Kerne (; ) ist in der antiken Geographie eine kleine Insel im Atlantik, die von Hanno dem Seefahrer auf seiner Erkundungsfahrt außerhalb der Säulen des Herakles im letzten Drittel des 6. Jahrhunderts v. Chr.Werner Huß: "Die Karthager", Kap. 7: "Das afrikanische Unternehmen des Hanno", S 43, 2. Absatz, 3. überarb. Aufl., 2004, C. H. Beck, 3-406-37912-5Werner Huß schreibt, da der Grieche Hekataios Hannos Gründung namens Melitta erwähnt hat, so ergebe sich aus den literarhistorischen Argumenten, dass die Fahrt in die Zeit vom letzten Drittel des 6. Jh. bis spätestens 500 v. Chr. stattgefunden haben muss. entdeckt wurde. Im Periplus des Hanno wird folgendes, einem sogenannten stummen Handel, berichtet:Zit. n.: Karl Bayer: Periplus Hannonis. In: Gaius Plinius Secundus d. Ä.: Naturkunde (Historia naturalis), lateinisch – deutsch. Buch V. Artemis, Zürich/München 1993, ISBN 3-7608-1618-5, S. 337ff.

Eine weitere Beschreibung findet sich im Periplus des Pseudo-Skylax (§112), der den Bericht des Hanno mit einer weiteren, heute nicht mehr bekannten Quelle kompiliert. Er beschreibt zunächst die nordafrikanische Küste zwischen den Säulen des Herakles (genauer von Punta Almina bei Ceuta) bis Kerne. Von Punta Almina erreicht man nach zwei Tagen das Hermes-Kap (heute Kap Spartel, vom Mittelmeer aus gesehen den Ausgang der Straße von Gibraltar), danach gelangt man in drei Tagen vorbei an den Mündungen der Flüsse Anides (Oued Mharhar oder Oued Ghrifa), Lixos (Oued Loukos mit der phönizischen Handelsniederlassung Lixos bei Larache) und Krathis (Fluss Sebou mit der von Phöniziern so genannten Niederlassung Thymiateria, römisch: Thamusida), was wohl heute nahe bei MehdiyaWerner Huß: "Die Karthager", Kap. 7: "Dassfrikanische Unternehmen des Hanno", S 42, 1. Absatz, 3. überarb. Aufl., 2004, C.H. Beck, ISBN 3-406-37912-5.Werner Huß schreibt, dass die Identifizierung mancher genannter Orte in der Forschung umstritten sei. So könnte es sich um Tanger, Larache oder Mehdiya handeln, und er hält den letzteren Ort für am wahrscheinlichsten liegen muss und von dort zum Vorgebirge Soloeis (wohl beim heutigen Leuchtturm El Hank nahe dem Hafen von Casablanca oder beim Leuchtturm von El Jadida). Nach weiteren sieben Tagen erreicht man die Mündung eines weiteren Flusses mit Namen Xion (bei Hanno Lixos, höchstwahrscheinlich der Wadi Draa), an dessen Ufern die Hesperischen Äthiopier (=Schwarzafrikaner des Westens) siedeln und in dessen MündungsgebietGriechisch: "κατἁ δἑ ταῦτα", also "diesen aber hinab", "diesen aber flussabwärts" liege, die heute nicht mehr existierende Insel Kerne.Scylacis Caryandensis Periplus in: Geographi graeci minores (Hg.: Karl Müller), Paris 1855, Bd. I, S. 15–96, hier S. 91ff., Übersetzung des Verfassers.

Die Insel Kerne bildete also offenbar den südlichsten Handelsstützpunkt der Karthager; was sie von dort importierten, gab es zu dieser Zeit in Nordwestafrika (Nordafrikanischer Elefant, Berberlöwe), es musste also nicht aus Afrika südlich der Sahara bezogen werden. Nach Hanno und Pseudo-Skylax bildete damals der Fluss Lixos bzw. Xios die Grenze zu Aithiopia. Die dortigen Menschen schwarzer Hautfarbe wurden erst im Mittelalter durch die Berber nach Süden bis zum Niger zurückgedrängt. Zwölf Tagesreisen beträgt in etwa die Entfernung von der Straße von Gibraltar zur Mündung des Wadi Draa bzw. zum nicht weit davon entfernten Kap Bojador, das wegen des seichten Wassers und starker Strömungen praktisch nicht küstennah umfahren werden kann. Dennoch werden in der Forschung zwei südlich des Kaps gelegene Inseln als Lokalisierung für Kerne vorgeschlagen: Zum einen die geschützt in der Bucht Río de Oro gelegene Insel Herne bei Ad-Dakhla, die allerdings Hanno, der mit Sicherheit über das Kap Bojador hinaussegelte, kurzzeitig als Ankerplatz für einen Teil seiner Flotte gedient haben mag; zum anderen, von J. Ramin vorgeschlagen, eine der noch weiter südlich gelegenen Inseln im Golf von Arguin vor der mauretanischen Küste. Das Gewässer von Arguin wird wegen der Gefahren noch heute umschifft und die Gegend ist der antiken Beschreibung am ähnlichsten. Am wahrscheinlichsten ist allerdings, dass die Insel durch Verlanden einer Flussmündung verschwand. Das kann durchaus schon in der Antike der Fall gewesen sein, denn der augustäische Geograph Strabon meint, die Insel existiere gar nicht (Geographica, I,3,2).

Plinius der Ältere sagt zu Kerne (lateinisch: Cerne) in seiner Naturalis historia (VI, 36):Zit. n. (ohne Anm.): G.C. Wittstein, Die Naturgeschichte des Cajus Plinius Secundus. Ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Bd. I (I.-VI. Buch). Leipzig 1881, S. 485f. mini|Nordwestafrika nach Ptolemaeus von Girolamo Ruscelli (Venedig 1561) mit den Insulae Fortunatae (Kanaren) unten links und CerneAußerdem findet sich bei Plinius noch folgende Angabe (Nat. hist., X,9):Zit. n.: G.C. Wittstein, Die Naturgeschichte des Cajus Plinius Secundus. Ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Bd. II (VII.-XI. Buch). Leipzig 1881, S. 230.

Diese Beschreibungen treffen am ehesten auf die Insel Mogador vor Essaouira zu. Dort konnte durch archäologische Forschungen in den 1950er Jahren eine Besiedlung bereits durch die Karthager nachgewiesen werden. Die Insel und ihre umliegenden Felsen wurden zur Zucht der Purpurschnecke genutzt, weshalb sie auch Purpurinseln genannt wurden. Außerdem beheimatet sie eine größere Kolonie von Eleonorenfalken. Die Insel ist nur knapp halb so weit von der Straße von Gibraltar entfernt wie Karthago.

In seiner Geographie lokalisiert Claudius Ptolemäus (IV,6,14) Kerne (in einigen Handschriften: Merna) bei "5 25⅔", d. h. 5°O (nach dem Ferro-Meridian, nach dem Greenwich-Meridian 12°40′W) und 25°40′N,Claudii Ptolemaei geographia, éd. grecque et trad. latine par Karl Müller, Bd. I, Teil 2, Paris 1901, S. 753. also in etwa auf der geographischen Breite der Insel Herne, jedoch (wie überhaupt die afrikanische Westküste bei Ptolemäus) zu weit östlich, nämlich in der heutigen Westsahara.

Literatur RE, Bd. XI(1), Sp. 315f., s. v. Κέρνη νῆσος Théodore Monod: A propos de l’île Herné (baie de Dakhla, Sahara occidental). In: Bulletin de l’Institut Fondamental d’Afrique Noire, Sér. B, Sciences humaines, Vol. 41, No. 1 (Jan.); Dakar 1979 (S. 1–34) J. Ramin: Ultima Cerne. In: R. Chevalier (Hrsg.): Littérature Gréco-Romaine et Géographie historique. Mélanges offerts à Robert Dion. Paris 1974

Weblinks Phoenician Sea and Land Voyages and Routes: Hanno, Himilco, Necho and others

Anmerkungen

Kategorie:Phantominsel Kategorie:Antike Geographie (Afrika)