Leishmaniose oder Leishmaniase (fachsprachlich auch lateinisch Leishmaniosis und Leishmaniasis) ist eine weltweit bei Mensch und Tier vorkommende Infektionserkrankung, die durch obligat intrazelluläre protozoische Parasiten der Gattung Leishmania hervorgerufen wird. Ihr Verbreitungsgebiet sind die Tropen, besonders Peru, Kolumbien und das östliche Afrika, aber auch der Mittelmeerraum und Asien. Seit Mitte der 1980er Jahre treten die Sandmücken, welche die Leishmaniose übertragen, möglicherweise durch Klimawandel, auch zunehmend in Deutschland auf.T. J. Naucke, C. Schmitt: Is leishmaniasis becoming endemic in Germany? In: International Journal of Medical Microbiology. Band 293, Supplement 37, 2004, S. 179–181. Es gibt in Deutschland verstärkt Fälle von Leishmaniose bei Tieren und vereinzelt auch bei Menschen, die Deutschland nie verlassen haben.Leishmaniose - Einzug in Deutschland. Volltext als PDF; 2,7 MB; Auf researchgate.net.
Entdeckt und beschrieben wurde der Krankheitserreger Leishmania donovani 1900 bis 1903 von William B. Leishman und Charles Donovan (1863–1951).Werner Köhler: Infektionskrankheiten. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 667–671, hier: S. 670.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 55.
300px|mini|Lebenszyklus der Leishmaniose
Übertragung mini|Leishmania tropica
Sandmücken (aus der Familie der Schmetterlingsmücken) übertragen die Infektion. In den 1950er-Jahren dezimierte der Einsatz von Insektiziden (hauptsächlich DDT) gegen malariaübertragende Anophelesmücken auch die Sandmücken (Phlebotominae) stark. Inzwischen haben sich die Sandmückenpopulationen wieder auf das ursprüngliche Niveau vermehrt, sodass im Mittelmeerraum die Zahlen der Leishmaniose-Erkrankungen von Mensch und Tier zunehmen.
Die zunehmende Ausbreitung der Sandmücke in Richtung Norden wird mit der globalen Erwärmung sowie der zunehmenden Globalisierung in Verbindung gebracht. Das zur Goethe-Universität Frankfurt und der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung gehörende Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum (BiK-F) hat im Sommer 2014 bei Gießen anhand einer Sandmücke der Art Phlebotomus mascittii den bisher nördlichsten Nachweis einer Sandmücke geführt.Sandmücken in Hessen angekommen – Erreger können schwere Schäden verursachen. Auf: t-online.de
Leishmaniose ist in 98 Staaten endemisch und verursacht jährlich etwa 1 Million kutane Infektionen und 50.000 bis 90.000 viszerale Infektionen.World Health Organization: Leishmaniases. fact sheet. Auf: who.int vom 2. März 2020.
Die Infektionsrate von Hunden mit Leishmaniose ist insbesondere im Mittelmeerraum stellenweise sehr hoch: In Andalusien sind bis zu 42 % der Hunde infiziert, auf Sizilien bis zu 80 %. Die Infektionsrate bei Menschen und Hunden hängt von der lokalen Sandmückenpopulation, deren Durchseuchung und Stechgewohnheiten ab.
Formen der menschlichen Leishmaniose Es gibt viele Krankheitsbilder, die der geografischen Verbreitung der jeweiligen Leishmania-Arten zuzuordnen sind. Sie reichen vom lokal begrenzten, oft spontan ausheilenden Solitärulkus bis zur tödlich endenden Allgemeinerkrankung. Weltweit unterscheidet man drei Leishmanioseformen.
Innere Leishmaniose (viszerale Leishmaniose) Bei der inneren Leishmaniose oder viszeralen Leishmaniose (auch Dum-Dum-Fieber, Schwarzes Fieber oder Kala-Azar) sind die inneren Organe (lateinisch viscera: Eingeweide) befallen. Es kommt neben einer Leberschwellung zu einer Milzschwellung (tropische Splenomegalie).Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 9–223, hier: S. 175 f. (Kala-Azar). Die Erreger sind Leishmania donovani (die von Leishman und Donovan entdeckte Flagellatenart), in Europa Leishmania infantum. Diese Erkrankung hat sich vermutlich ursprünglich von Ostafrika über den vorderen Orient bis nach Indien ausgebreitet.P. Desjeux: Leishmaniasis. In: Nature reviews. Microbiology. September 2004, Nr. 2, S. 692, PMID 15378809.S. M. Beverley: Protozomics: Trypanosomatid parasite genetics comes of age. In: Nature Reviews Genetics. Januar 2003, Nr. 4, S. 11–19, PMID 12509749.B. L. Herwaldt: Leishmaniasis. In: The Lancet. Oktober 1999, Nr. 354, S. 1191–1199, PMID 10513726.F. Pratlong, J. Dereure u. a.: Sudan: the possible original focus of visceral leishmaniasis. In: Parasitology. Juni 2001, Nr. 122, S. 599–605. PMID 11444612.
Paläomediziner um Albert R. Zink konnten in altägyptischen Mumien erst ab dem Mittleren Reich die mitochondriale DNA von Leishmania donovani nachweisen.Albert R. Zink u. a.: Letter: Leishmaniasis in Ancient Egypt and Upper Nubia. In: Emerging Infectious Diseases. Oktober 2006, Band 12, Nr. 10 (vollständiger Text). Die innere Leishmaniose wurde früher auch als Ponos (bei Hippokrates Πόνος) und „Rippkuchen“ bezeichnet.Georg Sticker: Hippokrates: Der Volkskrankheiten erstes und drittes Buch (um das Jahr 434–430 v. Chr.). Aus dem Griechischen übersetzt, eingeleitet und erläutert. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1923 (= Klassiker der Medizin. Band 29); unveränderter Nachdruck: Zentralantiquariat der Deutschen Demokratischen Republik, Leipzig 1968, S. 107 (Ein schleichendes Fieber mit Milzvergrößerung […].).
1977 wurde in Indien (Nordbihar) eine große Epidemie mit ca. 70.000 erkrankten Personen beobachtet. Der Begriff Kala-Azar stammt aus dem Hindi, bezieht sich auf die braunschwarze Pigmentierung der trockenen Haut bei dieser Erkrankung, und bedeutet „schwarze Krankheit“Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. 1961, S. 176. oder „schwarze Haut“. Die viszerale Leishmaniose ist allerdings nicht auf Indien und China beschränkt. Sie tritt auch in Europa auf, z. B. im Mittelmeerraum von Portugal bis in die Türkei, und ist auch in Südamerika (dort besonders in Brasilien) vertreten.
In der Histologie sind die typisch schiffchenförmigen Leishmanien in einem Makrophagen zu erkennen. Ohne Therapie enden ca. 95 % der Krankheitsfälle tödlich.Leishmaniasis. Auf: who.int vom 12. Januar 2023. Als erstes orales Therapeutikum wurde im Dezember 2004 in Deutschland der Wirkstoff Miltefosin zugelassen.
Hautleishmaniose (kutane Leishmaniose) mini|Kutane Leishmaniose mini|Mikroskopische Aufnahme von Leishmanien in einem Leukozyten aus einer Hautbiopsie
Die kutane Leishmaniose (auch Orientbeule, Aleppobeule, Bagdadbeule) befällt im Gegensatz zur viszeralen Leishmaniose nur die Haut (lateinisch cutis) und verschont die inneren Organe. Die übertragenden Sand- bzw. Schmetterlingsmücken nehmen bei einer Blutmahlzeit die Leishmanien auf; diese machen im Darm der Mücken einen Entwicklungszyklus durch und gelangen später in den Stechrüssel. Infizierte Mücken geben sie beim Stich weiter. Die Erreger sind L. tropica major, L. tropica minor, L. tropica infantum und L. aethiopica.
Nach dem Stich der Sandmücke kommt es zunächst zu einer Rötung, danach entwickeln sich juckende Knötchen auf der Haut, die sich in Papeln umwandeln und ein nicht schmerzhaftes Geschwür bilden. Die Größe der Geschwüre liegt meist zwischen einem und fünf Zentimetern. Die Vermehrung der Parasiten ist häufig auf den Ort der Infektion beschränkt. Oft ist das Gesicht betroffen. Klinisch sind die feuchte (L. tropica major), die trockene (L. tropica minor) und die diffuse (L. tropica infantum und L. tropica aethiopica) Leishmaniose zu unterscheiden.
Von einer Therapie der erstgenannten beiden Formen wird meist abgesehen, da die sich entwickelnde Beule nach einem halben bis einem Jahr von selbst abheilt. Die Narben sind häufig entstellend. Die diffuse Hautleishmaniose heilt ohne Behandlung nicht aus.
Zur systemischen Therapie ist unter anderem Miltefosin in Deutschland verfügbar, daneben wird Paromomycin als intramuskuläre Injektion angewandt. Die Therapie mit cortisolhaltigen Salben ist kontraindiziert (nicht empfohlen). Hingegen zeigte eine tunesisch-amerikanische randomisierte placebokontrollierte Phase-3-Doppelblindstudie 2013 mit 375 Patienten, dass eine Salbe mit 15 % Paromomycin, die über zwanzig Tage hinweg einmal täglich aufgetragen wurde, signifikant besser als die Placebosalbe wirkte, so dass nach 98 Tagen 81 % der Fälle geheilt waren im Vergleich zu 58 % in der Placebogruppe und 82 % bei Anwendung einer Salbe mit 15 % Paromomycin und zusätzlich 0,5 % Gentamicin, das somit keine zusätzliche Heilwirkung hatte. Im Gegensatz zur intramuskulären Paromomycin-Therapie ergaben sich keine klinisch bedeutsamen nieren- oder gehörtoxischen Nebenwirkungen, die systemische Exposition war durch die Salbenanwendung auf 10 % reduziert. Lokal wurden in den ersten Tagen nach Therapiebeginn vermehrt milde bis mittelgradige entzündliche Reaktionen (6 %) und Bläschenbildung (26 %) im Bereich der Hautläsionen beobachtet, jedoch keine Superinfektionen (die in der Placebogruppe in 10 % der Fälle auftraten).Afif Ben Salah, Nathalie Ben Messaoud, Evelyn Guedri, Amor Zaatour, Nissaf Ben Alaya, Jihene Bettaieb, Adel Gharbi, Nabil Belhadj Hamida, Aicha Boukthir, Sadok Chlif, Kidar Abdelhamid, Zaher El Ahmadi, Hechmi Louzir, Mourad Mokni, Gloria Morizot, Pierre Buffet, Philip L. Smith, Karen M. Kopydlowski, Mara Kreishman-Deitrick, Kirsten S. Smith, Carl J. Nielsen, Diane R. Ullman, Jeanne A. Norwood, George D. Thorne, William F. McCarthy, Ryan C. Adams, Robert M. Rice, Douglas Tang, Jonathan Berman, Janet Ransom, Alan J. Magill, Max Grogl: Topical Paromomycin with or without Gentamicin for Cutaneous Leishmaniasis. In: New England Journal of Medicine. 2013; Band 368, Ausgabe 6 vom 7. Februar 2013, S. 524–532 doi:10.1056/NEJMoa1202657.
Schleimhautleishmaniose (mukokutane Leishmaniose) Die mukokutane Leishmaniose ist unter verschiedenen Namen (u. a. Uta oder Espundia) in Südamerika bekannt. Sie befällt neben der Haut auch die Schleimhaut (lateinisch mucus: Schleim). Der Erreger ist L. brasiliensis und wird ebenfalls durch die Schmetterlingsmücke übertragen. Klinisch zeigt sich eine schwer verlaufende, destruierende Hautläsion, die nicht spontan abheilt.
Veterinärmedizin Leishmaniose kommt im Bereich der Haustiere bevorzugt beim Haushund vor. Sie gehört zu den durch Vektoren übertragenen Krankheiten (Companion Vector-borne Diseases, CVBD). Für Katzen, Nager, Rinder und Hauspferd existieren ebenfalls Beschreibungen der Erkrankung. Die Leishmaniose der Meerschweinchen wird durch den wirtsspezifischen Erreger Leishmania enriettii verursacht und tritt nur in Südamerika auf.
In Deutschland ist die Erkrankung in der Anlage 3 der Tierseuchenmeldeverordnung (TierSeuchMeldV) vom 10. März 2026 gelistet und es besteht für Erkrankungen von Hunden eine allgemeine Meldepflicht nach § 4.Verordnung über die Meldung von Seuchen bei Tieren (Tierseuchenmeldeverordnung – TierSeuchMeldV)
Ätiologie