Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten ist der Titel einer 1873 entstandenen und im selben Jahrim Verlag Ernst Julius Günther, Leipzig veröffentlichten Erzählung von Wilhelm Raabe. Erzählt werden personell miteinander verbundene Geschichten von Menschen mit verschiedenen Lebenskonzepten in der ländlichen Heimat oder auf Weltreisen vor dem Hintergrund einer die alten Gärten in moderne Straßen und Häuser umwandelnden Gesellschaft.

Inhalt Überblick Der Schriftsteller von Schmidt erzählt die während seiner Aufenthalte in einer Stadt in der Nähe des Elmswaldes erfahrenen Geschichten vom Holzschnitzer Autor Kunemund, dem Förster Tofote und seiner Tochter Gertrud. Deren Leben in der ländlichen Einsamkeit verändert sich, als Autors Weltenbummler-Bruder reich, mit Raritäten vieler Länder und einem schwarzen Diener, in die Heimat zurückkehrt und bereits ein Jahr später der Förstertochter sein Vermögen vererbt. Dadurch steigt sie in die beste Gesellschaft auf. Ihr Haus mit einem alten märchenhaften Garten wird jedoch bald Opfer der sich immer mehr erweiternden und modernisierenden Stadt. Gertrud wird von ihrer mütterlichen Freundin, der reichen Witwe Christine von Wittum, in ihr Haus aufgenommen, passt sich den Konventionen an, entfremdet sich aber von ihren alten Bezugspersonen. Verbunden sind die Konflikte mit der Frage nach dem Sinn des Daseins und den Möglichkeiten einer Lebensgestaltung innerhalb, außerhalb oder, mit Kompromissen, am Rand der Gesellschaft.

Der Erzähler Der Erzähler Baron Emil von Schmidt bezeichnet sich am Anfang als „beschäftigungslose[n] Liebhaber wohlfeiler ästhetischer Genüsse“. Nachdem er seinen Dienst als Bergassessor in jungen Jahren aus Gesundheitsgründen aufgeben musste, lebt er jetzt vom Erbe seines Vaters, eines wohlhabenden Domänenpächters, und schreibt für Zeitschriften „recht niedliche Novellen“.Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 3. Kap., S. 20. In der vorliegenden „Schrift“ erzählt er vom Meister Autor Kunemund, der sich in einem Forsthaus mitten im Wald eingemietet hat und von sich behauptet: „Ich verstehe zwar die Welt wohl noch, aber sie versteht mich nicht mehr, und so werden wir wohl nie mehr so zusammenkommen, wie damals, als wir beide noch jünger waren“.Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald, o. J., 1. Kap., S. 3. Schmidts Verhältnis zu Kunemund ist ambivalent: „[I]ch hatte nämlich den Meister auch da zu respektieren, wo sich mein ganzes, oft flüchtig genug am Tage lebendes Wesen gegen seine Natur und sein Treiben als gegen etwas ganz Gewöhnliches und Einfältiges, wenngleich ungemein Feststehendes sträubte“.Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 10. Kap., S. 89.

Elm-Wald Schmidt lernt den Meister beim Förster Arend Tofote und dessen zehnjähriger Tochter Gertrud auf einer Wanderung mit einer „feinen[n], liebenswürdige[n] und gebildete[n] Gesellschaft deutscher Abstammung und Zunge“Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 1. Kap., S. 5. durch den Elm-Wald bei Kneitlingen und Schöppenstedt kennen, als sie im Forsthaus Rast machen (1. u. 2. Kp.).

Jährlich wiederholt der Erzähler mehrere Male seine Besuche im Forsthaus und eines Tages, ca. 8 Jahre nach ihrer ersten Begegnung, erscheint Meister Kunemund in der Stadt. Anlass ist der Tod seines jüngeren Bruders, der Gertrud sein Haus vererbt hat. Um die Zusammenhänge zu erklären, erzählt er Schmidt seine Lebensgeschichte (3. Kap):

Das, was der Meister Autor Kunemund mir zu sagen hatte (4.–6. Kap.) Autor Kunemund und Arend Tofote sind Jugendfreunde und kämpfen in den Befreiungskriegen gegen Napoleons Armee bei Waterloo (18. Juni 1815). Nach dem Krieg wird Tofote Förster. Kunemund kann wegen Gesundheitsproblemen nicht in den Staatsdienst eintreten, zieht zu dem Freund ins Forsthaus und macht sich bei ihm mit Arbeiten auf der Schnitzbank nützlich. Sein jüngerer unangepasster Bruder, ein für seine gefährlichen Streiche bekannter „Schlingel“, flieht ohne Abschied ins Ausland. 9 Jahre vor Autors Besuch bei Schmidt kehrt er als „Mynheer van Kunemund“ wohlhabend aus Surinam zurück und kauft ein Haus mit einem großen Garten vor der Stadt. Begleitet wird er vom „kohlenpechrabenschwarze[n] Mohr[en]“ Ceretto Meyer oder Wichselmeyer, den er in Bremen als „wilde[n] Mess- und Jahrmarktsindianer“ entdeckt und in seinen Dienst genommen hat.Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 4. Kap., S. 39; 5. Kap,. S. 43.

Mynheers Zaubergarten Meister Autor bittet den Erzähler, ihn zum Anwesen seines Bruders zu begleiten, um ihn bei der gerichtlichen Übergabe bei Bedarf zu unterstützen. Zusammen mit der inzwischen 18-jährigen Gertrud (7. Kap.) und Karl Schaake, einem Leinewebersohn und Kinderfreund Getruds aus Kunemunds Dorf, zur Zeit Seefahrer auf Heimaturlaub, besichtigen sie das in einem parkartigen mit Sandstein-Skulpturen und Brunnen geschmückten Garten versteckte herrschaftliche Haus aus dem 18. Jh. mit Deckengemälden und bunten Glasfenstern. Mynheer hat die Villa mit auf seinen Weltreisen gesammelten Möbeln, Teppichen und wunderlichen Fundstücken ausgestattet. Das „Waldfräulein“ Gertrud ist von der Atmosphäre begeistert (8. Kap.). Karl hat zuletzt auf der Hamburger Barke „Kehrwieder“, die Welt bereist, viele Kulturen und ihre Ritualmagie kennengelernt und interessiert sich für Mynheers Raritätensammlung. Dabei entdeckt er den unheilbringenden schwärzlichgrünen, eiförmigen „Stein der Abnahme“ und versucht die Villa vom Fluch zu befreien, indem er ihn in einen Brunnen wirft (10. Kap.). Der Erzähler gesteht, dass er sich „seit [s]einen Kindheitsjahren nicht in einer gleichen märchenhaften, neugierig-bänglichen Stimmung wie die jetzige befunden“ habe.Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 8. Kap., S. 71. Doch die Stadtverwaltung plant ein neues Wohnviertel und den Bau einer Straße quer über das Grundstück und einige Zeit später wird das Haus abgerissen (8. – 10. Kap.).

Zugunglück Nach jahrelanger Abwesenheit kehrt v. Schmidt in die Stadt zurück (11. Kap.). Kurz vor seinem Reiseziel muss sein Schnellzug wegen eines Eisenbahnunglücks mit Toten und Schwerverletzten auf freier Strecke anhalten. Wie die meisten Reisenden wandert er durch die Felder zu einem nahe gelegenen Dorf, um dort in einem Wirtshaus die Zeit bis zur Weiterfahrt zu verbringen: Dabei blickt er aus einer Anhöhe über die Landschaft mit der Eisenbahnstrecke: „Die Welt war sehr schön, selbst an dieser eigentlich ziemlich unschönen und ganz und gar nicht romantischen Stelle; aber ein schauerliches Grauen ob der Gewissheit, dass mir von neuem einmal gezeigt werde, dass sie ebenso hässlich als schön sei, durchfröstelte und überkroch mich. […] Auf die lange heiße schnelle Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der unvermutete Stillestand und der jähe Schrecken! Mitten im wirbelndsten Leben die aufdringliche Kunde von den Trümmern und dem Tode da vorn auf der anscheinend so glatten Bahn! Dann die stillen, erstaunten Minuten in der Einsamkeit des Feldes, am duftig-begrünten Hang des Hohlweges – die weite Aussicht in die lachende, beweglich-unbewegte Ferne! Und nun? Nun das – das, was […] hinter dem Gewühl in der eigenen Brust […] immerfort sich weiter spinnt: das große, offenkundige Geheimnis! […] was hinter allen Dingen liegt.“Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 12. Kap., S. 104, 108 ff. Am Dorfrand begegnet er dem gealterten Kunemund, der allein in seinem kleinen Elternhaus lebt (12.–14. Kap.) Förster Tofote ist inzwischen gestorben. Schaake befährt, zum Steuermann befördert, wieder die Weltmeere. Über sein Verhältnis zur in der Stadt wohnenden wohlhabenden Gertrud sagt Autor: „Wir sind auseinander gekommen, ohne dass wir es gemerkt haben.“

Nach seiner Rückkehr in die Stadt (14. Kap.) findet Schmidt in der Zeitung auf der Liste der beim Eisenbahnunglück Verunglückten und Toten auch den Namen des Steuermanns Karl Schaake. Er erfährt von der Bahnbehörde, dass er mit Fußbrüchen in die Stadt transportiert worden sei und bei seiner Tante im Cyriacihof wohne.

Auf der Suche nach dem Haus kommt Schmidt durch ein „kunsthistorisch interessantes“ verwinkeltes altes Wohngebiet mit Torbogen aus der Renaissancezeit und „Wunderwerke mittelalterlicher Zimmermannsarbeit“. Alles werde, erklärt ihm ein Stadtplaner, abgerissen und mit geradliniger Straßenführung als „Wunder der modernen Architekturwissenschaft“ neu bebaut.Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 14. Kap., S. 127, 129 ff. Der Zaubergarten Mynheers mit den alten Bäumen und Sandsteinskulpturen ist zusammen mit dem Haus bereits verschwunden und die neue Prachtstraße hat nur vor dem Kirchhof Halt machen müssen: „[D]ie Lebenden haben es so eilig und die Toten wollen sich Zeit gönnen – wahrhaftig, es wäre lächerlich, wenn es nicht so sehr, sehr ärgerlich wäre!“Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 16. Kap., S. 144. Der Erzähler fragt sich: „Wer hebt die Gärten, die uns versinken, wieder herauf aus der Tiefe?“Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 19. Kap., S. 185.

Schaakes Verletzungen sind, wie Schmidt bei seinen Besuchen erfährt, viel schwerwiegender als der Patient mit gespielter guter Laune zugeben will (15., 16., 18. und 20. Kap.), die Ärzte wissen nicht, ob sie seine Füße retten können. Enttäuscht äußert er sich über Getruds Entwicklung, die den schwarzen Signor Ceretto in ihren Haushalt übernommen hat. Bald darauf stirbt er im Wundfieber von seinen Seereisen halluzinierend.

Elfe und Hexe Wie Schmidt von Ceretto, der ihm eine Einladung zum Tee bei der Förstertochter überbringt, erfährt (19. Kap.), ist Gertrud mit ihrem Vater und Meister Autor in die ererbte Villa eingezogen und hat durch Advokaten die komplexen teils zwielichtigen Geldanlagen Mynheers klären lassen. In ihrem Haus verkehrte die beste Gesellschaft der Stadt. Meister Autor und der Förster fühlten sich in dieser Umgebung zunehmend unwohl und zogen vor dem Abriss in Kunemunds Dorf, während Gertrud von ihrer mütterlichen Freundin Christine von Wittum, einer „junge[n] rasche[n] Witwe eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten“,Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. Hermann Klemm, Berlin-Grunewald o. J., 17. Kap., S. 161. in ihre herrschaftliche Wohnung in einem der modernen Vororte der Stadt (20. Kap.). aufgenommen wurde. Diese plant, Vollrad, ihren Vetter aus Berlin, mit Gertrud zu verheiraten.