Wilhelm John Lubosch (* 28. März 1875 in Berlin; † 16. Februar 1938 in Gundelsheim (Württemberg)) war ein deutscher Anatom (Mediziner und Zoologe) und Morphologe.Daten: Prof. U. Hoßfeld, p.M.; Katharina Kayßer: Johannes Sobotta (1869–1945) – Leben und Wirken unter besonderer Berücksichtigung seiner Würzburger Zeit. Diss. Univ. Würzburg 2003. (S. 49).- Sterbeort lt. Deutscher Biographischer Enzyklopädie.

Werdegang und Leistung Wilhelm Lubosch wurde im Frühjahr 1875 als Sohn des jüdischen Kaufmanns und Fabrikbesitzers Simon Lubosch (1842–1902) und dessen Ehefrau Fanny (geb. Sternfeld) geboren.Standesamt Berlin VIIa, Geburtsregister, Eintrag Nr. 1379/1875 vom 30. März 1875; eingesehen auf ancestry.de am 13. März 2024. Nach dem Abitur am Königsstätter Gymnasium 1893 absolvierte er ein Medizinstudium in Berlin, wo er bei Heinrich Wilhelm Waldeyer mit einer Dissertation über die vergleichende Anatomie der Wurzeln des 11. Gehirnnerven promoviert wurde. Nach drei Jahren Assistenz bei Carl Hasse an der Universität Breslau ging Lubosch als Assistent von Friedrich Maurer (1859–1936) nach Jena, u. a. zu Albert von Kölliker, Hermann Braus und Ernst Haeckel, habilitierte sich (Privatdozent, 1902) und wurde hier 1907 Titular-Professor. Als solcher wechselte er 1912 nach Würzburg,Würzburg war der Geburtsort Carl Gegenbaurs, der Jena 1855–1873 zum Zentrum der idealistischen, d. h. nicht kausal orientierten Morphologie gemacht hatte und dem Lubosch nacheiferte – er widmete ihm (1922b) ein warmes Lebensbild.- 1912 erhielt Lubosch die Prosektur bei Oskar Schultze – und die Carus-Medaille der Leopoldina. wo er 1916 (noch als Soldat „im Felde stehend“) zum außerordentlichen, 1921 zum ordentlichen Professor für Topographische Anatomie (als Nachfolger Oskar Schultzes) ernannt wurde – und bis zum Tode blieb. Ab 1925 war Lubosch Vorstand der Abteilung für topographische und angewandte Anatomie. Von da an wirkte mit ihm Hans Petersen am Würzburger Anatomischen Institut, wo er bis zum Jahr 1935 tätig war. In den Folgejahren widmete er sich insbesondere der Herausgabe des Handbuchs der vergleichenden Anatomie.

Lubosch war aktives Mitglied der Goethe-Gesellschaft.

Wilhelm Lubosch starb am 16. Februar 1938 im Alter von 62 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Ein Nachruf auf Lubosch erschien erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch den damaligen Schriftführer der Anatomischen Gesellschaft, Heinrich von Eggeling (1869–1954).Heinrich von Eggeling: Wilhelm Lubosch 1875–1938. In: Anat. Nachrichten. 1 (1/3) 1949, S. 27–45.

Familie Während seiner Jenaer Zeit hatte Lubosch am 8. August 1911 in Weimar die 1882 in Dorpat geborene Else Raehlmann geheiratet, eine Tochter des Ophthalmologen und ehemaligen Professors an der Universität Dorpat, Eduard Raehlmann (1848–1917).Standesamt Weimar, Heiratsregister, Eintrag Nr. 160 vom 8. August 1911; eingesehen auf ancestry.de am 13. März 2024. Aus dieser Ehe ging 1912 der Sohn Richard Lubosch hervor, der Schiffsbauingenieur wurde und 1946 an den Folgen eines Hirntumors starb.Standesamt Mellensee, Sterbebuch 1946, Eintrag Nr. 145 vom 24. August 1946; eingesehen auf ancestry.de am 13. März 2024.

Werk Morphologie Lubosch ist ein Vertreter der vergleichenden Anatomie und der Morphologie. Er leistete unter anderem bedeutende Beiträge zur Mikroanatomie des Bewegungsapparats (1910, 1937).

Dank seinem steten Interesse an den theoretischen Grundlagen der vergleichenden Anatomie befasste er sich mit der Morphologie im Sinne von Goethe als einer Wissenschaft, die Gesetzmäßigkeiten ohne Kausalanalysen aufdeckt (vgl. Lubosch 1918a, 1919; vgl. auch seine Geschichte der vergleichenden Anatomie im Band I des Handbuchs, 1931. S. 3–76).

Lubosch gab gemeinsam mit Louis Bolk (Amsterdam; 1845–1930), Ernst Göppert (Marburg; 1866–1945) und Erich Kallius (Heidelberg; 1867–1935) das siebenbändige Handbuch der vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere heraus. Dieses im Urban & Schwarzenberg Verlag in den Jahren 1931 bis 1939 erschienene Werk umfasste insgesamt 6380 Seiten. Lubosch galt hierbei als Spiritus rector dieses Unternehmens, welches als letzter Versuch einer umfassenden Gesamtdarstellung anzusehen ist. Der umfangreichste Beitrag erschien im zuletzt fertiggestellten (V.) Band von Lubosch selbst: über die Kopfmuskeln (1938). Nur der Indexband erschien posthum.Er starb, als er gerade einen Erholungsaufenthalt im Sanatorium Schloss Horneck antrat und hinterließ Gattin Else und einen Sohn (* 1912).

Doch kam es bei all den „letzten Morphologen“ wie Jan Versluys, Wilhelm Marinelli nie zum klaren Systematisieren ihrer Positionen – Marinelli etwa erwähnte die Sache bloß gelegentlich in einer Vorlesung.

Unter den Heutigen war Rupert Riedl (2006) der Einzige, der den Verlust dieser Morphologie empfand und knapp vor seinem Tod noch bedauerte.Rupert Riedl: Der Zusammenbruch der Morphologie. Seifert, Wien 2006 (= Der Verlust der Morphologie).

Theoretische Probleme Als vergleichender Anatom war Lubosch mit einigen Fragen fast lebenslang befasst – eine lautete: „Wie ist es zur Bildung des Squamosodentalgelenks der Säugetiere gekommen?“ Alle anderen Wirbeltiere haben ja, sofern sie Kiefermäuler sind, ihr Kiefergelenk zwischen Quadratum und Articulare (dieses Gelenk besteht weiter, aber beim Menschen im Mittelohr). Lubosch glaubte, das neue Gelenk wäre vielleicht schon bei „fischartigen Säuger-Ahnen“ aufgetreten, und zwar zuerst zwischen Knorpelstücken am Unterkiefer im Ligamentum primordiale (= Lig. maxillomandibulare posterius), das Lubosch eben im Hinblick auf den ,Ursprung’ (primordium) des neuen Kiefergelenks so benannte. Diese Theorie war zwar falsch, aber man verdankt ihr eine Reihe von wichtigen Publikationen zur trigeminusinnervierten Muskulatur der Knochenfische (gipfelnd 1929). Lubosch (1923a) entdeckte auch als scheinbare Stütze der Theorie die Streptognathie bei Seepapageien (die also ein intramandibulares Gelenk zusätzlich zwischen Dentale und Articulare habenStreptognathie wird schon von Meckel 1833 als eine gewisse Beweglichkeit zwischen Dentale und Articulare etlicher Fische erwähnt (begrenzt durch die Biegsamkeit des Meckelschen Knorpels); mittlerweile kennt man sie von mehreren Fischfamilien sogar als echte Gelenke. Lubosch glaubte in dem Zusammenhang auch einen ganz neuen Muskel entdeckt zu haben, den „Musculus quadratomandibularis internus“, der jedoch nur eine Abteilung des intramandibularen M. adductor mandibulae, Aω, darstellt.) – es ist somit ersichtlich, dass auch ein in sich beweglicher Unterkiefer zu kräftigem Beißen taugen kann.Die Genese des sekundären Kiefergelenks der Säuger ist bekanntlich anders zu deuten: Wegen Vergrößerung des Gehirns kam das Dentale bei den Säugerahnen seitlich vom primären Gelenk in Kontakt mit dem Schädel, nicht etwa davor – die zwei Gelenke hatten dann also eine gemeinsame Achse, so dass auf das innere ohne mechanische Probleme verzichtet werden konnte.- Auffallend ist stets Lubosch’ geringe Berücksichtigung der Ergebnisse paläontologischer Forschung. Vgl. Evolution der Säugetiere Allerdings ging Lubosch auf funktionelle Einzelheiten, die ihm die Unhaltbarkeit seiner Theorie vor Augen geführt hätten, gar nicht ein – mit der Erklärung: „Es gibt ohnehin viel mehr Formen als Funktionen.“ Wer so denkt, kann freilich dem Darwinismus nicht allzu viel abgewinnen – er fasst die belebte Natur als Bereich des ungerichteten Luxurierens zweckfreier Gestaltungskräfte auf.In der Beurteilung des Darwinismus blieb Lubosch, von Gegenbaurs idealistischer Morphologie her kommend, letztlich unentschieden. Dass Darwin mit der Selektion freilich die „reine“, idealistische Morphologie überwunden hatte, konnte und wollte Lubosch (1931) nicht bestreiten. Lubosch war aber weder erklärter Vitalist noch Orthogenetiker; den damals auch noch verbreiteten Holismus (Hans Bökers) lehnte er ausdrücklich ab mit dem treffenden Satz „Das Ganze existiert real; aber erkennbar ist es nur in den Relationen seiner Teile“, selbst wenn (mit Aristoteles) „das Ganze vor den Teilen ist“.

Die Frage nach der Genese des sekundären Kiefergelenkes beschäftigte schon idealistische Morphologen; hingegen ist das folgende Problem erst infolge Darwins Abstammungslehre aufgetaucht. Schon in den drei (z. T. infolge Einberufung) vorläufigen Veröffentlichungen zur Trigeminusmuskulatur der Fische erwähnt Lubosch (bes. 1917) mehrfach seine neue, dem Herkömmlichen völlig entgegengesetzte Sicht auf die Verwandtschaft der Taxa: durch „Polyphylie“. „Verdacht“ geschöpft hatte er wohl schon bei der Arbeit an der Dissertation, da sich die Gestaltungen des Nervus accessorius Willisii nicht auf eine einfache Primitivform zurückführen ließen. Und bei seinen myologischen Untersuchungen sei er immer wieder auf Merkmale gestoßen, die man gemeinhin als Konvergenzen deutet. Da er aber funktionelle Unterschiede ohnehin geringachtete, kam er auf die heute fast absurd scheinende Idee, diese „Konvergenzen“ müssten Hinweise auf echte Verwandtschaft (gemeinsame Abstammung) sein. Zwar gäbe es rezent, so weit bekannt, keine Belege oder Hinweise auf phyletische „Verwandtschaft übers Kreuz“, aber für bestimmte zurückliegende Zeiten sei mit dieser Möglichkeit zu rechnen, wenn uns auch ihre Verursachung noch gänzlich unverständlich sei. In solchen „Mutationsperioden“ (Zeiten des Labilwerdens von Arten) sei noch die Möglichkeit fruchtbarer Kreuzungen trotz bereits „eingeleiteter“ erbgleicher Sonderung [Isolation] von Individuengruppen [Populationen] der Arten anzunehmen. Diese Kreuzungen, denen dann eine Nachkommenschaft mit mannigfachen neuen, konstanten Merkmals-Kombinationen entwüchse, könnten die Erklärung „für die so oft im Tierreich beobachteten Erscheinungen, dass das gleiche Merkmal sich in verschiedenen Arten und Ordnungen vorfindet und dass eine Art oder Ordnung Merkmale in sich vereinigt, die bei anderen Arten isoliert vorkommen“ geben (Lubosch 1920a).Man kann das natürlich auch als fehlinterpretierte Vorahnung des chromosomalen Crossing-overs innerhalb von Populationen sehen.

Auf diese Weise wollte Lubosch etwa das Auftreten von „Hai-Merkmalen“ bei Teleosteern deuten oder z. B. die Muskelportion A1β in der Kaumuskulatur von Zoarces, den er zu den Blennioiden zählte, während der Muskel sonst nur bei Gadoiden zu finden sei.Diese Muskelportion ist mittlerweile von etlichen Familien primitiverer Stachelflosser bekannt, deren Verwandtschaft ohnehin noch nicht geklärt ist. Die bekannte Erscheinung, dass Insektenlarven mitunter einer anderen Taxonomie „folgen“ als die zugehörigen Imagines, gehöre ebenso hierher. Systematisch belegen wollte Lubosch (1920a) seine neue Theorie, die er – im Gegensatz zur Darwin’schen Deszendenzlehre – provokant als „Aszendenztheorie“ bezeichnete, durch eine Studie an den Steinheimer Schnecken. Es handelt sich hier um ein reiches Material von kleinen Tellerschnecken (Gyraulus) aus dem fossilen See des Steinheimer Meteoritenkraters, der etliche hunderttausend Jahre Bestand hatte und daher phylogenetische Serien bieten kann. Hierbei kommt aber alles auf die Interpretation an – an demselben Material hatte immerhin Franz Hilgendorf (1866) schon einen ersten „Beweis“ der Deszendenztheorie geführt! (Formal begründet Lubosch seine „Aszendenz“ ganz unlogisch mit der rückwärts in Zweierpotenzen pro Generation zunehmenden Zahl leiblicher Ahnen, was ja automatisch recht bald zur Artgrenzen-Überschreitung führen „müsse“.)

1929 wird die „Verwandtschaft übers Kreuz“ oder [reale] Polyphylie (bei den Knochenfischen) noch erörtert, danach trat sie offenbar infolge der Herausgeberarbeit am Handbuch in den Hintergrund – ob sie Lubosch aber je ganz aufgegeben hat, bleibt ungewiss. Bis heute wird sie bei Esoterikerns. etwa https://www.wfg-gk.de/glacialkosmos30.html und Darwinismusgegnern diskutiert.

Omniserenz