Die feministische Linguistik oder feministische Sprachwissenschaft ist eine sozialwissenschaftliche Disziplin, welche Sprache und Sprachgebrauch unter feministischen Gesichtspunkten analysiert und beurteilt. Ihr Ursprung liegt wie bei der Frauenforschung im englischen Sprachraum. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand in den USA im Zuge der feministischen Bewegung ein verstärktes wissenschaftliches Interesse am unterschiedlichen Sprachgebrauch der Geschlechter. Wegweisend waren Language and Women’s Place (1973) von Robin Lakoff, Male/Female Language (1975) von Mary Richie Key (1924–2003)Bernard Tranel: In memoriam Mary Richie Key, Professor of Linguistics. The University of California. und Language and Sex (1975) von Nancy Henley (1934–2016).Daniela Wawra: Männer und Frauen im Job Interview. Eine evolutionspsychologische Studie zu ihrem Sprachgebrauch im Englischen (= Beiträge zur Englischen Sprache und Kultur. Band 1). Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7283-1, S. 2. Anders als die Linguistik (Sprachwissenschaft) versteht sich die feministische Linguistik selbst nicht nur als beschreibende (deskriptive), sondern auch als intervenierende Wissenschaft und damit als Teil einer politisch-sozialen Bewegung, die Sprache und Sprachgebrauch anhand von soziologischen und politischen Kriterien kritisiert. Daher wird sie in der Sprachwissenschaft oft nicht als Teildisziplin wahrgenommen, sondern als feministische Sprachkritik aufgefasst (vergleiche den entsprechenden Abschnitt unter Sprachkritik).
Seit Mitte der 1980er Jahre haben sich zwei Themenschwerpunkte der feministischen Linguistik herauskristallisiert: die feministische Sprachanalyse (die Analyse des Sprachgebrauchs und der sprachlich transportierten Strukturen und Wertesysteme) und die feministische Konversationsanalyse (die Analyse geschlechtsspezifischer Kommunikationsformen und Sprachnormen).
Feministische Analyse der deutschen Sprache Abhängig von den bestehenden Möglichkeiten des jeweiligen Sprachsystems (Langue), neigt die feministische Linguistik in Bezug auf den Sprachgebrauch (Parole) entweder mehr zur Sichtbarmachung des biologischen/natürlichen Geschlechts von Personen (Sexus) oder mehr zu dessen Neutralisierung (Unsichtbarmachung). Weil im Deutschen die Movierung von maskulinen Personenbezeichnungen mit der weiblichen Wortendung -in sehr produktiv und allgemein möglich ist (Lehrer → Lehrerin), besteht die Sichtbarmachung im deutschen Sprachraum aus der vollständigen Beidnennung von maskuliner und femininer Form (Lehrer und Lehrerinnen) oder abgekürzten Schreibweisen mit Schrägstrich oder Genderzeichen (Lehrer/innen, Lehrer*innen). Neutrale Formen sind beispielsweise Lehrkraft oder Lehrpersonal.
Wichtige Autorinnen für die feministische Analyse der deutschen Sprache sind Senta Trömel-Plötz und Luise F. Pusch sowie Deborah Tannen für die Feministische Konversationsanalyse. Zusammen mit Pusch gilt Trömel-Plötz als Begründerin der deutschen feministischen Linguistik.KoordinatorInnen der „Plattform gegen die Gewalt in der Familie“, Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen: Tatort Medien. Die mediale Konstruktion von Gewalt. In: Kids United! Verein zur Unterstützung jugend-und kultureller Aktivitäten. Nr. 4, 2002, S. 12. Wegweisend waren ihr Text Linguistik und Frauensprache aus dem Jahr 1978Senta Trömel-Plötz: Linguistik und Frauensprache. In: Linguistische Berichte. Band 57, 1978, S. 49–68. und ihre „aufsehenerregende Antrittsvorlesung“ als Professorin an der Universität Konstanz am 5. Februar 1979.Jahresübersicht: In: FrauenMediaTurm.de. 2011, abgerufen am 7. Juni 2020. Beide Frauen organisierten anschließend die „Arbeitsgruppe Feministische Linguistik“ innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft, die enormes Interesse fand und großen Zulauf hatte. Zu den Jahrestagungen in Regensburg und Passau kamen Frauen nicht nur aus der Linguistik, sondern aus allen Gebieten, die mit Sprache umgingen: Schriftstellerinnen, Journalistinnen, Lehrerinnen, Theologinnen, Politikerinnen und Juristinnen.Senta Trömel-Plötz: Vatersprache, Mutterland: Beobachtungen zu Sprache und Politik. Frauenoffensive, München 1992, ISBN 3-88104-219-9, S. 23: Kapitel Der Ausschluss von Frauen aus der Universität.
Formgleichheit von generischem und spezifischem Maskulinum – unklares Genus-Sexus-Verhältnis Die Feministische Linguistik richtet sich gegen den Gebrauch des generischen Maskulinums in der deutschen Sprache. Die Formen der Nomina und der zugehörigen Personal- und Possessivpronomina seien im Deutschen beim generischen Maskulinum mit denen des spezifischen Maskulinums (der Bezeichnung für einzelne Jungen oder Männer oder für Gruppen, die ausschließlich aus Jungen oder Männern bestehen) identisch. Dies führe zu der Notwendigkeit, komplizierte Paraphrasierungen vorzunehmen, wenn man verdeutlichen wolle, dass eine bestimmte Personenbezeichnung sich nur auf männliche Personen bezieht. Diese Umformungen würden – so die Analyse um 1980 – jedoch im realen Sprachgebrauch nur selten gemacht; dadurch bleibe unklar, ob eine grammatisch maskuline Personenbezeichnung als generisches oder als spezifisches Maskulinum gemeint sei. Diese Vermischung von generischem und spezifischem Maskulinum in der Sprachverwendung wurde anhand vieler empirischer Untersuchungen belegt. Eine Übersicht findet sich in Trömel-Plötz: Frauensprache: Sprache der Veränderung.
Durch die Doppelfunktion grammatisch maskuliner Personenbezeichnungen würden Frauen, so die Autorinnen dieser Studien, systematisch „unsichtbar gemacht“. Während Männer bei Verwendung maskuliner Personenbezeichnungen immer gemeint seien, sei es bei solchen Bezeichnungen unklar, ob Frauen mitgemeint seien oder nicht. Dadurch entstehe ein so genannter male bias, der zum ständigen gedanklichen Einbezug von Männern, jedoch nicht von Frauen führe. Die Existenz dieses male bias wurde für den angelsächsischen Sprachraum – wenn auch die Genus-Sexus-Debatte auf die englische Sprache nur bedingt, d. h. auf den Umgang mit Pronomina, anwendbar ist – vielfach empirisch nachgewiesen. Empirische Untersuchungen für den deutschsprachigen Raum konnten die Resultate aus dem angelsächsischen Raum bestätigen.Dagmar Stahlberg & Sabine Sczesny: Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. In: Psychologische Rundschau. Band 52, Nr. 3, 1. September 2001, S. 131–140 (doi:10.1026//0033-3042.52.3.131; ).
Diskriminierung von Frauen mit und in der Sprache Viele Autorinnen der Feministischen Linguistik sehen in verschiedenen Bereichen eine latente Diskriminierung von Frauen innerhalb des deutschen Sprachsystems. Wo Frauen nicht unsichtbar gemacht werden, würden sie als zweitrangig dargestellt oder systematisch abgewertet.
So setzten sich zum Beispiel in den 1970er und 1980er Jahren Feministinnen für die Nichtbenutzung des Wortes „Fräulein“ ein, weil dadurch eine Asymmetrie beseitigt werde, die darin bestehe, dass es kein männliches Gegenstück zu der diminutiven und insofern abwertenden Anredeform „Fräulein“ gebe. Frauen würden auch dadurch abgewertet, dass eine Frau, die gerne und viel spricht, als „Klatschtante“ bezeichnet werde, während ein Mann mit denselben Eigenschaften als „kommunikativ“ gelte, was eher positiv bewertet werde. Weitere abwertende Bezeichnungen für Frauen, für die es keine männlichen Gegenstücke gebe, seien „Blondine“, „Quotenfrau“ oder „Waschweib“.
Durch Metaphern und Redewendungen werden überholte Rollenklischees reproduziert.Hildegard Horny: Feministische Sprachkritik. In: Georg Stötzel, Martin Wengeler (Hrsg.): Kontroverse Begriffe: Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. 4. Band. De Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-014106-X, S. 517–562, hier S. 527 (). Der Germanist Michael Hausherr-Mälzer hält das Sprichwort für einen „Tummelplatz historischer wie aktueller Sexismen“, das in „noch auffälligerer, weil direkter Weise, als sprachliche Strukturen ein unverkennbares Zeugnis einer sexistischen Gesellschaft ablegt.“ Während Redewendungen wie „Sie ist ein ganzer Kerl“ für Frauen eine Statuserhöhung bedeuten, ist die Assoziation eines Mannes mit weiblichen Eigenschaften – etwa „Du benimmst dich wie ein Mädchen“ – eine Herabsetzung. Metaphern wie „ihren Mann stehen“ sind für Marlis Hellinger Beispiele „für die patriarchalische Regel, nach der das Weibliche als zweitrangige Kategorie gilt“. Das Sprichwort „Herren sind herrlich, Damen sind dämlich“ assoziiert Frauen mit dem Adjektiv dämlich, obwohl „dämlich“ auf Niederdeutsch „dämelen“, d. h. nicht recht bei Sinnen, zurückgeht und nichts mit der Etymologie von „Dame“ zu tun hat.
Auch die persönliche Anrede ist sexistisch geprägt. Während Frauen mit demselben Wort angeredet werden („Frau“), das auch als Bezeichnung für ihr biologisches Geschlecht dient, wird für Männer ein sozialer Titel verwendet („Herr“). Bezeichnungen für Frauen und Männer reflektieren den historisch ungleichen Status der Geschlechter. So ist das Wort „Mädchen“ von „Mägdchen“ oder „Magd“ abgeleitet, während „Junge“ und „Knabe“ auf „Junker“ und „Knappe“, die einen höheren sozialen Status als die Magd hatten, zurückzuführen seien.Herkunft des Wortes „Mädchen“, duden.de; Zugriff am 25. September 2021„Mädchen“, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache; Zugriff am 25. September 2021
Gefragt wird in der Feministischen Linguistik auch danach, ob Frauen „in gesprochenen und geschriebenen Texten als eigenständige, gleichberechtigte und gleichwertige menschliche Wesen“ erkennbar sind. Dabei werden Empfehlungen für eine Ausdrucksweise vorgestellt.
Eine Empfehlung besteht darin, Formulierungen zu vermeiden, „die Frauen in stereotypen Rollen und Verhaltensweisen darstellen …“. Beispiel: Die Anrede „Fräulein“ ist ersatzlos zu streichen. Oder „Tennisdamen“ können durchaus auch als „Tennisspielerinnen“ bezeichnet werden.
Richtlinien für einen geschlechtersensiblen Sprachgebrauch
Die Feministische Linguistik zielt nicht allein auf Beschreibung und Kritik der Sprachsysteme und Sprachnormen, sondern auch auf politisch-gesellschaftliche Veränderungen. Zu Beginn der 1980er Jahre formulierten feministische Sprachwissenschaftlerinnen erstmals Richtlinien für einen geschlechtersensiblen Sprachgebrauch, die an Bildungs- und andere Institutionen verteilt wurden. Zu den dort aufgeführten Empfehlungen gehören unter anderem folgende Punkte:
Das grammatische Geschlecht (Genus) von Personenbezeichnungen soll entsprechend dem Geschlecht der gemeinten Person (Sexus) formuliert werden. Als Alternative werden vermeintlich geschlechtsneutrale Ersatzformulierungen (z. B. „Lehrkraft“, ein grammatisches Femininum) oder Substantivierungen von Adjektiven oder Partizipien im Plural (z. B. „Studierende“) angeboten. Frauen sollen dort, wo sie vorkommen, explizit und an erster Stelle genannt werden. Geschlechtsindefinite Bezeichnungen sollen zweigeschlechtlich formuliert werden. Feminine Endungen sollen auch dort gebildet werden, wo dies zu Wort-Neukreationen führt. Die Anreden „Dame“ und „Fräulein“ sollen ersatzlos gestrichen werden. Formulierungen, in denen Frauen über Männer definiert werden („Herr Müller und Gattin“, „Familie Hans Müller“), sollen vermieden werden. Zur Vereinfachung ausgeschriebener Doppelformen wird um 1980 der Gebrauch des Binnen-I empfohlen.
Darüber hinausgehend empfiehlt Friederike Braun als Autorin eines Leitfadens der Landesregierung Schleswig-Holstein, Asymmetrien wie „Weber, Schmidt, Fr. Freitag, Fr. Richter“ sowie das Wort „man“ zu meiden.Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie des Landes Schleswig-Holstein: Leitfaden zur geschlechtergerechten Formulierung: Mehr Frauen in die Sprache. Kiel Dezember 2000, S. 11 (PDF).