Als Jesus-Mythos (seltener Christus-Mythos; auch Nichtexistenz- oder Nichthistorizitäts-Hypothese) wird die Auffassung bezeichnet, Jesus von Nazaret sei keine historische Person gewesen oder man könne keinerlei gesicherte historische Aussagen über ihn treffen. Die in den Schriften des Urchristentums dargestellte Person sei eine Fiktion oder ein Mythos.

Diese Ansicht kam in der Epoche der Aufklärung ab etwa 1750 auf und wurde zwischen 1900 und 1940 vorrangig im deutschsprachigen Raum diskutiert. Frühe Hauptvertreter waren Bruno Bauer, Albert Kalthoff und Arthur Drews. Sie beriefen sich auf Ergebnisse der damaligen Jesusforschung, die den mythischen und legendarischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments (NT) erwies, und auf die Religionsgeschichtliche Schule, die Analogien dazu in außerchristlicher Mythologie betonte.

Seit den 1970er Jahren vertreten vor allem einige dem Neuen Atheismus nahestehende englischsprachige Autoren die Christ myth theory, darunter George Albert Wells, Earl Doherty, Robert M. Price und Richard Carrier. Die weitaus meisten historisch-kritischen Forscher erklären die urchristlichen Texte jedoch als Reaktionen auf den historischen Jesus und rekonstruieren daraus sein Wirken in Grundzügen.

18. und 19. Jahrhundert Autoren der Aufklärungsepoche 1752 erklärte der englische Graf Bolingbroke die gesamte Bibel zur Sammlung unechter Legenden und Fabeln (Letters on the study of history). Bolingbroke gilt als möglicher Urheber der Idee eines rein mythischen Christus.James Leslie Houlden: Jesus in History, Thought, and Culture: An Encyclopedia. Band 1, Bloomsbury, London 2003, ISBN 1-57607-856-6, S. 658

In Frankreich forderte der Aufklärer Voltaire 1769 eine vollständige Prüfung des NT nach dem Maßstab der Vernunft. Er verwies dazu auf Widersprüche und unglaubhafte Prophezeiungen in den Evangelien. Er bot keine Erklärung für die Entstehung des NT an, grenzte sich jedoch von der These einiger „Schüler von Bolingbroke“ ab, Jesus habe nicht existiert. Man müsse sich auf das begrenzen, was man von Jesus wissen könne: Er sei ein seltsamer Jude aus dem niederen Volk gewesen und als Gotteslästerer unter Kaiser Tiberius gekreuzigt worden. Sein Todesjahr sei unmöglich feststellbar.Craig A. Evans: The Historical Jesus, Band 1. Routledge, London 2004, ISBN 0-415-32751-2, S. 308; Peter G. Bietenholz; Historia and Fabula: Myths and Legends in Historical Thought from Antiquity. Brill, Leiden 1997, ISBN 90-04-10063-6, S. 325, Fn. 34 1785 bekräftigte Voltaire: Die These, Jesus habe nicht existiert, sei „eher erfinderisch als gelehrt“.Robert E. van Voorst: Jesus Outside the New Testament. Grand Rapids 2000, S. 8 und Fn. 12

Die französischen Philosophen Charles François Dupuis (1742–1809) und Constantin François Volney (1757–1820) bestritten als erste offen Jesu Existenz.Jan A. B. Jongeneel: Jesus Christ in World History: Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, ISBN 3-631-59688-X, S. 172 In seinem damals stark beachteten Hauptwerk Les Ruines (1791) stellte Volney allen großen Religionen die revolutionäre Idee der Menschenrechte gegenüber. Seine Religionstheorie (Kapitel 22) entstand wahrscheinlich vor 1788 und war von Paul Henri Thiry d’Holbach, Claude Adrien Helvétius und Dupuis beeinflusst. Alle Religionen seien von unwissenden Menschen erfundene widersprüchliche Systeme, um sich die unverstandene Welt zu erklären. Das Christentum verehre wie Hinduismus und persische Religion eine Allegorie der Sonne unter Namen wie Chris-en oder Christus bzw. Yes-us oder Jesus. Jesus von Nazaret sei nur ein Symbol für den Sonnenmythos. Sein Erdendasein bilde die Winterphase im Sonnenzyklus ab.Urs App: The Birth of Orientalism. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2010, ISBN 978-0-8122-4261-4, S. 457–459 Mit Chris-en meinte Volney eine angebliche gemeinsame Wortwurzel von Christus und Krishna, mit Yes-us eine Variante von Bacchus. So versuchte er, das Urchristentum aus fernöstlicher und griechischer anstelle jüdischer Religion abzuleiten.Martin Priestman: Romantic Atheism: Poetry and Freethought, 1780–1830. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-62124-0, S. 24

Dupuis hatte in einer Schrift 1787 alle Religionen aus Astralkulten hergeleitet. Im Vorwort zu seinem Hauptwerk von 1795 kündigte er an: Mit einem einzelnen Streich werde er die allgemeine Überzeugung zerstören, die Jesus für Gott und Mensch halte, und die der neuen Philosophen, die Jesus nur für einen Menschen halte. Er werde Christus von beiden Naturen entkleiden, da er ihn weder als Gott und noch weniger als Menschen auffasse.Peter G. Bietenholz: Historia and Fabula, Leiden 1997, S. 327 Er werde beweisen, dass der Held der als Evangelien bekannten Legenden derselbe sei, der mit weit mehr Genius in den Gedichten zu Ehren von Bacchus, Osiris, Hercules, Adonis und anderen gefeiert werde. Der Christuskult sei nur eine Variante des in der Antike verbreiteten Sonnenkultes. Die zwölf Apostel personifizierten wie die zwölf Söhne Jakobs die Tierkreiszeichen.Herbert Cutner, Paul Tice: Jesus: God, Man or Myth? The Book Tree, Escondido 2000, ISBN 1-58509-072-7, S. 1; S. 114; S. 139 Christliche und vorchristliche Mysterienkulte in Großsyrien, dem Alten Ägypten und Persien hätten denselben Ursprung: Sie symbolisierten die Jungfrauengeburt eines Gottes zur Wintersonnenwende und beruhten auf dem winterlichen Aufstieg des Sternzeichens der Jungfrau. Diese und andere jährliche Erscheinungen seien Allegorien für die Geschichten von Sonnengottheiten wie des Sol Invictus.George Albert Wells: Stages of New Testament Criticism. In: Journal of the History of Ideas Band 30, Ausgabe 2, 1969

Napoleon Bonaparte hatte Volneys Werk für seinen Ägyptenfeldzug studiert und sich daran orientiert.Osama W. Abi-Mershed: Apostles of Modernity: Saint-Simonians and the Civilizing Mission in Algeria. Stanford University Press, Stanford 2010, ISBN 978-0-8047-6909-9, S. 22; Rachida El Diwani: Le Discours Orientaliste de Volney. Lulu Press, Morrisville 2009, ISBN 978-0-557-04158-9, S. 31 Er soll im Jahr 1808 gegenüber dem Dichter Christoph Martin Wieland beiläufig geäußert haben: Die große Frage sei, ob Jesus Christus je gelebt habe. Wieland habe lebhaft erwidert: Ihm sei bekannt, dass es ein paar Verrückte gebe, die Jesu Existenz bezweifelten. Doch sei das ebenso dumm, wie die Existenz Gaius Iulius Caesars oder Napoleons selbst zu bezweifeln.Jan A. B. Jongeneel: Jesus Christ in World History. Frankfurt am Main 2009, S. 172, Fn. 115; Peter G. Bietenholz; Historia and Fabula, Leiden 1997, S. 326 Der Bibliothekar J.B. Peres aus Agen veröffentlichte damals eine Schrift, in der er die Methode von Dupuis auf Napoleon anwandte und so satirisch „bewies“, dass dieser nicht existiere.Craig A. Evans: The Historical Jesus, Band 1. London 2004, S. 319, Fn. 17; Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit, 4. Buch: Die Krisis der Europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. tredition, Ahrensburg 2011, ISBN 3-8424-1972-4, S. 34

Dupuis und Volney fanden bei anderen Aufklärern und Freidenkern ihrer Zeit kaum Zustimmung. Thomas James Mathias (1754–1835) etwa kritisierte: Indem Volney Jesus zum Sonnengott mache, fordere er vom Leser Aufgabe des common sense und willkürliches Zulassen aller möglichen Allegorien. Der britische Universalgelehrte Joseph Priestley kritisierte Volneys Thesen in drei Schriften (1794–97). In einem Brief an Volney nannte er Belege für Jesu Historizität und verlangte Belege unter anderem für die Verknüpfung von Christus mit Bacchus und Krishna. 1799 forderte er auch Dupuis schriftlich zum Belegen seiner Thesen heraus.Martin Priestman: Romantic Atheism: Poetry and Freethought, 1780–1830. Cambridge 2000, S. 24f. Priestley bejahte die Französische Revolution, nicht aber die antichristliche Haltung vieler französischer Aufklärer, die er auf die Korruptheit des christlichen Klerus, Unkenntnis der Religionsgeschichte und Vorurteile zurückführte. In der dritten Auflage seiner Observations on Infidelity (1797) bekräftigte er gegenüber Volney und Dupuis: Religion habe vor dem Priestertum existiert und für Jesu Existenz gebe es außerchristliche Belege. Die Herleitung aller Religionen aus dem Sonnenkult sei eine ausgefallene, kapriziöse Einbildung, die zeige, dass die Autoren den Unterschied zwischen Polytheismus und Monotheismus nicht begriffen hätten.Robert E. Schofield; The Enlightened Joseph Priestley: A Study of His Life and Work from 1773 to 1804. Penn State University Press, Pennsylvania 2009, ISBN 0-271-02459-3, S. 376

Einige spätere Vertreter der Jesus-Mythos-These wie Robert Taylor (1828), Charles Bradlaugh (1854)Timothy Larson: Crisis of Doubt: Honest Faith in Nineteenth-Century England. Oxford University Press, Oxford 2007, ISBN 0-19-928787-2, S. 96 und Dorothy Murdock (2004) folgten der Sonnenkultthese.Acharya S.: Suns of God: Krishna, Buddha and Christ Unveiled. Kempton 2004, S. 446ff. John M. Robertson dagegen grenzte sich davon ab.Herbert Cutner, Paul Tice: Jesus: God, Man or Myth? Escondido 2000, S. 279 Die Herleitung des Urchristentums aus Indien fand viele Nachahmer. Diese bestritten jedoch nicht Jesu Existenz, sondern sein Judentum und behaupteten, er sei Arier gewesen.Susannah Heschel: The Aryan Jesus: Christian Theologians & the Bible in Nazi Germany. Princeton University Press, Princeton 2008, ISBN 0-691-12531-7, S. 39 und Fn. 54

Bruno Bauer mini|hochkant|Bruno Bauer Der Junghegelianer Bruno Bauer (1809–1882) ging davon aus, dass Religion eine entfremdete Form des Selbstbewusstseins sei, die die philosophische Religionskritik aufheben müsse, um es zu sich selbst zu befreien. Dem sollten seine fünf zusammengehörigen exegetischen Schriften (1838–1842) dienen. Sie zeigen seinen Radikalisierungsprozess.Douglas Moggach: The Philosophy and Politics of Bruno Bauer. Cambridge University Press, Cambridge 2003, ISBN 1-139-44197-3, S. 65f.