mini|hochkant|Westfassade der Kirche mini|Prieuré de Ganagobie, Mosaik Nr. 13 Das Priorat Notre-Dame de Ganagobie ist heute eine Benediktinerabtei der Kongregation von Solesmes. Es liegt 15 Kilometer nordöstlich von Forcalquier und etwa 30 Kilometer südlich von Sisteron, im französischen Département Alpes-de-Haute-Provence, hoch über dem Ufer der Durance.
Das Priorat ist für seinen farbigen mittelalterlichen Mosaikboden im Westflügel des Klosters bekannt, der auf die Mitte oder das dritte Viertel des 12. Jahrhunderts datiert wird und in Frankreich einzigartig ist.
Ein erstes Kloster wurde im 10. Jahrhundert gegründet, das vom Bischof von Sisteron auf eigenem Land erbaut und dann der Abtei Cluny übertragen wurde.
Das Priorat hat eine allseits geschützte Lage 350 Meter über dem Tal der Durance, auf einem schmalen Plateau, umgeben von steilen Felsklippen. Die Römerstraße Via Domitia führte an der Hochebene vorbei. Sie war im Mittelalter der kürzeste und sicherste Weg zwischen Spanien und Rom (nach Strabon).
Zwischen dem 15. und 20. Jahrhundert blieb das Kloster verlassen. Seit 1987 ist die benediktinische Gemeinschaft von Hautecombe hier untergebracht, die auf die Benediktinerabtei Marseille (1865–1922) zurückging.
Das Hochplateau mini|Ganagobie, Blick über das Durancetal nach Norden mini|hochkant=1.6|links|Plateau von Ganagobie, Lageplan mini|Ganagobie, Villevieille, südliche Wehrmauer mit Turm der Wache Das Hochplateau von Ganagobie besitzt eine Länge von etwa 1300 Metern und eine Breite von etwa 150 bis 450 Metern. Es ist geologisch der Rest einer Quartärterrasse, die isoliert hinter Sisteron auf dem rechten Ufer der Durance liegt, gegenüber dem weiträumigen Plateau von Valensole. Auf seiner Ostseite folgt das Plateau auf über 350 Meter dem Fluss, der sich an seinem Fuß in einem breiten fruchtbaren Tal entlang windet. Der natürliche Durchgangsweg der Durance verbindet über die vergangenen Zeitepochen hinweg das Rhonedelta mit dem Po, über den Col des Mont Genèvres. In der römischen Antike führte hier auch die Via Domitia hindurch, die an der Grenze zwischen den Ländereien von Lurs und Ganagobie einen Nebenfluss der Durance – den Buès – auf einer einbogigen Brücke überquert. Die gänzlich erhaltene römische Brücke wird heute noch benutzt. Sie ist 30 Meter lang und 10 Meter hoch. Sie wurde vermutlich im 2. Jahrhundert errichtet. mini|Ganagobie, Villevieille, Wehrmauer mit Portal Die Mönche von Ganagobie hatten im Mittelalter am Ufer des hier schiffbaren Gewässers ihre fruchtbarsten Felder und beachtliche Einnahmen durch Anlegegebühren (für Schiffe) und Brückenzoll. Nach Westen in Richtung des Lure-Gebirges ändert sich die Landschaft. Lurs, Maontlaux, Sigonce und Auges werden von undurchdringlichen Wäldern eingeschlossen, die nur selten eine Lichtung zulassen.
Die schroff abfallenden Hänge des Plateaus, auf denen im Südosten und Osten wenige Maultierpfade hinaufführen, sind bewachsen von Pinien, alten Eichen, Lavendel, Ginster und Thymian. Seit 1952 gibt es auch eine einspurige, in vielen Serpentinen gewundene und asphaltierte Zufahrtsstraße. Die Hochfläche des Plateaus wird überwuchert von grünen Eichenwaldungen und von einem undurchdringlichen Maquis (italienisch Macchia), das noch von alten Pfaden durchfurcht ist, von denen einige unmittelbar auf dem Felsuntergrund verlaufen. mini|hochkant|Ganagobie, Villevieille, „Stadttor“ Das Plateau von Ganagobie ist ein hoch gelegener Platz in außergewöhnlicher Lage, von dessen Kanten man weiträumige Ausblicke auf das Tal der Durance genießen kann. Im Nordosten sieht man am Horizont den Berg Ciso und die Gipfel der Trois-Évèches, im Osten und Südosten folgen Serre de Montdenier und Pic d’Aiguines, das Massif de Saint-Baume und der Sainte-Victoire. Im Süden schaut man auf das Luberon, im Westen auf den Mont Ventoux, und letztendlich erstreckt sich im Norden die mächtige und sehr nahe Kette der Berge von Lure.
Ganagobie, eine Insel im Himmel über der Verkehrsader der Durance, ist seit prähistorischen Zeiten bewohnt. Seine Blüte hatte es im Mittelalter, in dem sein nördlicher Vorsprung von einem Dorf mit dem Namen Villevieille (altes Dorf) besiedelt war, von dem heute riesige Steinhaufen und Reste der Festungsruinen erhalten sind. Das Dorf wurde 1206 als villa bezeichnet und 1274 als castrum und war im 13. Jahrhundert stark befestigt. Seine Wehrmauer sperrte den äußersten Bergvorsprung von Westen nach Osten ab, in ihrem Zentrum eine rechteckige Bastion wahrscheinlich ein Wachlokal und ein „Stadttor“, zwischen dessen äußeren spitzbogigen und inneren rundbogigen Öffnung ein Fallgatter heruntergelassen werden konnte. Im Jahr 1474 wurde Villevieille als unbewohnt bezeichnet und auch später nicht wieder besiedelt. Heute besteht es hauptsächlich aus Bergen von mit Strauchwerk überwucherten Mauerwerkstrümmern und Ruinenresten, in denen man den Verlauf von Gassen und die Anlage von Gebäuden und die Grundmauern des Turms am nördlichen Ende der Siedlung nur noch erahnen kann. Die Lage der Kirchenruinen, die ecclesia castri de Podio von 1274, die möglicherweise dem heiligen Johannes, dem Täufer, geweiht war, ist nicht bekannt.
Auf dem Plateau wurden die Spuren verschiedener Epochen entdeckt, so die Reste mehrerer Kirchen, Friedhöfe, Aneinanderreihungen aufrecht gestellter Steinplatten, von kleinen mittelalter- und neuzeitlichen Steinbrüchen (Schleifsteine, Mühlsteine, „meules“), in den Fels gehauener Becken, Zisternen und Quellen, alte Mauern und in den östlichen und westlichen Steilhängen Schutzhütten aus ohne Mörtel aufgeschichteten Steinen, den sogenannten Bories.
mini|links|Ganagobie, Saint-Martin, Einsiedelei mini|Ganagobie, Viellevieille, Wehrgang und Bauwerkstrümmer hinter Wehrmauer Zwischen dem Kloster und Villevieille verdienen die Ruinen einer schlichten Kapelle unsere Beachtung, die nach mündlicher Überlieferung „Saint-Martin“ gewidmet ist. Der Ursprungsbau stand auf einem rechteckigen Grundriss (innen 5,20 × 3,20 m), mit einem Eingang an der Südseite und einer halbrunden Apsis im Osten. Die vermauerten Bruchsteine sind nach romanischer Art an den Ecken bearbeitet. Das Schiff wurde in einer nicht mehr genau zu bestimmenden Zeit nach Westen hin auf 13,10 Meter verlängert. Von 1951 bis 1954 durchgeführte Grabungen im und um das Gebäude herum brachten etliche mittelalterliche Grabstätten zutage, die mit Kalksteinplatten bedeckt waren. Die Archäologen deuten dieses Bethaus als Einsiedelei. mini|Ganagobie, Grotten am Nordende Das Kloster Ganagobie ist eine Gründung aus spätkarolingischer Zeit, von dem allerdings nur noch Bauten aus der romanischen Zeit erhalten sind. Es wurde am östlichen Rand der Hochebene errichtet. In besonders natürlich geschützter Lage, an der Kante des etwa 30 Meter hohen Steilhangs, scheint es das Tal der Durance zu beherrschen, an dessen Fuß zwei Quellen entspringen.
Die mittelalterlichen Bauwerke aus Kirche, Kloster und Konventsgebäude bilden gemeinsam ein Viereck mit einer Ausdehnung von 41,00 Metern in Ost-West-Richtung und 44,50 Metern in Nord-Süd-Richtung. Das Ganze ähnelt außenseitig, wenn man sich die später entstandenen Bauten wegdenkt, einer massiven Festung aus starken gering durchfensterten Mauern und mit schwierigem Zugang. Der am sorgfältigsten gestaltete und imposanteste Bauteil ist die unter der Schirmherrschaft von Notre-Dame („Unsere liebe Frau“) stehende Kirche. Der älteste Teil der Kirche ist der Rest eines ursprünglich höheren Turmes im Winkel zwischen der nördlichen Langhauswand und dem nördlichen Querhausarm, der auf das 11. Jahrhundert datiert wird.Barruol, Guy; Romanik der Hoch-Provence, Zodiaque-Echter Verlag, Würzburg, 1984 (franz. Ausgabe 1977), S. 91–169 mini|hochkant|Ganagobie, viel Natur, verdorrtes Astwerk
Geschichte Die Überlieferungen gehen zurück auf das Livre vert (grünes Buch) von Sisteron, das um 1500 von Bischof Laurent Bureau verfasst worden ist. Er konnte sich dabei auf die Kirchenarchive von Sisteron und die Opuscula varia des J. Columbi stützen, dem eine bedeutende Sammlung von originalen, heute großenteils verschollenen Dokumenten zur Verfügung stand. Danach dürfte das Kloster Ganagobie (Podium Ganaguobiense) um die Mitte des 10. Jahrhunderts von Bischof von Sisteron Jean III., auf einer Domäne seiner Familie gestiftet worden sein. Er soll zwei Kirchen errichtet haben, eine der Notre-Dame geweihte und eine zweite, Saint-Jean-Baptiste, in der er begraben sein wollte (vielleicht die in Villevieille). Um 960 hat er sie und das zugehörige Kloster der Benediktinerabtei Cluny geschenkt. mini|hochkant=0.7|links|Cluny, Rekonstruktion mini|Prieuré de Ganagobie, Felsgräber im ehem. Friedhof Quellen über Stiftung und Gründung sind bisher nicht bekannt, doch bestätigen die lokale Tradition und die ältesten bekannten Dokumente über Ganagobie die Berechtigung dieser Überlieferung. Die Schenkung des Klosters an die Benediktiner von Cluny, die nach einigen Jahren oder Jahrzehnten der Unabhängigkeit erfolgte, ist nicht erstaunlich. Denn der heilige Mayeul von Cluny, der von 954 bis 994 an der Spitze der mächtigen Abtei in Burgund stand, stammte aus einer provenzalischen Familie, die in den Diözesen Apt, Sisteron und Riez Besitztümer hatten, In seiner vierzigjährigen Amtszeit breiteten sich die Cluniazenser beträchtlich aus. Vielleicht war Mayeul mit dem Bischof Jean von Sisteron verwandt, der ebenfalls aus einer bedeutenden Familie der Region stammte. Jedenfalls konnte diese Schenkung von Ganagobie an die Abtei von Cluny in einer für die Provence besonders wirren Zeit nicht überraschen.
Über die ersten Klostergebäude des 10. Jahrhunderts geben die Quellen keine Auskünfte.
In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts beschenkten die Bischöfe von Sisteron und die großen Familien der Region das neue Kloster. 963 oder 967 übergab Ursus, der Nachfolger von Jean an der Spitze der Diözese Sisteron, dem Kloster den Zehnten vom benachbarten Peytuis und die Kirche Saint-Pierre im gleichen Ort, außerdem die Ländereien der Villae d’Arises (Aris), von Abuses (?) und eine Domäne Casomalis, in der eine dem Sankt-Michael geweihten Kirche steht (Dabisse). Etwa gleichzeitig schenkten Lambert de Reillanne, ein Vorfahre von Raimbaud, Erzbischof von Arles und seine Frau Galburga der neuen Einrichtung (Sancta Maria Conacoriensis) einige Güter von Peyruis. 1013 bestätigten deren Sohn Boniface und seine Gemahlin Constance die Schenkung und fügten weiter Güter hinzu. In den letzten Jahren des 10. Jahrhunderts zählte Ganagobie (cella Ganagobieacensis, cella hier im Sinn von Kloster/Priorat, im Gegensatz zu ecclesia, Kirche der Säkularpriester) schließlich zu den wenigen provenzalischen Gütern von Cluny. Sie werden durch eine Vorschrift von König Rudolf (998) und ein Privileg von Papst Gregor V. (996 bis 999) bestätigt.
1022/1023 beschenken Waldemar und Agnes das Kloster mit Sainte-Marie in Beaujeu in der Diözese Gap und in der Grafschaft, die mit der Hälfte des Gargatas-Tals und der Alm Vallonus auf dem Territorium Luz-la-Croix-Haute. 1058 bestätigt Papst Stephan IX. (X) Der Abtei Cluny den Besitz von Ganagobie (Ganagobiense monsteriolum).
Die ältesten erhaltenen Bauwerksteile werden auf die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts datiert. Es handelt sich dabei um den Rest eines Turms im Winkel zwischen der Südwand des Schiffs und den ersten nördlichen Querhausarm. Ein zweiter Rest aus dieser Zeit sind alte Fensteröffnungen in der Westwand des ersten südlichen Querhausarms. Dazu muss man auch Grabungsbefunde heranziehen, die im ersten Querschiff im südlichen Arm und in der Vierung gemacht wurden. Über Umfang und Aussehen der anderen Bauwerke gibt es sonst keine Angaben in den bekannten Quellen. Die umfangreichen Schenkungen in diesem Jahrhundert lassen aber vermuten, dass auch in dieser Zeit bauliche Erneuerungen oder Erweiterungen stattgefunden haben.