Die Geschichte der Logik behandelt die Entstehung und Entwicklung der Logik und aller ihrer Teildisziplinen.

In verschiedenen Erdteilen haben sich verschiedene Traditionen der Logik herausgebildet. Die europäisch-westliche Logik hat ihren Anfang im antiken Griechenland und kann in zwei Strömungen unterteilt werden: die Tradition der aristotelisch-scholastischen Logik und die der modernen oder mathematischen Logik ab 1847. Daneben gibt es die Traditionen der indischen und tibetischen, der chinesischen, der japanischen und der islamischen Logik.

Antike Logik Vorläufer Zu den Vorläufern der antiken Logik gehören die Vorsokratiker (6. und 5. Jahrhundert v. Chr.), die Sophisten (ab dem 5. Jahrhundert v. Chr.) und Platon (4. Jahrhundert v. Chr.). Die Sophisten lehrten, meist gegen Bezahlung, zum Beispiel wie man vor Volksversammlungen oder vor Gericht Reden halten und Gesprächspartner oder Zuhörer überreden konnte. Dazu unterrichteten sie Rhetorik, einzelne logische Kunstgriffe und manchmal auch, wie man Trugschlüsse anwenden konnte.

Platon hat zwar kein logisches System und nicht einmal eine logische Schrift hinterlassen, in seinen Dialogen findet man aber bereits zahlreiche Stellen, die Themen der Logik behandeln und starken Einfluss auf den Begründer der Logik, seinen Schüler Aristoteles, gehabt haben. Die Beschäftigung Platons mit der Ordnung und den Gesetzen des Denkens ist wohl als Antwort auf die von ihm abgelehnte, willkürliche, oft mutwillig in die Irre führende Begriffs- und Argumentationsakrobatik der Sophisten zu sehen. Die wichtigste logische Entdeckung Platons war wohl die Begriffseinteilung (diairesis). Es handelt sich dabei um eine Methode, die es möglich macht, einen gesuchten Begriff zu definieren, indem sie niedrigere unter höhere Begriffe subsumiert.Die Einwirkung der Dihairesis auf Aristoteles bestätigt z. B.: Joseph M. Bochenski: Formale Logik, 5. Auflage, Karl Alber, Freiburg/München 1996, S. 46. Außer der Dihairesis haben auch die ständigen Übungsgespräche der Lehrer und Schüler der platonischen Akademie die weitere Geschichte der Logik beeinflusst. Bei der ersten logischen Schrift des jungen Aristoteles, der Topik, handelt es sich nämlich um die Ausformulierung eines Regelwerks des korrekten Argumentierens.Klaus Oehler: Der Geschichtliche Ort der Entstehung der formalen Logik, S. 51.

Abgesehen vom logischen Vokabular, das Platon zur Methode der Dihairesis benutzt (zum Beispiel Definition, Unterschied (bei Aristoteles dann spezifischer Unterschied), Gattung, Art), ist erwähnenswert, dass sich bereits eine Bestimmung der Aussage und der wahren oder falschen Aussage findet. Platon unterscheidet (im Dialog Sophistes 261c) eine wahre Begriffsverbindung aus einem Haupt- und einem Zeitwort, „Theaitetos sitzt“, von einer falschen, „Theaitetos fliegt“.Dazu siehe z. B.: K. Lorenz und J. Mittelstrass: Zur Theorie wahrer und falscher Sätze bei Platon. In: Archiv für Geschichte der Philosophie, Band 48, Heft 1–3, S. 113–152 + Logische Schriften des Aristoteles Organon (altgri., dt. „Werkzeug“) (dt. Übersetzung von Julius von Kirchmann) Kategorien (altgri.: Kategoriai, lat.: Categoriae) (altgri.) Lehre vom Satz (altgri.: Peri hermeneias, lat.: De interpretatione) (altgri.) Erste Analytik (altgri.: Analytikon proteron, lat.: Analytica priora) (altgri.) Zweite Analytik (altgri.: Analytikon hysteron, lat.: Analytica posteriora) (altgri.) Topik (altgri.: Topikon bzw. Topoi, lat.: Topica) (altgri.) Sophistische Widerlegungen (altgri.: Peri sophistikon elenchon, lat.: De sophisticis elenchis) (altgri.)

Die aristotelische Begriffslogik Ein erstes System der Logik findet man dann bei Aristoteles (384–322 v. Chr.), der nicht nur als Begründer der Logik gilt, sondern auch von unvergleichbarer Bedeutung für die weitere Geschichte der Logik und ihre Entwicklung war. Sein logisches Werk Organon (Werkzeug) besteht aus sechs Einzelschriften, in denen alle wesentlichen Teile der Logik behandelt werden: der „Begriff“ (Kategorien), die aus Begriffen bestehende „Aussage“ (De Interpretatione) und der aus Aussagen bestehende „Schluss“ (Analytica priora und Analytica posteriora). Weiter wird die Praxis des Schlussfolgerns behandelt (Topik und Sophistische Widerlegungen), außer im Organon kommen auch im vierten Buch der Metaphysik logische Probleme zur Sprache.

Die aristotelische Logik ist ein logisches System, in dem Begriffe zueinander in Beziehung gesetzt werden. Es handelt sich also nicht um eine Aussagenlogik, sondern um eine Term- oder Begriffslogik. In der unmittelbaren Nachgeschichte geriet Aristoteles’ Logik schnell in Vergessenheit, bis in die Spätantike dominierte die stoische Aussagenlogik.Klaus Oehler: Der Geschichtliche Ort der Entstehung der formalen Logik, S. 61. Erst im Mittelalter beginnt sie zu dominieren und die Entwicklung der Logik entscheidend zu beeinflussen.

Kategorien In der Schrift Kategorien werden die „Wörter“ in zehn Arten (die Kategorien) unterteilt. Diese zehn Wortarten (Sokrates bezeichnet einen bestimmten Menschen, Mensch ist ein Allgemeinbegriff, weiß ist eine Eigenschaft usw.) unterscheiden sich so, dass sich jede Wortart mit manchen der anderen Wortarten zu einem „Satz“ verbinden lässt. Ein Satz besteht mindestens aus zwei Wörtern (Der Mensch läuft; Sokrates ist ein Mensch). Im Gegensatz zu Wörtern sind Sätze entweder bejahend oder verneinend. Jede Bejahung und jede Verneinung ist entweder wahr oder falsch, Sätze haben also einen „Wahrheitswert“. Weiter gibt es vier verschiedene Arten von Dingen, von denen eine Art immer nur als Subjekt eines Satzes, nie als Prädikat eines Satzes fungieren kann (Dinge, die bestimmte Individuen sind, wie z. B. „Sokrates“). Andere sowohl als Subjekt, wie auch als Prädikat eines Satzes (z. B. „Mensch“ als Subjekt: „Der Mensch ist ein Lebewesen“ und als Prädikat: „Sokrates ist ein Mensch“").

De Interpretatione Wesentlicher Inhalt von De Interpretatione ist eine Analyse der logischen Aussage. Im Rahmen dieser Analyse bezeichnet Aristoteles die Bejahung (S=P) und die Verneinung (S≠P) derselben Begriffe als Kontradiktion. Der Satz vom Widerspruch (S kann nicht P und gleichzeitig nicht P sein) gilt seitdem als grundlegendes logisches Gesetz. Weiter wird eingeführt, was man heute als Quantor bezeichnet: vor Allgemeinbegriffe kann man folgende Quantoren setzen „jeder Mensch ist ein Sinnenwesen“, „kein Mensch ist eine Schildkröte“, „nicht jeder Mensch heißt Sokrates“ bzw. „manche Menschen heißen Sokrates“. Zwischen den Aussagen „jeder Mensch ist weiß“ und „nicht jeder Mensch ist weiß“ besteht – genau eine der beiden ist richtig – ein kontradiktorischer Gegensatz; zwischen den Aussagen „jeder Mensch ist weiß“ und „kein Mensch ist weiß“ besteht – beide sind falsch – eine zweite Art von Gegensatz, der konträre Gegensatz. Ein zweites logisches Gesetz, der Satz vom ausgeschlossenen Dritten taucht ebenfalls zuerst bei Aristoteles auf. So muss eine der zwei kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen S=P und S≠P wahr sein. Allerdings gilt dieses Gesetz im folgenden Fall nicht. Keine der beiden kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen „Morgen wird dieses Haus einstürzen“ und „Morgen wird dieses Haus nicht einstürzen“ kann man als wahr oder falsch bezeichnen. Für Aussagen, die Zukünftiges aussagen, könnte man – neben wahr und falsch – einen dritten Wahrheitswert einführen. Aristoteles hat damit die Mehrwertige Logik vorweggenommen. Auch das Verb ist wird bereits bei Aristoteles in seiner zweifachen Funktion thematisiert: erstens wird es Subjekten zugesprochen, um ihre Existenz auszusagen: „Sokrates ist“, zweitens dient es als Verbindung (heute Kopula genannt) zwischen Subjekt und Prädikat einer Aussage: „Sokrates ist ein Mensch“. Weiter werden Privationen behandelt (Nichtmensch, ungerecht, ungerade) und verschiedene Arten von Prädikaten unterschieden: Prädikate wie weiß und gut kommen dem Subjekt Mensch akzidentiell zu; Prädikate wie zweifüßig und Lebewesen kommen dem Subjekt Mensch hingegen wesentlich zu, sie lassen sich zu einer Definition des Subjekts verbinden. Mit der Einführung der heute so genannten Modalbegriffe begründet Aristoteles auch die Modallogik. Modalbegriffe beziehen sich auf Aussagen: möglich (problematische Aussage: es ist möglich, dass S P ist) und notwendig (apodiktische Aussage: es ist notwendig so, dass S P ist).

Die Analytiken Megarische Logiker Stoische LogikerEubulides(4. Jahrhundert v. Chr.)Zenon v. Kition(† 264 v. Chr.)Diodoros Kronos(4./3. Jahrhundert v. Chr.) Chrysipp(3. Jahrhundert v. Chr.)Philon v. Megara(4./3. Jahrhundert v. Chr.)

Als logisches Hauptwerk, gelten die beiden umfangreichen Analytiken. Hier entwickelt Aristoteles die „Syllogistik“, seine Beweis- und Schlusslehre, die ein formales logisches System im modernen Sinn bildet. In einem Schluss wird aus zwei Aussagen (Prämissen) auf eine dritte Aussage (Konklusion) geschlossen. Diese drei Aussagen sind ihrerseits aus drei Begriffen (Subjekt – Prädikat – Mittelbegriff) zusammengesetzt. Ein Beispiel: aus den Prämissen Sokrates (Subjekt) ist ein Mensch (Mittelbegriff) und Alle Menschen (M) sind Lebewesen (Prädikat) folgt die Konklusion Sokrates (S) ist ein Lebewesen (P). Aristoteles unterscheidet drei Arten von Schlüssen (er nennt sie die drei Figuren), die heute Deduktion, Induktion und Abduktion genannt werden.Die Analytiken werden im Artikel Aristoteles ausführlich behandelt.

Die megarisch-stoische Aussagenlogik Abseits der aristotelischen Begriffslogik entwickelt sich zuerst in der megarischen, dann in der einflussreichen stoischen Philosophenschule die zweiwertige Aussagenlogik (4. und 3. Jahrhundert v. Chr.). Wobei erstens bemerkt werden muss, dass durchaus eine Begriffslogik dieser Schulen existiert haben wird, jedoch verloren gegangen ist und zweitens, dass schon Aristoteles Schüler Theophrast die Syllogistik um aussagenlogische Schlüsse erweitert hat. Wirkmächtig war zunächst nur die stoische Logik, die ihre Logik in Handbüchern verbreitete.Joseph M. Bochenski: Formale Logik, Karl Alber, Freiburg/München 1996 (5. Aufl.), S. 122. Im Mittelalter wurde sie fast vollständig durch die aristotelisch-scholastische Logik verdrängt, um erst 1934 von Łukasiewicz quasi wiederentdeckt zu werden. Benson Mates und Michael Frede haben Monographien zur megarisch-stoischen Logik verfasst. Die Quellenlage ist schlecht, man ist v. a. auf Sextus Empiricus, Diogenes Laertios und Galen angewiesen.

+ Logische Schriften vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 7. JahrhundertNach: John Marenbon: Logic before 1100: The Latin Tradition. In: Dov M. Gabbay, John Woods (Hrsg.): Handbook of the History of Logic. Band 2: Mediaeval and Renaissance Logic, Elsevier, Amsterdam u. a. 2008, S. 1–64. Autoren Schriften zur LogikCicero († 43 v. Chr.) Topik (lat.: Topica) (lat.) (eng.)Apuleius von Madaura(† nach 170) Über die Aussage (gri.: Peri hermēneías, lat.: Peri hermeniae) (lat.)Porphyrios(† zwischen 301 und 305) Einführung (altgri.: Isagoge) (eng.) Zu den Kategorien des Aristoteles in Frage und Antwort (altgri.: Eis tas Aristotélous katēgorías kata peúsin kai apókrisin)Marius Victorinus(† nach 363) Über die Definition (lat.: De diffinitione)Pseudo-Augustinus4. Jahrhundert Zehn Kategorien (lat.: Categoriae decem) (lat.)Boethius(† zwischen 524 und 526) Von der Einteilung (lat.: De divisione) Über den kategorischen Syllogismus (lat.: De syllogismo categorico) Einführung in die kategorischen Syllogismen (lat.: Introductio ad syllogismos categoricos) Über hypothetische Syllogismen (lat.: De hypotheticis syllogismis) Über die topischen Differenzen (lat.: De topicis differentiis)Die Abschnitte über Logik in den Enzyklopädien von: Martianus Capella (5. oder 6. Jahrhundert): Die Hochzeit der Philologie mit Merkur (lat.: De nuptiis Philologiae et Mercurii), Cassiodor († 580): Institutionen (lat.: Institutiones) (lat.) und