Femen (, in Eigenschreibweise FEMEN) ist eine am 11. April 2008 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gegründete Gruppe, die sich als feministisch definiert und durch provokante Aktionen internationale Beachtung gewonnen hat. Gründerin und Leiterin der Gruppe ist Hanna Huzol. Zu den prominentesten Aktivistinnen gehören Inna Schewtschenko, Alexandra Schewtschenko und Oksana Schatschko (1987–2018).
Das Markenzeichen von Femen sind seit 2010 Oben-ohne-Aktionen, bei denen die Aktivistinnen ihre nackten Oberkörper mit Parolen bemalt haben und Blumenkränze im Haar tragen. Für diese Aktionsform wird von Femen auch die Bezeichnung Sextremismus verwendet.Inna Schewtschenko: Sextremism: The New Way for Feminism to Be! In: The Huffington Post, 7. Februar 2013 (englisch).Cigdem Akyol: „Du brauchst mich nicht zu befreien“ In: die Tageszeitung, 28. April 2013. Femen bezeichnet sich selbst als neue globale Frauenbewegung.FEMEN
Entwicklung und Ziele mini|Zwei Aktivistinnen, links Inna Schewtschenko, demonstrieren gegen den mit der Fußball-EM 2012 verbundenen Sextourismus, 2010 in der Ukraine mini|Femen Protest, EURO 2012, 8. Juni 2012 mini|Aktivistinnen, rechts Alexandra Schewtschenko, demonstrieren für Aliaa Magda Elmahdy, am 31. März 2012 in Paris
Die Kombination von nackten Brüsten und politischen Aktionen ist nicht neu – für die 68er-Generation war das Ausziehen ein Teil des Aufbegehrens gegen das Establishment; das Busenattentat auf Theodor W. Adorno war als studentisches Happening in einem großen Hörsaal geplant, was den linken Aktivistinnen und Organisatoren im Nachgang jedoch peinlich war. Vor diesem Hintergrund ist 40 Jahre später die Femen-Bewegung einzuordnen, die diese Aktionsform in den letzten Jahren professionalisierte.
Die Organisation tritt für Frauenrechte ein. Die Aktivistinnen von Femen sind vor allem junge Frauen, oft Studentinnen. Nach der Gründung 2008 war Femen zunächst nur in der Ukraine aktiv und wandte sich mit der Parole „Die Ukraine ist kein Bordell“ () gegen Sextourismus und Zuhälterei. Gleichzeitig wurde die Bestrafung von Männern gefordert, die Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch nehmen. Femen erlangte dabei rasch internationale Beachtung.David M. Herzenshorn: The Female Factor: Ukraine’s Feminist Shock Troops. In: New York Times vom 31. Mai 2013, abgerufen am 11. Januar 2014 (englisch)
Bislang verwehrte das ukrainische Justizministerium der Gruppe die Anerkennung als Organisation, da ihre Ziele als „Aufruf zur Störung der öffentlichen Ordnung“ aufgefasst werden könnten. Nach Aussage von Hanna Huzol will Femen die „größte und einflussreichste feministische Organisation Europas“ werden.Dirk Schneider: In: Zündfunk, 14. März 2013. Nach den Worten von Inna Schewtschenko ist „der klassische Feminismus eine kranke alte Frau, er funktioniert nicht mehr. Er ist in der Welt der Konferenzen und Bücher steckengeblieben.“Kim Willsher: Femen's topless warriors start boot camp for global feminism. In: The Observer vom 22. September 2012, abgerufen am 15. Januar 2014 (englisch)
Seit 2011 führt die Organisation auch in anderen Ländern Aktionen durch; 2012 eröffnete Femen in Paris einen auch als „internationales Ausbildungszentrum“ bezeichneten Übungsraum, in dem wöchentliche Trainingseinheiten für Femen-Aktivistinnen abgehalten werden.Les Femen inaugurent un "centre d'entraînement" à Paris. In: Le Monde.fr vom 18. September 2012, abgerufen am 10. Januar 2014 (französisch) Seit 2012 existieren auch in Deutschland zwei Gruppen von Femen, in Hamburg und Berlin. Im Juni 2013 wurde der in Siegen registrierte Verein „Femen Germany e. V.“ gegründet. Über den Verein kann die Gruppe u. a. Spenden zur Finanzierung der Vereinstätigkeit akquirieren.Antje Hildebrandt: Femen: „Sie wollen Brüste, also kriegen sie Brüste“. In: Cicero Online vom 27. Juni 2013, abgerufen am 10. Januar 2014 2013 verließen mehrere Femen-Führungsmitglieder die Ukraine und beantragten politisches Asyl in Frankreich. Die Organisation wird seitdem von Paris aus geführt.Wiktor Swjazki: Femen-Ideologe will Asyl im Westen beantragen. In: Spiegel Online vom 24. September 2013, abgerufen am 10. Januar 2014 Im September 2013 wurde die weltweite Mitgliederzahl mit rund 300 angegeben,Femen-Gruppe löst sich auf: Belgierinnen stoppen Blanke-Brüste-Protest. In: n-tv.de vom 11. September 2013, abgerufen am 10. Januar 2014 Femen-Gruppen gibt es bereits in mindestens zehn Ländern.Claudia Henzler: Protest der Femen-Aktivistinnen: Die Gefahr, lächerlich zu werden. In: Süddeutsche.de vom 3. Januar 2014Femen-Gruppen aus verschiedenen Ländern auf Facebook „Wegen unterschiedlicher Sichtweisen zur internen Organisation der internationalen Bewegung“ löste sich im September 2013 die belgische Femen-Gruppe nach nur wenigen Monaten des Bestehens auf.Femen-Gruppe löst sich auf: Belgierinnen stoppen Blanke-Brüste-Protest. In: N-tv.de vom 11. September 2013, abgerufen am 11. Januar 2014
Im Juli 2013 wurde die Pariser Zentrale der Organisation bei einem Brand teilweise zerstört;https://www.pressreader.com/germany/hamburger-morgenpost/20130722/282364037288215 Femen besetzte daraufhin im November 2013 ein nicht mehr genutztes Gebäude in Clichy nordwestlich von Paris. Im Juli 2014 ordnete ein Gericht an, dass die Gruppe das Gebäude verlassen müsse.Femen-Aktivistinnen müssen französisches Hauptquartier räumen, Der Standard vom 2. Juli 2014
Ausgewählte Aktionen
In der Ukraine August 2008: Etwa 50 Aktivistinnen der Gruppe versammelten sich in Kiew auf dem Platz der Unabhängigkeit (Majdan). Unter der Losung „Die Ukraine ist kein Bordell“ protestieren sie gegen Sextourismus.
2009: Ähnliche Aktionen wurden in Kiew vor der türkischen Botschaft und auf dem Chreschtschatyk wiederholt.
Februar 2010: Erster Oben-ohne-Protest der Gruppe im Kiewer Wahllokal des Präsidentschaftskandidaten Wiktor Janukowytsch kurz vor dessen Stimmabgabe.Lucie Geffroy: In: La Cité vom 11. Januar 2013, abgerufen am 15. Januar 2014 (französisch) In: Kiev Ukraine News Blog vom 7. Februar 2010, abgerufen am 15. Januar 2014 (englisch)
Februar 2011: Aktion vor der italienischen Botschaft in Kiew gegen das von Silvio Berlusconi vermittelte Frauenbild in Italien.
Mai 2011: Aktion gegen Kinderhandel und Leihmutterschaft.
Oktober 2011: Aktion gegen die Organisation der Fußball-Europameisterschaft 2012.
August 2012: Aus Protest gegen den Gerichtsprozess gegen drei Aktivistinnen von „Pussy Riot“ in Russland zerstörte Inna Schewtschenko mit einer Motorsäge ein oberhalb von Kiew zum Gedenken an die Opfer des Stalinregimes aufgestelltes, vier Meter großes Holzkreuz. Sie verließ anschließend die Ukraine und ging nach Frankreich, wo ihr im Sommer 2013 als erster Femen-Aktivistin politisches Asyl gewährt wurde. In: Die Standard.at vom 9. Juli 2013, abgerufen am 11. Januar 2014Ann-Dorit Boy: Femen-Proteste: Zwei falsche Argumente. In: FAZ.net vom 27. Juni 2013, abgerufen am 11. Januar 2014
März 2014: Während der Annexion der Krim durch Russland 2014 protestierten zwei Femen-Aktivistinnen gegen den Einmarsch Russlands auf der Krim.
In Deutschland
24. Oktober 2012: Protestaktion in dem IKEA-Einrichtungshaus Hamburg-Moorfleet gegen das Wegretuschieren aller weiblichen Personen in ihrem Katalog für Saudi-Arabien. 25. November 2012: Protestaktionen gegen Prostitution und Menschenhandel in Deutschland vor dem Kölner Bordell Pascha.https://www.emma.de/artikel/femen-protestieren-vor-dem-koelner-pascha-266138 Bei der Berlinale 2013 stürmten halbnackte Femen-Aktivistinnen den roten Teppich, um auf das Thema weibliche Genitalverstümmelungen aufmerksam zu machen. Am 25. Januar 2013 protestierten zehn Aktivistinnen in der Hamburger Herbertstraße gegen Prostitution, Menschenhandel und die Sexindustrie.https://www.emma.de/artikel/femen-protest-auf-der-reeperbahn-266228 Februar 2013: Femen beteiligte sich in Berlin an einer Demonstration gegen die rechtsextreme NPD.Irina Serdyuk: Die Femen-Frauen in Deutschland: Inglourious Breasterds. In: taz.de vom 22. März 2013, abgerufen am 13. Januar 2014 Am 4. April 2013 Protestdemonstration vor der Berliner Ahmadiyya-Moschee im Rahmen des europaweiten Topless Jihad Day, unter anderem gegen die Unterdrückung von Frauenrechten in islamischen Ländern. Am 8. April 2013 bestürmten fünf Aktivistinnen auf der Hannover Messe in Anwesenheit von Kanzlerin Angela Merkel den russischen Präsidenten Wladimir Putin und trugen dabei Schriftzüge wie „Fuck Putin“ auf den nackten Oberkörpern. 16. Mai 2013: Die Femen-Aktivistin Klara Martens protestierte vor dem Berlin Geschäft Barbie Dreamhouse während dessen Eröffnung gegen das einseitige Rollenbild des Spielzeuges; auf ihrem Oberkörper stand „LIFE IN PLASTIC IS NOT FANTASTIC“. Am 30. Mai 2013 stürmten die Aktivistinnen Hellen Langhorst und Zana Ramadani, deren nackte Oberkörper mit den Schriftzügen „SADISTIC SHOW“ und „HEIDI HORROR PICTURE SHOW“ bemalt waren, die Bühne der SAP Arena in Mannheim, wo das Finale der Sendung Germany’s Next Topmodel stattfand. Im Juni 2013 gründete die deutsche FEMEN Gruppe den gemeinnützigen Verein FEMEN Germany e. V. Am 27. November 2013 ketteten sich fünf Aktivistinnen vor dem Berliner Großbordell Artemis an, um menschenverachtende Zustände in der Sexindustrie anzuprangern und für die völlige Abschaffung von Prostitution einzutreten. Laut Aussage von Femen werde den Prostituierten im Artemis vorgeschrieben, Oralverkehr ohne Kondom anzubieten. Die Aktivistinnen blockierten etwa 30 Minuten lang den Eingang zum Bordell. Beschriftet waren sie unter anderem mit „Don't cum on human rights“ und „Go rape yourself“. Am 11. Dezember 2013 stürmten zwei halbnackte Aktivistinnen und zwei Aktivisten die Bühne der Live-Fernsehsendung Markus Lanz und demonstrierten gegen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Katar im Rahmen der Vorbereitung zur Fußball-WM 2022.Lanz-Talkshow: Nackter Protest gegen Fußball-WM in Katar, SPON vom 12. Dezember 2013 Am 25. Dezember 2013 sprang Josephine Witt während einer Weihnachtsmesse im Kölner Dom auf den Altar und rief „Ich bin Gott“ und „Ich glaube an die Gleichheit aller Menschen“, bevor sie von Domschweizern beiseite gezogen und zu Boden gebracht wurde. Auf ihrem entblößten Oberkörper war der Slogan „I am God“ aufgemalt.Diese Femen-Aktivistin stört Kardinal Meisners Messe. Focus Online. Abgerufen am 25. Dezember 2013. Nach Angaben der Aktivistin richtete sich die Aktion gegen das „Machtmonopol der katholischen Kirche“.Spiegel Online: Femen-Aktivistin springt vor Kardinal Meisner nackt auf Altar. Ein Jahr später wurde Witt vor dem Amtsgericht Köln wegen grober Störung der Religionsausübung zu einer Geldstrafe von 1200 Euro verurteilt, t-online.de vom 3. Dezember 2014 in der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Köln zu 600 Euro.600 Euro Strafe für Busen-Protest im Kölner Dom, stern.de, 2. Juni 2015 Am 20. März 2014 stürmten drei barbusige Aktivistinnen eine Diskussionsveranstaltung im Berliner Roten Rathaus im Rahmen einer vom Regierenden Bürgermeister der Stadt eingeladenen und von der „Initiative Berliner Muslime“ (IBMUS) durchgeführten „Islamwoche“. Der Protest richtete sich u. a. gegen die Teilnahme des Hamburger Schura-Vorsitzenden Mustafa Yoldas, der der Millî-Görüş-Bewegung zugerechnet wird, und gegen die Teilnahme weiterer, des Islamismus verdächtigter Organisationen, die im Vorfeld der Veranstaltung kritisiert worden war.U.a. vom früheren Leiter der Abt. „Interreligiöser Dialog“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, Dr. Johannes Kandel (SPD), in einem Offenen Brief an Klaus Wowereit: "Höchst zwielichtige islamische Veranstalter" Die Frauen riefen Parolen gegen die Scharia und forderten auf ihren Körpern die „Trennung von Staat und Religion“, „Fuck Sharia“ und „Stop Religious Oppression“ (Stop religiöser Unterdrückung).„Femen: Busen-Attacke auf Islamisten“, Berliner Kurier, 21. März 2014