mini|Urbain Bouriant
Urbain Bouriant (* 11. April 1849 in Nevers; † 19. Juni 1903 in Vannes) war ein französischer Ägyptologe.
Ausbildung Urbain Bouriant wurde in Nevers geboren und besuchte dort auch das Collège. In Paris begann er das Studium der Rechtswissenschaft, das er mit Ausbruch des Krieges 1870 abbrach, um der Marineinfanterie in Toulon beizutreten. Er nahm an den Kämpfen von Mouzon und Douzy teil und von Bazeilles. Hier geriet er in Gefangenschaft, aus der er jedoch fliehen konnte. Als der Friede in Versailles geschlossen war, ging er nach Martinique, um seinen Militärdienst zu erfüllen. Dort war er fast zwei Jahre Sekretär des Gouverneurs der Kolonie. Zurück in Frankreich widmete er sich jetzt dem Studium des Alten Ägyptens und war einige Zeit später einer der besten Studenten von Gaston Maspero.Dictionnaire biographique: Bouriant (Urbain). Auf: cosmovisions.com von 2006; zuletzt abgerufen am 6. April 2023.
Die ersten Jahre in Kairo Nachdem die École française du Caire nach dem Vorbild der bestehenden Schulen in Athen und Rom im Dezember 1880 durch ein Gesetz des Ministère de l’Instruction Publique et des Beaux Arts (Ministerium für Unterricht und Kunst) gegründet war, wurde Gaston Maspero der erste Direktor.Guillaume Nicoud: Maspero et la création de l’Ecole française du Caire. Auf: histoire-image.org vom März 2016; zuletzt abgerufen am 6. April 2023. Neben Urbain Bouriant und Victor Loret nahm Maspero Hyppolite Dulac für die arabische Sprache und den Architekten und Zeichner Jules Bourgoin für den Aufbau mit. Sie erreichten Kairo am 5. Januar 1881. Auguste Mariette war bereits schwer krank und verstarb am 18. Januar. Maspero wurde gleich am 8. Februar zu Mariettes Nachfolger im Service des Antiquités d’Egypte (SAE) ernannt. Daraufhin erhielt Eugène Lefébure die Stelle als neuer Direktor der Schule und 1883–1886 Émile Grébaut. 1886 wurde der Name École française du Caire in Mission archéologique du Caire geändert und 1898 nahm sie als Institut français d’archéologie orientale du Caire (IFAO) den endgültigen Namen an.
Bouriant begann seine Arbeit als Kurator im Museum Boulaq. Bei einer Überschwemmung 1878 waren viele Objekte vernichtet oder gar gestohlen und das Museum stark beschädigt worden. Im Jahre 1880 wurde Mariettes Sammlung von Boulaq durch Ismail Pascha in den Anbau seines Palastes in Gizeh auf der West-Seite des Nils gebracht und hieß jetzt Gizeh Museum.In Publikationen jener Zeit wird sowohl vom Museum Boulaq als auch vom Gizeh Museum gesprochen. Die Sammlung aus Boulaq blieb bis März 1902 in Gizeh. Dann wurde sie durch Gaston Maspero in den Neubau des Ägyptischen Museums in Kairo überführt.
Grab des Ramose in Scheich Abd el-Qurna Die Kommission der Académie des Belles Lettres vermerkt in ihrem Protokoll der Sitzung von 1882 zu dem Bericht von Gaston Maspero, dass Bouriant bei seinen Ausgrabungen in Scheich Abd el-Qurna das Grab eines Funktionärs namens Ramose entdeckt habe, der zu der Zeit von Amenophis III. bis Amenophis IV. gelebt haben müsste. Das Grab erlaube das Studium des Religionswechsels.Albert Dumont: Rapport au nom de la Commission du Nord de l’Afrique, sur le rapport de M. Maspero concernant les travaux de la mission archéologique du Caire durant l’année 1882. In: Comptes rendues des séances de l’Académie des Inscriptions et de belles Lettres. 1882, Band 26, S. 287ff. Es ist anzunehmen, dass Maspero alsbald Bouriant auf eine Reise durch Ägypten mitnahm und sie dabei auch in Scheich Abd el-Qurna waren.
Von Bouriant selbst gibt es eine Veröffentlichung von 1882, in der er sich mit dem von Henry Windsor Villiers-Stuart 1879 in London veröffentlichten Buch Nile Gleanings auseinandersetzt. Stuart gilt als der Entdecker des Grabes TT55. Stuart stellt die Personen als Amenophis III. und Amenophis IV. dar.Henry Windsor Villiers Stuart: Nile Gleanings, concerning the Ethnology, History, and Art of Ancient Egypt. London 1879. Bouriant weist auf die Wichtigkeit des Grabes hin, da hier die Gleichzeitigkeit oder Verwandlung von Amenophis IV. durch seinen Aton-Kult in Echnaton dokumentiert sei. Er beweist anhand von Kartuschen, dass Amenophis IV. und Echnaton ein und dieselbe Person sind. Die West-Wand des Grabes zeigt eine der frühesten Darstellungen Echnatons bei der Anbetung des Aton. Weiterhin betont er, dass die Darstellung des Grabinhabers Ramose hier nicht mehr die übertriebene Abbildung im „Amarna-Stil“ zeige – im Gegensatz zu seinem Felsengrab in Amarna – wie eine mit Tinte skizzierte Szene von Echnaton und Nofretete unter den Strahlen Atons im Fenster der Erscheinung zeigt, in der diese Ramose belohnen.Le tombeau de Ramès à Cheikh- abd-el-Qournah. In: Revue d’archéologique. Band 43. 1882, S. 278 ff. (über archive.org). Villiers Stuart suchte 1882 noch einmal das Grab auf und entfernte dabei weiteres Geröll und legte Teile der Südwand der Säulenhalle frei.
Danach war Bouriant fasziniert von Echnaton und kurze Zeit später reiste er nach Amarna.
Erforschung der Schriften und Papyrusfunde Bouriant kopierte und übersetzte die Fragmente der koptischen Manuskripte, die kurz zuvor in das Museum gelangt waren. Er fertigte eine Art „Inhaltsverzeichnis“ über die Inschriften der kleinen Gegenstände des Museums an „damit sie nicht verloren gehen“. Eine seiner ersten Arbeiten war La Stèle 5376 du Musée de Boulaq et l’Inscription de Rosette. Bouriant war fasziniert von den Schriften und er beschäftigte sich sein Leben lang mit der Übersetzung von koptischen und arabischen Texten. Immer mit dem Gedanken, das Alte weiterzugeben, übersetzte er die Schriften des Aḥmad Ibn-Alī Al-Maqrīzī (1364–1442) aus dem Arabischen ins Französische. Al Maqrizi hat ca. 200 Schriften erstellt, von denen Mawaiz wa al-'i'tibar bi dhikr al-khitat wa al-'athar (Khitat) die wichtigste war. Darin beschreibt er die Geschichte von Kairo und anderen Landschaften in Ägypten. Bouriant übersetzte zwei Bände ins Französische als Description topographique et historique de l’Égypte (Band I 1895. Band II 1890). Die Universität Halle, Saale hat die Al-Maqrīzī Handschrift aus dem Boulaq in Arabisch (ohne Übersetzung) 2010 online gestellt.Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt: Kitāb al- mawāʿiẓ wa-'l-iʿtibār bi-ḏikr al-ḫiṭaṭ wa-'l-āṯār yaẖtaṣṣ ḏālika bi-aḫbār... Ǵuzʾ 1. Auf: menadoc.bibliothek.uni-halle.de; zuletzt abgerufen am 6. April 2023. Von Interesse waren für ihn auch die Lieder der Straßensänger, die er in Arabisch veröffentlichte – nichts solle in Vergessenheit geraten.
Eine weitere Fundgrube war für Bouriant die Bibliothek von Déîr Amba Shenoudah, dem koptischen Patriarchen in Kairo, dessen Titel „Anba Shenouda“ lautete. Sein Amtssitz in Kairo befindet sich seit dem 11. Jahrhundert im Kloster Deir el Anba Rueiss.Papst Anba Shenouda III. Der Patriarch von Kairo Auf: kopten-bw.de von 2016 (über archive.org). Hier entdeckte er die Überreste des Alexanderromans in den Manuskripten. Maspero kaufte die Fragmente 1885–1888 für die Bibliothèque nationale de Paris. Drei Blätter davon hat Bouriant 1887 als Erster veröffentlicht: Fragments d’un roman d’Alexandre en dialecte thébain. Später fand sich ein weiteres Blatt aus dem gleichen Manuskript dann 1891 im Britischen Museum, publiziert von W. E. Crum, und zwei Blätter 1888 in Berlin, die aber erst 1903 von O. de Lemm veröffentlicht wurden.LES CONTES POPULAIRES DE L’ÉGYPTE ANCIENNE – FRAGMENTS. 6° Quelques pages éparses d’une version copte du roman d’Alexandre. (Alexanderroman) Auf: mediterranee-antique.info von 2008 (über archive.org). Weiterhin entdeckte er in dieser Bibliothek ein Manuskript mit den ersten 14 Kapiteln der memphitischen Version des Livre de Sagesse, (Weisheit Salomons)Livre de Sagesse – Das Buch der Weisheit Salomons. Au : ba.21.free.fr von 2006 (über archive.org). sowie zwei Exemplare der thebanischen Version und ein Exemplar der memphitischen Version der constitutions apopostoliques (Apostolische Konstitutionen) des Clemens von Alexandria, der Ende des 2. Jahrhunderts lebte und auch Bischof von Rom genannt wurde. Bisher war nur ein memphitisches Exemplar bekannt.
Der Codex von Achmim mini|hochkant|Das Fragment von Achmim – Die Apokryphen des Petrusevangeliums
Im März 1884 hatten Maspero und Ernesto Schiaparelli den Reis Chalib von Qurna mit Ausgrabungsarbeiten in der Nekropole östlich von Achmim (Herodot nannte den Ort „Chemmis“ und Strabo „Panopolis“) beauftragt. Auch hier hatten die frühen Christen ihre Klöster errichtet. Als sie dort Hunderte von Mumien fanden, setzte der Reis Soldaten ein, die dann mehrere Tausend ausgruben. Als Bouriant 1886 dort eintraf, war er entsetzt über die Verwüstung der koptischen Nekropole. Bouriant fand hier in Achmim in einem Mönchsgrab ein kleines Buch von 15,24 × 11,43 cm (6 × 4,5 inches), das 33 Pergamentblätter enthielt, die zusammengehalten wurden von einem Pappdeckel, der grob in Leder gebunden war. Sie werden heute unter dem Codex P.Cairo 10759 im Museum von Kairo aufbewahrt und stammen aus dem 6.–9. Jahrhundert.What's New in Papyrology. Photographic Archive of Papyri in the Cairo Museum Auf: papyrology.blogspot.com vom 3. Mai 2009; zuletzt abgerufen am 6. April 2023.
Bouriant fand heraus, dass es sich um Teile des Evangeliums handelte. Der Fund war eine Sensation. Es war das erste nicht-kanonische Evangelium, das wiederentdeckt wurde und im trockenen Wüstensand überlebt hatte. Die ersten neun Seiten enthielten das Fragment des verloren geglaubten Petrusevangeliums. Die erste Seite hatte auf der Rückseite ein koptisches Kreuz. Nach einer leeren Seite folgen zwei Seiten mit der Apokalypse. Beide Fragmente schienen aus der gleichen Hand zu stammen. Es folgte die griechische Version des Henochbuchs. Da die Blätter handgeschrieben und zudem einige schlecht erhalten waren, musste Bouriant eine Abschrift (Transkription) erstellen und auch deren Schriftgeschichte (Paläographie) erforschen. Von der Lage des Grabes ausgehend legte Bouriant die Entstehungszeit erst einmal „nicht vor dem 8. und nicht nach dem 12. Jahrhundert“ fest.Die Entstehungszeit kann heute aufgrund der großen Anzahl von aufgefundenen Schriften und der neuesten Untersuchungsmethoden sehr genau bestimmt werden. Es dauerte sechs Jahre, bis Bouriant 1892 die Faksimili veröffentlichte. Der Verlag Leroux in Paris erstellte die fotografischen Platten.
1893 erschienen bereits die ersten Veröffentlichungen mit Übersetzungen – meist von Theologen: In England von J. Armitage Robinson mit M.R. James, James Rendel Harris sowie Henry Barclay Swete, der von Leroux zwei Photo-Platten erhielt. In Frankreich war es Adolphe Lods (1867–1948) und in Deutschland die führenden Theologen jener Zeit: Adolf Harnack und Theodor Zahn. Oscar von Gebhardt gab jedoch 1893 lediglich einen Lichtdruck der neu entdeckten Bruchstücke nach einer Fotografie der „Handschrift zu Gizeh“ heraus.
Nach dem Catalogue général des antiquités égyptiennes du Musée du Caire, den B. P. Grenfell und A. S. Hunt 1903 herausgaben, umfasste das Pergament 33 Blätter mit einigen Apokryphen-Schriften in Griechisch: Teile des Evangeliums von Petrus (Handschrift von Gizeh) die Apokalypse von Petrus zwei Fragmente des Buches Henoch Im Einband fand man eine Pergamentseite mit Teilen des Martyriums des Julianus.
Die Gräber von Tell el-Amarna mini|hochkant|Topografische Zeichnung mit den Felsengräbern
Die Gruppe der Felsengräber an den Hängen des Darb el-Hamzaouï, welche sich die hohen Funktionäre am Hofe Echnatons von Amarna angelegt hatten, wurde im Dezember 1891 von Alessandro Barsanti (1858–1917) entdeckt. Von den sieben Gräbern, die er fand, war nur eines teilweise dekoriert, jedoch unvollendet.
Bouriant schrieb: „Endlich werden wir ein Projekt ausführen können, das mir seit langem am Herzen lag. Im Vorjahr hatten wir festgestellt, dass viele Gräber noch nicht erforscht waren und wir versprachen uns, dass wir bei der nächsten Gelegenheit einige öffnen würden, um zu sehen, ob sie wirklich leer waren, wie man uns versichert hatte.“