Genoël Rühle von Lilienstern (* 1979 in Monschau) ist ein deutscher Komponist.

Sein Schaffen umfasst instrumentale und elektronische Musik, Musiktheater, Klanginstallationen und audiovisuelle Arbeiten. Charakteristisch für seine Arbeit ist die Verbindung kompositorischer Verfahren mit neuen Technologien und ungewöhnlichen Klangsystemen. In jüngerer Zeit beschäftigt er sich insbesondere mit künstlicher Intelligenz sowie mit xenharmonischen Tonsystemen. Seine Werke wurden unter anderem vom Ensemble Intercontemporain, Ensemble Modern, Ensemble Contrechamps, Mivos Quartett, den Stuttgarter Vocalsolisten und dem SWR-Orchester aufgeführt.

Werk Von Liliensterns kompositorisches Werk bewegt sich zwischen Neuer Musik, elektronischer Musik, Musiktheater und Medienkunst. Bereits in frühen Arbeiten verband er Instrumentalmusik mit elektronischen Klangerzeugern, Robotik und Installationskunst. Später kamen Sampling, Synthesizer, audiovisuelle Medien und Verfahren des maschinellen Lernens hinzu. Seine Arbeiten beschäftigen sich dabei häufig mit der Frage, wie musikalisches Material mit Netzwerken technischer, medialer oder gesellschaftlicher Kontexte interagiert.

Zu seinen frühen Arbeiten gehört die installative Roboteroper Rigolator (2008). Weitere Werke aus dieser Phase beziehen Roboter, Lautsprecher, Drohnen und andere technische Klangkörper in den musikalischen Prozess ein. Top (2013) und Couture (2014) beschäftigten sich mit Klängen und musikalischen Formen des Mainstreams der 1980er Jahre.

Auch in späteren Kompositionen spielen mediale und gesellschaftliche Kontexte eine wichtige Rolle. Big Picture (2018) entstand aus einer einstündigen Aufnahme des globalen Internetradios Radio Garden. Das daraus gewonnene Material wurde mit instrumentalen Texturen verbunden und zu einer musikalischen "globalen Klanggemälde" verarbeitet. Ein ebenfalls radiobasierte Arbeit ist Voz Comercial für Ensemble und Gesang/Sprechstimme, in welcher vokale Gesten aus Radiowerbung und Radiomoderation re-enacted werden.

Places of Yaanga (2017) ist ein Zyklus aus fünf Video- und Instrumentalstücken, der sich mit Orten im Raum Los Angeles auseinandersetzt, die mit der Geschichte der indigenen Tongva und Chumash verbunden sind. Von Lilienstern untersucht dabei, wie sich unterschiedliche historische und kulturelle Bedeutungsebenen eines Ortes überlagern können, und verbindet Videoaufnahmen mit instrumentaler Musik und lokalen beziehungsweise archivierten Klangaufnahmen. Die Arbeit thematisiert damit Fragen von Erinnerung, kultureller Zuschreibung und der ideologischen Aufladung von Orten; der Titel verweist auf Yaanga, ein historisches Tongva-Dorf am Ort des heutigen Los Angeles.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von Instrumentalmusik und Elektronik. Dazu gehören unter anderem Dom für Violoncello und Elektronik sowie Tal für Bassklarinette und Elektronik. In diesen Arbeiten wird die elektronische Klangverarbeitung nicht lediglich als Verstärkung oder Effekt eingesetzt, sondern als eigenständiger Bestandteil des kompositorischen Materials.

Xenharmonik In den 2020er Jahren wandte sich von Lilienstern verstärkt mikrotonalen und xenharmonischen Tonsystemen zu. Dabei untersucht er alternative Stimmungssysteme und insbesondere sogenannte EDO-Systeme (equal divisions of the octave), bei denen die Oktave in eine von zwölf abweichende Anzahl gleich großer Intervalle geteilt wird. Die Auseinandersetzung mit solchen Tonsystemen ist inzwischen ein wesentlicher Bestandteil seiner kompositorischen Arbeit.

Ein zentrales Werk dieser Entwicklung ist Terroir, eine Ensemblekomposition in 16 EDO. Das siebzigminütige Werk wurde am 29. November 2024 in Berlin vom Ensemble Zafraan uraufgeführt und 2025 beim Fusion Festival erneut aufgeführt.

2026 setzte von Lilienstern die Beschäftigung mit alternativen Stimmungssystemen mit Ciaccona on the spectrum fort, einer Komposition für Linnstrument und Elektronik in Bohlen-Pierce-Stimmung. Die Bohlen-Pierce-Skala ist ein nicht-oktavierendes mikrotonales Tonsystem, das insbesondere mit ungeradzahligen Frequenzverhältnissen arbeitet.

Von Lilienstern ist außerdem als Co-Kurator der Untwelving Convention tätig, einer 2026 erstmals in München veranstalteten dreitägigen Convention für aktuelle mikrotonale und xenharmonische Musik. Die Veranstaltung beschäftigt sich mit alternativen Stimmungssystemen, kompositorischen und performativen Verfahren sowie deren technischer und theoretischer Praxis und ist ausdrücklich genreübergreifend angelegt. Von Lilienstern wird als „Composer & Curator“ in der Veranstaltungsleitung geführt.

Im Zusammenhang mit Untwelving war von Lilienstern zudem Gastredakteur der Ausgabe 144 der Zeitschrift Positionen, die sich unter dem Titel „Untwelving“ mit der aktuellen mikrotonalen und xenharmonischen Musikszene beschäftigt. In seinem Beitrag beschreibt er die Entwicklung einer internationalen Szene, die mit alternativen Tonsystemen und EDO-Stimmungen arbeitet.

Künstliche Intelligenz Parallel zur Arbeit mit alternativen Tonsystemen beschäftigt sich von Lilienstern seit den späten 2010er und insbesondere den 2020er Jahren intensiv mit künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen als kompositorischen Werkzeugen. Er ist Gründungsmitglied der Komponistengruppe ktonal, die sich mit generativen Kompositionswerkzeugen und neuronalen Netzen beschäftigt.

In Unsupervised Sounds für Ensemble und künstliche Intelligenz wird ein lernendes System in den musikalischen Prozess einbezogen. Weitere Arbeiten untersuchen die Verwendung neuronaler Netze zur Erzeugung und Transformation von Klang.

In Voiceshopping für Klarinette und generative KI wird ein KI-Autoencoder mit Aufnahmen der Stimme der Klarinettistin Carola Schaal trainiert. Die dabei entstehende Klangrepräsentation ermöglicht eine wechselseitige Übertragung zwischen Stimme und Klarinette: Klarinettenklänge können den Stimmklangraum anregen und umgekehrt stimmliche Klänge Klarinettenklänge auslösen. Das Werk wurde 2024 am Hamburger Ligeti Zentrum uraufgeführt.

2025 präsentierte von Lilienstern bei den Stockhausen-Kursen in Kürten eine KI-basierte Version von Karlheinz Stockhausens SPIRAL für Linnstrument und KI-Audiomodell.

Auch audiovisuelle Formen der generativen KI sind Bestandteil seiner aktuellen Arbeit. A little history of mobile Music Vol. 1 für KI-generiertes Video und Mehrkanal-Ton wurde 2026 im Rahmen der International Computer Music Conference (ICMC) aufgeführt.

Werdegang Genoël von Lilienstern studierte Komposition zunächst in Bremen bei Younghi Pagh-Paan und anschließend in Berlin bei Hanspeter Kyburz. Darüber hinaus studierte er am Institut für Sonologie in Den Haag, unter anderem bei Clarenz Barlow und an der Ensemble Modern Akademie in Frankfurt am Main. Zu seinen weiteren akademischen Stationen gehört die Graduiertenschule der Universität der Künste Berlin.

Zu seinen Förderungen und Stipendien gehören unter anderem der Stipendienpreis der Darmstädter Ferienkurse, ein Stipendium der Akademie der Künste Berlin, die Ensemble Modern Akademie, die Cité Internationale des Arts in Paris, die Villa Aurora in Los Angeles und Tokyo Wonder Site.

2008 erhielt von Lilienstern den Hanns-Eisler-Preis und den ersten Preis des Ring.Award.off. Für Rigolator wurde er im Rahmen des Ring.Award.off von der Komischen Oper Berlin ausgezeichnet. Weitere Auszeichnungen und Förderungen folgten in den darauffolgenden Jahren.

Seine Werke wurden bei internationalen Festivals und Institutionen aufgeführt, darunter das ECLAT Festival Stuttgart, Ultraschall Festival Berlin, MaerzMusik, die Münchener Biennale für Musiktheater, das MARS Festival in Los Angeles, das Qubit Festival in New York und Veranstaltungen in Paris, Tokio und Quito.

Lehrtätigkeit und Forschung Von Lilienstern übernahm Lehraufträge an der Universität der Künste Berlin, der Hochschule für Künste Bremen und der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Darüber hinaus war er als Gastdozent unter anderem an der Stanford University (CCRMA) und dem California Institute of the Arts (CalArts) tätig.

Von 2023 bis 2024 leitete von Lilienstern das Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste Berlin. In dieser Funktion war er mit der programmatischen und künstlerischen Arbeit des Studios im Bereich der elektroakustischen Musik, Klangkunst und experimentellen Medienpraxis befasst.

Er ist als Promovend an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg im Bereich künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung tätig. Ein Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf künstlerischen Verfahren im Umgang mit künstlicher Intelligenz und generativen Audiowerkzeugen. 2025 wurde er im Rahmen des STIP-Sonderprogramms des Musikfonds zur künstlerischen Arbeit mit künstlicher Intelligenz gefördert.

Ab dem Wintersemester 2026/27 leitet von Lilienstern an der Freien Universität Berlin das Seminar „Untwelving: Xenharmonic Spaces, Netzkulturen und mikrotonale Komposition jenseits der Genres“ zusammen mit Prof. Dr. Anna Schürmer. Inhaltlich verbindet die Lehrveranstaltung die theoretische und praktische Beschäftigung mit xenharmonischen und mikrotonalen Tonsystemen mit der Untersuchung ihrer gegenwärtigen musikalischen Kontexte.

Ästhetik Ein wesentliches Merkmal von von Liliensterns Arbeit ist ein genreübergreifender Umgang mit musikalischem Material. Zeitgenössische Kunstmusik, Popmusik, elektronische Musik und Fragmente aus der digitalen Alltagskultur werden dabei nicht als voneinander getrennte Bereiche verstanden, sondern als gleichberechtigte Quellen und Kontexte musikalischer Erfahrung. In Werken wie Top und Couture greift er charakteristische Klänge und Produktionsästhetiken der Popmusik auf; auch Radio, Internet und andere mediale Informationsfragmente finden als musikalisches Material Eingang in seine Kompositionen.

Mit dem Begriff „Neo Neue Musik“ beschreibt von Lilienstern eine mögliche Aktualisierung des Begriffs Kunstmusik unter den Bedingungen einer digitalisierten und global vernetzten Musikkultur. In seinem 2025 in der Zeitschrift Positionen veröffentlichten Essay Neo Neue Musik – Signale aus der post-depressiven Klangzone versteht er den Begriff nicht als Bezeichnung eines neuen musikalischen Stils, sondern als Beschreibung einer heterogenen, international vernetzten Praxis, die die historisch gewachsene Trennung zwischen zeitgenössischer Musik, Pop und anderen, experimentellen musikalischen Szenen zunehmend infrage stellt. Musikalische Praktiken und Spezialinteressen, die außerhalb der etablierten Institutionen der Neuen Musik entstanden sind – etwa Synthesizermusik, Drone, Xenharmonik oder der Einsatz künstlicher Intelligenz –, können aus dieser Perspektive ebenso zum Material zeitgenössischer Kunstmusik werden wie die kompositorischen Traditionen der Neuen Musik. „Neo Neue Musik“ bezeichnet damit den Versuch, Kunstmusik nicht über ihre institutionelle Zugehörigkeit oder eine bestimmte Klangsprache zu definieren, sondern über materiale und konzeptuelle Reflexionsebenen in neuen musikalischen Praktiken.

Werkverzeichnis (Auswahl) Angel Exterminador für Bratsche und Elektronik (2002/2004) Adrenochrom für Ensemble (2006) Rigolator, installative Roboter-Oper (2008) Trio für Streichtrio und präparierte Lautsprecher (2008) The Severed Garden Sextett (2009) Die Flibustiers für Roboter, Video und Ensemble (2010) Nyx für Tonband (2010) Top für Ensemble, Synthesizer und E-Drums (2012) Couture für Orchester und Synthesizer (2014) Purple Dinosaur Variations für drei Sänger, Schlagzeug/Vibrafon, Harfe, Flöte, Bassklarinette (2015) Speere Stein Klavier, Musiktheater für zwei Schauspieler, drei Sänger, Chor and Instrumentalensemble (2016) Streichquartett (2016) Voz Comercial für Sprecherin/Sängerin und Ensemble (2017) Places of Yaanga für Flöte, Saxophon, Synthesizer und Video (2017) Big Picture für Sopran, Sampler und Ensemble (2018) Dom für Cello und Elektronik (2019) Tal für Bassklarinette und Elektronik (2019)