mini|Hauptfassade des Universitätsreitstalls Göttingen, Entwurf von Joseph Schädeler, 1733 (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Signatur: NLA HA, Kartensammlung Nr. 23 d Göttingen 29 pm) Der Universitätsreitstall (auch Akademisches Reithaus oder Reitstall) der Georg-August-Universität Göttingen war ein 1734–1736 erbauter barocker Gebäudekomplex in der Innenstadt von Göttingen und bestand aus einer Reithalle mit Stallungen sowie einer Freiluft-Reitbahn. Das Gebäude war der erste fertiggestellte NeubauTeresa Nentwig: Der Abriss des Reitstalls im Jahr 1968. Ein „bilderstürmerisches Unternehmen, das jedem Sinn für Tradition Hohn spricht“. In: Das gekränkte Gänseliesel. 250 Jahre Skandalgeschichte in Göttingen. Hrsg. Teresa Nentwig, Franz Walter. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-525-30080-0, S. 178–203, hier S. 186. für die 1734 gegründete und 1737 feierlich eingeweihte Universität und wurde 1968 abgerissen.
Lage und Architektur links|mini|Ausschnitt aus dem Göttingen-Stadtplan von K. Prizelius, 1861: Westlich der Weender Straße liegt an der Ecke zur Reitstallstraße das als „Reitbahn“ bezeichnete Reitstallhaus, hinter dem sich eine „offene Reitbahn“ bis zum Leinekanal erstreckt. Am Ufer stand die zur Reitbahn ausgerichtete Ehrenloge für König Georg IV. von 1821.Michael Bockemühl: Attacken wieder den Reitstall. Von der Kartoffelkiste zur Schwimmhalle. Die wechselvolle Geschichte des ältesten Instituts (...). In: Göttinger Tageblatt, 27./28. Februar 1965. - Mit Foto des mit einer Freitreppe zur Reitbahn ausgerichteten Bauwerks. links|mini|Stadtplan von Göttingen mit Universitätsgebäuden, rechts unten „Das Reith Hauß“, darüber der nördlich anschließende Gebäudeflügel mit Pferdestall und Stallmeisterwohnung. (Kupferstich um 1740) links|mini|Nördliche Seitenfassade des Universitätsreitstalls Göttingen, Entwurf von Joseph Schädeler, 1733 (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Signatur: NLA HA, Kartensammlung Nr. 23 d Göttingen 30 pm) Der Komplex des Universitätsreitstalls entstand nach einem Entwurf von 1733 in den Jahren 1734–1736Wolfgang Gresky: Die Fassade der Göttinger Universitäts-Reithalle. In: Göttinger Jahrbuch, 9, 1961, S. 77–86, hier S. 79 (mit genauem Bauverlauf). am Nordwestende der Weender Straße auf dem damals so genannten Freudenberg, einem seit dem Mittelalter als Turnierplatz und Festplatz genutzten Gelände,Walter Nissen: Göttinger Denkmäler, Gedenksteine und Brunnen. Göttingen 1978, S. 76.Wolfgang Gresky: Die Fassade der Göttinger Universitäts-Reithalle. In: Göttinger Jahrbuch, 9, 1961, S. 77–86, hier S. 78.T. Weinobst: Das Kaufhaus auf dem Freudenberg. Bis 1868 stand hier die Universitäts-Reithalle. In: Göttinger Monatsblätter (Beilage zum Göttinger Tageblatt), Ausgabe 1, März 1974, S. 10. dessen „ritterliche Uebungen“Johann Daniel Gruber: Zeit- und Geschicht-Beschreibung der Stadt Göttingen. Nic. Försters und Sohns Erben, Hannover / Göttingen 1734, Zweityes Buch, S. 49. (Digitalisat, auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 11. Juni 2025) nach Aussage von Johann Daniel Gruber (1734) ihre Fortsetzungen finden sollten. Das Reitstallgelände reichte rückwärts bis an den Leinakanal, wo eine Pferdeschwemme schon vorher bestanden hatte.Die Pferdeschwemme am Leinekanal bestand schon vor Januar 1735; vgl. Jens-Uwe Brinkmann: „Der gantzen Stadt zur Zierde und Annehmlichkeit“. Die öffentliche Bautätigkeit. In: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum Göttingen 26. April – 30. August 1987. Hrsg. Stadt Göttingen, Kulturdezernat. Erich Goltze KG, Göttingen 1987, S. 255–324, hier S. 295 f.
Der Architekt des Reitstalls war Universitätsbaumeister Joseph Schädeler (1692–1763), in Göttingen u. a. verantwortlich auch für andere frühe Göttinger Universitätsgebäude, wie das Kollegiengebäude und die London Schänke, das spätere Michaelishaus.
Der Reitstall war ein breit gelagertes Barockgebäude mit Bruchsteinaußenwänden unter einem hohen Walmdach mit einer aufwändigen Dachkonstruktion, das im Innern eine 15,10 m auf 44,20 MeterJohann Friedrich Penther: Vierter Theil einer ausführlichen Anleitung zur Bürgerlichen Bau-Kunst, worin von publiquen weltlichen Gebäuden, als von (...) Reuth-Häusern (...) dergestalt gehandelt, daß theils von würcklich aufgeführten Gebäuden gemeldter Gattungen Entwürffe und Erläuterungen mitgetheilet, theils neue Desseins davon entworffen und ihren nöthigen Eigenschaften nach durchgegangen werden (...). Christoph Peter Detleffsen, Augsburg 1746, S. 100. große stützenfreie Reithalle aufwies. Der sparsame barocke Fassadenschmuck bestand aus seitlich zweimal 4 Fensterachsen mit Einfassungen aus Sandsteinquadern, welche auch die Gebäudekanten betonten. Hauptschmuck des Äußeren zur Weender Straße war der nur wenig vortretende Mittelrisalit mit einem großen Rundbogenportal, überfangen von einem Dreiecksgiebel, worin sich ein von dem Bildhauer FrankeWolfgang Gresky: Die Fassade der Göttinger Universitäts-Reithalle. In: Göttinger Jahrbuch, 9, 1961, S. 77–86, hier S. 86 (mit Quellenangabe zum Künstler). geschaffenes, monumentales Relief des englischen Königswappens befand. Eine Tafel unter dem Giebelfeld trug die lateinische Inschrift: „Die Fürsorge / Georgs II. / Königs von Großbritannien und Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg / hat die von ihm gegründete Universität / mit diesem Reitstall / ausgeschmückt / 1735“.Wolfgang Gresky: Die Fassade der Göttinger Universitäts-Reithalle. In: Göttinger Jahrbuch, 9, 1961, S. 77–86, hier S. 80 (auch mit lateinischem Originaltext). - Das lateinische Original der „Inscription“ bereits wiedergegeben bei Johann Friedrich Penther: Vierter Theil einer ausführlichen Anleitung zur Bürgerlichen Bau-Kunst, worin von publiquen weltlichen Gebäuden, als von (...) Reuth-Häusern (...) dergestalt gehandelt, daß theils von würcklich aufgeführten Gebäuden gemeldter Gattungen Entwürffe und Erläuterungen mitgetheilet, theils neue Desseins davon entworffen und ihren nöthigen Eigenschaften nach durchgegangen werden (...). Christoph Peter Detleffsen, Augsburg 1746, S. 100.Näheres zum Giebelschmuck bei Wolfgang Gresky: Die Fassade der Göttinger Universitäts-Reithalle. In: Göttinger Jahrbuch, 9, 1961, S. 77–86, hier S. 80–85 und S. 86 (Anlage). Rückwärtig an die Reithalle schloss im rechten Winkel – an der Reitstallstraße, die auf die Reitstallbrücke zuführte – ein gleichzeitig erbauter, zweigeschossiger Stallflügel mit 18 Boxen sowie Räumen für Stallmeister und Knechte an.Johann Friedrich Penther: Vierter Theil einer ausführlichen Anleitung zur Bürgerlichen Bau-Kunst, worin von publiquen weltlichen Gebäuden, als von (...) Reuth-Häusern (...) dergestalt gehandelt, daß theils von würcklich aufgeführten Gebäuden gemeldter Gattungen Entwürffe und Erläuterungen mitgetheilet, theils neue Desseins davon entworffen und ihren nöthigen Eigenschaften nach durchgegangen werden (...). Christoph Peter Detleffsen, Augsburg 1746, S. 101.mini|1746 von Johann Friedrich Penther veröffentlichte Bauzeichnungen
Die von dem Göttinger Mathematiker, Universitätsbaumeister und Architekturtheoretiker Johann Georg Penther 1746 in seinem Traktat „Ausführliche Anweisung zur Bürgerlichen Bau-Kunst“ (Teil IV) veröffentlichte Baubeschreibung mit Plänen machte das Göttinger „Academische Reuth Hauß“ unter Baufachleuten und -interessierten im gesamten deutschen Sprachraum bekannt.Hans Reuther: Johann Friedrich Penther (1693-1749). Ein Göttinger Architekturtheoretiker des Spätbarock. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte, Bd. 20 (1981), S. 151–176, hier S. 169.mini|„Die Reitbahn in Göttingen“, Stammbuchkupfer von Ernst Ludwig Riepenhausen, nach 1777Rolf Wilhelm Brednich: Denkmale der Freundschaft. Göttinger Stammbuchkupfer. Quellen der Kulturgeschichte. Verlag Hartmut Bremer, Friedland 1997, S. 71–72, 365, ohne ISBN, S. 11 (Nr. 018).Hinter dem Reithaus lag – bis zum Leinekanal reichend – eine von einer hohen Mauer eingefriedete, offene Reitbahn mit Abmessungen von etwa 64 auf 44 Metern. Am westlichen Ende stand dort in den Jahren 1821–1910 als imposantes Gebäude ein von Universitätsbaumeister Justus Heinrich Müller entworfener, auf Säulen ruhender klassizistischer Triumphbogen als Ehrenloge zum Besuch von König Georg IV. von 1821.Bernhard Zimmermann: Geschichte des Reitinstituts der Universität Göttingen von der Gründung der Universität bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zur Geschichte der Leibesübungen. Dissertation Universität Göttingen, Louis Hofer, Göttingen 1930, S. 12.Arnold Hermann Ludwig Heeren: Beschreibung der Feyerlichkeiten welche bey der Allerhöchsten Anwesenheit Seiner Majestät Georg des Vierten Königes von Großbritannien und Hannover [et]c. am 30. und 31. October 1821 von der Georg-August Universität und Stadt Göttingen begangen worden. Dieterichsche Buchhandlung, Göttingen 1822, S. 8 f. (Digitalisat auf gdz.sub.uni-goettingen.de, abgerufen am 5. August 2023).Christian Freigang: Architektur und Städtebau von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis 1866. In: Ernst Böhme, Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Göttingen, Geschichte einer Universitätsstadt. Band 2: Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Anschluss an Preußen – Der Wiederaufstieg als Universitätsstadt (1648–1866). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-36197-1, S. 765–812 (Digitalisat auf archiv.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 5. August 2023), hier S. 794, Abb. 16 und S. 795.
Baugeschichte Der hannoversche Minister und erste Kurator der neuen Göttinger Universität, Gerlach Adolph von Münchhausen, plante die Universität im Auftrag für den Landesherrn Kurfürst Georg August (in Personalunion zugleich großbritannischer König Georg II.) explizit als eine Reichen-Universität. Zielgruppe waren aus seiner Sicht insbesondere adlige Studenten, nach Möglichkeit mit eigenem Gefolge. Diese mussten z. B. beim Reiten die doppelte Gebühr von Nicht-Adeligen bezahlen. Das setzte seitens der Neugründung nicht nur ein personell qualifiziertes Angebot an angesehenen Gelehrten der vier klassischen Fakultäten voraus, sondern auch die Förderung von damals modischen Sportarten und Umgangsformen. Dazu gehörten Tanzen, Reiten, Fechten und die Jagd, selbst das fachgerechte Tranchieren von Wild wurde den Studenten vermittelt. links|mini|Erdgeschossgrundriss des Universitätsreitstalls Göttingen, Entwurf von Joseph Schädeler, 1733 (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Signatur: NLA HA, Kartensammlung Nr. 23 d Göttingen 28 pm). - Norden ist unten. mini|Die Reitbahn, rechts die Rückseite des Reithauses („Ritterspiel“ am 1. August 1748 anlässlich des Besuchs von König Georg II.), Kupferstich.mini|Studentisches Komitat vor der idealisiert dargestellten Reithalle (linkes Gebäude) in einem Stammbuch von 1765.Dieses in der Literatur als Comitat beschriebene Stammbuchblatt ist nach Reitrichtung und Gebäuden, dem Reitstall an der Weender Straße, eigentlich eine feierliche Einholung, also das Gegenteil. Jedoch sind Ablauf und Formation im Wesentlichen gleich.Das von den Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges noch gezeichnete Göttingen bot in dieser Hinsicht weniger Voraussetzungen als beispielsweise Residenzstädte deutscher Kleinststaaten. Auf Münchhausens Initiative wurde daher als eines der neuen Gebäude die Reithalle der neuen Universität errichtet.Bernhard Zimmermann: Geschichte des Reitinstituts der Universität Göttingen von der Gründung der Universität bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zur Geschichte der Leibesübungen. Dissertation Universität Göttingen, Louis Hofer, Göttingen 1930, S. 10 ff. Die Könige Georg II. und Georg IV. ließen sich hier bei ihren Göttingenbesuchen 1748 und 1821 Reiterspiele vorführen.Wolfgang Alexander: Als Georg II. 1748 Göttingen besuchte, gefielen ihm vor allem die Reiterspiele. In: Göttinger Monatsblätter (Beilage zum Göttinger Tageblatt), 7. Jahrgang, Ausgabe 72 von Februar 1980, S. 6–7; Ausgabe 73 von März 1980, S. 6–7.