Hildegard Ochse (* 7. Dezember 1935 in Bad Salzuflen; † 28. Juni 1997 in Berlin) war eine deutsche Fotografin.
Leben Hildegard Elisabeth Maria Helene Ochse geb. Römer, wurde 1935 in Bad Salzuflen als Tochter von Maria Römer-Krusemeyer und des Lehrers Peter Arthur Römer geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg reiste sie 1952 mit Hilfe eines Stipendiums auf der SS United States in die USA nach Rochester im US-Bundesstaat New York. 1953 kehrte sie im Juni auf der Andrea Doria nach Deutschland zurück.
1955 bestand sie im Frühjahr das Abitur am neusprachlichen Mädchengymnasium in Bad Salzuflen. Anschließend studierte sie Romanistik Französisch, Italienisch, Deutsch und Kunstgeschichte bei Kurt Bauch an der Universität Freiburg. Im März 1958 heiratete sie den Romanisten Horst Ochse (1927–2014).
Im Mai 1973 zog die Familie nach Berlin. Ab 1975 begann sie autodidaktisch als Fotografin zu arbeiten, später auch unter der Anleitung des Fotografen Michael Schmidt und Ulrich Görlich an der „Werkstatt für Photographie“ in Berlin-Kreuzberg (Friedrichstraße 230/Ecke Kochstraße). Dort nahm sie am Unterricht von Ulrich Görlich und bis 1981 an verschiedenen Workshops amerikanischer Fotografen wie Lewis Baltz, John Gossage, Ralph Gibson und Larry Fink sowie dem deutschen Fotografen André Gelpke teil. Bereits 1978 nahm Hildegard Ochse eine Lehrtätigkeit als Fotografin in der Landesbildstelle sowie an der Pädagogischen Hochschule Berlin auf. Ab 1981 war sie freiberuflich als Fotografin in Berlin tätig.
Nach ihrer Etablierung als freiberufliche Fotografin fotografierte Hildegard Ochse 1983 auf den in West-Berlin liegenden S-Bahnstrecken Lichterfelde/Lichtenrade – Frohnau/Heiligensee und Wannsee – Friedrichstraße mit zuletzt 160 Motiven. In der von ihr 1987 auf 72 Motive reduzierten Version ging es ihr um den unterschiedlichen Grad der Wahrnehmungsfähigkeit optischer Eindrücke. Synkopenartig werden Akzente gesetzt und Wiederholungen vorgenommen. „Die Widersprüche in der Sehweise entsprechen“, wie Hildegard Ochse es empfand, „den Widersprüchen dieser Stadt und dem Gefühl von ‚Hass – Liebe’, das ich für sie empfinde.“
Daran schloss ihre Arbeit zum Thema Zoologische Gärten an, zu der sie ein Essay von John Berger sowie weitere Zoobetrachtungen von Theodor W. Adorno inspiriert hatten. Ihre in Berlin, Frankfurt am Main, München, Mailand sowie anderen europäischen Orten fotografierten Zoobilder thematisieren das widernatürliche Eingesperrtsein der exotischen Tiere. In Anlehnung an die beiden Autoren sah sie darin eine Form moderner kolonialer Macht. Ihrem Freiheitsdenken widersprechend folgte aus jeder Form der Isolation oder Gefangenschaft zwingend Abstumpfung und Lethargie – letztlich Gleichgültigkeit.
Als eine spezifisch Berlinische Arbeit folgte 1987 eine durch die Künstlerförderung des Landesamtes für Zentrale Soziale Aufgaben ermöglichte Serie, in der sie die Bediensteten der Stadt porträtierte. Laut Statistischem Jahrbuch von 1985 brachte es das damals zwei Millionen Einwohner zählende West-Berlin auf ca. 65.000 Beamte und ca. 86.000 Angestellte. Hildegard Ochse ging der Frage nach, wie der deutsche Beamte aussieht und wie er sich selbst sieht, wobei sie sich die Politikerbildnisse von Erich Salomon sowie die Porträts von August Sander, aber auch die kurz zuvor publizierten Arbeitsbilder von Lee Friedlander zum Vorbild nahm. Wie es um die sprichwörtliche Zuverlässigkeit, Ordnung und Sauberkeit des deutschen Beamten bestellt war, blieb zwar offen, nicht jedoch der ihren Fotografien eingeschriebene Zeitgeist.
Wie hier der Mensch buchstäblich für sie im Vordergrund stand, beschäftigte sie an der von ihr nachfolgend fotografierten Serie in der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) in der Wegelystraße vor allem der für die Porzellanproduktion fundamentale Aspekt der Handarbeiten. Sie rückte deshalb die individuellen Gesichter der Frauen und Männer in Verbindung mit den von ihnen praktizierten manuellen Geschicklichkeiten ins Zentrum. Obwohl Hildegard Ochse das so nicht beabsichtigte, reiht sich diese Serie in den Kanon von fotografischen Arbeiten ein, die aussterbende handwerkliche Berufe festgehalten haben.
mini|Grab auf dem Friedhof Heerstraße, neue Grablage (2020) 1995 wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert. Dennoch begann sie mit dem Studium der Judaistik und des Hebräischen.
Hildegard Ochse starb am 28. Juni 1997 im Alter von 61 Jahren in Berlin. Die Beisetzung erfolgte auf dem landeseigenen Friedhof Heerstraße im heutigen Ortsteil Berlin-Westend. Im Frühjahr 2019 wurde sie auf selbigem Friedhof umgebettet (neue Grablage: II-W8-31).Hildegard Ochse. Biografie. Abgerufen am 27. November 2019.
Der künstlerische Nachlass von Hildegard Ochse wird von ihrem Sohn Benjamin Ochse betreut.
Werk Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, darunter in Berlin, Mailand, New Plymouth und Wien. Teile ihrer Bilder befinden sich heute in der Sammlung der Berlinischen Galerie, in der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, in der Universität Parma im Centro studi e archivio della comunicazione, Collezioni del Museo Nazionale di Fotografia in Mailand sowie in privaten Sammlungen.
1979: Natur in der Stadt, Großstadtvegetation 1979: Venedig 1980: No Future – Café Mitropa 1980: Landschaften – Dänemark am Strand 1980–83: Straßenfotografie, Winter in Berlin 1981: Großstadtkirchen 1982: Bosa 1983: Topographische Sequenzen der Stadt und ihre wechselnden Landschaften 1983: Gastland Bundesrepublik Deutschland 1983: Haus Marck – 7 Tage – 77 Fotografien 1983: Bomarzo 1984: Das Dorf 1985: Menschenbilder das fotografische Portrait 1986–87: Der Eid auf die Verfassung 1987: KPM – Königlich Preußische Porzellanmanufaktur 1989: Jerusalem – Die Ewige Stadt 1989: In Memoriam ! 1989–90: Die Mauer – Metamorphose 1990: Wanderung durch Mark-Brandenburg 1990: Die Kinder aus Berlin-Marzahn 1991: Normandie
Ausstellungen mini|Ausstellung Hildegard Ochse im Haus am Kleistpark 1978: Galerie Franz Mehring, Gruppenausstellung, Berlin 1979: Galerie Mutter Fourage, Berlin 1983: Galerie Fioretta d’arte, Spiegelungen, Gruppenausstellung, Padua, Italien 1983: Galerie II Diaframma-Canon, Aspetti di Berlino, Gruppenausstellung, Mailand, Italien 1984: HdK Berlin, Bilder einer Ausstellung, Einzelausstellung, Foyer des Theatersaals, Berlin 1985: Galleria fotografica comunale, Centro Culturale Pubblico Polivalente, Ronchi dei Legionari bei Triest, Italien 1987: Martin-Gropius-Bau, Berlin Stadtfotografie, S-Bahn Sequenzen, Festspielgalerie 750 Jahre Berlin, Gruppenausstellung, Berlin 1991: Galerie „Inselstraße 13“, Metamorphose, Gruppenausstellung, Berlin 1992: Heimatmuseum Wedding, Frauenzimmer – Frauenräume, Gruppenausstellung, Berlin
2004: Taranaki Art Gallery, Metamorphose, Einzelausstellung, New Plymouth, Neuseeland 2009: Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Dokumentation über Brandenburg, Potsdam 2009: Europäische Kommission Vertretung in Deutschland, Mauerfall 1989, Gruppenausstellung, Berlin 2009: Galerie im Kulturhaus Karlshorst, 20 Jahre Fall der Mauer, Gruppenausstellung, Berlin 2010: Cafe Club International, Ulysses im Zeitalter von facebook und twitter, Gruppenausstellung, Wien 2012: Haus am Kleistpark, Hildegard Ochse (1935–1997) – Das Vermächtnis einer Autorenfotografin, Einzelausstellung, Berlin 2013: Landtag Brandenburg, Wendezeit 1989–1991, Einzelausstellung, Potsdam 2014: 18m Salon, BÜROZEIT u. a. Ansichten einer Autorenfotografin, Einzelausstellung, Berlin 2015: Kommunale Galerie Berlin, Zwischen eigener Sicht und authentischer Realität, Einzelausstellung, Berlin 2016: C/O Berlin, Kreuzberg – Amerika : Werkstatt für Photographie 1976–1986, Gruppenausstellung, Berlin 2017: Photoplatz c/o Rissmann, First and Last | Anfang und Ende, Einzelausstellung, Berlin 2018: Galerie Schwalenberg / Lippisches Landesmuseum, Starke Frauen in der Kunst – Künstlerinnen im Aufbruch zur Moderne, Gruppenausstellung, Schwalenberg 2018: Galerie des Heidelberger Forum für Kunst, Begegnung mit der Wirklichkeit, Gruppenausstellung, Heidelberg 2018: Reinbeckhallen, Geld – Wahn – Sinn, Gruppenausstellung, Berlin 2019: Mauer-Mahnmal Deutscher Bundestag, Was geht – was bleibt, Gruppenausstellung, Berlin 2020: Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus: 1990. Fotografische Positionen aus einem Jahr, über ein Jahr, Gruppenausstellung, Cottbus 2020: Galerie im Tempelhof Museum: Wild & Ochse – Zoologische Ansichten, Gruppenausstellung, Berlin 2020: Galerie Beate Brinkmann: Filicudi - Seestücke und Felsen, EMOP 2020, Einzelausstellung, Berlin 2025: Landtag Brandenburg: ZeitSprung – 35 Jahre nach der Wiedervereinigung, Gruppenausstellung, Potsdam
Literatur Manfred Plate (Hrsg.): Großstadtkirchen: Bilder der Gegenwart. Herder Verlag, Freiburg, 1982 Frauenzimmer – Frauenräume. (Hrsg.) Bezirksamt Berlin-Wedding, 1982 Ulrich Eckhard (Hrsg.): 750 Jahre Berlin Stadt der Gegenwart. Ullstein, Berlin, 1987, ISBN 3-548-34380-5. Barbara Köppe, Fotografien 1988–1990, Hildegard Ochse, Metamorphosen 1990. Galerie „Inselstrasse 13“, Berlin, 1991Eintrag bei der DNB Lothar Schirmer (Hrsg.): Martin Rupprecht, Bühnenbilder und Kostüme. Henschel, Berlin, 2005, ISBN 3-89487-524-0, S. 119–121. Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl, Heiko Zwirner (Hrsg.): Nachtleben Berlin. 1974 bis Heute, Metrolit, Berlin, 2013, ISBN 978-3-8493-0304-4, S. 34. Kathleen Urbanic (Autor): Through Hildegard’s Lens, Newsletter from the Sisters of Saint Joseph, Rochester, 2015, S. 7. Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube (Hrsg.),Thomas Weski, Virginia Heckert (Autor): Werkstatt für Photographie 1976–1986: C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover. Ausstellungskatalog, Walther König Verlag, 2016, ISBN 978-3-96098-042-1, S. 69–73; 233 Jürgen Scheffler, Stefan Wiesekopsieker (Hrsg.) Benjamin Ochse (Autor): Starke Frauen in der Kunst: Künstlerinnen im Aufbruch zur Moderne. Ausstellungskatalog, Verlag für Regionalgeschichte, 2018, ISBN 978-3-7395-1079-8, S. 115–121.
Weblinks Homepage von Hildegard Ochse Benjamin Ochse: Vita Hildegard Ochse b p k Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte: Bildserien Hildegard Ochse bei Photography now Annika Brockschmidt: Fotos von Hildegard Ochse im Haus am Kleistpark. In: Tagesspiegel. 28. Juni 2012. Landtag Brandenburg: „WENDEZEIT 1989–1991“ – Referat Öffentlichkeitsarbeit, 13. August 2013 Carolin Brühl: Das Berlin der Fotografin Hildegard Ochse Im Westen Berlins, 10. November 2015
Einzelnachweise
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