Irakische Juden () sind im Irak geborene und/oder dem irakischen Kulturerbe entstammende Juden. Die Geschichte der Juden im Irak ist seit der Zeit der babylonischen Gefangenschaft ca. 586 v. Chr. dokumentiert. Als babylonisches Judentum war das irakische Judentum die älteste und religionsgeschichtlich bedeutsamste Gemeinschaft der Jüdischen Diaspora weltweit.
Zur babylonischen jüdische Gemeinde gehörte Esra, dessen Rückkehr nach Judäa bedeutende Veränderungen im jüdischen Gottesdienst einleitete. In Babylonien, dem heutigen Irak, entstand der Talmud.Der Turmbau zu Babel und Babylon, Gilgamesh, Ningizzida, Gudea
Von der Babylonischen Epoche bis zum Aufstieg des islamischen Kalifats blühte die jüdische Gemeinde Babylons als das Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Der Mongolensturm und die Islamisierung im Mittelalter führten zu einem Niedergang. Unter den Osmanen verbesserte sich die Lage der irakischen Juden.
Noch zu Beginn der irakischen Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert spielten Juden eine bedeutende Rolle, ihre Zahl belief sich 1948 auf rund 120.000. Nach dem arabisch-israelischen Krieg 1948 verließen sie aufgrund von Verfolgungen und Pogromen fast vollständig das Land.BBC NEWS |Middle East | Israelis from Iraq remember Babylon Die meisten flohen in den neu gegründeten Staat Israel, heute leben weniger als 100 Juden im Land. mini|Große Synagoge von Bagdad
Frühe biblische Geschichte Die Bibel unterscheidet nicht immer klar zwischen Babylon und dem Land Babylonien, meist verwendet sie das gleiche Wort für beides. Einige Passagen verwenden den Begriff „Sinear“ für Babylonien, die nachexilische Literatur hingegen „Chaldäa“. Die Genesis beschreibt Babylonien als das Gebiet Babel, Erech, Akkad oder Kalne (), dem Reich Nimrods. Hier erfolgte der Turmbau zu Babel (), ebenso befand sich hier der Sitz Amraphels ().
Die Geschichtsbücher erwähnen Babylonien häufig (31-mal in den Königebüchern). Die Anspielungen beschränken sich auf die Kontakte zwischen den Israeliten und den verschiedenen babylonischen Königen, vor allem Merodach-Baladan (Berodach-baladan ; Vergleiche ) und Nebukadnezar. In Chron., Ez. und Neh. richtet sich das Interesse auf Kyros den Großen (siehe z. B. ), wenngleich in Rückschau auf die Eroberungen des Nebukadnezar und Artaxerxes ().
In der poetischen biblischen Literatur spielt Babylonien eine geringere Rolle (siehe und vor allem Psalm 137), nimmt dafür aber einen bedeutenden Raum bei den Propheten ein. Jesaja empfängt in einer Vision einen „Ausspruch über Babel“ , das zu dieser Zeit noch ein „ferne[s] Land“ zu sein scheint. Eine herausragende Rolle spielt das Buch Jeremia mit zahlreichen Verweisen auf das Leben in Babylon und seine Geschichte. Seine Hinweise auf Ereignisse in Nebukadnezars Regierungszeit bilden eine wertvolle Quelle, um die Geschichte Babylons zu rekonstruieren. Die Inschriften des Nebukadnezar widmen sich fast ausschließlich Bauwerken, somit wäre ohne das Buch Jeremia wenig von seinem Feldzug gegen Jerusalem bekannt.
Die spätere biblische Geschichte und das babylonische Exil Im 6. Jahrhundert v. Chr. wurden die Juden des alten Königreichs Juda durch Nebukadnezar II. dreimal nach Babylon verbannt. Diese Ereignisse erwähnt Jeremia . Die erste Verbannung erfolgte in der Zeit des Jojachin 597 v. Chr. als Vergeltung für eine Tributverweigerung, wobei der Tempel von Jerusalem im Rahmen einer Eroberung teilweise geplündert und ein Teil der Oberschicht ins Exil deportiert wurde (). Nach elf Jahren, in der Regierungszeit des durch Nebukadnezar inthronisierten Zedekia, erfolgte ein möglicherweise von nahegelegenen ägyptischen Truppen unterstützter Aufstand in Juda, woraufhin Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht wurde, und eine weitere Deportation folgte.Georges Roux: Ancient Irak. (1964) 1972, S. 344 f. Schließlich erwähnt Jeremia fünfzig Jahre später eine dritte Gefangenschaft, 537 v. Chr. Nach dem Sturz Babylons durch die Perser erlaubte Cyrus angeblich vierzigtausend Juden die Rückkehr in ihre Heimat (siehe Jojakim, Esra, Nehemia).
Frühe biblische Schilderungen über jüdisches Leben im babylonischen Exil sind überaus spärlich; bestimmte Quellen suchen diesen Mangel durch Anleihen aus dem Reich der Legende und der Tradition auszugleichen. So konstruiert die „Kleine Chronik“ (Seder Olam Zutta) durch die Erstellung einer Genealogie der Exilarchen („Reshe Galuta“) eine angebliche Kontinuität bis zu König Jojachin und macht aus Jojachin selbst einen Exilarchen. Dass Serubbabel in der griechischen Periode nach Judäa zurückgekehrt sei, ist ebenfalls eine Erfindung der „Kleinen Chronik“. Die Nachkommen des davidischen Hauses nahmen mit Gewissheit eine hohe Stellung in der babylonischen Judenheit ein, wie zur selben Zeit in Palästina. Während des Makkabäeraufstandes emigrierten die Nachkommen dieses jüdischen Königshauses nach Babylonien.
Die Griechische Periode (300 v. Chr. bis 160 v. Chr.) Mit dem Alexanderfeldzug erreichten genauere Informationen über die orientalischen Juden den Westen. In Alexanders Armee wird von Juden berichtet, die eine Beteiligung am Wiederaufbau des zerstörten Belus-Tempels in Babylon aus religiösen Gründen verweigerten. Die Herrschaft des Seleukos Nikator 312 v. Chr. über einen großen Teil Babyloniens wurde für Juden und Syrer zum Beginn einer neuen Ära, der Minjan sheṭarot (Aera contractuum oder ‚Ära der Verträge‘), die auch von den Parthern als Zeitrechnung angenommen wurde. Als die Seleukidische Ära im Westen an Bedeutung verloren hatte, überlebte sie im Orient noch eine längere Zeit.siehe Sherira's „Brief“, hrsg. Neubauer, S. 28. Die Rabbiner erwähnten Nicators Gründung der Stadt Seleukia am TigrisMidr. 9, 8.; sowohl die „Große“ als auch die „Kleine Chronik“ verweisen darauf. Die babylonischen Galater () müssen unter Seleukos Callinicus oder unter Antiochos III. von den Juden besiegt worden sein. Letzterer siedelte eine große Zahl babylonischer Juden als Kolonisten in den westlichen Gebieten an, um örtliche revolutionäre Tendenzen unter Kontrolle zu bringen. Mithridates (174–136) unterwarf im Jahr 160 die Provinz Babylonien und brachte damit die Juden für vier Jahrhunderte unter parthische Herrschaft.
Die Parthische Periode Jüdische Quellen erwähnen weder einen parthischen Einfluss, noch den Namen „Parther“, es sei denn gelegentlich im Sinne von „Perser“. Die „Kleine Chronik“ erwähnt den armenischen Prinzen Sanatroces aus dem Haus der Arsakiden als einen der Nachfolger (Diadochen) Alexanders. Unter anderen asiatischen Fürsten erreichte der römische Erlass zugunsten der Juden Arsaces (), wobei die Identität dieses Arsaces nicht feststeht. Nicht lange danach marschierte die Armee des jüdischen Fürsten und syrischen Königs Antiochus Sidetes in Begleitung Hyrkans I. in das Partho-babylonische Gebiet gegen die Parther ein und die verbündeten Armeen besiegten die Parther (129 v. Chr.) am Großen Zab (Lykos), wo der König einen zweitägigen Waffenstillstand wegen des Sabbats und des Wochenfestes befohlen haben soll. Um 40 v. Chr. fiel der jüdische Marionettenherrscher Hyrkanus II. den Parthern in die Hände, die ihm nach ihrer Gewohnheit die Ohren abschnitten und damit herrschaftsuntauglich machten. Die babylonischen Juden erstrebten offenkundig die Gründung eines Hohenpriestertums für den verbannten Hyrkanus, die sie von Palästina vollkommen unabhängig gemacht hätte. Jedoch erhielten die Palästinenser den Babylonier Ananel als Hoherpriester, was auf die Bedeutung der babylonischen Juden verweist. In religiösen Angelegenheiten waren die Babylonier wie die gesamte Diaspora weiterhin von Palästina abhängig. So richteten sie ihre traditionellen Wallfahrten nach Jerusalem aus.
Welche Freiheiten die Parther den Juden ließen, zeigt der Aufstieg des kleinen jüdischen Räuberstaates in Nehardea (siehe Anilaios und Asinaios). Noch bemerkenswerter erscheint die Konversion des Königs von Adiabene zum Judentum. Diese Beispiele zeigen nicht nur die Toleranz, sondern auch die Schwäche der parthischen Könige. Die babylonischen Juden wollten zwar gemeinsam mit den palästinensischen Juden gegen Vespasian kämpfen, aber erst unter Trajan zogen die verhassten Römer in den Krieg gegen die Parther, wobei es in hohem Maße am Aufstand der babylonischen Juden lag, dass die Römer Babylonien nicht zu besiegen vermochten. Philo spricht von der großen Zahl in diesem Land wohnender Juden, die nach der Zerstörung Jerusalems durch neue Einwanderer noch erheblich angestiegen war. In Jerusalem erwartete man von Anbeginn an Hilfe aus dem Osten, und wusste, dass wie zu Zeiten des römischen Prokurators Petronius, die babylonischen Juden wirksame Hilfe leisten konnten. So wurde Babylonien mit dem Untergang Jerusalems zum maßgeblichen Bollwerk des Judentums. Durch die Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes schwoll die Zahl der jüdischen Flüchtlinge in Babylon weiter an.
In den andauernden römisch-persischen Kriegen wuchs der Hass der Juden auf die Römer als Zerstörer ihres Heiligtums, und die Parteinahme für die Parther als ihre Beschützer. Die parthischen Könige verliehen – möglicherweise in Anerkennung der Verdienste der babylonischen Juden bzw. des Hauses David – den Exilfürsten, die bis dahin eher bloße Steuereinnehmer waren, eine reguläre Prinzenwürde als Resch Galuta . So erhielt die Gemeinschaft der jüdischen Untertanen eine zentrale Behörde, die eine ungestörte Entwicklung ihrer inneren Angelegenheiten gewährleistete.
Babylonien als Zentrum des Judentums (219 bis ca. 1050) mini|hochkant|Ezechiels Grab bei Kifel, mit irakisch-jüdischen Einwohnern, 1932. Nach der Zerstörung Jerusalems wurde Babylon für einen Zeitraum von über tausend Jahren ein intellektuelles Zentrum der jüdischen Welt. Abba Arikha, später einfach Rab genannt, eine Schlüsselfigur für die Erhaltung des Judentums nach der Zerstörung Jerusalems verließ Judäa und markierte mit seiner Rückkehr 219 n. Chr. in seine babylonische Heimat den Beginn einer neuen Bewegung im babylonischen Judentum: die Jahrhunderte währende führende Rolle der babylonischen Akademien. Nach Verlassen einer bestehenden babylonischen Akademie unter seinem Freund Samuel in Nehardea gründete Rab seine eigene Sura Akademie. So gab es in Babylonien zwei Akademien, die miteinander aber nicht konkurrierten. Der Ruf beider Akademien wuchs in gleicher Weise. Die Ergebnisse der Tätigkeit beider babylonischen rabbinischen Schulen flossen in die früheste Schicht des Babylonischen Talmud ein. Die jahrzehntelang gleichrangig nebeneinander existierenden Schulen (wobei die Schule von Nehardea nach Pumbedita (heute Falludscha) verlegt wurde) wurden zu einer ständigen Institution und einem gewichtigen Faktor für die Entwicklung des babylonischen Judentums.
Das Schlüsselwerk dieser Akademien bildete die Erstellung des babylonischen Talmud, begonnen um 550 durch Rav Aschi und Rabina, zwei Führern der babylonischen jüdischen Gemeinde. Die Savoraim oder Rabbanan Savoraei (nach-talmudische Rabbiner), setzten die redaktionelle Arbeit an diesem Text für die nächsten 250 Jahre fort, der größtenteils um 700 seine endgültige Form fand. (Siehe Halacha) Die Mischna und babylonische Gemara bildeten zusammen den Talmud Bavli (den „babylonischen Talmud“).
Innerhalb dreier Jahrhunderte wurde die Grundlage des babylonischen Talmud in den von Rab und Samuel gegründeten Akademien geschaffen. Darauf wurde er fünf Jahrhunderte lang Bearbeitungen unterzogen, bis er in der gesamten Diaspora anerkannt wurde. Sura und Pumbedita galten als die wichtigsten Studienorte: ihre Häupter und Weisen galten als unumstrittene Instanzen, ihre Entscheidungen waren überall gefragt und akzeptiert, wo jüdische Gemeinden existierten.