Das Kali- und Steinsalzbergwerk Jessenitz ist ein ehemaliges Kalibergwerk im Lübtheener Ortsteil Jessenitz. Von 1900 bis zum Ersaufen 1912 wurden hier 1,4 Millionen Tonnen Stein- und Kalisalze gefördert.
Vorgeschichte mini|links|Lage des Schachtes Herzog Regent Jessenitz sowie wassererfüllter Pingen
Im Jahr 1861 gelang es chemischen Fabriken im Staßfurter Raum, die als „unrein“ bezeichneten, beim Abteufen der ursprünglich nur auf die Gewinnung von Steinsalz zur Anreicherung der schwachen Sole der Staßfurter Saline niedergebrachten Schächte von der Heydt / von Manteuffel vorgefundenen carnallitischen Salze für eine technische Verwendung nutzbar zu machen. Es war möglich geworden, das in diesen Salzen enthaltene Kaliumchlorid (KCl) zu lösen und als Düngesalz in der Landwirtschaft zu vermarkten. Das Bekanntwerden dieser Kalisalzfunde – das „Staßfurter Berggeschrey“ – regte auch in Mecklenburg die Suche nach solchen Salzlagerstätten an. Hier, im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, war inzwischen durch „Landesherrliche Verordnung vom 16. Mai 1879“ der Salzbergbau verstaatlicht worden. Nur der Grundbesitzer des Rittergutes Jessenitz blieb hiervon durch einen diesbezüglichen Erlass ausgenommen. Die erste Suchbohrung begann am 11. September 1882 und fand in 258,7 m Teufe Steinsalz und ab 270,7 m Teufe Kalisalze. Diese Bohrung wurde bei 372,7 m Teufe am 10. Mai 1883 im Steinsalz eingestellt. Auch eine zweite, 350 m südlich der ersten gelegene, Kernbohrung erschloss im Jahre 1886 ab 260,5 m Teufe ebenso Kali- und Steinsalze. Als mit weiteren Flachbohrungen westlich der Verbindungslinie beider Bohrungen der Gipshut in nur 36 m Teufe angetroffen wurde, war der Ansatzpunkt für den Schacht Jessenitz gefunden.
Finanz- und betriebswirtschaftliche Verhältnisse mini|links|hochkant=0.6|Aktie der Mecklenburgischen Kali-Salzwerke Jessenitz AG Mecklenburgische Kalisalzwerke Jessenitz Aktiengesellschaft, Jessenitz bei Lübtheen. Besitzer: obige Aktiengesellschaft. Vorstand: Bergdirektor Kulle, Fabrikdirektor Carl Ludwig Reimer, Direktor Fehlhaber in Jessenitz. Aktienkapital: 5 000 000 Mk. Anlage: „Herzog Regent“ in Jessenitz. Anzahl der Schächte: 2. Durchschnittliche Förderung pro Tag: 500 t Kalisalze. Aufbereitungsanstalten: 1 Rohsalzmühle, 1 Chlorkaliumfabrik und Sulfatfabrik. Produktion im Jahre 1905: 6326 t Chlorkalium, 9653 t Sulfate, 2584 t Düngesalze, 1314 t Blockkieserit, 23 504 t Kainit und Sylvinit, 1069 t Carnallit und Bergkieserit. Eisenbahnstation: Jessenitz. Post- und Telegraphenstation: Bergwerk Jessenitz (Mecklenburg). Fernsprechanschluß: Amt Lübtheen Nr. 1. Anschlußgleis nach Station Jessenitz. Betriebsleitung: Bergdirektor Kulle und Fabrikdirektor Carl Ludwig Reimer. Betriebsführer: Obersteiger Starke. Durchschnittliche Arbeiterzahl: 450 Mann. Mitglied des Kali-Syndikates.Entnommen aus: Jahrbuch der deutschen Braunkohlen-, Steinkohlen- und Kali-Industrie 1907. Verlag von Wilhelm Knapp in Halle a.S., 1907.
Aufbereitungsanstalten Anfang 1902 nahm die werkseigene Chlorkaliumfabrik mit einer Verarbeitungskapazität von 250 t/Tag ihre Arbeit auf. Die Ausrüstungen lieferte die Staßfurter Fa. G. Sauerbrey. Die Zahl der in der Fabrik Beschäftigten lag im Durchschnitt bei 120 Mitarbeitern; im Grubenbetrieb waren es bis zu 330. Die Fabrikabwässer wurden über eine 14 km lange Rohrleitung direkt der Elde zugeführt.
Geologische und hydrogeologische Verhältnisse mini|links|Schematisches Profil durch den Salzstock von Lübtheen-Jessenitz (nach E. Geinitz 1921) Der Schachtansatzpunkt liegt auf der Südwestflanke des NW-SO streichenden Salzstockes Lübtheen-Jessenitz. Diese Salinarstruktur sitzt einem ca. 17 km langen und ca. 10 km breiten nordwest-gerichteten Salzfuß auf.
Der Durchbruch des Salzstockes geschah vor ca. 100 Millionen Jahren im Alb. Der weitere Aufstieg des Salzes erfolgte vor ca. 55 Millionen Jahren im Tertiär und seine Hauptentwicklungsphase wird ins Oligozän (vor ca. 25 Millionen Jahren) und Neogen (vor ca. 5 Millionen Jahren) datiert. Auf rezente Aufstiegsbewegungen deutet der Geländeanstieg über dem Salzstock hin. mini|Lage des einstigen Gipsbruches Lübtheen sowie des Schachtes Herzog Regent Jessenitz Auch die auf den Salzstock niedergebrachten Tiefbohrungen sowie die bergmännischen Auffahrungen im Bergwerk Jessenitz selbst und die des etwa zwei Kilometer entfernt liegenden Kali- und Steinsalzbergwerkes Friedrich Franz Lübtheen lassen keine ausreichende Klärung des geologischen Baus der Salzstruktur zu. Pleistozäne und tertiäre Schichtenglieder (jünger als eine Million Jahre) bilden das Deckgebirge über dem Salzstock. Unter etwa 2 m feinem gelblichen Heidesand, der vielfach zu Dünen zusammengeführt und von moorigen Niederungen durchzogen ist, folgt das Pleistozän (vor ca. 10.000 Jahren), das aus gelben Sanden und Kiesen besteht. Stellenweise sind diesen mehrere Meter mächtige Geschiebemergelschichten und solche mit groben Geröllen unterlagert. Diese rolligen und bindigen Gesteine erreichen bis zu 40 m Mächtigkeit.
Sogenannte Pingen, die durch Auslaugungen im Salzgebirge, durch Spaltenzüge im darüber befindlichen Gipshut sowie durch salinar-tektonische Störungen entstanden sind, liegen in einer breiten, NW-SO-verlaufenden Zone über dem Salzstock und lassen dessen Verlauf an der Tagesoberfläche transparent werden. Als wichtigste sind der 6,4 Hektar große Probst Jesar See, der Große und Kleine Sarm bei Trebs sowie der sogenannte Kirchenversunk bei Volzrade. Weitere kleine Pingen liegen im Forstbereich Kamdohl.
Tertiäre Ablagerungen sind als Tone, Glimmer- und Glaukonit-Sande sowie als „erdige“ Braunkohle vorhanden. An den Flanken des Salzstockes reicht das Tertiär bis in 550 m Tiefe hinab.
Das erschlossene Salinar lässt sich generell wie folgt gliedern: Leine-Serie mit dem Hauptanhydrit, größtenteils klüftig, bis 120 m mächtig sowie dem bis 2 m starken Grauen Salzton. Staßfurt-Serie mit dem klüftigen und Schlotten führenden Deckanhydrit, bis 110 m mächtig. Rötlichbraunes bis grauweißliches Decksteinsalz (bis 250 m mächtig). Hangendgruppe des Kaliflözes Staßfurt, teilweise als reinlich-weißer Carnallit ausgebildet (5 m mächtig; in Stauchzonen bis 50 m) Liegendgruppe des Kaliflözes Staßfurt aus rotem Carnallit (10 m mächtig; bis 60 m in Stauchzonen). Beide Gruppen sind durch ein etwa 8 m mächtiges Steinsalz-Zwischenmittel getrennt.
Die Salzschichten stehen steil bis nahezu senkrecht. Umbiegungen, Verjüngungen und Auskeilungen von Schichtengliedern deuten auf starke tektonische Bewegungen hin. Trockene sowie auch laugen- und gaserfüllte Klüfte wurden schon durch die Tiefbohrungen angetroffen. Die Hauptstörungen verlaufen teilweise bis ins Deckgebirge, sind aber gegen das Oberflächenwasser durch Verkittung oder den wieder zusammengepressten Ton abgeschnitten und geschützt.
Das Talsandgebiet zwischen Sude und Rögnitz ist allgemein wasserreich. Der Grundwasserspiegel im Bereich des Schachtansatzpunktes liegt etwa 5 m unter Gelände; die Fließrichtung des Grundwassers ist generell West bis Südwest. Der kavernöse bis klüftige Ablaugungsbereich über der Salzstruktur, der sogenannte Gipshut oder Caprock, ist ab einer Tiefe von etwa 150 m stark salzwasserführend. Die Wasserzuflüsse während des Niederbringens des Schachtes überstiegen teils 40 m3 pro Minute und waren, wie noch im Weiteren geschildert, Anlass erheblicher Abteufschwierigkeiten.
Der Schachtbau Bekannt war, dass die übertägigen Lockersedimente stark wasserführend waren. Das zeigte auch das Vorhandensein der wassererfüllten Pingen. So erhielt 1886 der Berg- und Hütteningenieur Friedrich Hermann Poetsch den Auftrag, bei Jessenitz einen Schacht mit einem Durchmesser von 5 m lichter Weite bis zu einer Teufe von 80 m mittels des Gefrierschachtverfahrens niederzubringen. Dieses Verfahren hatte sich Poetsch 1883 als „Verfahren, Schächte im wasserreichen und schwimmenden Gebirge sicher, lotrecht und billig abzuteufen“ patentieren lassen.
Im März 1888 wurde in 75 m Teufe, im Bereich wenig bis mäßig klüftigen Gipses, das erste Keilbett gelegt und hierauf bis zum übertägigen Mauerfuß Tübbinge von 5 m Durchmesser eingebaut. Im Mai 1889 legte man das zweite Keilbett bereits bei 89 m Teufe, weil nach dem Auftauen der Frostmauer Zuflüsse von ca. 20 l/min aus dem ersten Keilbett austraten. Diese wurden jedoch durch den zweiten Tübbingsatz von 89 bis 75 m abgeriegelt. Das weitere Abteufen bis 130 m und die Verkleidung der Schachtwandung mit Tübbingen (dritter Tübbingsatz von 130 bis 89 m) geschah bis Sommer 1889. Eine Vorbohrung auf der Schachtsohle ergab, dass man sich auf weitere klüftige, wasserführende Gebirgsschichten einstellen müsse. Die Bergwerksgesellschaft entschied – weil noch alle Ausrüstungen für das Gefrierverfahren vor Ort waren – die Schachtsohle etwas zu erweitern, um an deren Wandung acht neue Gefrierbohrlöcher in gleichmäßigen Abständen voneinander bis zu einer Teufe von 175 m niederzubringen. Nach deren Fertigstellung wurden sie im Durchmesser von 171 mm verrohrt bei einer Rohrwandstärke von 10 mm. Es gelang in relativ kurzer Zeit eine Frostmauer auszubilden; sie erwies sich jedoch in Anbetracht der hohen Mineralisation und Drücke der Schichtwässer als durchlässig (Januar 1890). Es gelang dank starker Pumpen den Schacht bis auf 150 m Teufe niederzubringen und einen provisorischen Ausbau aus U–Eisen-Ringen und Holzverschalung einzubringen. Dennoch waren die sich verstärkenden Zuflüsse von mehr als 40 m3/min auf Dauer nicht beherrschbar, so dass der Schacht im Februar 1890 letztlich ersoff.
Im August 1892 begannen die Vorbereitungen für die weitere Verteufung des Schachtes im Kind-Chaudron-Verfahren. Das nach seinen Erfindern, den Bergingenieuren Karl Kind und Joseph Chaudron benannte, um 1850 entwickelte Bohrverfahren, gestattete es, Schächte bis 4,40 m Durchmesser im toten Wasser abzubohren und wasserdicht auszubauen. Dieses Abteufverfahren war seinerzeit im Salzbergbau noch wenig erprobt.
Da ein Bohrer von hier 4,10 m Durchmesser über 25 Tonnen wiegt, musste zunächst ein stabiler Bohrturm errichtet werden. Zeitgleich verfüllte man die Schachtsohle mit einer Betonschicht von 12,5 m Mächtigkeit. Diese überragte um etwa 7 m die oberste wasserführende Gips-Kluft. Nach dreimonatiger Wartezeit auf das Abbinden und Aushärten dieser Betonplombe konnte Schacht Jessenitz wieder gesümpft werden. Es wurden alle sperrigen Teile aus dem Schacht entfernt und die Tübbingsäule bis zur Teufe 137,3 m vervollständigt. Die Bergung der Gefrierrohre misslang, da diese durch Nachfall und Bohrschlamm zu fest eingeklemmt waren. Auch Versuche, diese durch Umbohren zu lösen, blieben erfolglos. Das Umbohren führte wiederum zu Zuflüssen in nicht beherrschbaren Größenordnungen, infolge derer der Schacht abermals ersoff. Und so mussten die Gefrierrohre und einige Arbeitsbühnen zerbohrt und diese Teile mühevoll mittels Fangwerkzeugen sowie durch den Einsatz von Tauchern geborgen werden. Das Abbohren übertrug die Werksverwaltung der Firma Haniel & Lueg unter der Leitung des Bohringenieurs Berghaus. Da der obere tübbierte Teil des Schachtes 5 m Durchmesser hatte, wählte man für den weiteren Schachtabschnitt einen solchen von 4,10 m lichter Weite. Nach vielen weiteren Schwierigkeiten (u. a. mussten steckengebliebene Gefrierrohre zerbohrt und deren Teile geborgen werden, Gestängebrüche, Abweichung des Bohrschachtes von der Lotrechten, Undichtigkeiten der Moosbüchse, Zerbohren eines gusseisernen Küvelagenbodens in Verbindung mit mühseligen Fangarbeiten usw.) war endlich am 2. Februar 1900 der Schacht trocken (Teufe 346 m).
Am 18. Oktober 1900 fand die Schachttaufe in Anwesenheit des Regenten Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin statt. Später wurde der Schacht noch bis 603,53 m verteuft und mit Backsteinmauerwerk verkleidet.
Die Salzgewinnung Ausrichtung