Das Fach ReligionsanthropologieIm englischsprachigen Raum wird religious/religion anthropology gewöhnlich im Sinne von Religionssoziologie verwendet. ist eine Ende der 1980er Jahre von Julien Ries und anderen begründete Unterabteilung der Religionswissenschaft. Sie befasst sich insbesondere mit religiösen Grundphänomenen wie das Heilige, Glaube, Mythos, Transzendenz, Riten oder Symbole sowie mit den damit zusammenhängenden kognitiven und unbewussten Prozessen und ihrer anthropogenetischen Entstehung und Ausformung unter verschiedenen kulturellen Rahmenbedingungen.

Abgrenzungen Das System der Religionswissenschaft ist komplex, und im Laufe der Zeit haben sich oft aus anderen Wissenschaften kommend verschiedene Teilgebiete entwickelt, mit jeweils verschiedenen Ansatzpunkten, die sich mit unterschiedlichen Aspekten von Religion beschäftigen oder aber dieselben Aspekte aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersuchen: Die Religionssoziologie, wie sie von Max Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Teilgebiet der Soziologie begründet wurde, befasst sich im Unterschied zur Religionsanthropologie weniger mit der Rolle von Religion im Individuum in seiner anthropologischen und historischen Entwicklung. Ihr Forschungsgegenstand sind vielmehr vorwiegend soziale Gruppen und Gesellschaften und ihre formativen Beziehungen zur Religion. Die Betrachtungsrichtung ist also zu der der Religionsanthropologie gegenläufig (Gesellschaft → Individuum, nicht Individuum → Gesellschaft).Britannica. Band 26, S. 516/517. Die KulturanthropologieDieser deutsche Begriff hat ebenfalls im Amerikanischen eine abweichende Bedeutung, wo cultural anthropology oder im Englischen social anthropology eine besondere Ausrichtungen der Ethnologie bezeichnet. steht ebenfalls der Soziologie, vor allem aber der Ethnologie und Volkskunde nahe. Sie schließt aus der vergleichenden Betrachtung aller empirisch erfassbarer Möglichkeiten der menschlichen Kulturgestaltung auf den Menschen als kulturfähiges Wesen insgesamt zurück. Sie geht somit weit über den Bereich der Religion hinaus, obgleich sie diese als zentrale Kulturleistung ebenfalls als Phänomen mit untersucht, jedoch in universellen Kontexten wie bei Leo Frobenius, Bertrand Russell oder Oswald Spengler oder im Rahmen spezieller Fragestellungen wie bei Samuel P. Huntington.Brockhaus-Enzyklopädie. Band 12, S. 583. Zahlreiche Berührungspunkte gibt es hingegen zur Religionsphänomenologie, soweit diese sich mit individuellen Grundphänomenen des Religiösen und ihrer Beziehungen zueinander beschäftigt, also Fragen wie das Heilige und religiöse Vorstellungswelten wie Gottesglaube, Urzeit, Endzeit oder Jenseits untersucht, wobei in der Religionsanthropologie allerdings der Mensch in seiner geistigen Entwicklung im Mittelpunkt der Betrachtungen steht und nicht das Phänomen als solches.Britannica. Band 26, S. 521/522 und 528. Ganz ähnlich gestaltet sich das Verhältnis zur Religionspsychologie, die sich jedoch mit dem anthropologischen Aspekt in seiner zeitlichen Entwicklung nur am Rande beschäftigt (etwa beim Archetypus) und sich auf den Ist-Zustand konzentriert, wobei vor allem mit den praktischen Mitteln der Psychologie und Tiefenpsychologie gearbeitet wird, etwa bei der Untersuchung des Gewissensproblems.Arnold/Eysenck/Meili, S. 1882–1895; Britannica. Band 26, S. 517/518. Die Religionsgeschichte wiederum konzentriert sich auf die äußeren und inneren Abläufe der historischen Entwicklungen von Religionen, auf spezifische Phänomene und Formen, die dabei auch morphologisch auftreten, sowie auf ökonomische, politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die dabei jeweils zu beobachten sind oder waren.Britannica. Band 26, S. 517/518 und 525–528. Entsprechend untersucht die Religionsethnologie die Erscheinungsformen von Religion bei unterschiedlichen Völkern der jüngeren und neuen Geschichte und ist entsprechend auch ein Teilgebiet der Ethnologie. Ihr spezielles Interesse gilt den Religionen der schriftlosen Völker, wobei vor allem die Mittel der ethnologischen Feldforschung eingesetzt werden.Britannica. Band 26, S. 524/525. Die Religionsphilosophie schließlich ist eine Subdisziplin der Philosophie und versucht eine philosophische Durchdringung des Phänomens Religion, obwohl Religion und Philosophie vor allem in alten Kulturen oft schwer zu trennen sind und solche Interpretationen von den zeitlich schwankenden Gesetzen der Hermeneutik besonders beeinflusst werden, wie sie etwa der Hermeneutische Zirkel umschreibt.Britannica. Band 26, S. 518/519 und 525. Nicht verwechselt werden darf die Religionsanthropologie hingegen mit der Theologischen Anthropologie, die den Menschen im Rahmen der christlichen Glaubenslehre und seiner Gottebenbildlichkeit deutet und mit der Christologie eng verbunden ist.Brockhaus. Band 1, S. 633. Die Religionstheologie wiederum ist Bestandteil der christlichen bzw. katholischen Systematischen Theologie, dort ist sie bei der Fundamentaltheologie angesiedelt.

Entstehung und Forschungsgegenstand Als Mitbegründer gilt Julien Ries, der mit der ab 1989 erschienenen zehnbändigen Reihe „Abhandlung über die Anthropologie des Heiligen (Treatise on the Anthropology of the Sacred)“, zusammen mit über 50 Gelehrten aus der gesamten Welt entscheidend zur Entstehung des Faches in seiner modernen Form beigetragen hat. In der Religionsanthropologie werden Religionsgeschichte, Geschichte, Kulturgeschichte, Vorgeschichte und Paläoanthropologie, Ethnologie und Soziologie eng miteinander verknüpft.PDF bei www.jacabook.it Im Zentrum des Interesses stehen dabei das Phänomen des Heiligen und die Anthropologie des Homo religiosus sowie die Rolle, die die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins vor allem bei der Entdeckung der Transzendenz dabei spielte. Mythos und Symbol des so genannten Homo symbolicus, Ritus und Strukturen religiösen Verhaltens sind in diesem Zusammenhang ebenfalls wesentliche Themenkomplexe.Ries, Ursprung der Religionen, S. 116–156. Im Unterschied zur thematisch ähnlichen Religionsphänomenologie beschäftigt sich die Religionsanthropologie nicht so sehr mit den abstrakten Phänomenen eines Edmund Husserl, sondern mit ganz konkreten menschlichen Vorgängen, insbesondere mit den frühesten Befunden etwa der Paläoanthropologie, der Archäologie sowie den Ergebnissen der Psychologie und Tiefenpsychologie, und hier insbesondere mit den Ergebnissen der Bewusstseinsforschung. Entsprechend sind Sigmund Freud (etwa in „Totem und Tabu“) und C. G. Jung (z. B. in seiner Archetypenlehre) mit ihren religionspsychologischen Untersuchungen auch wichtiger Vorläufer gewesen, desgleichen Mircea Eliade mit seinen religionsethnologischen Untersuchungen. Julien Ries notiert dazu in „Ursprung der Religionen“:Ries: Ursprung der Religionen, 1989, S. 115.

Definition und hauptsächliche Forschungsbereiche In enger Verbindung mit Religionsgeschichte, vor allem hinsichtlich ihrer frühesten und frühen Phasen, mit Religionssoziologie und Religionspsychologie beschreibt die Religionsanthropologie die Bedingungen religiösen Erlebens im gläubigen Individuum sowie die Wechselwirkungen zwischen diesem, Gesellschaft und Glaubensgemeinschaft. In der von Julien Ries mit herausgegebenen 10-bändigen Abhandlung über die „Anthropologie des Heiligen“ sind einige der Themen paradigmatisch präsent: 1. Ursprünge und Repräsentanz des Homo religiosus, 2. Der indoeuropäische Mensch und das Heilige, 3. Die Mittelmeerkulturen und das Heilige, 4. Der religiös Glaubende in der jüdischen, muslimischen und christlichen Religion, 5. Krise, Brüche und Veränderungen, 6. Eingeborenenkulturen in Zentral- und Südamerika, 7. Die Kulturen und Religionen amerikanischer Eingeborenen, 8. Japan. Die großen Religionen im Fernen Osten, 9. China. Die großen Religionen im Fernen Osten, 10. Metamorphosen des Heiligen. Ries definiert wie folgt:Ries: Ursprung der Religionen, S. 134.

Insgesamt untersuchen Religionsanthropologen in der eigenen und in fremden Gesellschaften vor allem die im Folgenden auf der Grundlage der wichtigsten Interpretationen von Julien Ries und anderen kurz beschriebenen Phänomene und Aspekte und ihre Entwicklung.Hans-Rudolf Wicker: Leitfaden für die Einführungsvorlesung in Religionsanthropologie, 1995–2012. (PDF: 292 kB; 51 S.) Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern, 2012 (Vorlesungsskript).

Alltagsreligiosität und Strukturen religiösen Verhaltens Die Alltagsreligiosität umschreibt in allen Religionen die praktischen Erscheinungsformen der täglichen religiösen Praxis insgesamt, also Gebete, Opfer, Rituale usw. und zeigt enge Beziehungen zum Brauchtum. Besonders hier ergeben sich starke Überschneidungen zu den anderen Subdisziplinen der Religionswissenschaft, aber auch zur Volkskunde, Ethnologie und zur Psychologie allgemein, zumal der Forschungsgegenstand hier relativ unspezifisch und breit gefächert ist. Dabei gibt es auch Berührungen mit kirchenpolitischen Problemstellungen (vergleiche dazu das Zeit-Interview mit dem jüdischen Religionsanthropologen Richard Sosis).

Die Grundstrukturen religiösen Verhaltens bilden jedoch die Basis jeglicher Alltagsreligiosität und sind damit wichtiger Forschungsgegenstand der Religionsanthropologie. Dabei ergeben sich religionsanthropologisch drei Hauptaspekte: Der Komplex Bild, Symbol und Kreativität: Der Raum für symbolhafte Erfahrungen öffnet sich über Bilder, die von Objekten der Außenwelt stammen, zum Beispiel Himmel, Sonne, Sterne, Tiere, Pflanzen, Berge usw. Nach Eliade funktioniert das Symbol nicht mit Objekten, sondern mit Bildern. Diese Bilder wiederum wirken auf das Bewusstsein und aktivieren Urbilder (Archetypen), also uranfängliche Muster, die im individuellen und kollektiven Unbewussten existieren als offenbar angeborene standardisierte neuronale Muster, die sich evolutionär im Zusammenhang mit der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten entwickelten und ähnlich wie andere Eigenschaften des Menschen als günstige Faktoren im Genom verankert wurden.Arnold/Eysenck/Meili, Band 1, S. 150. Werden diese so archetypisch verankerten Symbole angesprochen, aktivieren sie wiederum psychische Kräfte aus dem Unbewussten, und das Bewusstsein beginnt nach den Entsprechungen und Wurzeln zu suchen, die mit den Archetypen korrelieren. Kreativität entsteht durch diese Dynamik aus der Einheit des Urbildes, das aus ihrem Zentrum heraus expandiert. Vorstellungswelt: Damit gemeint ist die Gesamtheit der Bilder und ihrer Beziehungen, die im Homo sapiens auf diese Weise entstanden sind. Sie ist durch einen ordnenden Dynamismus geprägt, der auf der Basis der ursprünglichen Einheit und im Rahmen der bestehenden und darauf rückwirkenden Umweltbedingungen nach Systematik sucht. Es entwickelt sich ein unaufhörlicher Austausch zwischen beiden Ebenen: der der subjektiven Aneignung und der der objektiven Anregungen und Forderungen, die dem kosmischen und realen Umfeld entstammen. Damit sind im menschlichen Seelenleben stets zwei Faktoren wirksam: das Seelenleben selbst und seine Mechanismen, welche das Bild des Objektes in sich aufnehmen und interpretieren und die Reaktionen der objektiven Umwelt, die das Seelenleben beeinflussen.