mini|hochkant=0.7|Paul Jorion (2018) Paul Jean Maurice Jorion (* 22. Juli 1946Biografische Informationen über P. Jorion im Katalog der der Bibliothèque nationale de France, abgerufen am 2. September 2021. in Brüssel-IxellesAutorenangaben des Verlags Turia + Kant über Jorion, abgerufen am 2. September 2021.) ist ein belgischer Anthropologe, Finanzexperte, Publizist, Kolumnist und außerordentlicher Professor an der Katholischen Universität Lille. Er wurde durch die Weltfinanzkrise ab 2007 bekannt, weil er schon zuvor die Probleme der mortgage-backed securities und ihre Folgen hatte kommen sehen.

Herkunft und Schulbildung Paul Jorion wurde am 22. Juni 1946 in Ixelles geboren. Sein Vater Edmond Jorion, ein Wallone aus Charleroi, war ein hoher Beamter, der unter anderem Rechtswissenschaft an der Université libre de Bruxelles lehrte.Informationen von Paul Jorion über seinen Vater, Blog-Eintrag von Jorion vom 9. Mai 2017, abgerufen am 22. November 2021. Seine Mutter stammte aus den Niederlanden.Paul Jorion: Se souvenir de sa naissance (Beitrag auf seinem Blog), 29. April 2007, abgerufen am 3. November 2021. Paul Jorion erlangte an einem belgischen Gymnasium die Hochschulreife. Ein schulischer Schwerpunkt war Mathematik.

Studium, Promotion und akademische Tätigkeiten Jorion hat an der Université libre de Bruxelles Abschlüsse in Soziologie und Sozialanthropologie gemacht. Seine Magisterarbeit befasste sich 1968 mit der Provo-Bewegung in Amsterdam,Informationen von Paul Jorion in seinem Blog, Eintrag vom 19. April 2009, abgerufen am 22. November 2021.Paul Jorion: Quelques considérations relatives au phénomène «provo». Amsterdam 1965–1967, Amsterdam/Brüssel, Mémoire de maîtrise, 1968–1969. Erwähnt beispielsweise in: Nicolas Pas: Images d'une révolte ludique. Le mouvement néerlandais Provo en France dans les années soixante. In: Revue Historique. Band 307, Heft 2 (634) (April 2005), S. 343–373, hier S. 369, Fußnote 89. seine Dissertation behandelte die Küstenfischerei in der Bretagne.Bibliografische Angaben zur Schrift Les pêcheurs d'Houat im Katalog der Bibliothèque nationale de France. Abgerufen am 22. November 2021. Während seines Studiums in Brüssel besuchte er auch Veranstaltungen des Philosophen Chaim Perelman und des Historikers Jean Stengers.Hinweis auf Studium bei Perelman, Blog-Eintrag von Jorion am 24. Februar 2013, abgerufen am 20. September 2021.Hinweis auf Stengers bei Jorion in seinem Beitrag vom 18. Januar 2020, abgerufen am 20. September 2021.Zu Stengers siehe persee.fr, abgerufen am 15. September 2021.

Sein Promotionsvorhaben führte ihn zunächst nach Paris. Dort besuchte er an der École pratique des hautes études von Georges-Théophile Guilbaud angebotene Mathematik-Veranstaltungen für Sozialwissenschaftler; Guilbaud war ein Vorreiter der Verbreitung und Anwendung mathematischer Methoden und Techniken im Bereich der Humanwissenschaften.Zu diesem Mathematiker siehe Außerdem belegte Jorion am Collège de France Seminare von Claude Lévi-Strauss und Kurse von Jacques Lacan an der Sorbonne. Vorlesungen von Lacan hörte er 1972 auch an der Université catholique de Louvain.Blog-Eintrag von Jorion vom 21. Oktober 2021, abgerufen am 3. November 2021Siehe Séance extraordinaire de l’École belge de psychanalyse, le 14 octobre 1972. In: Quarto (Belgische Beilage von La lettre mensuelle de l’École de la cause freudienne), 1981, Nummer 5, S. 4–22. (aejcpp.free.fr).

Von Februar 1973 bis Mai 1974“La mer et les jours” (1958). Blogbeitrag von Paul Jorion, 22. Dezember 2018. machte er im Auftrag des belgischen Fonds de la recherche scientifique Feldstudien auf der bretonischen Île-d’Houat am Eingang des Golf von Morbihan. Er lebte als teilnehmender Beobachter mit den örtlichen Fischern zusammen und studierte ihre Arbeit, ihr System der Fischereiwirtschaft und ihre Formen der Wissensvermittlung. Seine Erkenntnisse führte er in seiner Doktorarbeit zusammen, die er 1977 an der Université libre de Bruxelles verteidigte.Bibliografische Angaben zur Neuauflage Les pêcheurs d'Houat im Katalog der Bibliothèque nationale de France. Abgerufen am 15. September 2021. Eine überarbeitete Fassung der Dissertation wurde 1983 unter demselben Titel veröffentlicht.Siehe die Rezension von Jean Rieucau in: Norois. Nr. 137 (Januar–März 1988), S. 137 f (persee.fr). Von 1974 bis 1976 sowie von 1978 bis 1979 war er als Stipendiat der Wiener – Anspach FoundationErfassung der Stipendien für Paul Jorion, abgerufen am 15. September 2021. in der University of Cambridge eingeschrieben. Die Soziologin Geneviève Delbos forschte parallel in der Aquakultur und der Meersalzgewinnung. 1984 veröffentlichten sie, basierend auf ihren früheren Forschungen zu Leben und Arbeit an der bretonischen Küste, gemeinsam Studien über die Weitergabe von empirischem Wissen sowie von wissenschaftlichen Erkenntnissen an die nächste Generation.Siehe die Besprechung von Charles-Henry Pradelles de Latour. In: L'Homme. Band 25 (1985), Nr. 96, S. 151–153 (persee.fr). Später kam Paul Jorion noch einmal auf seinen Forschungsgegenstand, die Insel Houat, zurück und zeigte in einer vom französischen Kulturministerium beauftragten Studie, dass die örtlichen Preisbildungsprozesse nicht mit den Werkzeugen der etablierten Wirtschaftswissenschaft erklärt werden können.Paul Jorion: Le Pêcheur rencontre l’Economie. Paris 1989 (culture.gouv.fr PDF).

Nach der Promotion lehrte Jorion als Juniorprofessor Sozialanthropologie an den Universitäten von Brüssel (1977–79) und Cambridge (1979–1984).Angaben von Paul Jorion zu seiner Vita in seinem Blog, abgerufen am 15. September 2021. In Zusammenarbeit mit Edmund Leach und zwei Mathematikerinnen befasste er sich zudem mit Verwandtschaftsalgebra, also der Untersuchung von menschlichen Verwandtschaftsbeziehungen mit Methoden und Begriffen der Algebra.Zur Verwandtschaftsalgebra siehe Zu diesem Zweck entwickelte er eine Variante eines dualen Graphen,Einführend: die von Elaine Lally als P-Graph formalisiert wurde. Unter Anwendung einer von Guilbaud erdachten Technik entwickelte Jorion dank eines Stipendiums der Nuffield Foundation die automatisierte Analyse von Genealogien. Mit dieser Software löste er mit Gisèle de Meur und Trudeke Vuyk die Fälle der Murngin und der Pende. 1992 führte Jorion die Studien auf diesem Gebiet mit dem Sozialanthropologen Douglas R. White an der University of California, Irvine fort. Er beschäftigte sich ferner mit Mathematik, Physik und der Geschichte dieser Fächer,Hinweis auf die Themenbandbreite seiner Arbeiten in Cambridge in seinem Blog-Eintrag vom 2. Januar 2021, abgerufen am 20. September 2021. da er beabsichtigte, in Cambridge eine weitere, von Edmund Leach betreute Qualifikationsschrift abzufassen, die sich mit der Geschichte der Anthropologie aus erkenntnistheoretischer Perspektive befassen sollte. Im Mittelpunkt sollte Bronisław Malinowski stehen. Dieses Vorhaben zum Gründervater der britischen Sozialanthropologie zerschlug sich letztendlich.

Er bekam keine Festanstellung als ordentlicher Professor, da im Zuge der betont konservativen Wissenschaftspolitik unter Margaret Thatcher besonders im Bereich der Human- und Gesellschaftswissenschaften mehr und mehr Budgets gekürzt und Stellen gestrichen wurden.Interview von Alan Macfarlane mit Keith Hart für das Network of Ethnographic Theory. 12. April 2006 (Video und Abschrift), abgerufen am 3. November 2021.Zum Hintergrund dieser Politik siehe Für 1987/1988 bot ihm Jacques-Alain Miller, Schwiegersohn von Lacan, eine befristete Stelle in der psychoanalytischen Abteilung der Universität Paris VIII an. Von 1987 bis 1991 absolvierte er eine Psychoanalyse-Ausbildung bei Philippe Julien, einem Freud- und Lacan-Kenner.Blog-Eintrag von Jorion vom 2. Februar 2019, abgerufen am 30. September 2021.Angaben zu Philippe Julien auf der Website des Verlags Turia + Kant, abgerufen am 30. September 2021. 1997 hielt er als Regents' Lecturer Vorlesungen an der University of California, Irvine. Ab 2004 war er Mitglied des fakultätsübergreifenden Programms Human Complex Systems der University of California, Los Angeles.Informationen über P. Jorion als Herausgeber des Buchs Humanism and its Discontents. The Rise of Transhumanism and Posthumanism. Abgerufen am 3. November 2021. Von 2012 bis 2015 war er Inhaber des neu eingerichteten Lehrstuhls Stewardship of Finance (→ Ethisches Investment) an der Vrije Universiteit Brussel. Seine Antrittsvorlesung erschien als Buch.Paul Jorion: Why Stewardship of Finance? Intersentia, Cambridge 2012, ISBN 978-1-78068-122-1. Auf die vorzeitige Kündigung durch die Universität folgte ein Rechtsstreit.

Seit März 2016 ist er außerordentlicher Professor der Katholischen Universität Lille im Forschungsbereich ETHICS (Ethics on experiment, Transhumanism, Human Interactions, Care & Society). 2021/2022 wurden seine anthropologischen Arbeiten in einer Retrospektive auf dem YouTube-Kanal Les possédés et leurs mondes (Die Besessenen und ihre Welten) behandelt.

Tätigkeiten in der Entwicklungszusammenarbeit Jorion war von 1984 bis 1987 für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) an Entwicklungsprojekten in Afrika beteiligt. Für diese Organisation besuchte er Küstenländer in West- und Zentralafrika wie Benin, Liberia, Sierra Leone, Ghana, TogoAngaben von Paul Jorion in seinem Blog vom 8. August 2007, abgerufen am 22. November 2021. und die Volksrepublik Kongo. Inhaltlich ging es vor allem um Fragen der Fischerei. Den Projektvorgaben der FAO stand er dabei kritisch gegenüber.

Aktivitäten in den Bereichen künstliche Intelligenz und Psychoanalyse Jorion war von 1987 bis 1990 Forscher im Bereich künstliche Intelligenz (KI). Er war Mitarbeiter des Laboratoire d'informatique pour les sciences humaines (LISH) der Fondation Maison des Sciences de l’Homme in Paris und bei Connex, der KI-Arbeitsgruppe von British Telecom.Angaben von Paul Jorion in seinem Blog von 30. September 2007, abgerufen am 16. September 2021. Für diese entwickelte er die Software Anella (Associative Network with Emergent Logical and Learning Abilities), ein assoziatives Netzwerk mit emergenten logischen und lernenden Fähigkeiten.Siehe hierzu Luca Possati: The Algorithmic Unconscious. How Psychoanalysis Helps in Understanding AI. Routledge. Abingdon, Oxon 2021, S. 113–115, ISBN 978-0-367-69404-3. In diesem Zusammenhang definierte er den P-Graphen, eine originelle Art des Duals eines Graphen, und betonte, dass der P-Graph ein plausibles Modell für die Architektur eines biologischen neuronalen Netzes darstelle. Auf diese Weise betonte er, wie fruchtbar das von Freud erstellte theoretische Modell für die künstliche Intelligenz sei. Anella war wahrhaftig „inspiriert von der Freud’schen Metapsychologie“.Luca M. Possati: The Algorithmic Unconscious. How Psychoanalysis Helps in Understanding AI. Routledge, London, New York 2021, S. 113, ISBN 978-0-367-69404-3.

Als Jorion 2021 erneut darauf angesprochen wurde, weil das Interesse an Freuds Modell in der Künstlichen Intelligenz auflebte, nahm er seine Arbeit daran wieder auf. Gemeinsam mit Manuel Guérin gründete er 2022 Pribor, ein Start-up-Unternehmen, das sich in Anellas Nachfolge der Entwicklung von Self-Aware Machines (SAM) widmet, einer KI, die sich ihrer Einzigartigkeit bewusst sein soll.Website des Start-up, abgerufen am 4. Juli 2022.