mini|Das Operndorf aus der Luftperspektive mini|Neben der Schule befinden sich die Wohnhäuser für die Lehrer Das Operndorf Afrika ist ein internationales Kunstprojekt, das seit 2009 in Burkina Faso/Westafrika entsteht und auf die Idee des deutschen Künstlers Christoph Schlingensief zurückgeht. Die Schirmherrschaft übernahm der Bundespräsident a. D. der Bundesrepublik Deutschland, Horst Köhler.Weit und breit keine Oper in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 20. Mai 2012, Seite 25

Hintergrund Hinter der Idee steckt der Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief, Initiator und Visionär des Projekts „Oper für Afrika“. Mit dem Bau des Operndorfes wollte sich der Künstler seinen Wunsch nach einem Ort der interkulturellen und internationalen Begegnungen erfüllen. Ein Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft sich kreativ und künstlerisch verwirklichen und sich miteinander über die Kreativität austauschen können.http://presse.festspielhaus-afrika.com/media/2014-05-20_Leporello/Operndorf_Leporello_web.pdf Schlingensief wollte mit dem Operndorf auch den Blick auf das stereotype Bild von hungernden Kindern und leidenden Menschen in Afrika ändern, das in der westlichen Welt vorherrscht. Deswegen sollte das Operndorf sich zu einer Plattform entwickeln, die einen postkolonialen Diskurs anstößt, womit neue und differenzierte Afrikabilder entstehen können. Drei Säulen sah Schlingensief für das Operndorf vor, die jeweils Bildung, Gesundheit und Kultur tragen sollten. Seit der Grundsteinlegung im Frühjahr 2010 wurden mit dem Bau der Schule und einer Krankenstation die ersten beiden Säulen bisher realisiert. Ein halbes Jahr nach der Grundsteinlegung erlag Schlingensief seinem Krebsleiden. Die Geschäftsführung der Festspielhaus Afrika gemeinnützigen GmbH übernahm seine Frau Aino Laberenz., Artikel von Laura Zimmer im mapolis Architekturmagazin, 25. März 2011, abgerufen am 28. März 2011 Im Beirat sitzen Burkinaben und Deutsche, u. a. Amelie Deuflhard, Peter Raue, Matthias Lilienthal, Claudia Kaloff und Antje Vollmer.[ Website Operndorf Afrika.]

Konzept Künstlerisches Konzept Das Operndorf Afrika versteht sich als globales Kunstprojekt mit der Vision, Kunst wieder mitten im Leben anzusiedeln. Dabei steht der Begriff „Oper“ für eine vereinende Kunstform, die emotionale, politische und gesellschaftsverändernde Qualitäten bildet. Mit dem Operndorf Afrika soll eine Sensibilisierung der unterschiedlichen Kulturen angeregt werden und ebenso als Rückkopplung sich der europäisch geprägte Zugang zur Kunst durch Lernen von anderen Kulturen erweitern und direkter werden. Schlingensief selber wollte, dass der Kunstbegriff neu definiert werden würde: „Ich fordere uns alle auf, unsere Vorstellungen von Kunst über Bord zu werfen und in den Reichtum eines solchen Ortes zu investieren. Mit der Schule fangen wir an. Sie soll das Zentrum sein. Was für eine Kunst, wenn uns Kinder und Jugendliche, die einen Unterricht besuchen können, an ihrem Wissen teilnehmen lassen! Was für ein Fest, wenn sie ihre eigenen Bilder machen, Instrumente bauen, Geschichten schreiben, Bands gründen. Und was für eine Oper, wenn in der Krankenstation, die wir bauen wollen, ein neugeborenes Kind schreit.“[ Unsere Oper ist ein Dorf.]

Die künstlerischen Projekte des Operndorfs Afrika entstehen durch die Personen, die sich für das Operndorf engagieren und sie im Prozess weiterentwickeln. Als Gemeinschaftsprojekt wird es mit den dort lebenden Menschen unter Maßgabe ihrer Bedürfnisse und Möglichkeiten vorangetrieben, neue Konstellationen entstehen, das Operndorf Afrika wird zu einem eigenständigen Organismus. Als symbolisches Bild formte sich das Modell des Schneckenhauses. Es steht für das langsame Heranwachsen eines großen Organismus, der einen offenen, nicht vorauszubestimmenden Weg nimmt. Schon in der Entstehungsphase bot das Operndorf Afrika einen Raum, in dem kulturelle Begegnungen, Workshops und Austausch stattfinden konnten und sich bis heute weiter entwickeln können.

Architekturkonzept mini|Kérés spezielle Dachbautechnik lässt die Luft zirkulierenDiébédo Francis Kéré, der Architekt des Operndorfes, und Christoph Schlingensief waren sich einig über die zentralen Fragen, die den Bau des Operndorfes begleiten sollen: Was erwarten und brauchen die Menschen vor Ort? Was ist dort an Baustoffen vorhanden?

Francis Kéré bringt sein Wissen aus Europa mit seiner Kenntnis der Verhältnisse und der Menschen in Burkina Faso zusammen und bildet die Arbeitskräfte vor Ort mit Hilfe seiner Mitarbeiter selber aus, damit sie eigenständig mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen, umgehen können. Kéré hat die Verwendung von Naturstoffen, wie Lehm, Sand und Stein, vor Ort rehabilitiert und verbindet die traditionellen Bauweisen seines Landes mit neuen ökologischen und nachhaltigen Konzepten. Lehm gibt es in Fülle, er galt allerdings lange als „Arme-Menschen-Baustoff“ und nicht baugerecht. Die Menschen wissen aus Erfahrung, dass ein Lehmbau eine Regenzeit meist nicht überlebt. Deshalb streben sie nach teuren und vor Ort schlecht handhabbaren Baustoffen, wie beispielsweise Zement. Kéré hat nun eine Technik entwickelt, den Lehm so anzumischen, dass er dem Regen standhält – mit minimalem Einsatz von Strom und Wasser und unter Verwendung von nur ca. 8 Prozent Zement. Diese Lehmziegel können trotz Mangel an Strom und Wasser lokal hergestellt werden. So können die Menschen vor Ort die Projekte eigenständig aufbauen und diese anschließend auch warten und reparieren. Während des Baus der Krankenstation wurden bspw. mehr als 100 Arbeiter aus der Region angestellt und in den in Kooperation mit den Grünhelmen in den Gewerken Tischlerei, Schlossarbeiten und Mauerhandwerk aus- und fortgebildet.http://presse.festspielhaus-afrika.com/media/newsletter/operndorf_newsletter_2014-04.pdf Auf diese Weise soll ein organisch funktionierendes Operndorf mit einem autarken ökologischen System entstehen, das eine nachhaltige Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen gewährleistet. Francis Kéré hat für das Operndorf Afrika nach Maßgabe der örtlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten spezielle Gebäudemodule entworfen, die eine langfristige und vielseitige Nutzung garantieren. Seine Klimatechnik schafft eine konstante, angenehme Temperatur ohne Strom, indem die Gebäude entworfen wurden, dass Fenster und Innenhöfe mit dem Effekt von Zu- und Abluft zu einem natürlichen Kühlsystem werden.

Mit der Unterstützung durch zahlreiche Förderer und Freunde aus Europa und aus Burkina Faso werden diese Module nun nach und nach von den einheimischen Arbeitern gebaut und in Form eines ständig wachsenden Schneckenhauses um den zentralen Platz, wo einmal das Festspielhaus mit Festplatz stehen wird, angesiedelt. Um das Vorankommen der Bauarbeiten zu erleichtern und besser zu organisieren, haben Christoph Schlingensief und Francis Kéré mit ihrem Team aus Europa und aus Burkina Faso den Bau des Operndorfes in drei Phasen eingeteilt.

Bauphasen

Die Schule

Als Erstes wurden die Module gebaut, die die wichtigsten Voraussetzungen für Ausbildung und das selbständige Entdecken der eigenen Möglichkeiten schaffen.Tätigkeitsbericht der Festspielhaus Afrika gemeinnützige GmbH zum Geschäftsjahr 2011 Im Oktober 2011, nicht einmal eineinhalb Jahre nach der Grundsteinlegung, nahm die Grundschule ihren Betrieb auf. Rund 300 Kinder werden hier unterrichtet, in Klassen von jeweils 50 Kindern, was deutlich unter dem Durchschnitt einer normalen burkinischen Schule liegt. Neben den üblichen Fächern wird ein Schwerpunkt auf filmische, musikalische und darstellende Kreativität der Kinder gelegt. Dazu stehen für die Kinder eigens ein Tonstudio sowie ein Filmvorführraum zur Verfügung. Laut der UNESCO sind die Lernergebnisse der Operndorf-Grundschule weit über dem Landesdurchschnitt. Auch die Fehlzeiten sind deutlich geringer. Immer wieder wird seitens des Bildungsministeriums der Vorbildcharakter des Schulmodells für das burkinische Bildungssystem betont.Operndorf-Schule öffnet in Burkina Faso Schlingensief-Traum wird Realität, auf n-tv.de Insgesamt umfasste die erste Bauphase 16 Gebäude, darunter Wohnkomplexe für die Lehrer, Werkstätten sowie eine Kantine. Die Kantine wird von den Müttern der Schüler betrieben und versorgt die rund 300 Kinder sowie einen Großteil der Bauarbeiter. Dabei steht im Mittelpunkt nicht nur, dass die Kinder genug zu essen bekommen, sondern auch, dass Essen bei Bedarf mit nach Hause genommen werden kann., auf newslog.operndorf-afrika.de

Die Krankenstation Die zweite Bauphase wurde im April 2012 mit dem Bau der Krankenstation begonnen. Im April 2014 wurde die Krankenstation fertiggestellt, mit der offiziellen Eröffnung am 7. Juni 2014 war der zweite Bauabschnitt beendet. Die Krankenstation umfasst eine Ambulanz, eine Apotheke, eine Zahnklinik und eine Geburtenstation. Um im Vorfeld die Krankenstation auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort abzustimmen, entstand eine Kooperation zwischen Operndorf und der Universität Witten/Herdecke, die mittels zweier Forschungsreisen die lokalen Bedürfnisse analysierte. Auf den Untersuchungen der Universität Witten/Herdecke konnte eine Krankenstation entstehen, die den internationalen Standards der WHO entspricht., auf uni-wh.de Rund 5000 Menschen bietet die Krankenstation eine Erstanlaufstelle und entlastet das vier Kilometer entfernte Kreiskrankenhaus. Vor allem den Frauen kommt der Neubau zugute. Mussten sie zuvor zuhause entbinden, wird in der Krankenstation ärztliche Betreuung sowie medizinische Erstversorgung für die Neugeborenen gewährleistet. Anders als in vielen anderen Hilfsprojekten wird diese Krankenstation im Rahmen des nachhaltigen und ganzheitlichen Ansatzes des Projektes von burkinischen Ärzten betreut und von der burkinischen Regierung finanziert. Während der Eröffnungsfeier ging die Krankenstation deshalb in die Trägerschaft des Landes Burkina Faso über.http://presse.festspielhaus-afrika.com/media/2014-05-20_krankenstation_einweihung/2014-05-20_pm_operndorf_krankenstation.pdf

Hintergründe zur Krankenstation Wie auch die anderen Gebäude im Operndorf wurde die Krankenstation von dem burkinischen Architekten Francis Kéré entworfen. Der vielfach ausgezeichnete Architekt (u. a. Aga Khan Award-Gewinner) schuf eine räumliche Trennung zwischen Gesundheit und Krankheit. Wie in Burkina Faso üblich, bezieht im Krankheitsfall die ganze Familie Quartier und versorgt und bekocht das kranke Familienmitglied. Dafür wurden teilüberdachte und begrünte Innenhöfe im Gebäude installiert. Diese lassen zusammen mit den Fenstern das Gebäude atmen. Francis Kérés Bauwerk nutzt den Effekt der Ab- und Zuluft für ein natürliches Kühlsystem. Über zwei Innenhöfe strömt kühle, vorgefilterte Luft in das Gebäude, während die kleineren innenliegende Höfe mit Öffnungen nach oben einen Kamineffekt erzeugen und heiße Luft abtransportieren.

Wie bei den anderen Gebäuden des Operndorfs auch, ist bei der Krankenstation der Hauptbaustoff Lehm, der vor Ort zu Ziegeln gefertigt wurde. Auch alte Baumbestände wurden in die Planung und den Bau integriert. Ergänzt wurden diese durch Bäume, die anlässlich des Richtfestes als Zeichen der Gemeinschaft zwischen Operndorf und den Einwohnern der umliegenden Dörfer gepflanzt wurden. Während der zehnmonatigen Bauarbeit waren mehr als 100 Arbeiter aus der Region beschäftigt. In Kooperation mit Grünhelme e. V. wurden diese in den Gewerken Tischlerei, Schlosserarbeiten und Mauerhandwerk aus- und fortgebildet. Damit das Operndorf sich langfristig selbst versorgen kann, ist eine alternative Energieversorgung mittels Solaranlage für die Krankenstation in Planung., gruenhelme.de, 20. Mai 2012.

Das Festspielhaus (In Planung)