mini|hochkant|Timothy Snyder (2015) Timothy David Snyder (* 18. August 1969 bei Dayton, Ohio) ist ein US-amerikanischer Historiker. Er ist seit 2001 Professor an der Yale University (beurlaubt) und seit 2025 an der Munk School of Global Affairs & Public Policy der Universität Toronto, Permanent Fellow am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen und Senior Fellow for Democracy beim Council on Foreign Relations. Seine Forschungsschwerpunkte sind Osteuropäische Geschichte und Holocaustforschung.

Leben

Akademische Laufbahn Snyder studierte von 1987 bis 1991 Europäische Geschichte und Politikwissenschaft an der Brown University in Providence, Rhode Island, und wurde 1997 als British Marshall Scholar an der University of Oxford promoviert. Nach Forschungsaufenthalten am Centre national de la recherche scientifique in Paris (1994–1995) und dem Olin Institute for Strategic Studies der Harvard University (1997) war er von 1998 bis 2001 Academy Scholar am Center for International Affairs in Harvard. Snyder verbrachte auch mehrere Forschungsaufenthalte am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien, wo er seit 2008 Permanent Fellow ist und den Forschungsschwerpunkt „Vereintes Europa – Geteilte Geschichte“ leitet.

Seit 2001 ist Snyder Bird White Housum Professor für Geschichte an der Yale University. Für seine geschichtswissenschaftlichen Arbeiten erhielt er mehrfach Auszeichnungen, darunter 2003 den George Louis Beer Prize der American Historical Association. Er ist auch Mitglied des Zentrums Liberale Moderne und Vorsitzender des Akademischen Beirats der Ukrainian History Global Initiative.

Im März 2025 wurde berichtet, dass er die USA u. a. wegen Donald Trumps zweiter Amtszeit verlassen habe, um nach Kanada zu ziehen. In einem Interview zum 100. Tag der zweiten Präsidentschaft Trumps korrigierte er, dass er bereits in der vergangenen Amtszeit umgezogen sei. Dies begründete er mit einem guten Angebot aus Toronto. Dafür ließ er sich von der Yale University beurlauben. Er lehrt nun an der zur Universität Toronto gehörenden Munk School of Global Affairs & Public Policy, wo er den Lehrstuhl für Moderne Europäische Geschichte innehat. Seine Frau, die Osteuropaforscherin Marci Shore, erklärte im März 2025 zum Wechsel nach Kanada, dass sowohl persönliche als auch politische Gründe zu der Entscheidung geführt hätten. Toronto und die Munk School seien „sehr attraktive Orte, selbst wenn man den amerikanischen Abstieg in den Faschismus außer Acht“ lasse. Natürlich aber habe bei der Entscheidung „die amerikanische Katastrophe eine Rolle gespielt“.Historiker Snyder und Faschismusforscher Stanley verlassen die USA. In: Der Spiegel. 28. März 2025, abgerufen am 28. März 2025.

Privates Snyder ist mit der Historikerin Marci Shore (* 1972) verheiratet, die ebenfalls an der Yale University lehrte und seit März 2025 einen Stiftungslehrstuhl für European Intellectual History an der Munk School of Global Affairs & Public Policy der University of Toronto bekleidet.

Werke In seiner Oxforder Dissertation befasste er sich mit Kazimierz Kelles-Krauz (1872–1905), einem polnisch-litauischen Intellektuellen, der im russischen Teilungsgebiet Polens aufwuchs, in Paris studierte und in Wien eine innovative Theorie des Nationalismus ausarbeitete. In einem weiteren Buch gab er das abenteuerliche Leben von Wilhelm von Habsburg (1895–1948) wieder, der sich als polnischer Thronanwärter zu einem Ukrainophilen entwickelte und in einem sowjetischen Gefängnis verstarb.

Snyder schreibt regelmäßig Beiträge für The New York Review of Books und The New York Review of Books Blog. Seine Buchrezensionen erscheinen in der Literaturbeilage der Times und akademischen Zeitschriften wie Slavic Review, Historically Speaking, American Historical Review, Journal of Modern History, Journal of Cold War Studies und The International History Review. Artikel von Timothy Snyder sind u. a. in folgenden Magazinen und Zeitschriften erschienen: Prospect, Transit, Die Presse, Christian Science Monitor, The Guardian, Chicago Tribune, Boston Globe, The New York Times und The New Republic.

Bloodlands Snyders 2010 veröffentlichtes Buch Bloodlands, das Massenmorde und Vernichtungspolitik durch das nationalsozialistische und das stalinistische Regime in den Jahren von 1933 bis 1945 erörtert, wurde in 28 Sprachen übersetzt und erhielt zahlreiche Preise, darunter den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung sowie den Ralph-Waldo-Emerson-Preis. Mit dem Begriff „Bloodlands“ meint Snyder ein Gebiet, das das östliche Polen, Belarus, den Westteil Russlands, das Baltikum, Teile der Ukraine sowie das frühere Ostpreußen umfasst:Siehe diese Karte. Hier seien die höchsten Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung durch die beiden Regimes zu verzeichnen gewesen. Dies sei möglich geworden, so eine zentrale These des Buchs, weil sowohl Hitlers als auch Stalins Regimes zunächst die eigenstaatlichen Strukturen der besetzten Länder zerstört hätten, was deren Bewohner jedes Schutzes beraubte und es den Aggressoren ermöglichte, die Gebiete wie Kolonien zu behandeln und auszubeuten.

Den Holocaust verortet Snyder als eines von mehreren im Frühsommer 1941 geplanten großen Ausrottungsprojekten der NS-Führung neben dem Vernichtungskrieg gegen die UdSSR, dem Hungerplan gegen deren Einwohner sowie dem Generalplan Ost.Timothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. C.H. Beck, München 2011, S. 187–234; englischsprachige Ausgabe: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin. Basic Books, New York 2010, S. 187–223; vgl. Timothy Snyder: . In: Eurozine, 18. Februar 2010, gedruckt in: Transit, Heft 38, 2009, S. 6–19, hier S. 9 f. Bei der Betrachtung des Holocaust selbst plädiert er für eine stärkere Fokussierung auf die Aktion Reinhardt, da sie mit ihren Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka noch mehr Opfer als das Vernichtungslager Auschwitz gefordert habe und eine angemessene Sicht auf den Aspekt ermögliche, dass die Mehrheit der ermordeten Juden aus Osteuropa stammte.Timothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. C.H. Beck, München 2011, S. 261–284; englischsprachige Ausgabe: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin. Basic Books, New York 2010, S. 253–276; vgl. Timothy Snyder: . In: Eurozine, 18. Februar 2010, gedruckt in: Transit, Heft 38, 2009, S. 6–19, hier S. 7–11.

In einer ausführlichen Kritik wirft der am Institut für Zeitgeschichte arbeitende Historiker Jürgen Zarusky Snyder vor, mit dem Begriff „Bloodlands“ keine historische Landschaft und das Geschehen in ihr zu beschreiben, sondern ein Konstrukt zu entwickeln, das historisch zusammenhängende Phänomene teils zerschneide, teils künstlich aufeinander beziehe. Snyder überbetone zudem vermeintliche Ähnlichkeiten von NS-Herrschaft und Stalinismus.Jürgen Zarusky: Timothy Snyders „Bloodlands“ – kritische Anmerkungen zur Konstruktion einer Geschichtslandschaft, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 60 (2012), Heft 1, S. 1–31. (Volltext via Defending History) Auch andere Kritiker bemängeln, Snyder betreibe in dem Buch eine zu starke Gleichsetzung der beiden Diktaturen.Vgl. die Debatte auf Guardian.co.uk zwischen Timothy Snyder, Efraim Zuroff und Neal Ascherson, sowie die Besprechungen auf economist.com, wsj.com und nybooks.com; vgl. auch Daniel Lazare: Timothy Snyder’s Lies. In: Jacobin, 9. September 2014, und Sebastian Huhnholz: Deutschsowjetische Bloodlands? Zum methodologischen spatial und imperial turn der aktuellen Totalitarismustheorie. In: Journal of Modern European History, 4/2014, 12. Jg., S. 427–447. Der israelische Historiker Omer Bartov kritisierte zusätzlich das Ausblenden der Beteiligung der lokalen ukrainischen Bevölkerung am Holocaust sowie dass Snyder es liebe, viele Zahlen auf Kommastelle genau zu präsentieren, was mit deren Unsicherheit und Umstrittenheit nicht zu vereinbaren sei. Der polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe kritisierte ebenfalls, dass Snyder den Kollaborateuren wenig Gewicht zuweise und dass er den in der Heimatarmee verbreiteten Antisemitismus nicht angemessen berücksichtige. Snyder selbst argumentiert in Bloodlands und anderen Publikationen, dass die Einbettung der Geschehnisse in den historischen und regionalen Kontext sowie das Wissen um die Funktionsweisen anderer Regimes notwendig seien, um den spezifischen Charakter des Holocaust und des Hitler-Regimes besser verstehen zu können.Vgl. Klaus Wiegrefe: Ein Apparat effizienten Tötens. In: Der Spiegel, Heft 2011/28.

Nachdenken über das 20. Jahrhundert Sein 2013 erschienenes Buch Nachdenken über das 20. Jahrhundert entstand aus zahlreichen Gesprächen mit seinem 2010 verstorbenen Freund und Historikerkollegen Tony Judt, der vor dem Hintergrund seiner eigenen Familiengeschichte Bilanz der großen politischen Ideen der Moderne zog.

Black Earth Sein 2015 erschienenes Buch Black Earth: The Holocaust as History and Warning stellte er im Oktober 2015 auf einer Lesereise im deutschen Sprachraum vor. Eine Hauptthese des Buches verweist auf die Bedeutung der Staatlichkeit: Juden wären unter deutscher Besatzung vor allem dann in Gefahr gewesen, wenn ihr eigener Staat zusammengebrochen war, wie im Falle Polens. In Ländern mit andauernder Staatlichkeit, wie Dänemark, wären die eigenen jüdischen Staatsbürger besser beschützt gewesen.

Über Tyrannei: 20 Lektionen für den Widerstand Im Februar 2017 veröffentlichte Snyder On Tyranny (Deutsch: Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand), das maßgeblich eine Reaktion auf die US-Präsidentschaftswahl 2016, aus der Donald Trump als Sieger hervorging, darstellt. In dem Buch formuliert Snyder 20 Lektionen aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts und stellt konkrete Schritte vor, mit denen sich (hauptsächlich US-amerikanische) Leser gegen einen möglichen Zusammenbruch der Demokratie und die Herrschaft eines totalitären Regimes verteidigen könnten. Seine Lektionen basieren hauptsächlich auf der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der folgenden Gleichschaltungs- und Vernichtungspolitik des Regimes sowie auf den Erfahrungen mit der kommunistischen Gewaltherrschaft in Osteuropa zur Zeit des Kalten Krieges. Das Buch ist eine außergewöhnlich direkte Kritik an der Politik Donald Trumps und wurde schnell zu einem New-York-Times-Bestseller.

Politische Stellungnahmen Zur US-Politik äußerte sich Snyder nicht öffentlich, bis Donald Trump Politiker wurde.„Wir haben maximal ein Jahr Zeit, um Amerikas Demokratie zu verteidigen“. sueddeutsche.de, 7. Februar 2017. Er schrieb kurz nach der US-Präsidentschaftswahl 2016 einen Artikel, der den Aufstieg von Adolf Hitler beschreibt und Parallelen zum Aufstieg von Donald Trump zum US-Präsidenten nennt.slate.com 18. November 2016: Him – His election that November came as a surprise… Im Februar 2017, zwei Wochen nach Trumps Amtsantritt als US-Präsident, äußerte Snyder unter anderem:

Seit dem Beginn des russischen Kriegs in der Ukraine im Jahr 2014 hat Snyder zahlreiche Zeitungsartikel zu diesem Thema geschrieben. Wenige Wochen nach der Krim-Annexion organisierte er in Kiew eine Konferenz, an der auch Schriftsteller und Intellektuelle teilnahmen. Nach dem Überfall am 24. Februar 2022 reiste er im September nach Kiew, traf Präsident Wolodymyr Selenskyj und startete ein Crowd-Funding für die Beschaffung eines Abwehrsystems, um russische Kamikaze-Drohnen abzuwehren.