Das Amt des Tribuns bestand in Venedig und den Orten der Lagune spätestens ab dem frühen 6. und bis zum Ende des 9. Jahrhunderts. Die Tribunen waren, so die gängige Meinung, lokale Vertreter der Inseln in der Lagune, die für Verwaltungs- und Rechtsfragen zuständig waren. Sie erscheinen dort als tribuni maritimorum in den Quellen erstmals gegen Ende des Ostgotenreichs, wenige Jahre bevor dem Oströmischen Reich 540 die Eroberung seiner Hauptstadt Ravenna gelang. Mit der Eroberung Oberitaliens durch die Langobarden ab 568/69 und der zunehmenden Abwanderung der davon betroffenen Bevölkerung in die Lagune, deren Inseln für die Eroberer unzugänglich waren, wuchsen ihre Aufgaben und Zuständigkeiten. Als 751 Ravenna von Langobarden erobert wurde, endete endgültig die unmittelbare Machtausübung durch den dortigen Vertreter des oströmisch-byzantinischen Kaisers. Ob dies die Tribunen waren, ist nicht gesichert. Es ist auch die Zahl der Tribunen ebenso wenig bekannt wie es ihre Amtsorte sind. Dies gilt darüber hinaus für die Frage, ob und inwiefern das Amt erblich wurde und inwieweit es Einfluss auf die Etablierung des stadtvenezianischen Adels hatte.Grundlegend: Andrea Castagnetti: La società veneziana nel Medioevo, Bd. I: Dai tribuni ai giudici, Verona 1992, S. 19–86; Giorgio Zordan: L’ordinamento giuridico veneziano. Lezioni di storia del diritto veneziano con una nota bibliografica, Padua 1980, S. 15–61.

Von der venezianischen Geschichtsschreibung wurde das Tribunat weitgehend ignoriert, da die Nähe zum römischen Volkstribun zu groß war, der in den Augen der dominierenden Adelsfamilien für die Spaltung der römischen Gesellschaft stand. Daher lösten die Dogen nach dieser Darstellung die Herrschaft der Tribunen ab. Von der allgemeinen Geschichtsschreibung wurde das Tribunat fälschlicherweise als Symbol einer bis ins frühe 6. Jahrhundert zurückreichenden Souveränität Venedigs, oder im Gegenteil, einer ebenso weit zurückreichenden Abhängigkeit von den festländischen Mächten, wie dem Reich der Ostgoten oder dem Frankenreich, gedeutet.

Geschichte Wie die Entstehung des Tribunats verlaufen ist, ist ungeklärt, doch hängt sie wohl mit den zunehmenden militärischen Konflikten der Epoche zusammen. Der oströmische Exarch von Ravenna ernannte ab den 580er Jahren einen Magister militum als militärischen und zivilen Oberbefehlshaber der Provinz. Ihm unterstanden in der Lagune wiederum Tribunen, wenn die dortige Herrschaft ähnlich aufgebaut war wie in Rom zur Zeit Papst Gregors I.

Ostgotenreich Nur in einer einzigen Quelle lässt sich in der Lagune ein Tribunat zur Zeit des Ostgotenreichs fassen. Cassiodor erwähnt in einem Brief von 537/38, als Ravenna noch die Hauptstadt des Ostgotenreichs war, bevor sie 540 von Byzanz erobert wurde, tribuni maritimorum.Cassiodori senatoris Variae, in Monumenta Germaniae Historica, Auctores antiquissimi, XII, Berlin 1894, n. 24, S. 379f. Auch bei Roberto Cessi (Hrsg.): Documenti relativi alla storia di Venezia anteriori al Mille, Padua 1942, Bd. I, nr. 2 („537-8. Cassiodorio, pref. del pref., ai Tribuni marittimi della Venezia“), S. 2–4 (Digitalisat). Sie sollten, so sei der Wunsch oder Befehl des Königs Witichis, Weizen, Öl und Wein von Istrien in die gotische Residenzstadt bringen. Schon der Jesuit und Historiker Jules César Boulenger (1558–1628) vermerkte 1618 die Bedeutung dieser Sätze, die doch so schwer zu deuten waren.Iulius Caesar Bulengeri: De imperatore et imperio romano libri XII, Lyon 1618, Liber V, Caput XLIII, S. 533. Wie Albrecht Berger 2006 konzedierte, wissen wir bis heute fast nichts über die lokalen Zustände,Albrecht Berger: Life and works of Saint Gregentios, archbishop of Taphar, Berlin: de Gruyter 2006, S. 17. und wir können daher kaum eine Vorstellung gewinnen, was die Tribunen im frühen 6. Jahrhundert waren, rund ein halbes Jahrhundert bevor das Exarchat Ravenna entstand.

Nichtsdestoweniger meinte im Jahr 1905 Heinrich Kretschmayr (1870–1939), einer der besten Kenner der venezianischen Geschichte, diese Tribunen seien zu gotischer Zeit noch Beamte des Kaiserreichs gewesen, die durch „untergeordnete Polizeiorgane wohl vor allem den Fisch- und Salzhandel überwachen ließen“.Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, 3 Bände, Gotha 1905, 1920, 1934, Bd. 1, S. 14. Andere deuteten sie als „mächtige Schiffsbesitzer, tribuni maritimorum, die numerosa navigia ihr eigen nannten“, wie etwa Alexander Theodor Heerklotz in seiner Dissertation zu den Variae des Cassiodor aus dem Jahr 1926.Alexander Theodor Heerklotz: Die Variae des Cassiodorus Senator als kulturgeschichtliche Quelle, Marienburg 1926, S. 46. In der Tat waren sie die Adressaten des Briefes Cassiodors, und so müssen sie in irgendeiner Weise in der Lage gewesen sein, die notwendigen Schiffe aufzubieten. Bereits im Dictionnaire des Augustin Calmet (1672–1757) von 1730 führten die von Cassiodor genannten Tribunen die Aufsicht über Häfen, Flüsse und SalinenAugustin Calmet: Dictionnaire historique, critique, chronologique, geographique et litteral de la Bible, Bd. 4, Genf 1730, Sp. 419f., obwohl sich dafür keinerlei Quellenbeleg findet. Im Digesto italiano von 1899 regierten sie schlicht die Lagune.Digesto italiano, 1899, S. 631. In der französischen Übersetzung des dreibändigen Geschichtswerks des Jesuiten Orazio Torsellini (1545–1599) war schon 1708 klar ausgesprochen, dass Venedig zunächst von Konsuln regiert worden war, dann von einzelnen Tribunen. Sie wurden demnach vom Volk jeder Insel jährlich gewählt und vertraten je eine separate Republik. Der Doge machte später aus dem Tribunat wiederum ein Amt, das jährlich neu besetzt wurde.Orazio Torsellini: Histoire universelle traduite du latin du P. Tursellin, Jesuite; Avec des notes sur l’histoire, la fable, et la géographie, Bd. 2, Amsterdam 1708, S. 154, Anm. 1. Torsellini erwähnt in seinem lateinischen Werk nur, dass Pippin auf Befehl seines Vaters Karl dem Tribun Oblerio zu Hilfe eilte: „Itaque Obelerio tribuno ac Venetis, Caroli jussu, Pippinus subsidio venit“ (zitiert nach: Horatii Tursellini, e societate Iesu, epitome historiarum, ab orbe condito usque ad annum 1595, Köln 1649, S. 139f.). Es handelt sich also wohl um eine Ergänzung des Übersetzers. Hingegen stellte Abraham-Nicolas Amelot de la Houssaie 1695 Mutmaßungen darüber an, ob Cassiodor bzw. der Gotenkönig den Tribunen Befehl erteilte oder ob er sie um eine Warenlieferung ersuchte, ob sie also Untertanen waren oder ob sie eher als Verbündete zu betrachten waren.Abraham-Nicolas Amelot de la Houssaie: Histoire du gouvernement de Venise, Bd. 2, Amsterdam 1695, S. 32 bzw. Histoire du gouvernement de Venise avec des notes historiques et politiques, Bd. 2, Lyon 1768, S. 764. Er formuliert: „Mais le point de la dispute est de savoir, s’il prie ou s’il commande, l’un se faisant aux Alliez & Conféderéz … et l’autre le pratiquant envers les Sujets“ (S. 32). Das 1856Die Erstauflage stammt von 1829. von Giuseppe Boerio herausgegebene Wörterbuch des venezianischen Dialekts, das Dizionario del dialetto veneziano, wartete unter dem Eintrag „Tribun“ mit weiteren Feststellungen auf: „Rang oder Amt der republikanischen Magistratur, das auch die Venezianer in ihrer frühen Regierung besaßen, von 456 bis 697, vor der Einrichtung der Dogenwürde.“„Grado o uffizio di Magistratura repubblicana, ch’ebbero anche i Veneziani nel primo loro governo, dall’anno 456, sino al 697 prima dell’istituzione della dignità Ducale.“ (Giuseppe Boerio: Dizionario del dialetto veneziano, 2. Auflage Venedig 1856, S. 694.)

Das Selbstverständnis der Republik als schon seit der Spätantike autonomer Staat stand gegen die Vorstellungen von einer Abhängigkeit, sei es von den Goten, sei es von Byzanz. Die einzige Quelle lässt hierin jedoch keine Entscheidung zu. Mit wie großer Selbstverständlichkeit Deutungen dennoch angeboten werden, zeigt noch Janet Sethre. Sie deutet den Vorgang vollkommen um und postuliert, Cassiodor habe die Lagunenbewohner nur zur „Diversifizierung“ ihrer „industriellen“ Tätigkeit auffordern wollen.Janet Sethre: The Souls of Venice, Jefferson, North Carolina 2003, S. 12.

Wenn Cassiodor allerdings selbst äußert, die Lagunenbewohner lebten nur von Fisch und Salz, und dass sie keinen Neid kannten, da jeder nur wenig besaß, so argwöhnte man, schon Cassiodor habe die Situation in der Region kaum einzuschätzen verstanden und sich in idealisierenden Allgemeinplätzen ergangen. An der fehlenden Kenntnis des Briefschreibers über die Verhältnisse in der Lagune liegen diese Unklarheiten jedoch vermutlich nicht. Das stellte der Wirtschaftshistoriker Gino Luzzatto fest, der im Gegenteil annahm, dass Cassiodor die Verhältnisse in der Lagune recht gut kannte, denn ihm war das Erscheinungsbild der durch die Barene und Kanäle fahrenden Schiffe, die an den Flüssen oftmals von Menschen gezogen wurden, allem Anschein nach vertraut.Gino Luzzatto: An Economic History of Italy, London 1961, S. 33f. Luzzatto schrieb daher davon, dass Cassiodor als hoher Funktionär des Ostgotenreichs die Tribunen nur eingeladen habe, die genannten Waren nach Ravenna zu bringen – von einem Befehl ist keine Rede mehr.Gino Luzzatto: Storia economica di Venezia dall’XI al XVI secolo, 1961, S. 3. Noch in der Storia di Venezia waren die Tribunen wenige Jahre zuvor kurzerhand zu öffentlichen Beamten (ufficiali pubblici) eines „souveränen Staates“ gemacht worden.Storia di Venezia, hrsg. vom Centro internazionale delle arti e del costume, 1957, S. 366. Alvise Zorzi bezweifelte 1979 wiederum, die Tribunen seien Ausdruck der frühen venezianischen Souveränität gewesen.Alvise Zorzi: La Repubblica del leone. Storia di Venezia, 1979, Bompiani 2001, S. 16.

Letztlich entziehen sich die frühen Tribunen Cassiodors weitgehend wissenschaftlicher Deutung. Dabei bot schon Theodor Graswinckel in seinem Libertas Veneta von 1634 die Unterscheidung zwischen Iussum und Mandatum an. Ersteres stehe zwischen Ungleichen, es sei zwischen Erzieher und Schüler, Vater und Sohn üblich, letzteres zwischen Gleichen oder Freunden, „inter quos imperium non est, ut inter amicos“ (sinngemäß: „zwischen denen es keine Befehlsgewalt gibt, wie unter Freunden“).Theodor Graswinckel: Libertas Veneta, Lugduni Batavorum 1634, S. 91f.

Cassiodor selbst dürfte ein klares Verständnis vom Amt des Tribunen gehabt haben, denn sein gleichnamiger Großvater hatte dieses Amt unter dem römischen Kaiser Valentinian III. ausgeübt, als es noch ein Militärposten in einer klar definierten Militärhierarchie war oder aber ein Zivilposten in einer entsprechenden Hierarchie.The Letters of Cassiodorus, hrsg. von der Echo Library, 2006, S. 23.

Langobardisch-byzantinische Rivalität Mit den eskalierenden Konflikten zwischen Byzanz und den Langobarden unter häufiger Einmischung fränkischer Gruppen ging eine Intensivierung der Militärverwaltung in der Provinz einher. Etwa 15 Jahre nach Beginn der langobardischen Wanderung nach Italien entstand das Exarchat Ravenna, dessen Verhältnis zu den Tribunen ebenfalls ungeklärt ist. Nachdem Severus, der Patriarch von Aquileia, vom Exarchen Smaragdus zusammen mit dreien seiner Bischöfe, nämlich Johannes von Parenzo, Severus von Triest und Vindemius von Cissa, aus Grado nach Ravenna entführt und gezwungen worden war, sich im Dreikapitelstreit dem Papst zu unterwerfen, widerrief Severus 591. Daraufhin wurde er von Papst Gregor I. nach Rom zitiert. Überbringer der Forderung war ein Tribun, der einen Befehl des Kaisers Maurikios mit sich führte und der Soldaten mitbrachte.Kaiser Maurikios an Papst Gregor I., a. 591: MGH Epp. I, 22 (Nr. I/16b). Hier zeigt sich die byzantinische Amtshierarchie, in der die Tribunen eine schwer erkennbare Rolle spielten.