Der Heiligenberg ist ein hoher Berg bei den Heidelberger Stadtteilen Neuenheim und Handschuhsheim und nach dem auf der anderen Seite des Neckars stehenden Königstuhl () der niedrigere der beiden Hausberge Heidelbergs. Er befindet sich am Westrand des Odenwaldes und besteht aus zwei Gipfeln, einem höheren, nördlich gelegenen Hauptgipfel und einem südlichen, der Heidelberger Altstadt zugewandten Vorgipfel. Der Heiligenberg war seit der Urgeschichte wiederholt ein menschlicher Siedlungsplatz, vor allem in der Eisenzeit als Ort einer keltischen Großsiedlung (Oppidum). In römischer Zeit weitgehend unbesiedelt und lediglich Standort eines Heiligtums, entstand im Frühmittelalter auf dem Hauptgipfel ein Königshof. Diesem folgten später im Mittelalter zwei Klöster, das Michaelskloster und das auf dem Vorgipfel gelegene Stephanskloster. In der Neuzeit blieb der Heiligenberg weitgehend ungenutzt, abgesehen von der Zeit des Nationalsozialismus, als der NS-Staat die Thingstätte als ideologisch aufgeladenen Veranstaltungsplatz errichtete.
Name mini|Blick vom Bismarckplatz nach Nordosten auf den Heiligenberg
In karolingischer Zeit hieß der Heiligenberg Aberinsberg; die dortigen Bauten wurden als Aberinsburg bezeichnet.Renate Ludwig, Peter Marzolff: Der Heiligenberg bei Heidelberg. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2261-6, S. 55. Diese Bezeichnung ist letztmals für das Jahr 1179 bezeugt. In dieser Zeit erscheint in den lateinischen Quellen zwischenzeitig die Bezeichnung Mons Sancti Michaelis („Berg des heiligen Michael“), bevor sich letztlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Name Mons Omnium Sanctorum („Berg aller Heiligen“) durchsetzt, der sich mit seinem deutschen Pendant (Allerheiligen-Berg oder kürzer Heiligenberg) bis heute gehalten hat. Der Namenswandel im 12. und 13. Jahrhundert wird häufig dadurch erklärt, dass die auf dem Berg befindlichen Klöster St. Michael und St. Stephan im 13. Jahrhundert durch Prämonstratensermönche aus dem Kloster Allerheiligen im Schwarzwald übernommen wurden. Allerdings ist auch die alternative Erklärung möglich, dass sich der heutige Name von einem älteren Beinamen des Michaelsklosters herleitet, das nämlich in einer einzigen Quelle aus dem Jahr 1023 mit dem Namenszusatz … et omnium supernorum civium („… und aller Himmelsbewohner“, also „aller Heiligen“ oder „aller himmlischen Heerschaaren“) versehen ist. In der neuzeitlichen Forschung führte der Name Heiligenberg zu Verwechslungen, weil es etwas nördlich, in Seeheim-Jugenheim, eine weitere, gleichnamige Erhebung gibt, die ebenfalls am Westrand des Odenwaldes liegt und auf der sich im Spätmittelalter ebenfalls ein Kloster der Prämonstratenser befand.Peter Marzolff: Die Ausgrabungen zu St. Michael. In: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.): Forschungen zum Heiligenberg bei Heidelberg. Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2791-8, S. 9–135, hier S. 12 f.
Zu einem unbekannten Zeitpunkt kam zudem der Flurname Michelsberg (teils auch Michaelsberg) für den vorderen, südlichen der beiden Gipfel des Heiligenbergs auf. Dies hat teilweise zu der Annahme geführt, bei dem dort befindlichen der beiden Klöster handele es sich um das Michaelskloster, bei der Ruine auf dem hinteren, höheren Gipfel dagegen um das Stephanskloster. Dies ist angesichts der schriftlichen Quellen zu den beiden Klöstern und dem archäologischen Befund jedoch sehr unwahrscheinlich. Demnach scheint die Verbindung zum heiligen Michael aus anderen, nicht mehr genau zu rekonstruierenden Gründen vom nördlich gelegenen Kloster auf den Südgipfel übergegangen zu sein. Solche ‚historischen Ungenauigkeiten‘ sind bei Namen aus dem Volksmund häufiger belegt. Im Falle des Heiligenberges ist diese Erklärung durchaus plausibel, zumal das Stephanskloster auf dem Südhügel möglicherweise noch im Mittelalter untergegangen ist und auch das ursprüngliche Michaelskloster diesen Namen wohl noch in dieser Zeit abgelegt hat, sodass die volkstümliche Benennung des Berges von der Lage der beiden Abteien unabhängig wurde.Peter Marzolff: Die Ausgrabungen zu St. Michael. In: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.): Forschungen zum Heiligenberg bei Heidelberg. Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2791-8, S. 9–135, hier S. 12.
Geografie mini|Heiligenberg mit Heidelberger Altstadt und Neckar
Der Heiligenberg liegt am Westrand des Odenwaldes zur Bergstraße und der davor liegenden weiten Oberrheinischen Tiefebene. Er befindet sich im Heidelberger Stadtgebiet ostnordöstlich von Neuenheim und ostsüdöstlich von Handschuhsheim. Südlich vorgelagert ist der flachkuppige Michelsberg (). Der Heiligenberg fällt steil nach Westen in die Ebene wie nach Süden ins Neckartal ab, jenseits dessen sich der Königstuhl über der Altstadt von Heidelberg im Flusstal erhebt. Im Norden trennt das Kerbtal mit dem zum Kanzelbach fließenden Rombach oder Mühlbach den Heiligenberg vom Hohen Nistler, im Nordosten verbindet ein Bergsattel mit dem weiter entfernten Weißen Stein.
Der Heiligenberg gehört in der naturräumlichen Haupteinheitengruppe Odenwald, Spessart und Südrhön (14) und in der Haupteinheit Sandstein-Odenwald (144) zur Untereinheit Zentraler Sandsteinodenwald (144.6). Die Landschaft fällt nach Südosten in die Untereinheit Östlicher Kleiner Odenwald (144.2) ab. Nach Süden fällt sie in die Untereinheit Heidelberger Taltrichter (226.2) ab und nach Westen in die Untereinheit Südliche Bergstraße (226.3), die beide in der Haupteinheitengruppe Nördliches Oberrheintiefland (22) zur Haupteinheit Bergstraße (226) zählen. Geologisch bilden die rotbraunen und meist sandigen Schichten des Unteren Buntsandsteins den Großteil des Heiligenbergs.Olaf Bubenzer u. a.: Neue geoarchäologische Forschungen auf dem Heiligenberg: Sondage einer Podiengruppe am Osthang des Berges. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2021. WBG Theiss, Darmstadt 2022, ISBN 978-3-8062-4550-9, S. 140–145, hier S. 140.
Geschichte Vorgeschichtliche Nutzung mini|Hinweistafel auf die vorgeschichtliche Siedlung und ihren Ringwall
Durch seine herausgehobene Lage bot der Heiligenberg einen weiten Blick in die Ebene und ins Neckartal sowie einen natürlichen Schutz. Er war daher schon seit der Jungsteinzeit besiedelt. Die ältesten archäologischen Funde stammen aus der Zeit der linearbandkeramischen Kultur (etwa 5500–5000 v. Chr.), sind jedoch so vereinzelt, dass sie vermutlich von vereinzelten Begehungen des Berges und nicht von einer dauerhaften Ansiedlung von Menschen herrühren. Ab der mittleren Jungsteinzeit (5000–4400 v. Chr.) dagegen zeugen Gefäßscherben der Rössener Kultur, Steinbeile und weitere häusliche Werkzeuge von einer permanenten Bewohnerschaft des Berges. In der späten Bronzezeit, zur Zeit der Urnenfelderkultur (um 1200 v. Chr.), bestand auf dem Berg eine erste geschlossene Siedlung, die auch für die umgebende Landschaft eine Funktion als Zentralort erfüllt haben dürfte.Frieder Klein: Die vorgeschichtlichen Funde. In: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.): Forschungen zum Heiligenberg bei Heidelberg. Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2791-8, S. 185–322, besonders S. 206–208; Renate Ludwig, Peter Marzolff: Der Heiligenberg bei Heidelberg. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2261-6, S. 8. In dieser Zeit wurden zumindest einige der zahlreichen Terrassierungen an den Hängen des Heiligenberges angelegt, für die natürlich vorhandene, geologisch bedingte Abflachungen genutzt und zu horizontalen Nutzflächen aufplaniert oder abgearbeitet wurden. Die Nutzung dieser Terrassen ist jedoch noch unklar.Olaf Bubenzer u. a.: Neue geoarchäologische Forschungen auf dem Heiligenberg: Sondage einer Podiengruppe am Osthang des Berges. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2021. WBG Theiss, Darmstadt 2022, ISBN 978-3-8062-4550-9, S. 140–145.
Etwa in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. entstand eine bedeutende keltische Ansiedlung (Oppidum) auf dem Heiligenberg. Von dieser stadtähnlichen Anlage zeugen noch heute Reste einer doppelten keltischen Ringwallanlage, die mit einer Gesamtlänge von fünf Kilometern einst den Haupt- und den Vordergipfel umfasste und dabei eine Fläche von etwa 52,5 Hektar einschloss.Peter Marzolff, Uwe Gross: Zwischen Merkur und Michael: Der Heiligenberg bei Heidelberg in Völkerwanderungszeit und Frühmittelalter. In: Heiko Steuer, Volker Bierbrauer (Hrsg.): Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020235-9, S. 121–163, hier S. 124. Vermutlich war die Verhüttung des örtlichen Eisenerzes ein wichtiger Faktor bei der Entstehung und Aufblühen der keltischen Ansiedlung in der nun folgenden Latènezeit.Sibylle Bauer: Siedlungen in der Ebene und auf dem Berg. Bemerkungen zur Frühlatènezeit im Heidelberger Raum. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 16, 1991, S. 133–170 (Digitalisat). Ihr Wasser bezogen die Kelten aus Brunnen und Zisternen, in denen sie Regenwasser sammelten, sowie aus der gefassten Quelle des Bittersbrunnens.Renate Ludwig, Peter Marzolff: Der Heiligenberg bei Heidelberg. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2261-6, S. 27.
Die Siedlung auf dem Heiligenberg war vom 5. Jahrhundert v. Chr. an das religiöse und kulturelle Zentrum der Region. Im Laufe des 3. Jahrhunderts v. Chr. scheint er diese Funktion jedoch langsam wieder verloren zu haben. Möglicherweise übernahm damals eine westwärts und näher am Rhein gelegene Siedlung diese Funktion; ein entsprechender Platz ist jedoch noch nicht identifiziert worden. Mit der römischen Eroberung und Erschließung des Gebietes in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. verlagerte sich das Herrschaftszentrum dann ins römische Lopodunum, das heutige Ladenburg.Renate Ludwig, Peter Marzolff: Der Heiligenberg bei Heidelberg. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2261-6, S. 38 und 41 f. Ob der Berg bis in römische Zeit kontinuierlich genutzt wurde, ist nicht sicher; über die archäologischen Funde lässt sich eine solche Kontinuität jedenfalls nicht nachweisen.Wolfgang Spickermann: Germania Superior. Religionsgeschichte des römischen Germanien I (= Religion der Römischen Provinzen. Band 2). Mohr Siebeck, Tübingen 2003, ISBN 3-16-146686-1, S. 201.
Römerzeit
mini|hochkant|Steinplatten markieren in der Ruine des Michaelsklosters die Lage des römischen Mercuriustempels