mini|350px|Diese Abbildung zeigt die Raten, mit denen die weltweiten CO2-Emissionen nach 2024 sinken müssen, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,5, 1,7 oder 2,0 Grad Celsius zu begrenzen, ohne auf Netto-Negativemissionen angewiesen zu sein. hochkant=1.65|mini|Entwicklung der Temperaturen an Land und der See 1880–2020 relativ zum Mittelwert von 1951–1980 Das Zwei-Grad-Ziel beschreibt das Ziel der internationalen Klimapolitik, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Das Ziel ist eine politische Festsetzung, die auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse über die wahrscheinlichen Folgen der globalen Erwärmung erfolgte. Vielfach wird vorgeschlagen, eher von einer „Zwei-Grad-Grenze“ zu sprechen, die nicht überschritten werden dürfe. Zugleich steht das Zwei-Grad-Ziel in der Kritik, nicht ausreichend zu sein, da auch bereits bei zwei Grad Erderwärmung schwere Folgen für Mensch und Umwelt auftreten werden, wie u. a. vom IPCC-Sonderbericht über 1,5 °C globale Erwärmung dokumentiert wurde.
Hintergrund Geschichte mini|hochkant=1.65|Bohrkerndaten der letzten 5 Mio. Jahre zeigen, dass die globalen Durchschnittstemperaturen während dieser Zeit teils heftig schwankten; sie lagen während dieser Zeit aber nie um mehr als 2 Grad höher als zum Referenzzeitpunkt im Jahr 1950 mini|hochkant=1.65|Die burning embers-Grafik, hier in Anlehnung an den Bericht des IPCC von 2014, ist eine häufig im Zusammenhang mit dem Zwei-Grad-Ziel gezeigte Veranschaulichung der mit steigender Temperatur zunehmenden Risiken.
Das Zwei-Grad-Ziel wurde erstmals von dem Ökonomen William D. Nordhaus in den Jahren 1975 und 1977 formuliert. Dieser argumentierte, dass bei der Begrenzung der globalen Erwärmung die Amplitude natürlicher Klimafluktuationen zugrunde gelegt werden sollte. Eine Temperaturerhöhung um 2 oder 3 Grad gegenüber dem aktuellen, schon vergleichsweise hohen Stand würde das Klima in einen Bereich bringen, wie es seit mehreren hunderttausend Jahren nicht existiert hätte.Jaeger & Jaeger (2010): Three views of two degrees (PDF), S. 516, „A first intuition“. Nordhaus führte die Zwei-Grad-Grenze allerdings nicht als wertebasiertes Ziel einer künftigen Klimapolitik ein, sondern er benutzte sie als gedankliche Grundlage für davon ausgehende Kosten-Nutzen-Analysen.Samuel Randalls: History of the 2 K climate target. In: WIREs Climate Change. Vol. 1 Issue 4, 2010, doi:10.1002/wcc.62
Eine im Juli 1988 von der Weltorganisation für Meteorologie, vom Internationalen Wissenschaftsrat und vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen einberufene Beratergruppe, Advisory Group on Greenhouse Gases (AGGG) genannt, empfahl in ihrem 1990 veröffentlichten Bericht, die globale Oberflächentemperatur als einen Indikator für Klimapolitik zu verwenden. Einen Temperaturanstieg von 1 Grad sah sie als kaum noch vermeidbar an, jenseits der 2 Grad (bei 400–560 ppm CO2) befürchtete sie einen schnellen Anstieg schwerwiegender Risiken für Ökosysteme und nicht-linearer Reaktionen.
Die 1992 verabschiedete Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen enthielt das Ziel, einen „gefährlichen“ Klimawandel zu vermeiden, ohne jedoch hierfür eine konkrete Grenze zu definieren. Die seit 1990 vorgelegten wissenschaftlichen Berichte des Weltklimarates IPCC gingen ab 2001 auf fünf „Gründe zur Sorge“ (Reasons for concern) ein, anhand derer sich Leser selbst ein Urteil bilden sollten, welche Änderungen als gefährlich einzuschätzen waren. Sie illustrierten diese Gründe zur Sorge mit der Grafik burning embers (Deutsch etwa: Brennende Glut) im Dritten Sachstandsbericht, die 2009 und 2014 in überarbeiteter Form erneut veröffentlicht wurde. Die Berichte vermieden es jedoch, eine Grenze des „Gefährlichen“ ausdrücklich zu definieren.Smith u. a.: Assessing dangerous climate change through an update of the Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ‘‘reasons for concern’’. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 106(11), (2009), S. 4133–4137, doi:10.1073/pnas.0812355106
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) trug wesentlich dazu bei, dass die Zwei-Grad-Grenze in den politischen Prozess gelangte. Der WBGU befürwortete die Grenze 1995 in einem Gutachten, woraufhin sie dann von der Bundesregierung übernommen und zum Ziel der europäischen Klimaschutzpolitik gemacht wurde. Grundlage des WBGU war auch hier die Annahme, dass bei Überschreiten der Zwei-Grad-Grenze Kipppunkte (tipping points) erreicht würden, die weitere, nicht lineare, unumkehrbare und in ihren Konsequenzen kaum einschätzbare Folgen nach sich zögen.Jaeger & Jaeger: Three views of two degrees (PDF) 2010.
Zunächst verschrieben sich die deutsche Bundesregierung und später die Europäische Union sowie im Dezember 2010 erstmals auch die 194 Mitgliedstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) diesem Ziel. Indigene Völker und besonders Inselstaaten halten das Zwei-Grad-Ziel für zu wenig ambitioniert und plädierten in internationalen Verhandlungen für eine Senkung der Grenze auf höchstens 1,5 Grad; im Jahr 2015 vereinbarten die Staaten der UNFCCC im Übereinkommen von Paris, zur Einhaltung dieser Grenze „Anstrengungen“ zu unternehmen.
Im Oktober 2018 veröffentlichte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen anlässlich seiner 48. Sitzung, die in Incheon (Südkorea) stattfand, einen Sonderbericht zur Umsetzung des 1,5-Grad-Zieles. Die Wissenschaftler drängen darin auf schnelle Veränderungen, um die Erwärmung zu begrenzen. Zur Erreichung des 1,5-Grad-Zieles seien „schnelle, weitreichende und beispiellose Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft“ vonnöten. Hierzu zählen laut dem Bericht Veränderungen der Energiesysteme, im Bereich der Landwirtschaft und der Transportwege. Die derzeit von den einzelnen Staaten bis 2030 verfolgten Klimaschutzziele würden bis 2100 zu einer Erwärmung von 3 Grad führen, die danach weiter steigen würde.IPCC (2018) Global Warming of 1.5 °C, , S. 25.
Die 2018 veröffentlichte „Heißzeitstudie“ zeigte zudem, dass selbst bei Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze kritische Prozesse im Klimasystem angestoßen werden könnten, die eine weitere Erwärmung der Erde auslösen und den Planeten in eine Heißzeit kippen lassen könnten. Die globalen Durchschnittstemperaturen würden dann dauerhaft um vier bis fünf Grad höher liegen als in vorindustrieller Zeit und der Meeresspiegel könne zwischen 10 und 60 Metern ansteigen. Derzeit wisse die Forschung zudem nicht, ob das Klimasystem bei etwa zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau 'geparkt' werden könne oder ob es weiter abrutschen würde in ein dauerhaftes „Supertreibhaus-Klima“.
Folgen einer globalen Erwärmung um zwei Grad oder mehr Die Grafik zeigt, dass es keine scharfe Grenze zwischen „tolerablem“ und „gefährlichem“ Klimawandel gibt. Hans Joachim Schellnhuber, emeritierter Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, sagte in einem Interview im August 2010: „Und natürlich kommt es nicht bei 2,01 Grad zum Weltuntergang, schon gar nicht schlagartig.“Tritt in den Hintern. Interview mit Hans Joachim Schellnhuber, In: Der Spiegel. 16. August 2010. Stattdessen ist es eher als Wegmarke zu sehen, jenseits derer die Ungewissheiten und damit auch die mit dem Klimawandel einhergehenden Risiken deutlich zunehmen und die vom Klimawandel ausgehenden Folgen für einige oder sogar viele Gesellschaften unkontrollierbar zu werden drohen. Wenn es gelänge, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, wären zahlreiche Folgen der globalen Erwärmung bestenfalls gemildert, nicht aber abgewendet. Die Gletscherschmelze wäre ebenso wenig gestoppt wie der Anstieg des Meeresspiegels. Dieser würde selbst nach einem vollkommenen Emissionsstopp noch für Hunderte von Jahren weiterlaufen.
Bei einer globalen Erwärmung um 2 Grad werden über der Arktis erheblich höhere Durchschnittstemperaturen erwartet, mit entsprechenden Folgen für die Region. Einige Klimaforscher weisen vor diesem Hintergrund darauf hin, dass 2 Grad eher die Grenze zwischen „gefährlichem“ und „sehr gefährlichem“ Klimawandel darstelle als zwischen „tolerablem“ und „gefährlichem“. Die Einschränkung der Erwärmung auf 1,5 Grad statt auf 2 Grad würde die Wahrscheinlichkeit einer sommerlichen Eisfreiheit der Arktis um 2100 von 100 % auf 30 % reduzieren.
Eine 2018 in Nature erschienene Studie kam zu dem Ergebnis, dass bei einer Erderwärmung um 2 Grad die ökonomischen Schäden um wahrscheinlich mehr als 20 Billionen US-Dollar höher ausfallen würden als bei einer Erderwärmung um 1,5 Grad. Demnach werden die Mehrkosten zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels auf etwa 300 Milliarden Dollar beziffert, sodass das Nutzen-Kosten-Verhältnis bei der Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 statt 2 Grad etwa 70 beträgt. Deutlich größere ökonomische Schäden ergeben sich demnach ohne stringente Klimaschutzmaßnahmen. So könnte eine Erderwärmung bis 2100 um 2,5–3 Grad zu zusätzlichen wirtschaftlichen Schäden führen, die 15–25 % des Pro-Kopf-Bruttoweltproduktes betragen, bei 4 Grad mehr als 30 %.
Politische Festsetzung Das Zwei-Grad-Ziel ist die politische Definition des in Artikel 2 der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) festgelegten Grundsatzes, nach dem eine „gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems“ verhindert werden soll. Die 1992 beschlossene Klimarahmenkonvention enthält keine genaueren Angaben darüber, ab wann der Klimawandel als „gefährlich“ einzustufen ist. Mit dem Zwei-Grad-Ziel, das auf der UN-Klimakonferenz in Cancún im Dezember 2010 erstmals offiziell anerkannt worden ist, hat die Staatengemeinschaft dies nachgeholt. Erwähnt wurde das Ziel zwar auch schon im Copenhagen Accord, dem Abschlussdokument der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009, doch damals haben es die Diplomaten lediglich „zur Kenntnis“ genommen.
Im Übereinkommen von Paris ist nicht definiert, welcher Referenzzeitraum mit „vor Beginn der Industrialisierung“ gemeint ist. Der IPCC, mit dem die Staatengemeinschaft der Klimarahmenkonvention kooperiert und dessen wissenschaftlichen und technischen Rat sie einholt, verwendet als Referenzzeitraum grundsätzlich 1850–1900. Zu dieser Zeit verlief in manchen Ländern der Prozess der Industrialisierung schon seit Jahrzehnten. Frühere Referenzzeiträume würden eine um ca. 0,1 °C größere Erwärmung anzeigen.
Auch außerhalb der UN-Klimadiplomatie und vor der Cancún-Konferenz wurde das Zwei-Grad-Ziel bereits erwähnt. So erkannten es die Staats- und Regierungschefs beim G8-Gipfel im Juli 2009 in L’Aquila einheitlich an.
Einzelne Staaten und Regionen hatten sich dem Zwei-Grad-Ziel bereits länger verschrieben. In Deutschland empfiehlt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) schon seit 1994, die mittlere Erwärmung auf höchstens 2 Grad zu begrenzen. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union beschlossen 1996 und abermals 2005, das Zwei-Grad-Ziel zu einer Leitlinie ihrer Klimapolitik zu machen. Allerdings ist umstritten, ob die selbstgesteckten Ziele der EU für eine Kompatibilität mit dem Pariser Abkommen ausreichend sind.
Viele Entwicklungsländer halten das Zwei-Grad-Ziel für zu schwach, weil der damit verbundene Klimawandel ihre Existenz gefährde. In internationalen Klimaverhandlungen plädieren vor allem die 44 in der Alliance of Small Island States zusammengeschlossenen Inselstaaten für eine Verschärfung des Ziels auf mindestens 1,5 K. Einige Klimaforscher, darunter James E. Hansen vom Goddard Institute for Space Studies der NASA, plädieren ebenfalls für striktere Ziele und nennen eine Kohlendioxid-Konzentration von höchstens 350 ppm tolerabel.James Hansen u. a.: Target atmospheric CO2: Where should humanity aim? 2008 (PDF; 563 kB) 2013 erreichte der Wert bereits 400 ppm.
Erreichbarkeit des Zwei-Grad-Ziels