Theophil oder Gottlieb Dachtler (* 1553 oder 1554 in Biberach an der Riß; † nach 1630 vermutlich in Straßburg); Pseudonyme: Theophil Elychnius und Friedebertus Theophilus, war ein deutscher Jurist und Autor.
Leben Kindheit und Studium Gottlieb bzw. Theophil„Gott-lieb“ ist die deutsche Lehnübersetzung von „Theo-philus“. Dachtler war ein Sohn des Mag. Jakob Dachtler d. J. (um 1525–1598). Er wurde in Biberach geboren („Biberacensis“),So 1574 bei Verleihung des Baccalaureates. wo sein Vater von 1553 bis etwa 1557 Pfarrer war. Seine Kindheit verbrachte er ab etwa 1558 in Wiesensteig in der Grafschaft Helfenstein; dort befand sich auch eine LateinschuleVgl. Heribert Hummel: Der gotische Kirchenbau und seine Ausstattung im Land an Fils und Lauter. In: Karl-Heinz Ruess, Wolfgang Deutsch (Hrsg.): Gotik an Fils und Lauter (Veröffentlichungen des Kreisarchivs Göppingen 12). Anton H. Konrad, Weißenhorn 1986, S. 9–66, bes. S. 11.57.67; Siegfried Hermle: Reformation und Gegenreformation in der Herrschaft Wiesensteig unter besonderer Berücksichtigung des Beitrags von Jakob Andreae (Quellen und Forschungen zur württembergischen Kirchengeschichte 14). Calwer, Stuttgart 1996.. 1562/63 muss Dachtler die große Hexenverfolgung miterlebt haben, bei der in der Herrschaft Wiesensteig, in der sein Vater Superintendent war, mindestens 63 Frauen und Männer als „Hexen und Unholde“ hingerichtet wurden.Warhafftige vnnd Erschreckliche Thatten vn[d] handlungen der Lxiij. Hexen vnnd Vnholden, so zu Wisenstaig mit dem Brandt gericht worden seindt, o. O. [Friedrich Gutknecht, Nürnberg] 1563.
Dachtler immatrikulierte sich am 22. Oktober 1568 als „Theophilus Dachtlerus, M. Jacobi Dachtleri Filius“ in Tübingen; sein Vater war zu dieser Zeit Professor für hebräische Sprache in Tübingen. Dachtler wurde am 31. März 1574 Baccalaureus und erwarb am 1. August 1576 den Magistergrad. An der juristischen Fakultät der Universität Tübingen, deren Vorlesungen er besuchte, lehrten die Professoren Anastasius Demler (1520–1591) und Johannes Hochmann (1528–1603). Dachtler war ein Schüler des Professor für Poesie und Geschichte Nicodemus Frischlin (1547–1590). Eine der Vorlesungsmitschriften Dachtlers über die „Carmina“ des Horaz hat sich erhalten. In Tübingen trug Dachtler sich 1576 in das Stammbuch von Wilhelm Friedrich Lutz (1551–1597) ein.
Straßburg Um 1580 ließ sich Theophil Dachtler in der Reichsstadt Straßburg nieder, 1583 heiratete er dort. Mag. Dachtler wurde Ratsconsulent und „Actuarius“ (Notar) des „Kleinen Rates“ der Stadt. Er veröffentlichte juristische Gutachten, volkswirtschaftliche Überlegungen im Genre eines Fürstenspiegels, Gedichte, satirische Schriften und antikatholische Streitschriften im Stil des „Grobianismus“, insbesondere gegen die römische Kurie und gegen die Orden der Jesuiten, Dominikaner und Franziskaner. In Anspielung auf Griechisch „τὸ ἐλλύχνιον“ = „Docht“ wählte Dachtler in seinen Veröffentlichungen als Pseudonym den Humanistennamen „Elychnius“.
In einer scharfen Satire „Relatio ex Parnasso“ wandte Dachtler sich 1618 gegen die in diesem Jahr erfolgte Umwandlung des Jesuitenkollegiums in Molsheim in eine katholische Universität für das Elsass: Am Hoflager Apolls auf dem Berg Parnass erscheint eine Jesuitendelegation aus Molsheim, um die anderen am Rhein gelegenen Universitäten (Köln, Mainz, Freiburg, Basel, Straßburg, Heidelberg) – erfolglos – zu verklagen. Diese Schrift „Relatio ex Parnasso“ von 1618 enthält viele Einzelheiten zur literarischen Geschichte des Elsasses.
Dachtler korrespondierte mit dem Basler Pfarrer Jakob Brandmüller d. Ä. († 1629),Vgl. Brief von Jacobus Brandmyller aus Basel von 1615 an „Theophil Dachtlers, Straßburger Ratschreiber“ (Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Handschrift des Klosters Ettenheim-Münster, E. M. 352). seinem Cousin aus einer ursprünglich Biberacher Familie.Theophil Dachtlers Vater Jakob Dachtler d. J. war seit 1556 in zweiter Ehe mit Catharina Brandmiller aus Biberach verheiratet. Er beteiligte sich an den Festschriften „Daphnis Seu Actus Caesareus“ (1616/17) für Johannes Paul Crusius (1588–1629)Aus Straßburg, Sohn des Diakonus Paul Crusius d. J. (1557–1609) und Enkel von Paul Crusius, Dramatiker und Lyriker, 1613 bis 1627 Professor am Straßburger protestantischen Gymnasium, 1616 zum Dichter gekrönt, ab 1629 Professor der Poesie an der Straßburger Universität. anlässlich dessen Dichterkrönung und „Novis Laureae“ (1619) für Mag. Johann Peter Thomas WalliserAus Straßburg, Sohn von Lorenz Thomas Walliser.. 1620 vermittelte Dachtler die Dichterkrönung von Mag. Samuel Gloner (1598–1642)Aus Straßburg, auch „Glonerus“, 1620 Lehrer in Durlach, ab 1622 in Straßburg; vgl. die Festschrift „Daphnis Poetica“ im Werkverzeichnis. und 1623 die des Straßburger Studenten und späteren Professors für Poesie in Reval Timotheus Polus durch den Pfarrer und Hofpfalzgrafen Johann Jacob Grasser in Basel.
Aus dem Nachlass seines Amtsvorgängers Sebastian Brant sammelte Dachtler einige Epigramme, die über diese Abschrift erhalten blieben„Was Volgt, das hab ich T. Dachtler Aus Eintzigen Zedelin Abcopiert So weylandt heer D. Sebastian Branden geweßnen der Statt Straßburg Stattschreybers Syndicj Und Advocaten eigne handt seindt“; Stadtarchiv Straßburg, AST 169.. Von Dachtler stammte auch eine Abschrift des verlorenen alten Vergichtbuchs (Buch der Geständnisse) der Stadt Straßburg von 1462 bis 1473, die zwar selbst auch verschollen, aber durch einen Auszug von Stadtarchivar Jakob Wencker (1668–1743) dokumentiert ist.Stadtarchiv Straßburg (AST 176).
Der Straßburger Hochschullehrer Matthias Bernegger widmete Dachtler 1620 seine gegen Caspar Schoppe gerichtete pazifistische Schrift „Proaulium Tuba Pacis“Theodosius Berenicus (Pseudonym): Proaulium Tubae Pacis, Occentae Scioppiano Belli Sacri Classico. Nikolaus Wyriot, Straßburg 1621 (Digitalisat der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel).. Im Britischen Museum erhalten ist eine Ausgabe von Martin Opitz, Teutsche Poemata und Aristarchus wieder die Verachtung teutscher Sprach, Straßburg 1624, die Julius Wilhelm Zincgref herausgegeben und „seinem Freund und Gönner“ Dachtler 1624 geschenkt hat.„Clarissimo Consultissimo D[omin]o Theophilo Dachtlero Judicij Argentoratensis Aduocato integerrimo, amico et fautori suo colendo dono dedit A[nn]o 1624 Juli[us] Guilh[elmus] Zincgrefi[us] D.“; vgl. Leonard Wilson Forster, Jörg-Ulrich Fechner: Das deutsche Sonett des Melissus (1972). In: Leonard Wilson Forster: Kleine Schriften zur deutschen Literatur im 17. Jahrhundert (Beihefte zum Daphnis 1). Rodopi, Amsterdam 1977, S. 57–79, bes. S. 58 Anm. 3.
1627 war „Dn. M. Theophilo Dachtlero, Minoris Senatus Actuar“ einer der Widmungsempfänger einer von Caspar Brülow herausgegebenen Gedichtsammlung über das Buch JonaCaspar Brülow (Hrsg.): Carmen Exegetico-Dramaticum De S. Propheta Jona Et Ninivitarum Conversione. Glaser, Straßburg 1627 (Digitalisat der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel). und als „Theophilus Tachtlerus“ Widmungsempfänger einer von Wolfgang Crustehenius († vor 1627) besorgten Edition des venezianischen Senators Marcantonio Marcello (1545–1606) über die weltlichen Rechte der römischen Päpste, die posthum durch den Frankfurter Verleger Johann Beyer († 1666)Ursprünglich wahrscheinlich aus Homburg vor der Höhe. herausgegeben wurde.Wolfgang Crustehenius: (Hrsg. und Übersetzer): De Jvre Saecvlari Romanorvm Pontificvm M. Antonii Marcelli Veneti Patritii Et Senatoris Liber, cvi adiectvs … discvrsvs contra elationem et potestatem temporalem papae pro defensione regis nostri … & immunitatum Ecclesiae Gallicanae, nvnc primvm ex gallico (nvperrime publicato) in latinum idioma translatus per Wolfgangum Crustehenium. Johann Beyer, Kaspar Rötel, Frankfurt am Main 1627 (Google-Books); italienisch Marc' Antonio Marcello: Historia delle pretensioni temporali dei Romani Pontefici, um 1600, handschriftlich erhalten, ausführliche Besprechung von Christian Thomasius: Summarische Nachrichten. Von auserlesenen, mehrentheils alten, in der Thomasischen Bibliotheque vorhandenen Büchern, Bd. XVIII. Johann Friedrich Zeitler, Halle / Leipzig 1717, S. 447–481 (Google-Books). 1629 gab Dachtler Nachrufe auf den Professor für Poesie Johannes Paul Crusius (1588–1629) und 1630 auf den Straßburger Arzt Dr. Jeremias Funck (Funccius) (* um 1570/75; † 1630)Aus Ohrdruf. mit heraus.
Familie Theophil Dachtler heiratete 1583 Dorothea Knörer (* vor 1568; † vor 1607), Tochter von Ratsherr Peter Knörer († vor 1594). Ihre Kinder waren: Agnes Dachtler (* 1584; † vor 1648), Catharina Dachtler (* 1587; † vor 1648), Dorothea Dachtler (* 1589; † vor 1603), Jacobus Dachtler (* 1590; † vor 1648), Anna Maria Dachtler (* 1592; † vor 1648), Maria Salome Dachtler (* 1601; † vor 1648), Dorothea Dachtler (1603–1672), verheiratet mit Johann Joachim II. Frantz (1598–1666), Sekretär des Rats der Fünfzehner, später Mitglied dieses Rats,Rühmlichst geführter … Lebenslauff des weyland … Christoph Jacob Mockels, Gewesenen … Dreyzehners … dieser Stadt. Johann Welper, Straßburg 1704, S. 7 (Google-Books). In zweiter Ehe heiratete er 1607 Susanna Seupel, Tochter von Peter Seupel († 1589) und Susanna Meyer. Ihr Sohn war: Theophilus Dachtler (* 1611; † vor 1648) Das einzige überlebende Kind war die Tochter Dorothea (1603–1672), die 1621 Johann Joachim II. Franz heiratete, der zu den Straßburger „Fünfzehnern“ gehörte.Vgl. Paul Greissler: La classe politique dirigeante à Strasbourg (1650–1750). Le Quai, Strasbourg 1987, S. 104. Dachtlers einziger Enkelsohn war der Stadtsyndikus Dr. Johann Joachim III. Frantz (1626–1697),Brief von Johann Michael Moscherosch an Johann Valentin Andreae vom 10. Februar 1649; Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (Cod. 11.12 Aug. 2o, Blatt 363). In: Wilhelm Kühlmann: Johann Michael Moscherosch in den Jahren 1648–1651. Die Briefe an Johann Valentin Andreae In: Wilhelm Kühlmann, Walter Ernst Schäfer: Literatur im Elsaß von Fischart bis Moscherosch. Max Niemeyer, Tübingen 2001, S. 201–225, bes. S. 207f. seit 1655 verheiratet mit Eva Barbara Zeyßolff (1640–1677).Tochter von Johann Sebastian Zeyssolff (1589–1652) und Kunigunda Margaretha Heuss (* 1593). Er verfasste 1681 die Kapitulationsschrift der Stadt Straßburg.Vgl. Anonym: Zur Geschichte der Straßburger Kapitulation von 1681. Schulte, Straßburg 1881, S. 49. Die Enkeltochter Salome Frantz (1634–1665) heiratete 1655 den Straßburger Zeugwart und Dreizehner Christoph Jakob Mockel (1630–1704),I. N. D. N. J. C. (= In nomine Domini nostri Jesu Christi) Lavdabilivm politicorvm, ex Iustino, Pars posterior quam divino nvmine annvente, sub praesidio Dn. Iacobi Schalleri, Solenni eruditorum examini ad d. 31. M. August. proponit Christophorvs Jacobvs Mockelivs, Halae natus. Friedrich Spoor, Straßburg 1649 (Google-Books). gebürtig aus Schwäbisch Hall, einen Bruder von August Friedrich Mockel.Kaufvertrag vom 8. März 1662; Archives de la ville de Strasbourg (Chambre des Contrats, vol. 527, Bl. 162).Rühmlichst geführter … Lebens-Lauff Deß weyland … Herrn Christoph Jacob Mockels, Gewesenen … Dreyzehners. Johann Welper, Straßburg 1704 (Google-Books).
Quellen Theophil Dachtler, Kollegheft „Nikodemi Frischlini Annotata in Horatii carmina“ (Stadtbibliothek Hamburg; Cod. ms. philol. 333. 81 S. 4")
Werke Selbstständige Monographien Montes Pietatis Romanenses, Das ist: Die Berg der From[m]keit oder Gottesforcht in der Statt Rom. Darinnen ein besondere Gattung Gelt in Eyl zur Notturfft auffzubringen, deren sich die Päpst zu Rom in den nechstverschinen Hundert, nemblich von 1500. biß auff das 1600. nach Christi Geburt, zu etlich underschiedlich malen gebraucht, beneben allerhand merckwürdigen umbständen beschrieben worden. Den Frommen Guthertzigen Teutschen, so wol Einer als der Andern Religion, zur Warnung und Bericht. Durch Elychnium Gottlieb. Eberhard Zetzner, Straßburg 1608.