mini|Jaap Kunst in den 1950er Jahren Jaap Kunst (* 12. August 1891 in Groningen; † 7. Dezember 1960 in Amsterdam) war ein niederländischer Musikethnologe, der durch seine Feldforschungen in Indonesien zwischen 1920 und 1934 und seine späteren theoretischen Arbeiten zur Musikethnologie Grundlegendes zur Kenntnis und zum Verständnis der indonesischen Musik beigetragen hat. Er lenkte das Fachgebiet von einer rein vergleichenden Analyse musikalischer Strukturen und Stile hin zu einer stärker die jeweilige Kultur einbeziehenden Betrachtung. Der von Kunst eingeführte Begriff „Musikethnologie“ anstelle des bisherigen „Vergleichende Musikwissenschaft“ beinhaltet diese Betonung.

Werdegang Jaap Kunst wuchs als einziges Kind in einer musikalischen Umgebung auf. Die Eltern waren beide ausgebildete Pianisten und gaben Konzerte, sein Vater betätigte sich daneben als Musikkritiker. Der Junge begann mit fünf Jahren Violine zu spielen. Er nahm zunächst in Groningen Geigenunterricht und wurde später in Amsterdam von Louis Zimmermann, dem damaligen ersten Konzertmeister beim Concertgebouw-Orchester, unterrichtet. 1912 war er ein halbes Jahr Mitglied im Symphonieorchester von Groningen, zeitlebens behielt er das Violinspiel bei. Dennoch wechselte er nach absolviertem Gymnasium nicht zur Musik, sondern nahm 1911 an der Universität Groningen ein Jurastudium auf, das er 1917 mit der Promotion abschloss.

Die Semesterferien im Sommer während seiner Studienzeit verbrachte er auf der Westfriesischen Insel Terschelling, wo er begann, die dortige Volksmusik zu erforschen. Noch als Jurastudent veröffentlichte er 1915 seine erste Feldstudie Terschellinger volksleven, der eine dreibändige Sammlung nordniederländischer Volkslieder folgte, denen er eigene Klavierbegleitungen hinzufügte (Noord-Nederlandse volksliederen en -dansen, 1916–1919). Die Liedersammlung ist bis heute bei den Musikern und Tänzern auf der Insel in Gebrauch und half, die lokale Tradition zu bewahren. 1956 stellte er eine viel verkaufte Schallplatte mit eigenen Aufnahmen von niederländischen Volksliedern zusammen.Living Folksongs and Dance-Tunes from the Netherlands. Smithsonian Folkways, 1956

Nachdem Jaap Kunst sein Jurastudium beendet hatte, arbeitete er drei Monate als Bankangestellter in Utrecht, wo angeblich seine Vorgesetzten wenig Verständnis dafür aufgebracht hätten, dass er die Mittagspause regelmäßig überzog, weil er auf einem Tisch im Speisesaal Terschellinger Volkslieder auf der Geige vortrug. Danach arbeitete er eineinhalb Jahre bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Verwaltungsangestellter in der Amsterdamer Stadtverwaltung. Als nach Kriegsende im Frühjahr 1919 die Ausreisebeschränkungen aufgehoben waren, machte sich der Geigenspieler mit einer Sängerin, einem Pianisten und geliehenem Geld zum niederländischen Kolonialbesitz Indonesien auf. Dort gaben sie innerhalb von acht Monaten 95 Konzerte in den Clubs zwischen Sumatra, Java, Sulawesi und Kalimantan. Als Kunst im Palast von Yogyakarta erstmals Gamelan-Musik hörte, beschloss er, diese Musik zu studieren und vorerst nicht mehr in die Niederlande zurückzukehren. Zur Finanzierung seines Lebensunterhalts suchte er 1920 eine Anstellung bei der Kolonialverwaltung, zunächst in Batavia (heute Jakarta), später in Bandung. 1921 heiratete er die Lehrerin Kathy van Wely (später Kathy Kunst-Van Wely). Ihre Flitterwochen verbrachten sie auf Bali. Nach einer weiteren Reise nach Bali 1924 war das Ergebnis ihrer gemeinsamen Untersuchung das im selben Jahr veröffentlichte zweibändige Werk De toonkunst van Bali. Seine Frau hatte einen beträchtlichen Anteil an der gemeinsamen praktischen Arbeit, die in Indonesien darin bestand, mit dem Edison-Phonographen Wachswalzenaufnahmen anzufertigen, die ständig wachsende Sammlung von Musikinstrumenten zu katalogisieren und die schriftlichen Aufzeichnungen auszuwerten.

Es folgten die grundlegende Arbeit über javanische Musikinstrumente (Hindoe-Javaansche muziekinstrumenten, 1927) und eine lange Reihe zumeist auf holländisch verfasster Zeitschriftenartikel über die Musik der gesamten indonesischen Inselwelt, die ihm internationalen Ruhm einbrachten. Bis 1930 arbeitete Kunst gleichzeitig am Vormittag als Verwaltungsangestellter und nachmittags, teilweise bis in den späten Abend als Musikethnologe. Wegen seiner Anstellung war er ortsgebunden und betrieb daher eine umfangreiche Korrespondenz. 1927 reiste die Familie zum ersten Mal zurück in die Niederlande. In Berlin besuchte Kunst den Leiter des Berliner Phonogramm-Archivs, Erich von Hornbostel, der ihm Lehrer und Vorbild war und an den er regelmäßig seine bespielten Wachswalzen geschickt und leere Walzen erhalten hatte.Felix van Lamsweerde: Jaap Kunst’s field recordings. In: Tropenmuseum, S. 38 Die beiden standen seit 1921 in intensivem Briefkontakt, hatten sich aber bis dahin noch nie gesehen.

miniatur|Gender barung, ein 1928 in Yogyakarta gekauftes Metallophon, das sich in der Sammlung des Amsterdamer Tropenmuseums befindet Kunst versuchte den Kolonialminister zu überzeugen, dass die musikethnologische Erforschung der indonesischen Inselwelt eine staatliche Aufgabe sein müsse. Nach Fürsprache von Persönlichkeiten wie Johan Huizinga gelang es ihm gegen seinen Konkurrenten, den Musikethnologen Johann Sebastian Brandts Buys (1879–1939), eine Ernennung in das Amt eines Regierungsethnologen zu erhalten. Zuvor hatte sein Fall dreimal das Parlament für die ostindischen Kolonien (Volksraad) beschäftigt. 1930 bis 1931 konnte er sich nun ganz der ethnologischen Feldforschung widmen und längere Reisen durch den Archipel unternehmen. In einem Brief vom Januar 1930 an Louis Couturier äußerte er sich hoch zufrieden über sein neues Amt, das er Anfang März würde antreten können. Demselben Adressaten teilte er am 21. Mai mit, dass er soeben von einer Forschungsreise zu der vor Sumatra gelegenen Insel Nias zurückgekehrt sei.Elisabeth den Otter: Music in the Tropenmuseum: from Jaap Kunst to the present. In: Tropenmuseum, S. 25

Juli bis Mitte August 1930 reiste Kunst quer durch Flores, das er wegen der eigenständigen Musikstile der verschiedenen Volksgruppen als musikologisches Paradies bezeichnete. Entsprechend hoch war der Ertrag: Er nahm 70 Wachszylinder mit vokaler und instrumentaler Musik auf, sammelte 90 Musikinstrumente und brachte eine Reihe Fotos sowie Filme von Musik- und Tanzdarbietungen mit.Jaap Kunst: Music in Flores: A study of the vocal and instrumental music among the tribes living in Flores. Brill, Leiden 1942, S. ix

Wegen der Weltwirtschaftskrise wurde seine Stelle aus finanziellen Gründen 1932 gestrichen. Als Begleiter des Ethnologen Bertram Johannes Otto Schrieke (1890–1945) konnte Kunst weiterhin zu entlegenen Inseln reisen und seine musikethnologische Arbeit fortsetzen. Ende desselben Jahres wurde er zum Leiter der Religionsabteilung am Ministerium für Erziehung und Religion ernannt. Nachmittags arbeitete er nun an einer Monographie über die javanische Musik, die 1934 unter dem Titel De toonkunst van Java auf Niederländisch erschien und seinen internationalen Ruhm begründete.

1934 reiste er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in die Niederlande zurück. Eine Rückkehr nach Indonesien wurde zunächst durch den sich ankündigenden Zweiten Weltkrieg verhindert, nach Kriegsende kamen Forschungsreisen während des bis 1949 dauernden indonesischen Unabhängigkeitskampfes nicht mehr in Frage. Zwei Jahre waren durch eine intensive Vortrags- und Reisetätigkeit ausgefüllt, bis er 1936 als Kurator am Koninklijk Institut voor de Tropen (Königliches Tropeninstitut, vormals Kolonialinstitut te Amsterdam) angestellt wurde. Dort strukturierte er das musikologische Archiv, das durch seine eigene umfangreiche Musikinstrumentensammlung, Tonaufnahmen, Fotografien und Literatur erweitert wurde. Schwerpunkt der Sammlung blieb auch später Indonesien und Surinam, Kunsts wissenschaftliche Tätigkeit war jedoch fortan universaler angelegt.

1942 habilitierte er in Vergleichender Musikwissenschaft an der Universität von Amsterdam. Neben seiner Tätigkeit als Kurator gab er ab nun als Privatdozent an der Universität Unterrichtsstunden in javanischer Musik. Als er 1953 assistant professor wurde, erhöhte sich seine Stundenzahl auf sechs pro Woche. Er war 1947 bei der Gründung des International Folk Music Council (später umbenannt in International Council for Traditional Music)General Information. International Council for Traditional Music beteiligt und wurde 1959 in der Nachfolge von Curt Sachs Ehrenpräsident einer weiteren musikethnologischen Organisation, der 1955 gegründeten Society for Ethnomusicology.Founding of SEM. Society for Ethnomusicology Diese Gesellschaft gibt bis heute jedes Jahr den Jaap-Kunst-Preis für den besten Artikel in einer musikethnologischen Fachzeitschrift heraus.Jaap Kunst Prize. Society for Musicethnology Kunsts bekannteste Schüler Anfang der 1950er Jahre waren Bernard Ijzerdraat (alias Bernard Suryabrata, 1926–1986), sein Assistent am Tropenmuseum, der 1952 ein siebentöniges Pélog-Gamelan erwarb und das erste Gamelan-Orchester außerhalb Indonesiens gründete, sowie Mantle Hood (1918–2005). Hood schrieb 1955 eine musiktheoretische Dissertation über Gamelan und führte später Kunsts wissenschaftliche Tradition an der University of California, Los Angeles fort.

1958, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde Jaap Kunst Mitglied der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen. Er starb an Kehlkopfkrebs.Ernst Heins: Jaap Kunst and the rise of ethnomusicology. In: Tropenmuseum, S. 13–18

Feldforschung miniatur|Jaap Kunst im Frühjahr 1930 auf Nias. Regelmäßig versammelte sich eine Menschenmenge bei Tonaufzeichnungen um den Phonographen Jaap Kunst nahm bei seinen Feldforschungen öfters Einfluss auf Situationen und verließ damit seine Rolle als außenstehender Wissenschaftler. So fügte er den Volksliedern von Terschelling eine Violinstimme hinzu, die es wohl früher, aber zur damaligen Zeit nicht mehr gegeben hatte. Seine Methode, bei der Aufschrift Korrekturen an Melodien vorzunehmen, die nach seiner Auffassung falsch vorgetragen wurden, fasst der ihm zugeschriebene Ausspruch zusammen: „Jetzt singt er es so, aber er meint es vermutlich so“, wobei er letzteres schriftlich festhielt.

Um in Indonesien geeignete Musiker für Feldaufnahmen zu gewinnen, waren gelegentlich unkonventionelle Methoden erforderlich, wie er in dem Werk Musicologica von 1950 schildert. Abgesehen vom Verteilen der bei den jeweiligen Volksgruppen geschätzten Mitbringsel, waren geeignete Worte und Gesten erforderlich, um den Musikern die anfängliche Scheu vor dem Aufnahmegerät zu nehmen. In Nias war es schwierig, den Einheimischen die von den protestantischen Missionaren der Rheinischen Missionsgesellschaft eingetrichterte Angst vor den unliebsamen Folgen zu nehmen, die sie bei der Aufführung ihrer alten Lieder zu erwarten hätten. In der nördlichen Inselhälfte drohten Missionare denjenigen mit Ausschluss von der Kommunion, die traditionelle Musik und Tänze aufführten. In anderen Fällen pflegte Kunst auf seiner Geige etwas vorzuspielen, zu singen oder einen europäischen Volkstanz aufzuführen, damit sich im Gegenzug anschließend die einheimischen Zuschauer zu einer eigenen Darbietung ermuntert sahen. Als Entlohnung verteilte er Zigaretten (roko roko), Süßigkeiten, Halsketten und teilweise traditionell übliche Geschenke wie Schweine.Jaap Kunst: Musicologica. A study of the native of ethnomusicology, ist problems, methods and representativ personalities. In: Tropenmuseum, S. 102f In Gebieten, die unter stärkerem missionarischen Einfluss standen, gab es eine höhere Erwartungshaltung.