Peter Klassen (* 29. Juli 1903 in Saarbrücken; † 25. April 1989 in Bonn) war ein deutscher Diplomat in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik. Als Judenberater war er während des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Botschaft in Paris tätig, um in dieser Funktion die Entrechtung, Ausplünderung und Deportation von Juden voranzutreiben. Klassen wurde dafür nie zur Rechenschaft gezogen.

Leben Nach dem Besuch des Reformrealgymnasiums in Saarbrücken studierte Klassen an den Universitäten München und Kiel die Fächer Geschichtswissenschaft und Archäologie. Klassen promovierte 1929 bei Friedrich Wolters und schloss seine Dissertationsschrift mit einem Ausspruch Friedrichs II. von Preußen, wonach „nicht die Furcht, sondern die Liebe und Hingebung die Untertanen lenken solle“.Peter Klassen: Die Grundlagen des aufgeklärten Absolutismus. Jena 1929, S. 127. Von 1932 bis 1934 war er Forschungsassistent an der Universität Heidelberg und dann freier wissenschaftlicher Schriftsteller. Zum 1. August 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.681.767).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/20380438.

Am 1. August 1939 trat er in den Auswärtigen Dienst ein und wurde im Dezember 1940 an die Botschaft nach Paris versetzt. Im August 1940 entsandte ihn Legationsrat Ullrich zusammen mit Kurt Jagow und Heinz Günther Sasse in einer Kommission, die in Tours nachgewiesene Akten des französischen Außenministeriums überprüfen sollte. Das zur Bearbeitung geeignete Material wurde nach Berlin überführt. Die Beschlagnahme erfolgte durch das sogenannte Sonderkommando Künsberg.Martin Kröger, Roland Thimme: Das Politische Archiv des Auswärtigen Amts im Zweiten Weltkrieg. Sicherung, Flucht, Verlust, Rückführung. (PDF; 1 MB). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 47 (1999), S. 243–264. In der Informationsabteilung und der Kulturpolitischen Abteilung war Klassen als Judenreferent tätig und steuerte die antijüdische Kulturarbeit unter einem Label „Politisches Lektorat“.An vielen Botschaften liefen die Aktivitäten zur Judenvernichtung unter dem Label „Kultur“. Er wirkte auf den französischen Antisemitismus über die Herausgeber der Wochenschrift Au Pilori und über Louis Darquier, der Präsident der l’Union Française pour la Défense de la Race (UFDR) war und 1942 Präsident des Commissariat Général aux Questions Juives wurde.

Klassen war Teilnehmer Tagung der „Judenreferenten“ des AA in Krummhübel am 3. und 4. April 1944, auf der Franz Alfred Six in einem Eingangsstatement offen über die „physische Beseitigung der Ostjudentums“ referierte, das bei allen Gegnern Deutschlands über großen Einfluss verfüge.Tagung der „Judenreferenten“ in Krummhübel. Tagungsprotokoll auf der Website des NS-Archiv – Dokumente zum Nationalsozialismus; abgerufen am 13. Januar 2018. Zu den weiteren Rednern gehörte neben anderen Peter Klassen, der über die Förderung des Antisemitismus in Frankreich berichtete:

Über eine Entnazifizierung Klassens nach Kriegsende ist nichts bekannt. Er erhielt 1949 eine Stelle an der Westdeutschen Bibliothek in Marburg im Referat für die Literatur romanischer Länder. Im Februar 1952 kehrte er in den Auswärtigen Dienst zurück und leitete von 1954 bis 1956 das Politische und Historische Archiv des Auswärtigen Amts, bei dem Wissenschaftler zur NS-Zeit anfragten und arbeiteten. Er arbeitete später an den Missionen in London und Madrid. Klassen schied 1962 aus dem Beamtenverhältnis aus.

Werke (Auswahl) Die Grundlagen des aufgeklärten Absolutismus. G. Fischer, Jena 1929 (Dissertation, Universität Kiel). Baudelaire. Welt und Gegenwelt. Lichtenstein, Weimar 1931.Walter Benjamin über das Buch: Benjamin spottet dazu: In: Aura und Reflexion. Schriften zur Kunsttheorie und Ästhetik. Frankfurt 2007, S. 305. Justus Möser. Klostermann, Frankfurt 1936. Nationalbewußtsein und Weltfriedensidee in der französischen Revolution. In: Die Welt als Geschichte. Zeitschrift für universalgeschichtliche Forschung. Jg. 2, 1936, Heft 1. Reich und Gegenreich? Zu dem Versuch einer neuen Friedensideologie. In: Die Welt als Geschichte. Zeitschrift für universalgeschichtliche Forschung. Jg. 5, 1939. Die universalhistorischen Grundlagen der bündischen Friedensidee. In: Europäische Revue. Jg. 13, März 1937 (auch als Sonderdruck verlegt). Horst Eckert: „Gottfried Wilhelm Leibniz’ Scriptores rerum Brunsvicensium. Entstehung und historiographische Bedeutung“, Frankfurt 1971. In: Historische Zeitschrift. Nr. 215, 1972, S. 678 f. Der junge Napoleon. Castrum Peregrini, Amsterdam 1985, ISBN 90-6034-055-8. Diverse Rezensionen in Historische Zeitschrift. Nr. 229–244, 1980–1987, zu Büchern über französische historische Themen, z. B. zu Napoleon, die Grande Armée 1804–1815, Claude Henri de Rouvroy de Saint-Simon, Joseph Fesch, Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (Titel der Bücher S. 204, 492, books.google.de).

Literatur Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Hrsg. Auswärtiges Amt, Historischer Dienst. Band 2: Gerhard Keiper, Martin Kröger: G–K. Schöningh, Paderborn 2005, ISBN 3-506-71841-X. Carmen Callil: Bad faith. A forgotten history of family and fatherland. Jonathan Cape & Alfred A. Knopf, 2006, ISBN 978-0-09-949828-5.Über die Familie Darquier. Mehrere Auflagen in GB und in den USA, sowohl TB als auch Hardcover; entsprechend viele versch. ISBNs gibt es. Nur unter der ISBN 0-307-27925-1 ist das Buch bei amazon.com online les- und durchsuchbar, Klassen: passim (19 Nennungen). Französische Fassung: Darquier de Pellepoix ou la France trahie Buchet/Chastel (Libella), Paris 2007, ISBN 2-283-02255-X. Rezensionen: Antony Beevor: Antony Beevor reviews Bad Faith by Carmen Callil. In: The Daily Telegraph, 11. April 2006.Henry Porter: The enemies of free speech are everywhere. In: The Observer, 15. Oktober 2006.Peter Conrad: Vile Days in Vichy. In: The Observer, 26. März 2006.Martin Evans: Carmen Callil talks to Martin Evans about her recent excursion into the lies and hypocrisy of Vichy France. In: History Today, Mai 2006. Astrid M. Eckert: Kampf um die Akten. Die Westalliierten und die Rückgabe von deutschem Archivgut nach dem Zweiten Weltkrieg (= Transatlantische Historische Studien, Band 20). Franz Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-515-08554-0, in google.books online lesbar.Klassen passim, 28 Nennungen. Klassen wurde 1952 vom Auswärtigen Amt nach London geschickt, um an einer Aktenedition mitzuwirken. Klassen wollte aber nur alles darüber wissen, ob Akten aus Paris (seinem früheren Wirkungsort) dabei wären. Die Briten setzten ihn als völlig inkompetent vor die Tür, er konnte nicht einmal ausreichend Englisch. Danach wurde Klassen Leiter des Politischen Archivs im Auswärtigen Amt in Bonn.

Weblinks

Anmerkungen

Einzelnachweise

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