mini|Flussmündung des Rio de la Plata Das Río-de-la-Plata-Spanisch ( „das Spanisch des Río de la Plata“) wird im Allgemeinen als Synonym für eine Variante der spanischen Sprache in Argentinien und Uruguay angesehen. Das zentrale Verbreitungsgebiet erstreckt sich entlang des Río de la Plata, dem sowohl die Sprache als auch die Region ihren Namen verdankt. Das Herzstück stellt Buenos Aires mit seinen mehr als 11,5 Millionen Sprechern dar.
Das Río-de-la-Plata-Spanisch unterscheidet sich relativ stark vom kastilischen Standardspanisch und anderen spanischen Varianten. Der Einfluss der Sprache auf die argentinische Kultur und Gesellschaft findet vor allem durch audiovisuelle Medien statt, die auch geografisch weit entfernte Regionen erreichen und das Río-de-la-Plata-Spanisch zur Standardsprache Argentiniens (und Uruguays) werden ließ. Jedoch vermindert sich der Einfluss bzw. Gebrauch der Variante, je näher man den Grenzregionen der beiden Länder kommt und andere sprachliche Einflüsse der umliegenden Nationen – Chile, Bolivien, Brasilien und Paraguay – eine größere Auswirkung auf die Sprachentwicklung in diesen Gebieten besaß als die des Río-de-la-Plata-Spanisch (→ Quechua, Guaraní, Portugiesische Sprache). Zu unterscheiden ist hierbei jedoch das lunfardo und das cocoliche, welche sich als Kontaktvarietäten um das Jahr 1900 in der Stadt Buenos Aires entwickelten. Wie auch das Río-de-la-Plata-Spanisch konnten sich diese Varietäten zwischen 1870 und 1930 bedingt durch eine starke italienische Immigrationswelle konstituieren.Volker Noll: Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick. Niemeyer, Tübingen 2001, S. 2.
Phonologie und Phonetik Yeísmo / Žeísmo / Šeísmo Der Yeísmo, also die Aufhebung der phonologischen Opposition /ʎ/ und /j/ zugunsten der frikativen Realisierung /j/, bildete die Grundlage für eine weitere spezielle Form der Aussprache im Rio-de-la-Plata-Gebiet: den Žeísmo. Dabei verschob sich die Artikulation vom palatalen [j] zum präpalatalen Bereich [ʒ] nach vorn. Diese artikulatorische Veränderung wird als rehilamiento bezeichnet und besteht in einer zusätzlichen Vibration oder Intensivierung frikativer Konsonanten. Aus der stimmhaften hat sich wiederum eine stimmlose Variante [ʃ] entwickelt – der Šeísmo. Dieser ist mittlerweile in Argentinien weit verbreitet und besitzt Prestigecharakter.
Beispiel: Yo como pollo en la calle (Ich esse Hühnchen auf der Straße.)
Hochsprachlich [jo 'komo 'poʎo en la 'kaʎe]
Yeísmo-Version [jo 'komo 'pojo en la 'kaje]
Žeísmo-Version [ʒo 'komo 'poʒo en la 'kaʒe]
Šeísmo-Version [ʃo 'komo 'poʃo en la 'kaʃe]Jutta Blaser: Phonetik und Phonologie des Spanischen: eine synchronische Einführung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 2011, S. 95–96.
Seseo / Ceceo Unter Seseo versteht man die Auflösung der Opposition /s/ und /θ/ zugunsten von /s/. So wird bei der Aussprache zwischen dem alveolaren und dem interdentalen stimmlosen Frikativ nicht unterschieden und stattdessen alles in [s] realisiert. Dadurch werden gelegentlich verschiedene Wörter gleich ausgesprochen, was aber die Kommunikation kaum beeinträchtigt: coser = cocer, casar = cazar.Volker Noll: Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick. Niemeyer, Tübingen 2001, S. 26. Auch der Ceceo ist im Großraum Buenos Aires und Santa Fe verbreitet.María Vaquero de Ramírez: El español de América I – Pronunciación. Arco Libros, Madrid 1996, S. 36. Hier fällt die Artikulation von [s] und [θ] nicht in [s], sondern in [θ]. Vergleichbar mit dem englischen stimmlosen th in thing.Jutta Blaser: Phonetik und Phonologie des Spanischen: eine synchronische Einführung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 2011, S. 94.
Weitere Merkmale Elision oder Aspiration des /s/ am Wortende Das finale [s] kann regional aspiriert werden oder ganz ausfallen.Volker Noll: Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick. Niemeyer, Tübingen 2001, S. 34. Die Elision des /s/ am Ende eines Wortes in der Umgangssprache ist besonders typisch für italienische Immigranten.John M. Lipski: Latin American Spanish. Longman, London/ New York 1994, S. 167.
Ausfall des finalen /r/ Besonders im Nordosten Argentiniens kann (beispielsweise bei der Bildung von Infinitiven) das /r/ am Wortende ausfallen.Volker Noll: Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick. Niemeyer, Tübingen 2001, S. 31.
Das /n/ am Wortende ist alveolarJohn M. Lipski: Latin American Spanish. Longman, London/ New York 1994, S. 168.
Die Realisierung von /r/, /r̄/ In verschiedenartiger Ausprägung und zum Teil unter Reduktion der Stimmhaftigkeit zeigt sich im Norden Argentiniens eine Tendenz zur Assibilierung von /r̄/, durch die der alveolare Vibrant zum Sibilanten wird (carro ['kaʒo]).Volker Noll: Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick. Niemeyer, Tübingen 2001, S. 30.
Morphologie Voseo mini|Verbreitung des Voseo Der Voseo ist sicherlich einer der prägnantesten Merkmale des rioplatensischen Spanisch und erscheint sowohl in pronominaler als auch in verbaler Form. Zu unterscheiden gilt es daher einen pronominal-verbalen, einen rein pronominalen und einen rein verbalen Voseo. Argentinien bildet keine einheitliche Sprachlandschaft, was den Gebrauch von „tú“ und „vos“ und den nachfolgenden Verbalformen angeht. Denn auch wenn in den Schulen häufig das „tú“ bevorzugt gelehrt wurde und wird, ist der Voseo in Argentinien in allen Regionen, sozialen Klassen und Redesituationen verbreitet.Nélida Donni de Mirande: El sistema verbal en el español de Argentina – rasgos de unidad y de diferenciación dialectal. (Revista de Filología Hispánica, 72). Argentinien 1992, S. 655–670. In manchen Teilen Uruguays wird hingegen ausschließlich die vertrauliche Du-Form, der Tuteo, verwendet (z. B. Rocha, Lavalleja, Maldonado). Andere Gegenden wiederum weisen Mischformen wie „tú cantás“ (Tuteo/Voseo) oder „vos cantas“ (Voseo/Tuteo) auf (Tacuarembó, Rivero). In Montevideo treten sogar gleich vier Varianten auf: Tuteo/Voseo: tú cantás Voseo/Voseo: vos cantás Tuteo/Tuteo: tú cantas (selten und nur bei sehr formellen Anlässen) Voseo/Tuteo: vos cantas
Pronominal-verbaler Voseo
Jene Form des Voseo ist in Argentinien und Uruguay die geläufigste und besteht aus dem Pronomen vos und einer speziellen, vom Standardspanisch abweichenden Voseo-Verbform. Dieses Verb erscheint hier in der 2. Person Singular ohne Diphthong: vos hablás, vos tenés, vos salís.
Pronominaler Voseo
Das Pronomen vos ersetzt die Pronomen der 2. Person Singular tú und ti. als Subjekt: Puede que vos tengas razón. als Vokativ: ¿Por qué la tenés contra Alvaro Arzú, vos? mit Präposition: Cada vez que sale con vos, se enferma. bei Vergleichen: Es por lo menos tan actor como vos. bei den Possessiva sowie bei unbetonten Pronomen greift man allerdings auf die Formen des Tuteo (te, tu, tuyo) zurück: Vos te acostaste con el tuerto. No cerrés tus ojos.Diccionario panhispánico de dudas. 1. Auflage. Real Academia Española, 2005, abgerufen am 2. Februar 2013: (online)
Verbaler Voseo
Hierbei werden spezielle, vom Standardspanisch abweichende, Verbformen verwendet (-ás, -és, -ís). Die Verb-Endungen sind von kulturellen, sozialen und geografischen Faktoren abhängig und können demnach variieren: tú hablás, tú tenés, tú vivís.Diccionario panhispánico de dudas. 1. Auflage. Real Academia Española, 2005, abgerufen am 2. Februar 2013: (online) Die Voseo-Verbformen werden mit dem Pronomen tú kombiniert. So konkurrieren beispielsweise in einigen Teilen Uruguays vos und tú miteinander.Volker Noll: Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick. Niemeyer, Tübingen 2001, S. 35.
Verbalvoseo in der Gegenwart des Subjuntivo
Der Verbalvoseo wird wie im Indikativ mit Diphthongreduzierung entweder mit einem offenen Vokal (a,e → subás, hablés) oder einem geschlossenen Vokal (i → hablís). Die Endung -is erscheint hier nur bei Verben, die auf -ar enden.Diccionario panhispánico de dudas. 1. Auflage. Real Academia Española, 2005, abgerufen am 2. Februar 2013: (online) Beispiele für den Raum Buenos Aires: vos cantes, vos tengas, vos vivas
Verbalvoseo in der Vergangenheit
Das Imperfekt des Indikativs und des Subjuntivos ist vom Voseo nicht betroffen und orientiert sich an der Zeitenbildung der 2. Person Singular (vos tomabas). Das Indefinido (pretérito perfecto simple) wird im Indikativ mit der Form der 2. Person Plural ohne Diphthongierung (volvistes) gebildet. In manchen Gegenden wird aber auch die 2. Person Singular bevorzugt (volviste).Diccionario panhispánico de dudas. 1. Auflage. Real Academia Española, 2005, abgerufen am 2. Februar 2013: (online) So lassen sich also verschiedene Formen mal mit und mal ohne -s finden. Allein in Buenos Aires kann man sowohl cantastes als auch cantaste hören.
Verbalvoseo im Futur mini|Voseo im Alltag Wie im Präsens schwankt man zwischen Diphthongerhalt (viajaréis) und Diphthongreduzierung (viajarés/ viajarís).Diccionario panhispánico de dudas. 1. Auflage. Real Academia Española, 2005, abgerufen am 2. Februar 2013: (online)
Voseo bei Imperativformen
Typisch hierbei ist der Wegfall der Endung -d in der 2. Person Plural (tomad > tomá, poned > poné). Beim Imperativ ist außerdem auf die Betonung zu beachten: vení acá, sentáte. Die Unregelmäßigen bei der Bildung der Imperativformen in der 2. Person Singular, die es beim Tuteo gibt (z. B. di, haz, juega, mide), fallen weg (decí, hacé, jugá, medí).Diccionario panhispánico de dudas. 1. Auflage. Real Academia Española, 2005, abgerufen am 2. Februar 2013: (online)
Loísmo Auffällig hierbei ist der Gebrauch von lo(s) als direktes pronominales Objekt, unabhängig von Genus oder Numerus. Zwar wird im Nordosten Argentiniens auch das le/les verwendet, im restlichen Teil des Landes ist der Loísmo jedoch stark verbreitet. Después toda la oveja me quitó y lo ha llevado a la hacienda; No lo conozco a sus hermanos.Diccionario panhispánico de dudas. 1. Auflage. Real Academia Española, 2005, abgerufen am 2. Februar 2013: (online) lo encontré ayer anstelle von le encontréVolker Noll: Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick. Niemeyer, Tübingen 2001, S. 36.
Queísmo Der Queísmo ist auch im La-Plata-Raum verbreitet und meint das Weglassen der Präpositionen de, a, en, con etc. vor der Konjunktion que.María Vaquero de Ramírez: El español de América II – Morfosintaxis y léxico. Arco Libros, Madrid 1996, S. 34.
Nos damos cuenta que…(statt de que) El hecho que…Volker Noll: Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick. Niemeyer, Tübingen 2001, S. 37. Todo se le negó a la juventud [a la] que no se le enseñó lo que era libertad y cómo aplicarla. El caso de mi sobrina [a la] que le regalaron una computadora.
Pretérito perfecto compuesto / pretérito perfecto simple Im Nordwesten Argentiniens (Tucumán, Salta etc.) sind zusammengesetzte Zeitformen sehr gebräuchlich, wohingegen der Rest des Landes (inklusive Buenos Aires) eher die einfache Vergangenheit (pretérito perfecto simple) bevorzugt. Das pretérito perfecto compuesto hat dort in der gesprochenen Sprache seine Stellung als Brücke zwischen Präteritum und Präsens eingebüßt. Stattdessen beherrscht das pretérito simple, unabhängig vom Kontext, die zwischenmenschliche Kommunikation. In formelleren Kreisen hingegen scheint der Gebrauch des pretérito compuesto etwas größer zu sein. Des Weiteren kann es – umgeben von anderen Zeitformen – ein erzähltes Ereignis in bestimmten Kontexten stärker betonen und hervorheben. Beispiel aus San Juan:
Lexik