Die große Wut des Philipp Hotz ist ein im Untertitel als Schwank bezeichnetes Theaterstück des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Es wurde gemeinsam mit Biedermann und die Brandstifter am 29. März 1958 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Regie führte Oskar Wälterlin, den Hotz gab Boy Gobert, das Bühnenbild stammte von Max Frisch selbst. Obwohl beide Einakter bei der Premiere positiv aufgenommen wurden, war ihre langfristige Wirkung sehr unterschiedlich. Während sich Biedermann und die Brandstifter als Theatererfolg und Schullektüre etablierte, blieb Die große Wut des Philipp Hotz selten gespielt und wenig untersucht. Die Komödie gilt heute als ein Nebenwerk des Autors.
Der Wutausbruch des Intellektuellen Philipp Hotz entzündet sich an der Weigerung seiner untreuen Ehefrau, in die Scheidung einzuwilligen. Nachdem er sie in einen Schrank eingesperrt hat, lässt Hotz die Wohnung von Dienstmännern kurz und klein schlagen. Anschließend verlässt er seine Frau, um in die Fremdenlegion einzutreten, kehrt jedoch am Ende des Stücks zu ihr zurück, weil er dort abgewiesen wurde.
Inhalt
Das Credo des Schriftstellers Dr. phil. Philipp Hotz zur Ehe ist, dass sie nur als Verbindung zweier Menschen in Freiheit und Offenheit, als geistiges Wagnis bestehen könne und nicht an sexuelle Treue gebunden sei. Darüber kann seine Frau Simone Dorothea, genannt Dorli, nur lachen. Sie beschreibt ihren Mann als introvertiert, eifersüchtig und verzweifelt darum bemüht, ihr zu imponieren. Vor einem Jahr gestand sie ihm eine Affäre mit seinem besten Freund Wilfrid. Hotz revanchierte sich mit einem Seitensprung mit dessen Frau Clarissa. Seitdem ist beider Scheidung fest geplant, wobei Hotz darauf besteht, die Schuld des Ehebruchs auf sich zu nehmen, um seine Frau zu schonen.
Seitdem Dorli jedoch am Vormittag bei einem Gerichtstermin der Scheidung mit der Begründung widersprach, ihr Mann meine es sowieso nicht ernst, steigert sich Hotz in einen Wutanfall. Er packt einen Koffer, um in die Fremdenlegion einzutreten, und hat zwei Dienstmänner engagiert, die die Wohnung zertrümmern sollen mit Ausnahme von Dorlis „Frauengut“. Dorli hat er kurzerhand in den Schrank eingesperrt, was diese, an regelmäßige Wutausbrüche ihres Mannes gewöhnt, gelassen hinnimmt. Schweigend und gleichmütig raucht sie im Schrank und wird schon bald ohne Wissen ihres Mannes von einem Dienstmann befreit. Hotz empört, dass sie seinen Handlungen keine Konsequenz zutraut und sich stets auf seine Liebe und Nachsicht verlässt. Sie könne doch nicht mit ihm machen, was sie wolle, nur weil sie die Schwächere sei. Immer wieder spricht er sich selbst Mut zu: „Nur jetzt nicht die Wut verlieren!“
Während Hotz ständig durch die Dienstmänner unterbrochen wird, die sich beflissen nach Anweisungen für ihre Zerstörungen erkundigen, treten verschiedene andere Personen auf. Eine alte „Jumpfer“ (Mundart für Jungfer) hält Hotz für Tante Bertha, bis sie sich als Staubsaugervertreterin herausstellt. Wilfrid, der die letzten drei Jahre in Argentinien geweilt und ein Vermögen gemacht hat, kehrt zurück, begrüßt seinen Freund herzlich und nimmt alles mit Humor, außer dass Hotz um seine Affäre mit Dorli weiß. In der Abwesenheit ihres Mannes spricht er mit Dorli, hauptsächlich über Hotz, den einzigen Gesprächsstoff, der beiden niemals ausgeht. Wirklich nah geht Wilfrid erst Dorlis Offenbarung des Seitensprungs ihres Mannes mit Clarissa. Nun fängt auch Wilfrid an zu toben und hält alle Frauen für Huren.
Nach seinem Abgang erscheint Clarissa bei Dorli und entlarvt die angebliche Affäre zwischen ihr und Hotz als Lüge. Hotz, der fürchtet, seine Frau werde ihm nun nie mehr glauben, verlässt die Wohnung mit gepacktem Koffer in Richtung Bahnhof. Bis zuletzt hofft er, Dorli oder der französische Zoll hielten ihn auf der Fahrt nach Marseille auf, doch niemand stellt sich seinem angedrohten Eintritt in die Fremdenlegion in den Weg. Allein in der Wohnung hat Dorli eine Vision ihres Mannes als Legionär, was sie ganz unpassend für ihn findet, und weint nun doch. In diesem Moment kehrt Hotz bereits zurück. Die Legion habe ihn wegen seiner Kurzsichtigkeit abgewiesen. Dorli fällt ihm um den Hals, und er fragt verlegen nach der Post.
Genre und Aufbau
Während er den Erstdruck von Die große Wut des Philipp Hotz noch als Sketch bezeichnete, ordnete Frisch das Theaterstück bei seiner Uraufführung als Schwank ein. Im Programmheft führte er aus, ein Schwank müsse lustig sein, aber nicht notwendigerweise dumm, ungraziös oder vulgär. Die Figuren sollten „konventionelle, fixe Schablonen sein: man weiß sofort, wen man vor sich hat. Der Hahnrei, haha! Und das Publikum ist sich einig in der Einschätzung.“Max Frisch: Nachbemerkungen zu Biedermann und Hotz. In: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Vierter Band, S. 458. Die Kopplung des Schwanks als Nachspiel zu Biedermann und die Brandstifter wurde vielfach als Parodie der Tradition der Antike aufgefasst, in der ein Satyrspiel auf die Tragödie folgte.Hellmuth Karasek: Max Frisch, S. 77.
Das Stück ist ein Einakter, es gibt keinen Szenenwechsel, unterschieden wird lediglich zwischen Szene und Conférence. Bei dieser, von Frisch auch als „Ich-Theater“ der Hauptfigur bezeichnet, spricht Hotz den Zuschauer direkt an. Im Unterschied zum Brechtschen Verfremdungseffekt bleibt Hotz allerdings auch in der Conférence jederzeit in seiner Rolle.Heinz Gockel: Max Frisch. Drama und Dramaturgie, S. 52. Teilweise vermischen sich die Ebenen, etwa wenn Hotz in der Conférence auf eine Szene reagiert, die er, da er sich zwischenzeitlich bei der Vermieterin aufhält, gar nicht miterlebt, sondern sich nur vorstellt. An anderer Stelle tritt Hotz mitten in einer Spielhandlung, bei der er abwesend ist, kurz in die Szene, um seiner Frau Feuer zu geben. Laut Frischs Anweisungen soll das Zimmer, in dem die Handlung spielt, nicht von Wänden begrenzt sein, sondern ein erhöhter Podest, eine „Bühne auf der Bühne“, von Leere umgeben, damit der Hauptdarsteller gleichzeitig selbstverständlich und augenfällig in die Szene und aus ihr heraustreten könne.Max Frisch: Zum Bühnenbild des Hotz. In: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Vierter Band, S. 459.
Interpretation
Der Widerspruch des Intellektuellen
miniatur|Max Frisch (1955) Im Programmheft zur Uraufführung gab Frisch als Motivation zum Stück an, er wolle ausprobieren, ob sich der Intellektuelle, der nicht gemäß seinen Worten handle, sich dessen Widerspruch bewusst sei und um der Welt – im Stück in Gestalt seiner Frau – sein Handeln zu beweisen etwas ganz Läppisches tue im vollen Bewusstsein, dass es läppisch sei, als schwankfähig erweise. So wurde hinter dem Stück auch oft – wie von Karl Senn – die Absicht „einer schonungslosen Satire auf den ‚Intellektuellen‘, in dem Frisch sich ja selbst auch angesprochen fühlt“, vermutet, die sich im Dr. phil. in Biedermann und die Brandstifter noch spiegele.Zitiert nach Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Dramen, S. 112. Auch Wolf R. Marchand beschrieb das Stück als „ein grimmiges Spiel mit den Intellektuellen, die daran leiden, daß sie immerzu große Worte machen, aber nicht handeln können, und das wissen.“Wolf R. Marchand: Max Frisch. In: Benno von Wiese (Hrsg.): Deutsche Dichter der Gegenwart. Schmidt, Berlin 1973, ISBN 3-503-00731-8, S. 245.
Manfred Jurgensen ging über diese Deutung hinaus. Für ihn stand der Intellektuelle als Typus für die „Gefangenschaft im eigenen Ich“. Hotz stehe seinem Versuch, auszubrechen, stets selbst im Wege, ein Paradox, das der Schwank in Komik überführe. Letztendlich stecke hinter dieser Komik aber eine Inkongruenz von Körper und Geist, die statt einer bloßen Kritik des Intellektuellen zur Kritik der Schöpfung in ihrer Gesamtheit werde. Die Unvereinbarkeit von Körper und Geist versuche Hotz mittels seines Intellektes zu überbrücken, was sich auf der Bühne im Überspielen der beiden Handlungsebenen Szene und Conférence zeige. Durch seine keineswegs spontane „große Wut“ versuche er, aus den erstarrten Identitäten und Bildern auszubrechen. In Hotz gestalte Frisch „einen komischen Helden in der Verkörperung eines tragischen Konflikts“.Vgl. Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Dramen, S. 112–116.
Wut als Rolle
Hellmuth Karasek beschrieb als Grundthematik des Werkes von Max Frisch die Unvereinbarkeit von aufgezwungener Rolle und Identität eines Menschen. In Die große Wut des Philipp Hotz entstehe dieser Widerspruch und die daraus folgende Komik allerdings nicht aus einer aufgezwungenen, sondern aus der selbstgewählten Rolle des Protagonisten, der er in Wahrheit nicht gewachsen ist. Im Bemühen, einmal Ernst zu machen, wählt er sich die Rolle einer Wut, für die sein wahrer Zorn viel zu gering ist. Sein Wutausbruch, zu dem er sich immerfort selbst ermuntern muss, wird durch seine bürgerliche Erziehung und intellektuelle Einsicht gehemmt. Hotz muss Dienstmänner bestellen, um seine Möbel zu zertrümmern, weil seine eigene Kraft und Wut für das gestellte Ziel gar nicht ausreichen. Sein vorgeblich unkontrollierbarer Wutanfall findet seine Grenzen beim Bürgerlichen Gesetzbuch, etwa in seiner Anweisung, den Besitz seiner Frau zu verschonen.
Auch für Jürgen H. Petersen untergräbt die Hauptfigur seine Glaubwürdigkeit ständig selbst und entlarvt die übernommene Rolle damit als Maskerade, mit der er lediglich seine Verletzbarkeit und Unterlegenheit tarnt. Obwohl er vorgibt, Dorli zu verlassen, fürchtet er nichts mehr als die Trennung von seiner Frau, sein eigener Ehebruch hat nie stattgefunden, seine liberalen Ansichten über die Ehe werden durch seine Eifersucht ständig unterlaufen. Zwar kommt unter der Rolle des Wütenden auch immer wieder die wahre Identität des Protagonisten zum Vorschein, doch ist es eine Identität, die er fürchtet und ablehnt. Diese Weigerung, sich selbst anzunehmen, treibt ihn in die Flucht vor der eigenen Identität und in die Rolle des Wütenden.Jürgen H. Petersen: Max Frisch. Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-13173-4, S. 101. Nach dem gescheiterten Ausbruchsversuch kehrt Hotz zurück in seine Wohnung, ohne dass sich etwas geändert hat. Laut Heinz Gockel kann die Komödie damit erneut von vorne beginnen.Heinz Gockel: Max Frisch. Drama und Dramaturgie, S. 53.
Bezug zum Werk
Manfred Jurgensen sah Hotz in einer Reihe zahlreicher anderer intellektueller Hauptfiguren aus Frischs Werk, angefangen vom Heutigen in Die Chinesische Mauer bis zum Dr. phil. in Biedermann und die Brandstifter. Zugleich stehe er in der Gefangenschaft im eigenen Ich in der Nähe zum Titelhelden in Stiller, zu Don Juan aus Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie und zum Staatsanwalt in Graf Öderland.Zitiert nach Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Dramen, S. 112, 115. Gerhard P. Knapp wertete Die große Wut des Philipp Hotz als Zurücknahme der in Graf Öderland aufgeworfenen Thematik: der Verknüpfung von privaten Ausbruchsphantasien mit gesellschaftlicher Auflehnung und Rebellion. Im Schwank sei jede gesellschaftskritische Deutung ausgeschlossen, der Konflikt „endgültig verbannt in die Wände des spießbürgerlichen Wohn- bzw. Schlafzimmers.“Gerhard P. Knapp: Angelpunkt „Öderland“: Über die Bedeutung eines dramaturgischen Fehlschlags für das Bühnenwerk Frischs. In: Gerhard P. Knapp (Hrsg.): Max Frisch. Aspekte des Bühnenwerks. Peter Lang, Bern 1979, ISBN 3-261-03071-2, S. 245–246.