Die Geschichte des Irak umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Irak von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.
Die Wurzeln des Iraks reichen bis zu den frühen Hochkulturen (Sumer, Babylonien, Assyrien u. a.) zurück, die meist unter dem Begriff Mesopotamien gefasst werden. 539 v. Chr. wurde der heutige Irak Teil des persischen Achämenidenreichs, bis Alexander der Große das antike Babylon 331 v. Chr. einnahm. Nach seinem Tod wurde Irak Teil des Seleukidenreichs, für jeweils mehrere Jahrhunderte war der Irak Teil des Parther- und später des Sassanidenreiches.
Im 7. Jahrhundert wurde der Irak im Zuge der arabisch-islamischen Eroberungen Teil des Umayyadenkalifats. In den folgenden Jahrhunderten spielte der Irak eine bedeutende Rolle in der islamischen Geschichte. So entstand im Irak die Glaubensrichtung der Schia, bis heute befinden sich im Irak die wichtigsten Schreine für schiitische Gläubige. Im 8. Jahrhundert gründeten die Abbasiden mit Bagdad, der heutigen Hauptstadt des Irak, die Hauptstadt ihres Kalifats. Bis 1258 hatten die Abbasiden mit zunehmend geringerem Machgebiet ihren Sitz in Bagdad, als die Stadt im Mongolensturm unter dem Khan Hülegü erobert und verwüstet wurde. Es eine Zeit unterschiedlicher Herrschaften von mongolischen und türkischen Dynastien.
In den 1530er Jahren gliederte das Osmanische Reich die Region in ihr Reich ein, wo es die meiste Zeit als Peripherie des Reiches keine zentrale Bedeutung für den osmanischen Staat hatte. Als Grenzregion fiel der Irak immer wieder über einige Jahre untere andere Herrschaft und wurde zum Teil von lokalen Dynastien beherrscht, gehörte die meiste Zeit über aber nominell zum Osmanischen Reich. Dies änderte sich erst 1917, als die britische Armee im Ersten Weltkrieg den Irak einnahm. Der moderne Irak in seinen heutigen Grenzen entstand in den Jahren 1920/21 aus den drei osmanischen Provinzen Bagdad, Mosul und Basra, war jedoch zunächst Teil eines britischen Mandatsgebiets.
Die Mandatszeit endete 1932, als das unabhängige Königreich Irak entstand. 1958 wurde Irak zu einer Republik, die 1963 und ab 1968 für 35 Jahre von der Baath-Partei geführt wurde. 1979 begann die Herrschaft des Langzeitdiktators Saddam Hussein, der den Irak in einen verlustreichen Krieg gegen Iran führte und 1990 den Nachbarstaat Kuwait einnahm. Es folgte weitreichende Sanktionen gegen den Irak, die zu starkem Leid der Bevölkerung führte. Kuwait wurde 1991 von einer von den Vereinigten Staaten geführten Koalition im Zweiten Golfkrieg von irakischer Besatzung befreit.
Das Land blieb unter Sanktionen bis 2003, als eine abermals von den Vereinigten Staaten geführte internationale Koalition die Ära Saddam Husseins mit der Invasion des Irak beendete. 2009 verließen die Besatzungstruppen die Städte, 2011 zogen sie komplett ab. 2014 brachte die Terrororganisation Islamischer Staat weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle, bis sie 2017 offiziell als besiegt erklärt wurde.
Altorientalische Reiche
Überblick der Geschichte Der Irak liegt auf dem Gebiet des alten Mesopotamien (Ben al Naharain bzw. Aram-Naharaim). Dort entstanden ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. einige der frühesten Hochkulturen der Menschheit (Sumer, Akkad, Babylonien, Mittani, Assyrien, Medien; siehe auch: Alter Orient), weshalb die Region heute von vielen als Wiege der Zivilisation gesehen wird.
Das alte Mesopotamien fiel 539 v. Chr. bei der Unterwerfung Babyloniens an das aufstrebende Perserreich unter Kyros. Unter den Achämeniden wurde Mesopotamien zeitweilig in die zwei Satrapien Syria und Assyria aufgeteilt; nach der Eroberung durch Alexander den Großen nach der Schlacht bei Gaugamela 331 v. Chr. wurden beide Satrapien zu einer neuen Satrapie Mesopotamien zusammengeführt. Nach der Schlacht von Gaza 312 v. Chr. geriet Mesopotamien unter die Kontrolle des Seleukidenreichs und blieb fortan für fast zwei Jahrhunderte von weiteren Kampfhandlungen weitgehend verschont. In dieser Zeit blühten nicht zuletzt die hellenistischen Stadtgründungen auf (beispielsweise Apameia, Dura Europos, Edessa, Seleukia).
Nach dem Tod des Seleukidenkönigs Antiochos Sidetes 129 v. Chr. fiel Mesopotamien endgültig an die Parther, die zuvor schon den Iran erobert haben. Ktesiphon wurde zur parthischen Hauptstadt, daneben gelangte auch Hatra zu besonderer Bedeutung. Teile Mesopotamiens gelangten zwischen 83 und 69 v. Chr. an Armenien, wurden allerdings im Zuge der römisch-parthischen Einigung nach der Schlacht bei Carrhae den Parthern zurückgegeben. In der Folgezeit stabilisierte sich der Euphrat als Grenze zwischen römischer und parthischer Einflusssphäre. Versuche des römischen Kaisers Trajan, Mesopotamien zwischen 114 und 117 n. Chr. zu annektieren, scheiterten, doch nach dem Partherkrieg des Lucius Verus von 162 bis 165 blieben größere Teile Mesopotamiens im römischen Einflussbereich. 195 fiel Mesopotamien bis auf die strategisch wichtige Stadt Nisibis wieder an die Parther, wurde von Kaiser Septimius Severus 197 aber wieder zurückerobert und befestigt.
Der Wechsel von der dezentral-feudalen Partherherrschaft zum stärker zentralisierten Sassanidenreich brachte zunächst keine grundlegenden Veränderungen mit sich. In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts geriet Mesopotamien in den Strudel der Reichskrise des 3. Jahrhunderts und wechselweise unter römische und sassanidische Kontrolle. Während der gesamten Spätantike war Mesopotamien Aufmarsch- und Kampfgebiet dieser beiden antiken Großmächte (siehe auch Römisch-Persische Kriege), wobei der arabische Stamm der Lachmiden einen wichtigen Teil der Grenzsicherung für Persien übernahm. Dem römischen Kaiser Diokletian gelang es 297/298 die alten Besitzverhältnisse wiederherzustellen. Ab 337 begann der sassanidische Großkönig Schapur II. große Teile Mesopotamiens zurückzuerobern. Der gescheiterte Persienfeldzug Kaiser Julians führte 363 schließlich zum Verlust fast ganz Mesopotamiens und insbesondere von Nisibis an Persien. Trotz verschiedener Versuche von beiden Seiten, den Grenzverlauf zu verschieben, blieb dieser im Wesentlichen unverändert, bis schließlich Mesopotamien und Syrien im Zuge der Islamischen Expansion zwischen 633 und 640 von den Arabern erobert wurden.
Bedeutung der altorientalischen Reiche für den modernen Irak Das Wissen über das prä-islamische Mesopotamien war über lange Zeit äußerst gering. Erst durch archäologische Ausgrabungen im 19. Jahrhundert wurde das alte mesopotamische Erbe des Irak in der Moderne wieder bekannt. Im Nation building des Irak im frühen 20. Jahrhundert spielten die mesopotamischen antiken Kulturen allerdings kaum eine Rolle. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich diese Einstellung, als Literaten und Künstler sich mit dem mesopotamischen Erbe auseinandersetzten und die Regierungen begannen, Mesopotamien als Teil einer nationalen irakischen Tradition darzustellen. Während sich zur Zeit der irakischen Monarchie von offizieller Seite vor allem eine pan-arabische Ideologie propagiert wurde, gewann mit Beginn der irakischen Republik ab 1958 eine nationalistische irakische Ideologie Bedeutung, die das antike irakische Erbe stärker in den Vordergrund rückte. mini|Saddam Husseins Sommerpalast auf einem künstlichen Hügel im Hintergrund in unmittelbarer Nähe der antiken Ruinen von Babylon (Vordergrund) Als die Baʿath-Partei 1968 im Irak an die Macht kam, änderte sie ihren ursprünglich pan-arabischen Kurs zu einem nationalistisch-irakischen Kurs. Wichtig dabei war die Schaffung einer historischen irakischen Grundlage, für die die Partei vor allem auf das mesopotamische Erbe zurückgriff. 1970 benannte der baathistische Revolutionäre Kommandorat acht der sechzehn irakischen Provinzen (muhāfazāt) neu, die meisten davon in Erinnerung an die arabisch-islamische Vergangenheit, zwei Provinzen erhielten allerdings Namen in Anlehnung an die mesopotamische Vergangenheit: die Provinz Nīnawā nach der assyrischen Stadt Ninive und Bābil nach der babylonischen Hauptstadt Babylon. 1980 benannte der Kommandorat das Parlamentsgebäude als „Hammurabi-Gebäude“, nach dem altbabylonischen Herrscher Hammurapi, wodurch eine Verbindung zwischen dem altabyblonischen Gesetzesgeber (Codex Hammurapi) und der modern Legislative im Parlament hergestellt wurde. Amatzia Baran sieht bedeutend Anspielungen an das alte Mesopotamien im baathistischen Irak als zur Gründungszeit des modernen Irak in den 1920er Jahren. Beispiele sind Straßen Bagdads, die nach Sumer oder Babylon benannt sind, Münzen, Banknoten des irakischen Dinars unter anderem mit Darstellungen des Ischtar-Tor aus Babylon und Hammurapi als Gesetzgeber sowie Briefmarken mit der Zikkurat von Ur und anderen Motiven.
Insbesondere Saddam Hussein (reg. 1979–2003) machte starken Gebrauch vom mesopotamischen Erbe. Er benutzte vor allem das antike Babylon und besonders den neubabylonischen Herrscher Nebukadnezar II. für seine Herrschaftspolitik. So ließ er zur Feier der einjährigen Invasion Irans durch den Irak im Ersten Golfkrieg wurde ein dreitägiges Fest in den Ruinen Babylons unter dem Titel „Nebukadnezar gestern, Hussein heute“ abgehalten, in den Folgejahren ließ sich der Diktator immer wieder als Nachfolger Nebukadnezars inszenieren. Es zirkulierten zahlreiche Abbildungen Saddam Husseins mit Nebukadnezar II., aber auch in anderen historischen Kontexte, zum Beispiel Darstellungen die an assyrische Darstellungen der königlichen Löwenjagd erinnerten. Der iranische Archäologe Kamyar Abdi bezeichnete Husseins Instrumentalisierung der Geschichte für seinen Persönlichkeitskult als einen der größten Missbräuche der Vergangenheit in der Moderne (one of the greatest misuses of the past in modern times).
Arabisch-Islamische Herrschaft Umayyaden Nach der Schlacht von Kadesia 636 bemächtigten sich die arabischen Muslime des Gebietes. 636 wurde Basra vom Kalifen Umar als Heerlager gegründet, 637/638 Kufa. Der Irak wurde zu einem wichtigen kulturellen Zentrum des sich ausbreitenden Islams. Die Rolle eines politischen Zentrums für die Muslime erhielt er erstmals, als ʿAlī ibn Abī Tālib nach seiner Erhebung zum vierten Kalifen seine Hauptstadt nach Kufa verlegte. Nach ʿAlīs Ermordung im Jahre 661 durch einen Charidschiten annektierte der Umayyade Muawiya I. den Irak. Ab 665 wurde das Gebiet von den Statthaltern Ziyād ibn Abī Sufyān und seinem Sohn ʿUbaidallāh ibn Ziyād regiert, die mit harter Hand gegen die Charidschiten und die Anhänger ʿAlīs vorgingen. ʿAlīs Sohn Hussein, der 680 einen Aufstand gegen die umayyadischen Kalifen Yazid I. unternahm, fiel bei Kerbela im Kampf. Von 694 bis 714 herrschte der für seine Grausamkeit bekannte Statthalter al-Haddschādsch ibn Yūsuf über den Irak. Er entschied 702, das Persische als Kanzleisprache durch das Arabische zu ersetzen.Vgl. W. Montgomery Watt: Islam and the Integration of Society. Routledge & Kegan Paul, London, 1961. S. 119.
Abbasiden 762 wurde Bagdad von Al-Mansur als Hauptstadt des Abbasidenkalifats gegründet und entwickelte sich bald zur bedeutendsten Stadt der islamischen Welt. Die folgende Periode wird auch als Blütezeit des Islams bezeichnet, in der besonders Wissenschaft und Künste ein deutlich höheres Niveau entwickelten als etwa in Europa.