Eduard Hans Juhl (* 2. November 1884 in Enge, Kreis Tondern; † 10. Juni 1975 in Hamburg-Rissen) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Pfarrer und geistlicher Schriftsteller.

Leben Eduard Juhl war Pfarrer der Auferstehungsgemeinde Hamburg-St. Pauli (1921–1927) und parallel dazu Leiter des Landesverbandes der weiblichen Jugend in Hamburg, Anstaltspfarrer und Leiter der Stadtmission Halle/Saale (1927–1930), Pfarrer und Bundeswart des Westdeutschen Jungmännerbundes in Wuppertal-Barmen (1930–1934), in Hamburg-Groß Flottbek (1934–1946), Pastor und Propst in Leck/Schleswig (1946–1954) und (von 1953 bis 1958) Mitglied der Kirchenleitung der Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins.Nachruf Eduard Juhl im KGVO (online auf kirchenrecht-nordkirche.de)

Theologiestudent in Tübingen und Halle und Zollbeamter in Hamburg Als Sohn eines Lehrers 1884 in Enge geboren, verbrachte Juhl seine Schuljahre in Garding und Husum und widmete sich ab 1904 dem Studium der Theologie in Tübingen und Halle. Sein Spitzname als Pennäler und Student war Jörn Uhl.Nach dem Entwicklungsroman „Jörn Uhl“ von Gustav Frenssen, der 1901 erschien und bei Publikum und Kritik großen Erfolg hatte. Abgekürzt ergab das seinen Namen: J. Uhl. In Tübingen studierte er bei Theodor Haering, Adolf Schlatter, Julius Grill und Karl Holl, in Halle bei Martin Kähler, Emil Kautzsch, Erich Haupt, Friedrich Loofs und Wilhelm Lütgert, dessen „Famulus“ er war. Zu seinen Kommilitonen gehörten Paul Tillich, Arnold zur Nieden und Henri BirmeléDie Bewohner des Vogesendorfes Soultzeren wurden zwischen 1915 und 1919 evakuiert. Der elsässische Pfarrer Henri Birmelé, der seine Gemeinde in die Zeit des Exils und des Wiederaufbaus begleitete, hat versucht, dieser Zeit mit einem Spruch aus dem Hebräerbrief 13,14 einen Sinn zu geben: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ (online auf itinerairesprotestants.fr), die wie er Mitglieder im Hallenser Wingolf waren.Arnold zur Nieden, Henri Birmelé, Eduard Juhl: Erinnerungen an den Hallenser Wingolf, in: Paul Tillich: Ein Lebensbild in Dokumenten. Briefe, Tagebuch-Auszüge, Berichte. Herausgegeben von Renate Albrecht und Margot Hahl, Stuttgart: Ev. Verlagswerk 1980, S. 30 ff. Aus inneren und äußeren Gründen gab Juhl „bald nach dem ersten Examen“Juhl: Die Begleiter ..., S. 94. die Theologie auf und trat als Supernumerar (= Beamtenanwärter) in die Zollverwaltung in Hamburg ein.

Soldat im Ersten Weltkrieg und Kriegsgefangener in Sibirien Während des Ersten Weltkrieges geriet Juhl als Leutnant im November 1914 in Ostpreußen verwundet in russische Kriegsgefangenschaft und verbrachte nach Lazarettaufenthalten in Warschau, Polozk und Moskau fast fünf Jahre in Sibirien, worüber er sich mehrfach literarisch äußerte. Auf Wunsch seiner Kameraden wurde er Lagergeistlicher für mehrere Gefangenenlager. Auch die Fürsorge für die gefangenen Mannschaften in Zusammenarbeit mit dem Schwedischen Roten Kreuz wurde ihm übertragen. Diese Aufgabe brachte ihn in Kontakt mit der Schwedin Elsa Brändström.

Ein Auftrag des Preußischen Kriegsministeriums und des Deutschen Roten Kreuzes ließ ihn im Mai 1918 Mitglied einer der infolge des Friedensvertrages von Brest-Litowsk entstandenen Gefangenenfürsorge- und Austauschkommissionen werden. Eine Verhaftung wegen Spionageverdachtes während der Wirren des russischen Bürgerkrieges brachte ihm eine achtmonatige Internierung in Omsk ein.In Omsk traf Juhl auch wieder mit Elsa Brändström zusammen, die sich auf Bitten der deutschen Regierung ein drittes Mal nach Sibirien aufgemacht hatte. Die auf dem Heimweg nach Westen befindlichen Kriegsgefangenen waren nämlich wieder in den Lagern interniert und unter die Aufsicht der Tschechosloqwakischen Legionen gestellt worden. (Juhl u. a.: Elsa Brändström ..., S. 151 f.) Mit allen übrigen Mitgliedern der Gefangenenfürsorgekommission wurde er mit Datum vom 29. März 1919 aus Sibirien ausgewiesen und am 5. April 1919 unter Garantie der Schweden über Wladiwostok, Amerika, Norwegen und Dänemark nach Deutschland abtransportiert.Elsa Brändström begleitete die ausgewiesene Kommission bis Wladiwostok. (Juhl: Die Begleiter …, S. 66 ff.; 76 ff.; Elsa Brändström ..., S. 163 ff.)

Stadtmissionar in Hamburg-St. Pauli und Halle/Saale Die Erlebnisse der Gefangenschaft waren für Juhl Anlass, sich erneut der Theologie zuzuwenden. Nach dem zweiten theologischen Examen, das er 1920 ohne weitere Vorbereitung innerhalb von drei Tagen vor dem Konsistorium in Kiel ablegen durfte,Juhl: Die Begleiter ..., S. 94 f. und nach einem zweimonatigen Erholungsaufenthalt in Schweden im Winter 1920/1921, bei dem er Elsa Brändström wiedersah und Erzbischof Nathan Söderblom kennenlernte,Juhl: Die Begleiter …, S. 96 ff.; Elsa Brändström …, S. 207 ff. wurde er am 26. Juni 1921 in Hamburg ordiniertHammer: Verzeichnis der Pastorinnen und Pastoren …, S. 185. und übernahm eine Pfarrstelle in Hamburg-St. Pauli.

Neben Helmuth Schreiner, dem Leiter der Hamburger Stadtmission, leitete Juhl zusätzlich zu seiner Gemeindearbeit die Stadtmission für den Stadtteil St. Pauli und wurde Vorsitzender des Landesverbandes der weiblichen Jugend. Er war Delegierter auf der Bundesvertreterversammlung des Westdeutschen Jungmännerbundes in Barmen 1921.

Juhl schrieb in dieser Zeit zahlreiche apologetische Schriften, in denen er den Angriffen verschiedenartigster Kirchengegner entgegentrat. Er nahm an Tagungen und Konferenzen der Volksmission in Isernhagen, Blankenburg in Thüringen, Spandau und Rostock teil.Juhl: Die Begleiter ..., S. 102 ff.

1927 übernahm er die Leitung der Stadtmission in Halle/Saale. Dort gründete er die Zeitschrift Helfen und Heilen und baute mit „Haus Rungholt“ ein Heim für schwer erziehbare Mädchen, das unter anderer Aufgabenstellung heute noch existiert.Juhl: Die Begleiter ..., S. 121 f.: „Ich gab ihm den aus meiner nordfriesischen Heimat mitgebrachten, mir so lieb gewordenen Namen als Symbol für das Ziel seiner Aufgabe und Arbeit und ließ in ihm ein Stück meines Lebens zurück.“ Zeitungsbericht zum 75-jährigen Bestehen von „Haus Rungholt“ im Jahr 2002: online auf mz-web.de.

Im September 1928 nahm Juhl an dem Kongress für Innere Mission in Königsberg teil und erlebte dort die „Jungfernrede“ von Otto Riethmüller, der gerade das Amt als Direktor des Burckhardthauses und des „Evangelischen Reichsverbandes weiblicher Jugend“ in Berlin-Dahlem angetreten hatte. In der Folgezeit arbeitete Juhl zusammen mit Riethmüller in einer Kommission aus Männern und Frauen beider Reichsverbände mit, die ein gemeinsames Liederbuch der deutschen evangelischen Jugend schaffen sollten, das dann 1932 unter den Titeln Das neue Lied für die weibliche Jugend und Der helle Ton für die Jungmännerbünde erschien.Juhl: Die Begleiter ..., S. 141 ff.

Im November 1929 traute Juhl Elsa Brändström und Robert Ulich im Kreis weniger Freunde im Bibliothekszimmer des Kurheimes „Bad Marienborn“ in Schmeckwitz. Elsa Brändström hatte Juhl als Gefangenen in Sibirien kennengelernt, wo er später zu ihren verlässlichen Mitstreitern gehörte.Petra Löschke: Elsa Brändström zum 125. Geburtstag. Der „Engel von Sibirien“ wirkte ein Jahrzehnt in Sachsen (online auf gesundheit-sachsen.de). Als 1933 angeblich kein Platz mehr für Elsa Brändström und Robert Ulich in Deutschland war, hielt Juhl bei der Reichstagung der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener im alten Rathaussaal in Mühlhausen in Thüringen einen Vortrag: Was tat Elsa Brändström für uns? Obwohl die Tagung eine aufwühlende Wirkung bis zu Goebbels hin hatte, blieben alle Bleibebemühungen erfolglos. Das Ehepaar Brändström-Ulich wanderte mit seiner zweijährigen Tochter Brita nach Amerika aus. Dabei war Professor Ulich „religiöser Sozialist – nicht Jude, wie die Nazipresse verbreitete“. (Juhl: Die Begleiter ..., S. 73 f.)

Bundeswart des Westdeutschen Jungmännerbundes in Wuppertal-Barmen 1930 trat Juhl als Nachfolger von Paul Humburg das Amt des Bundeswartes des Westdeutschen Jungmännerbundes in Wuppertal-Barmen an. Er übernahm dieses Amt in wirtschaftlich wie politisch angespannter Zeit. Die Weltwirtschaftskrise, die Reparationszahlungen nach dem „Young-Plan“, die Notverordnungen Heinrich Brünings und radikale politische Parteien erschütterten die Weimarer Republik. Wie viele seiner Zeitgenossen empfand auch Juhl seine Gegenwart als krisenhaft – er überschrieb seinen Bericht über den Westbund 1932 programmatisch „Evangelisches Jugendwerk in der Weltkrise“.

Juhl forderte die Überparteilichkeit des Jugendwerkes: „Wir haben unsere Jugend nicht in irgendeine Partei zu lancieren.“Dieses und weitere Zitate von Eduard Juhl in diesem und den nächsten Abschnitten stammen aus dem Lexikon-Artikel von Birgit Siekmann über ihn: BBKL, Band XXI (2003) Spalten 733–739 (online auf bbkl.de). Die Bibel galt ihm bei politischen Entscheidungen als der entscheidende Maßstab. Die Jugendlichen sollten lernen, wie die Bibel Volkstum, Rasse und Gesellschaftsordnung beurteilt. Gleichzeitig empfahl er den in der Jugendarbeit tätigen Pfarrern die Lektüre von Deutsches Volkstum, Die Tat und Glaube und Volk und bekundete damit eine weitgehende Übereinstimmung mit dem national-konservativen Tenor dieser Blätter.Birgit Siekmann urteilt im BBKL-Artikel: „Bezeichnend sind Passagen in Juhls Schriften, in denen er gegen den Frieden von Versailles, die Sozialdemokratie, den Liberalismus oder die parlamentarische Ordnung polemisiert. In ihnen sah er die Ursache für die ‚Weltkrise‘.“

Wegweisung für die Evangelische Jugend Juhl sah seine vorrangige Aufgabe in der Wegweisung und Führung der evangelischen Jugend. Das Evangelische Jugendwerk sei der Jugend das Evangelium schuldig. Als pädagogisches Ziel formulierte er: „Für die Wahrheit, die Gerechtigkeit, für Gottes unbedingten Anspruch, auch an eigene Interessen, auch an deutsches Volk und deutsche Jugend, dafür werden Kämpfer gesucht. Dazu gilt es Jugend zu helfen, zu erziehen und zu führen.“

Juhl versuchte mit diesen Leitlinien inhaltliche Prämissen für evangelische Jungmännerarbeit zu setzen. Praktisch setzte er seine Vorstellungen in Kursen, Lehrgängen, Freizeiten und Tagungen um. In einem Jahr veranstaltete der Westbund über 100 Freizeiten und erreichte damit fast 10.000 junge Leute. Hinzu kam noch Bundesfeste, so zum Beispiel ein Bundestag, den fast 5.000 Mitglieder des Westbundes besuchten.Juhl: Die Begleiter ..., S. 134: „Unsere Jugendfeste, Bundestage, kleinen und großen Zeltlager waren ohne die Posaunen nicht zu denken, und wo irgend möglich, kam Vater Kuhlo selbst, um zu dirigieren. Auch besondere Posaunenfeste haben wir gemeinsam durchgeführt. ...“ Am 7. und 8. November 1931 wurde das 75-jährige Jubiläum des CVJM-Iserlohn gefeiert. Im Festgottesdienst in der Obersten Stadtkirche und auch am festlichen Nachmittag in der damaligen großen Halle der Alexanderhöhe sprach Juhl als Bundeswart des Westdeutschen Jungmännerbundes.

Auch die Schriftenmission war Juhl wichtig. Er selbst veröffentlichte im bundeseigenen Aussaat-Verlag Schriften, mit denen er seinen Mitarbeitern Hilfestellung geben wollte, so seine Abhandlung Grundfragen evangelischer Jugendführung.

Ringen um die Kriegsschuldfrage Juhl nahm vom 4. bis 9. August 1931 als Delegierter des deutschen CVJM an der Weltkonferenz in Cleveland/Ohio teil.Juhl: Die Begleiter …, S. 175 ff. Zur Vorbereitung auf diese wichtige Tagung lernte er Englisch im Urlaub 1930 im Schottischen Hochland mit Aufenthalten in Edinburgh, Perth und BonskeidJuhl: Die Begleiter …, S. 155 ff. Vgl. dazu Bonskeid House History (online auf pluralist.co.uk) und nahm vom 16. bis 28. Februar 1931 an der Vorkonferenz des CVJM in Genf teil.Juhl: Die Begleiter …, S. 163 ff.