mini|Jacques Goudstikker (1938)

Jacques Goudstikker (* 30. August 1897 in Venlo; † 15. oder 16. Mai 1940 an Bord der Bodegraven) war ein niederländischer Kunsthändler, dessen Sammlungen von Hermann Göring geplündert wurden. Erst nach langen Verhandlungen kehrten Teile der Sammlung 2005 in den Besitz der Erben zurück.

Leben Jacques Goudstikker stammte aus einer Familie von Kunsthändlern. Sein Großvater Jacob, nach dem er benannt wurde, hatte zusammen mit seinem Bruder Simon im Jahr 1845 eine Kunsthandlung gegründet, die vor allem Möbel und kunstgewerbliche Gegenstände im Angebot hatte. Jacob Goudstikkers Sohn Eduard, Jacques Goudstikkers Vater (1866–1925), strukturierte etwa ab 1890 das Geschäft um und konzentrierte sich auf Gemälde holländischer und flämischer Meister aus dem 17. Jahrhundert. Jacques selbst, der auf einer Schule in Handelswissenschaften ausgebildet wurde und Kunstgeschichte in Leiden und Utrecht studierte,Jacques Goudstikker_ Das kleine schwarze Notizbuch ehe er im Alter von 22 Jahren in das Geschäft eintrat, weitete das Angebot auch auf Bilder aus anderen Epochen aus. Er wurde einer der erfolgreichsten Händler für flämische Gemälde des 16. und 17. Jahrhunderts. Weitere Schwerpunkte seines Interesses waren italienische Maler des 15. und 16. Jahrhunderts und die frühe deutsche und französische Malerei. mini|Schloss Nijenrode mini|Nachlass Albert Figdor – Auktion in Berlin 29./30. September 1930. Das Bild von Hieronymus Bosch „Der verlorene Sohn“ geht an Goudstikker. Jacques Goudstikker führte seine Kunsthandlung als AG mit mehreren Filialen. Das Stammhaus befand sich in der Amsterdamer Herengracht 458. Neben dem Kunsthandel galt sein Interesse auch kulturellen und wohltätigen Veranstaltungen. Schauplatz war häufig das Schloss Nijenrode in Breukelen an der Vecht, das er im Jahr 1930 erworben hatte. In diesem Gebäude war jeder Salon einer anderen Epoche gewidmet. Bei einer Veranstaltung mit dem Motto „Ausg'steckt in Nijenrode“ zugunsten verfolgter mittelloser Juden in Deutschland war unter anderem die Wiener Staatsopernsängerin Dési Halban-Kurz (1912–1996) engagiert. Goudstikker, damals frisch verwitwet, trug Dési von Halban-Kurz bald nach dieser Veranstaltung die Ehe an. 1939 wurde der gemeinsame Sohn Eduard († 1996) geboren. Im selben Jahr veranstaltete Goudstikker sein letztes großes Fest in Nijenrode, bei dem Pablo Casals spielte.

Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich und den darauf folgenden Ereignissen wanderten zahlreiche jüdische Freunde Goudstikkers aus den Niederlanden aus. Goudstikker selbst führte eine lebhafte Korrespondenz mit den Emigrierten, konnte sich aber zunächst selbst nicht zu diesem Schritt entschließen. Auf Drängen seiner Frau beantragte er allerdings Visa für die USA, die im Dezember 1939 ausgestellt wurden und bis zum 9. Mai 1940 Gültigkeit besaßen. Auf der Simon Bolivar wollte Jacques Goudstikker etwa 20 Bilder nach London vorausschicken, während er selbst noch zögerte, das Land zu verlassen, doch das Schiff wurde durch eine Seemine zerstört. Dieser Vorfall hielt Goudstikker davon ab, die Auswanderung zügig voranzutreiben. Auf Oostermeer, dem privaten Wohnsitz der Familie in Ouderkerk aan de Amstel, erlebte er die Bombardierung des Flughafens Schiphol am 10. Mai 1940 mit, und erst am 14. Mai 1940, nachdem auch Rotterdam von Luftangriffen schwer getroffen worden war, machte sich die Familie Goudstikker auf den Weg nach Amsterdam, wo Goudstikker seinen Angestellten die Sammlung von etwa 1400 Kunstwerken überantwortete, und dann nach IJmuiden. Zusammen mit etwa 200 anderen Menschen gelangten Jacques, Dési und Eduard Goudstikker an Bord der SS Bodegraven. Dieses Schiff hatte zunächst versenkt werden sollen, um den Hafen für die Deutschen unbrauchbar zu machen, wurde dann aber doch noch für die Flüchtlinge bzw. einen Kindertransport genützt und gelangte unbeschädigt nach Dover. Dort jedoch durfte keiner der Passagiere von Bord gehen, weil die britischen Behörden die Einschleusung von deutschen Spionen fürchteten. Die Bodegraven sollte Kurs auf Südamerika nehmen.

In der Nacht zum 16. Mai, als das Schiff sich noch im Ärmelkanal befand, ging Jacques Goudstikker an Deck, um eine Zigarette zu rauchen, während seine Frau bei dem kleinen Sohn zurückblieb. Als ihr Mann nicht zurückkehrte, bat Dési Goudstikker den Kapitän, ein Suchkommando loszuschicken. Einer der Matrosen, die damit beauftragt worden waren, stürzte auf dem zum Schutz vor feindlichen Angriffen komplett abgedunkelten Schiff durch eine Deckluke und verletzte sich das Rückgrat. Dass er bei dem Sturz nicht tödlich verunglückte, hatte er wohl dem Umstand zu verdanken, dass er auf die Leiche Jacques Goudstikkers fiel, der durch dieselbe Luke gestürzt war und sich das Genick oder den Schädel gebrochen hatte.Die Angaben zur Todesursache Goudstikkers variieren in verschiedenen Quellen; ob überhaupt eine Obduktion vorgenommen wurde, ist jedoch fraglich. Laut trug der Matrose eine dauerhafte Behinderung davon. Der Kapitän fuhr daraufhin Falmouth an, um sein verletztes Mannschaftsmitglied ins Krankenhaus bringen zu können. Wegen dieses Zwischenstopps gelang es Dési Goudstikker, eine Seebestattung ihres Mannes zu verhindern und Jacques Goudstikker in Falmouth beerdigen zu lassen. Sie selbst musste auf das Schiff zurückkehren, das sie mit Eduard erst in Liverpool verlassen durfte.

Schicksal der Familie Jacques Goudstikkers Witwe konnte neue Visa für ihren Sohn und sich beschaffen und wanderte über Kanada in die USA aus, wo sie als Sängerin ihren Lebensunterhalt verdiente. 1946 kehrte sie nach Holland zurück, um sich um die Wiedergewinnung ihres Eigentums zu kümmern. Jacques Goudstikker hatte vor der Auswanderung eine Liste von 1241 Kunstwerken aus seinem Besitz anlegen lassen, die er in Form eines schwarzen Ringbuchs bei sich getragen hatte und mit deren Hilfe Dési Goudstikker nun nach den Bildern suchte.

1950 heiratete sie ihren Anwalt Edward von Saher und ließ dessen Nachnamen auf ihren Sohn Eduard übertragen. Dieser kam in den 1960er Jahren als GI nach Deutschland, wo er seine spätere Frau Marei Langenbein kennenlernte, die bei Holiday on Ice auftrat. Erst nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter erfuhr Marei von Saher-Langenbein vom Schicksal der Kunstsammlung und setzte sich gemeinsam mit ihren beiden Töchtern für die Rückgabe der Kunstwerke ein.

Schicksal der Sammlungen mini|1941: Hermann Göring beim Verlassen der Kunsthandlung Goudstikker Hermann Göring und Alois Miedl, der aus München stammte, aber seit 1930 in den Niederlanden lebte, übernahmen wenige Wochen nach der Auswanderung der Familie Goudstikker die Galerie. Miedl hatte zunächst den Plan gehabt, Goudstikkers Geschäft und Sammlung allein an sich zu bringen; dies war jedoch von Göring, der ebenfalls ein Auge auf die wertvollen Sammlungen geworfen hatte, verhindert worden. Miedl war mit einer Jüdin verheiratet, was ihm einerseits das Vertrauen jüdischer Geschäftspartner sicherte, ihn aber andererseits von Görings Schutz abhängig machte. Er beauftragte den jüdischen Geschäftsmann Max Model, der Geld für seine Emigration brauchte, mit Goudstikkers Konservator Jan Dik senior in Kontakt zu treten. Dieser machte ihn mit Goudstikkers Prokuristen Arie ten Broek bekannt. Miedl schützte zunächst Kaufabsichten für einige Gemälde vor, nahm dann an mehreren fingierten Aktionärsversammlungen teil und sicherte sich das Vertrauen der Mitarbeiter und vor allem der Mutter Jacques Goudstikkers: Emily Goudstikker-Sellisberg, die 15 Prozent der Aktien hielt, war Jüdin und musste auf den Schutz hoffen, den Miedl ihr versprach und tatsächlich auch zukommen ließ, als die Deportationen von Juden aus Holland begannen. Miedls Maßnahmen wurden vordergründig zum Schutz des Familienvermögens vorgenommen: Im Mai 1940 wurde ten Broek zum arischen Vorsitzenden der Kunsthandlung gemacht. Legalisiert wurde dies durch den jüdischen Notar Arnold van der Bergh, der die Hoffnung hegte, als Gegenleistung Hilfe bei der Flucht aus Holland zu erhalten. Ten Broek erhielt auf diese Weise das Stimmrecht für Goudstikkers Anteil an dem Unternehmen; ein Telegramm, in dem Dési Goudstikker dem Verkauf der Kunsthandlung widersprach, wurde ignoriert. Dik und ten Broek verbreiteten das Gerücht, das Unternehmen müsse wegen Zahlungsunfähigkeit liquidiert oder verkauft werden, wofür sie von Miedl 210.000 Gulden erhielten. Im Juli 1940 erfolgte der Verkauf an Göring und Miedl zu einem Preis von 2.550.000 Gulden. Göring übernahm die Kunstwerke für 2.000.000 Gulden, Miedl die Immobilien, den Namen und den Geschäftswert der Galerie für den Rest des Geldes. Umgehend sicherte sich Göring 780 Kunstwerke für seine Anwesen in Deutschland, darunter allein 300 für Carinhall. Rund 50 Gemälde gab er an Hitler weiter, den Rest verkaufte er mit großem Gewinn – zum Teil an seinen Helfer Miedl. Dieser handelte bis 1944 erfolgreich mit Kunst und verkaufte in dieser Zeit etwa 5000 Gemälde. 1944 setzte er sich nach Spanien ab. Er wurde später als Kronzeuge vernommen, aber nie selber belangt. Ein Gemälde Jan van Goyens wurde 1940 in die Sammlung des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch übernommen und befindet sich heute im Nationalmuseum Danzig, eine Rückgabe wird vom Museum abgelehnt.Patricia Kennedy Grimsted: Nazi-Looted Art from East and West in East Prussia: Initial Findings on the Erich Koch Collection, S. 30 (PDF, engl.)New York Times (12. Januar 2020): Poland Urged to Look for Nazi-Looted Art Still Held in Its Museums (engl.)Der Spiegel: Die Einpacker (Heft 32/2007)

Ein Werk aus Goudstikkers Sammlung wurde 2025 in Argentinien als mutmaßliche Beutekunst identifiziert. Es war in einer Immobilienanzeige einer Wohnung in der Stadt Mar del Plata entdeckt worden. Bei dem Werk soll es sich um das Portrait einer Dame von Giuseppe Ghislandi handeln, das 1940 in Amsterdam von den Nationalsozialisten geraubt und anscheinend im Jahr 1944 von dem Ministerialrat Friedrich Kadgien, einem Koordinator geraubter Devisen und Wertpapiere, im Auftrag von Hermann Göring angekauft wurde. Nachdem die argentinischen Behörden auf das Gemälde aufmerksam geworden waren, leitete die Polizei umfangreiche Ermittlungen ein. Die Wohnung einer der beiden Töchter Kadgiens wurde durchsucht, zudem wurden Fahndungsmaßnahmen angeordnet und gegen die mutmaßlich beteiligten Personen Hausarrest verhängt. Das Bild konnte von den Behörden nicht gesichert werden und war zunächst versteckt worden. Schließlich übergab der Anwalt der Familie das Gemälde jedoch den zuständigen Behörden. Ein argentinischer Kunstsachverständiger untersuchten das Werk von 1710 und attestierte den Zustand des Gemälde als gut. Das Wert des Gemälde bezifferte er auf umgerechnet 43.000 Euro. Patricia Kadgien, eine Tochter Friedrich Kadgiens, legte gegen die Beschlagnahmung des Bildes Widerspruch ein. Sie vertrat die Auffassung, dass das Gemälde ihr rechtmäßig gehöre. Zur Begründung berief sie sich auf das argentinische Recht, nach dem Ansprüche früherer Eigentümer nach einem langen Zeitraum verfallen seien. Marei von Saher, die Schwiegertochter Jacques Goudstikkers und seine einzige Erbberechtigte, kündigte hingegen an, rechtliche Schritte einzuleiten, um die Rückgabe des Gemäldes an die Familie zu erwirken. Im September 2026 gab das Bundesgericht von Mar del Plata bekannt, dass zwischen den beiden Parteien eine Vereinbarung erzielt worden ist. Patricia Kadgien verzichtete demnach auf sämtliche Ansprüche an das Gemälde. Das Gemälde soll zunächst öffentlich in Argentinien ausgestellt werden, bevor es anschließend in die Niederlande überführt und an Marei von Saher zurückgegeben wird. Der Wert des Gemälde wurde von Gutachtern mittlerweile auf etwa 250.000 Euro geschätzt.