee eines tiefen Stollns an der Zwickauer Mulde. Nach einem Befehl des Kurfürsten wurden die Gewerken der Kupfergruben St. Marcus und Pfeffer mit dem Recht auf einen Erbstolln an der Mulde in der Grube Silberwaage, an der 1480 auch Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht von Sachsen vier Kuxe besaßen, belehnt, der im Jahr 1484 begonnen wurde. Die Grube Silberwaage wurde 1446 das erste Mal erwähnt. Über den Fortgang der Arbeiten ist nichts bekannt. 1491 wird erstmals ein weiter oben im Schlemaer Tal liegender Kupferstolln erwähnt, dessen genaue Lage und Verlauf unbekannt sind. Der Kupferstolln muss die oben genannten Gruben zwischen 1499 und 1500 erreicht haben, konnte aber die Wasserprobleme der immer weiter in die Tiefe vordringenden Abbaue nicht lösen. Abhilfe sollte weiterhin ein tiefer Stolln schaffen.

Der aus Nürnberg stammende Marcus Semler war mit 62 Kuxen einer der Hauptgewerken dieser Gruben. Gemeinsam mit seinem Bruder Matthias erbte er im Jahr 1501 von Martin Semler eine Saigerhütte in Schleusingen. Zusätzlich war er gemeinsam mit dem ebenfalls aus Nürnberg stammenden Ullrich Erckel dem Älteren Anteilseigner einer Nürnberger Handelsgesellschaft, deren Geschäftsfeld vom Silber- und Kupferhandel bis hin zur Erzeugung und dem Vertrieb von Messingprodukten reichte. Er hatte deshalb ein vorrangiges Interesse an diesem Stolln.

Im Herbst des Jahres 1502 gründete Marcus Semler eine Gewerkschaft zur Mutung eines Erbstollns. Am 26. Januar 1503 wurde der Erbstolln an der Mulde in der Grube Silberwaage verliehen und als „St. Marcus Stolln“ im Schneeberger Verlagsbuch eingetragen. Es wurden 128 Kuxe vergewerkt. Außer Marcus Semler und Andreas Matstedt, der ebenfalls Kuxe erwarb, sind die anderen Gewerken unbekannt. Entgegen den sonst üblichen Gepflogenheiten wurde er ohne landesherrliche Unterstützung gebaut. Das Ziel der Gewerken bestand zu diesem Zeitpunkt einzig und allein in der Wasserlösung der auf dem König-David-Stehenden und seinen Nebentrümern bauenden Kupfergruben.

Der Ansatzpunkt des Stollns liegt an der Zwickauer Mulde in Niederschlema, nahe dem heutigen Bahnhof bei . Die Entfernung vom Mundloch bis zur Grube König David beträgt 3520 m. Man kann davon ausgehen, dass die Auffahrung des 1484 begonnenen Stollns ab 1503 unter neuem Namen als St.-Marcus-Stolln weitergeführt wurde. Der St.-Marcus-Stolln hat bis zur Grube König David 16 Lichtlöcher und wurde wahrscheinlich im Gegenortbetrieb aufgefahren. Ein Beweis für den Gegenortbetrieb konnte bisher nicht erbracht werden, obwohl die Anzahl der Lichtlöcher dafür spricht. Während des Vortriebs waren ungefähr 80 bis 100 Bergleute beschäftigt. Der Stolln verläuft bis zum 15. Lichtloch in dem nur leicht ansteigenden Schlematal. So hat das Lichtloch 13 bei 1650 m Entfernung von der Mulde gerade einmal eine Teufe von 29,21 m auf die Stollnsohle. Nach 2859 m kommt er am Lichtloch 15 bei in einer Teufe von 45,13 m ein. Sein durchschnittliches Ansteigen auf dieser Strecke beträgt damit 0,35 Prozent. Beim Erreichen der Grube König David bringt der Stolln eine Teufe von 80 m ein.

Der Stolln wurde über weite Strecken im Hauptstollngang, einem erzleeren Morgengang, aufgefahren.

Der Durchschlages in den König-David-Stehenden erfolgte wahrscheinlich 1520. Im Quartal Luciae wurden erstmals 200 Gulden an Neunten durch die ersten vom Wasser gelösten Gruben an die Stollngewerken gezahlt.

Marcus Semler erlebte den Durchschlag nicht mehr. Er wurde 1511 von Balthasar von Mylaw getötet. Im September 1511 wurde der Graf von Henneberg über den Totschlag an Marx Semler unterrichtet. Balthasar von Mylaw rechtfertigte seine Tat und erklärte seine Bereitschaft, in Schleiz vor den Herren Reuß zu Recht zu stehen.Thüringisches Staatsarchiv Meiningen.

Die Kuxe des Marx Semler gingen – neben anderen Erben – auch an seinen Bruder Matthias Semler, der damit die Geschäfte übernahm. Im Jahr 1513 kam es zur Auflösung der Handelsgesellschaft mit den Erckels. Hintergrund ist der Erbstreit um eine Messinghütte in Neubrunn, an der die Semlers beteiligt waren. Der Wert der Hütte betrug 19.785 Gulden. In der Folge erhielten die Brüder Wolf Erckel und Ullrich Erckel der Jüngere alle Kuxe der Semlers am Bergbau in Schneeberg, Annaberg und andernorts und überließen ihnen im Gegenzug alle Rechte an der Messinghütte.

Am 17. Mai 1511 kam es durch außergewöhnlich starke Niederschläge zu einer Sturzflut, die nicht nur die Gruben im Schneeberger Revier, sondern mit Sicherheit auch den Marx-Semler-Stolln verwüstete. Die sofort aufgenommenen Aufräumungsarbeiten im Stolln konnten wahrscheinlich erst 1512 abgeschlossen werden.

Über den Zeitraum zwischen 1513 und 1520 ist nichts bekannt.

Bis 1520 wurden 25.000 Taler in den Stollnbau investiert. Der Nutzen für die angeschlossenen Kupfergruben war aber gering, da der zeitweise sehr intensive Abbau wegen Vertaubung des Ganges in der Tiefe auf einigen Gruben eingestellt werden musste, ehe der Stolln sie erreichte.

1520 bis 1573 Durch Überproduktion, ausländische Konkurrenz und Erschöpfung des König David Stehenden schwand auch das Interesse der Gewerken an den Kupfergruben. Im Jahr 1526 war von den alten Gewerken nur noch die Familie Erckel geblieben. Dies hatte auch Auswirkungen auf den Marx-Semler-Stolln. Neue Gewerken mit anderen Interessen übernahmen die hier frei werdenden Kuxe. Darunter waren die Gewerken der Grube Rappoldt samt Heiligkreuz und Greif, die Gewerken der Grube St. Georg und die des Fürstenstollns. Unter den Gewerken des Marx-Semler-Stollns befinden sich seit 1535 auch die Herrscherhäuser des ernestinischen und des albertinischen Sachsens. Seit 1556 gehörte auch Barbara Uthmann aus Annaberg zu den Gewerken. Sie besaß zudem Kuxe der Rappoldt-Fundgrube und war alleinige Eigentümerin der Kupfergruben St. Christoph und König David. Im Jahr 1566 wurden wegen Nichtbezahlung der Zubuße über zwei Jahre hinweg, die letzten neun Kuxe der Nachkommen der „Stollnaufnehmer“ Sigmundt von Witzleben, Wilhelm Semler, Johann Zwusters und Stephan Koppen neu vergeben. Damit waren letztmals alle Kuxe ohne Intervention des Kurfürsten vergeben.

Das Hauptstollnort wurde ab 1521 von der Grube König David aus 571 m zur Grube Kaiser Heinrich vorangetrieben. Nach weiteren 220 m erreichte der Stolln das Grubengebäude der Rätezeche. Der Stolln wurde weitere 600 m über die Ritterzeche, die 1532 erreicht wurde, und über die Grube Arme Witwe zur Zeche St.Georg getrieben. Der Durchschlag mit dem Gegenort von St. Georg erfolgte 1534.

Hier sollten mit Hilfe des Marx-Semler-Stollns die Auswirkungen des Bruches von 1516, der zur Bildung der „Großen Wand“ an der Stelle des legendären Silberfundes von 1477 geführt hatte, untersucht werden, da man sich in der Tiefe noch reiche Silbererze erhoffte.

Offensichtlich waren die Auswirkungen auf dem Niveau des Marx-Semler-Stollns so groß, dass der Stolln der Grube St. Georg keinen weiteren Nutzen brachte. Zur gleichen Zeit wurde ein Stollnflügel von der Grube Kaiser Heinrich aus weitere 152 m zur Grube Morgenstern und dann weiter Richtung Gleesberg zur Grube Glücksrad getrieben. Von St. Georg aus wurde das Hauptstollnort des Marx-Semler-Stollns weiter betrieben und erreichte nach 175 m im Jahr 1536 die Fundgrube Sperling.

Nach dem großen Silberfund des Tiefen Fürstenstollnortes auf dem Fürstenvertrag Flachen im Jahr 1533 bestand seitens der Gewerken des Fürstenstollns ein starkes Interesse an einer tiefen Wasserlösung der Fürstenvertrag-Fundgrube durch den Marx-Semler-Stolln. So wurde neben dem Hauptort der Stolln auch mit einem Flügelort von der Sperling-Fundgrube aus über die Sittigfundgrube vorangetrieben und nach 500 m im Jahr 1543 im Fürstenvertrag Flachen durchschlägig. Nach weiteren 310 m wird die Fürstenvertrag-Fundgrube erreicht. Das Hauptstollnort wurde teilweise im Gegenortbetrieb bis zur Grube Weißer Hirsch, die er 1539 nach 388 m erreichte, aufgefahren. Hier kommt er bei 38,1 m unter dem Tiefen Fürstenstolln ein.

Nachdem der Marx-Semler-Stolln im Jahr 1540 nach 266 m mit der Katharina-Neufang-Fundgrube durchschlägig wird, erreicht er 1545 nach weiteren 385 m die Grube Landeskrone. Nach dem Erreichen der Grube Landeskrone erlosch das Interesse der Gewerken des Marx-Semler-Stollns an einem weiteren Vortrieb zusehends. Sie verstuften Stollnörter an interessierte Gewerkschaften (z. B. St. Andreas). Erst im Jahr 1554 wurde von der Grube Landeskrone aus nach 411 m die Grube Rappoldt erreicht. Danach überließ man den Weiterbetrieb des Stollns den Gewerken der Fundgrube St. Andreas. Diese erreichten nach 380 m im Jahr 1563 die St.-Andreas-Fundgrube. Im weiteren Verlauf trieb man den Stolln weitere 330 m zur Fundgrube Leviten. Für die im Hohen Gebirge bauenden Gruben war zu diesem Zeitpunkt die Wasserlösung durch den Fürstenstolln und den Name-Jesus-Stolln völlig ausreichend, so dass von dieser Seite aus kein Interesse an einer Anbindung an den Marx-Semler-Stolln bestand. Mit dem an der Grube Landeskrone um 7 m verstuften Rosenkränzer Stolln fuhr man einen Flügelort in Richtung West auf und erreichte dort nach 380 m die Fundgrube Drei Lilien.

Im selben Zeitraum wurde noch ein Stollnflügel zwischen dem 16. Lichtloch und der Grube König David aufgefahren. Dieser erreichte 1566 nach 240 m die St.-Christoph-Fundgrube. Im Quartal Luciae (14. September bis 13. Dezember) des Jahres 1548 kam es zum ersten Mal zur Ausbeutezahlung an die Gewerken des Marx-Semler-Stollns. Bis 1562 wurde in weiteren neun Quartalen Ausbeute gezahlt.