mini|Hölzerner Verbau eines Brunnens der linearbandkeramischen Kultur (LBK) um 5300 v. Chr., Kückhoven (Erkelenz)
Brunnen gehören zu wichtigen archäologischen Befunden in Siedlungen der Bandkeramischen Kultur. Brunnen sind ein charakteristisches Merkmal neolithischer Lebensweise, das sich in die typischen Merkmale der Neolithisierung (Sesshaftigkeit, Hausbau, Ackerbau, Viehhaltung, später dann Töpferei) einfügt. 2016 waren mindestens 48 Brunnen bekannt, die Aufschlüsse über die Wasserversorgung bandkeramischer Siedlungen ermöglichen.Rengert Elburg: Weihwasser oder Brauchwasser? Einige Gedanken zur Funktion bandkeramischer Brunnen. Archäologische Informationen 34-1, 2011, S. 25-37 (Abgerufen am 27. März 2012)
Bis zu 15 Meter tiefe bandkeramische Brunnen sind in Deutschland freigelegt worden. Häufig waren sie mit Bohlen in Blockbauweise ausgekleidet (sog. Kastenbrunnen) oder es wurde ein Schacht aus ausgehöhlten Stammtrommeln eingelassen (sog. Röhrenbrunnen). Es ist umstritten, ob alle Brunnen mit einem hölzernen Schacht ausgestattet waren, da in manchen Brunnen keine Holzreste gefunden wurden.Grube 2014, S. 35 In der Regel wird die zur Anlage des Brunnens ausgehobene Grube Zug um Zug mit dem Einsetzen des Brunnenschachts wieder mit dem Aushubmaterial aufgefüllt. Neben den Brunnenkästen gibt es keine Hinweise auf einen sichernden Verbau der Gruben während der Bauzeit (die so genannte Pölzung). Die dicht gefügten und in der Regel auch kalfaterten Brunnenkästen dienten zugleich auch als Vorratsbehälter für das Grundwasser. (Pressemitteilung des LVR, abgerufen am 9. Juli 2011)„Spannende zwei Meter“ in tiefer Erde. In: Kölnische Rundschau, 6. Juli 2011, abgerufen am 25. April 2017Jürgen Weiner: Kühl, klar und köstlich. In: Thomas Otten, Jürgen Kunow, Michael M. Rind, Marcus Trier (Hrsg.): Revolution jungSteinzeit. Archäologische Landesausstellung Nordrhein Westfalen. 2. Auflage, Konrad Theis, WBG, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-8062-3493-0, S. 157–164
mini|Darstellung des Prinzips der Blockbautechnik. Außenansicht.
Chronologie Brunnen sind im Mittelmeerraum seit dem PPNB (Präkeramisches Neolithikum B, etwa 8000 v. Chr.) nachgewiesen, wie in Kissonerga-Mylouthkia und Shillourocambous auf Zypern, wo sie im anstehenden Kalkstein abgeteuft wurden.Yosef Garfinkel, Ariel Vered, Ofer Bar-Yosef: The domestication of water: the Neolithic well at Sha'ar Hagolan, Jordan Valley, Israel. Antiquity 80, 2006, S. 686–696 Aus dem PPNC (ca. 7000 v. Chr.) gibt es drei steinerne Brunnen vom Fundplatz Sha'ar Hagolan in Atlit Yam (Israel), die mit einem Verbund großer Geröllgesteine gebaut wurden.
Im Spätmesolithikum Mitteleuropas gab es künstlich angelegte Gruben zur Wasserversorgung, zum Beispiel im Fundplatz Friesack. In einer dieser Gruben wurde ein Schöpfgefäß aus Birkenrinde entdeckt.Bernhard Gramsch: Mesolithische Wasserlöcher in Brandenburg In: Harald Koschik (Hrsg.) Brunnen der Jungsteinzeit. Internationales Symposium in Erkelenz, 27. bis 29. Oktober 1997. Materialien zur Bodendenkmalpflege im Rheinland Heft 11, 1998, S. 17–23.
In Europa sind Holzbrunnen erstmals aus der frühen Starčevo-Kultur (etwa 6000 v. Chr.) bekannt. Im Fundplatz bei Slavonski Brod (Kroatien) wurde ein etwa 5 Meter tiefer, zylindrischer Brunnenschacht aus dieser Zeit dokumentiert.Kornelija Minichreiter: The oldest Neolithic water-well in Croatia from the early Starčevo settlement near Slavonski Brod. In: Harald Koschik (Hrsg.) Brunnen der Jungsteinzeit. Internationales Symposium in Erkelenz, 27. bis 29. Oktober 1997. Materialien zur Bodendenkmalpflege im Rheinland Heft 11, 1998, S. 25–30
Der früheste bandkeramische Brunnen ist in einer Siedlung der ältesten Bandkeramik von Mohelnice (Mähren) nachgewiesen.Rudolf Tichý: 13. Grabungssaison in Mohelnice (Bez. Sumperk). Prehled Vyzkumu 1971 (1972), S. 17–21 Von den Bohlen liegen Dendrodaten von 5540±5 BC bis 5460±5 v. Chr. vor, wobei an den Bohlen das Splintholz fehlt.Burghart Schmidt, Wolfgang Gruhle: Wuchshomogenität als ein neues Analyseverfahren zur Verbesserung der dendrochronologischen Datierungsmethode. In: Jörg Eckert, Ulla Eisenhauer, Andreas Zimmermann (Hrsg.): Archäologische Perspektiven. Analysen und Interpretationen im Wandel. (Festschrift für Jens Lüning zum 65. Geburtstag). Internationale Archäologie. Studia Honoraria 20, Rahden/Westfalen, 2003, S. 49–60 Neben der ersten Phase des Brunnens von Plaußig werden Eythra 2 (im Tagebau Zwenkau),Ingo Campen: Zwei weitere Bandkeramische Brunnen aus dem Tagebau Zwenkau. Archäologie aktuell im Freistaat Sachsen 6, 1998/99, S. 42–47. Brodau und Dresden-Cotta ins 53. Jahrhundert v. Chr. (zwischen 5300 und 5200 v. Chr.) datiert. Eine Ballung von datierten Brunnen gibt es um 5100 v. Chr., wie im Falle von Erkelenz-Kückhoven, Eythra B17 und dem Brunnen von Altscherbitz.Rengert Elburg, Petra Herold: Tiefe Einblicke in die Vergangenheit. Der jungsteinzeitliche Brunnen aus Altscherbitz gibt Aufschluss über das Leben vor 7100 Jahren. Archæo – Archäologie in Sachsen 7, 2010, S. 23–27 (Abgerufen am 27. März 2012)W. Tegel, R. Elburg, D. Hakelberg, Harald Stäuble, U. Büntgen: Early Neolithic Water Wells Reveal the World’s Oldest Wood Architecture. PLoS ONE 7(12): e51374. doi:10.1371/journal.pone.0051374. Der 2007 entdeckte Brunnen von Niederröblingen (Landkreis Mansfeld-Südharz) fügt sich in den Fundhorizont der jüngeren Bandkeramik ein.DaddyGux: (Shortnews vom 10. August 2007) Die in der Tagespresse wiedergegebene Ansicht, es handle sich in Niederröblingen um den „weltweit ältesten Brunnen seiner Art“,Archäologen legen 7500 Jahre alten Brunnen frei. In: Mitteldeutsche Zeitung vom 8. September 2011, abgerufen am 7. Juli 2021 beruht auf Dendrodaten von baugeschichtlich nicht näher beschriebenen älteren Holzresten. Diese seien bis zu 7500 Jahre alt.
Im Jahre 2011 wurde die Basis des bislang tiefsten Brunnens von Bürgewald im Tagebau Hambach erreicht, die etwa 15 m unter der damaligen Geländeoberfläche liegt.
Die Einführung des Brunnenbaus lässt bislang keinen geographischen Trend erkennen, etwa entlang der Einwanderungsroute der Bandkeramischen Kultur aus dem Pannonischen Becken nach Westen.vgl. Grube 2014 Stattdessen werden die Brunnen punktuell im gesamten Verbreitungsgebiet der Linienbandkeramik (LBK) gefunden. Gleichwohl war die Einführung des Brunnenbaus in Mitteleuropa eine Neuerung der ersten neolithischen Bevölkerung.
Brunnenbau
Die im Wasserbau am besten geeignete einheimische Holzart ist Eiche, gefolgt von Erle. Auf Grund des hohen Gerbsäureanteils (Tannin) ist Eichenholz besonders resistent. mini|Zeitgenössischer glatter Querschnitt durch eine gefällte Eiche
Das wichtigste Werkzeug zur Holzbearbeitung ist die auf einem Knieholm mit der Schneide quer zur Schlagrichtung geschäftete Dechsel. Parallel geschäftete symmetrische Beilklingen sind für die Linienbandkeramik nicht belegt und treten fallweise im spätesten Mittelneolithikum, regelhaft aber erst im Jungneolithikum auf. Experimente mit Nachbauten von bandkeramischen Dechseln haben deren Effektivität belegt.
mini|Blatt eines Steinbeils aus dem linienbandkeramischen Brunnen in Schkeuditz-Altscherbitz mini|Kordel aus dem Brunnen in Schkeuditz-Altscherbitz
Zum Entrinden der Baumstämme wurde vermutlich eine langstielige Flachdechsel verwendet. Im Brunnen von Erkelenz-Kückhoven wurde auch das Splintholz entfernt, da nur das Kernholz phenolische Inhaltsstoffe enthält, die es vor Fäulnis schützen. (Kernholz entsteht durch sekundäre Stoffwechselvorgänge des absterbenden Parenchym.) Wahrscheinlich wurden die gefällten Stämme an Ort und Stelle in Bohlen aufgetrennt und mithilfe von Zugtieren wie Ochsen bewegt.Jürgen Weiner, Jutta Lehmann: Remarks concerning early neolithic woodworking: the example of the Bandkeramik well of Erkelenz-Kückhoven, Northrhine-Westfalia, Germany. In: L. Castelletti, A. Pessina (Hrsg.): Introduzione all’Archeologia degli Spazi Domestici. Atti del seminario – Como, 4–5 novembre 1995. Archeologia dell’Italia Settentrionale 7 (Como 1998) S. 35–55. In Erkelenz-Kückhoven wurden Bohlen mit einem Gewicht von bis zu 137 kg eingesetzt, die offenbar durch das Einschlagen von Hartholz-Keilen aus dem Rundholz gewonnen worden.J. Weiner, A. Pawlik: Neues zu einer alten Frage. Beobachtungen und Überlegungen zur Befestigung altneolithischer Dechselklingen und zur Rekonstruktion bandkeramischer Querbeilholme. In: Experimentelle Archäologie, Bilanz 1994. Symposium in Duisburg, August 1993. Archäologische Mitteilungen Nordwestdeutschland, Beiheft 8 (Oldenburg 1995) S. 111–144
Zur Verzahnung der Bohlen an den Ecken des Schachts werden Ober- und Unterkanten dort zu je einem Viertel ihrer Höhe eingeschnitten. In Sachsen wurden auch Holznägel in Brunnen gefunden, die anhand der Jahresringe auf ca. 5000 vor Christus datiert werden konnten.Angelika Franz: Die ältesten Holznägel der Welt. In: Der Spiegel, 30. Dezember 2010. Abgerufen am 6. März 2012.
Fundorte Bis heute wurden mindestens 48 bandkeramische Brunnen gefunden, von denen bei einigen die Datierung offen ist: