Die Katholische Integrierte Gemeinde (KIG) war eine 1965 von dem Ehepaar Traudl und Herbert WallbrecherJulius Bittmann: Ein Modell für die Kirche von morgen. In: Traunsteiner Tagblatt 45/2007 (10. November 2007). gegründete apostolische Vereinigung in der römisch-katholischen Kirche und nach deutschem Recht ein eingetragener Verein mit Sitz in Baierbrunn. Sie war in verschiedenen Diözesen in Deutschland, Österreich, Italien und Tansania kirchlich anerkannt und vom jeweils zuständigen Ortsbischof kanonisch errichtet. Die Aktivitäten gingen ab 2010 spürbar zurück. Nach einer Untersuchung der Vereinigung durch das Erzbistum München und Freising löste der Münchener Erzbischof Kardinal Reinhard Marx sie im November 2020 (in seiner Diözese) kirchenrechtlich auf. Inzwischen folgten die meisten deutschen Bistümer und lösten die Integrierten Gemeinden ebenfalls auf.

Geschichte Die Integrierte Gemeinde (IG) wurde 1965 gegründet. Die Anfänge der Gemeinschaft reichen in das Jahr 1945 zurück, als die Initiatorin Traudl Wallbrecher ihre Idee eines an jüdisch-christliche Wurzeln anknüpfenden Neuanfangs in der Kirche als Antwort auf den Holocaust entwickelte. 1948 verließ die damalige Bundesführerin Traudl Weiß mit rund 60 weiteren Mitgliedern den Heliand-Mädchenbund. Nach ihrer Heirat mit dem Rechtsanwalt Herbert Wallbrecher, einem Jugendfreund von Johannes Degenhardt, entwickelte sich daraus die Keimzelle der späteren Integrierten Gemeinde.Michael Winter: In der Mitte der Kirche. Warum die Integrierte Gemeinde neu ins Blickfeld gerückt ist. In: Herder Korrespondenz, 62. Jg., Heft 1/2008, S. 38–44. Die Gruppe etablierte sich Ende der 1960er Jahre in München. Sie galt zeitweise als hoffnungsvoller Aufbruch in der katholischen Kirche und wollte nach eigener Darstellung „ein Ort für ein aufgeklärtes und unverkürztes Christentum“ sein.Erzbistum: Integrierte Gemeinde hat sich Visitation entzogen. In: Neues Ruhrwort, 26. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020. Die geistliche und theologische Ausrichtung orientierte sich an der modernen Exegese,Heute. Pro ecclesia viva. Das Heft der Integrierten Gemeinde. Katholische Integrierte Gemeinde (Hrsg.), Nr. 1/1994, Urfeld, Bad Tölz 1994, S. 57. der Liturgie- und Ökumene-Bewegung,Heute. Pro ecclesia viva. Das Heft der Integrierten Gemeinde. Katholische Integrierte Gemeinde (Hrsg.), Nr. 1/1994, Urfeld, Bad Tölz 1994, S. 55f. den jüdischen Wurzeln des ChristentumsHeute. Pro ecclesia viva. Das Heft der Integrierten Gemeinde. Katholische Integrierte Gemeinde (Hrsg.), Nr. 1/1994, Urfeld, Bad Tölz 1994, S. 77–79. und der Philosophie und Literatur der Nachkriegszeit (u. a. den französischen Existentialisten).Heute. Pro ecclesia viva. Das Heft der Integrierten Gemeinde. Katholische Integrierte Gemeinde (Hrsg.), Nr. 1/1994, Urfeld, Bad Tölz 1994, S. 82–83.

Die Mitglieder der Integrierten Gemeinde verstanden sich als eine große Familie aus Ehepaaren und Ledigen, Priestern und Laien, Alten und Jungen. Sie lebten über ganz München verteilt in kommunenartigen Hausgemeinschaften, sogenannten Integrationshäusern, und gingen ihren Berufen nach. Ein starkes Elitenbewusstsein und das von Aussteigern als Indoktrination und Personenkult empfundene Verhalten der Gründerin Traudl Wallbrecher prägten das Zusammenleben.Rudolf Gehrig (Vatican Magazin): Die Katholische Integrierte Gemeinde und Papst Benedikt. In: CNA, 26. Oktober 2020, abgerufen am 28. Oktober 2020 (Interview mit Benjamin Leven (Herder Korrespondenz)). Im Nachhinein kritisieren Betroffene das Zusammenleben, das nur auf ihre Kosten möglich war.

Die kirchliche Hierarchie stand der Gruppierung zunächst reserviert gegenüber. Schon 1973 waren Vorwürfe aktenkundig, in denen von Freiheitsbeeinträchtigungen der Mitglieder und übergriffigen Führungspraktiken der Gemeindeleitung die Rede war. Seit 1976 bestand ein engerer Kontakt mit Joseph Ratzinger,Patrick J. Fletcher: Resurrection Realism. Ratzinger the Augustinian. Cascade, Eugene (Oregon) 2014, ISBN 978-1-62564-021-5, S. 225.Rudolf Kutschera: Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI. und die Katholische Integrierte Gemeinde: 30 Jahre Wegbegleitung. In: Forum Teologiczne, 8. Jg. (2007), , S. 69–81 (hier: S. 69 f.). der kurz darauf Erzbischof von München und Freising und Kardinal wurde und die IG 1978 in seinem Erzbistum kirchlich approbierte; im selben Jahr wurde sie auch in Paderborn von Erzbischof Johannes Degenhardt anerkannt. 1985 folgte die Errichtung als kirchenrechtliche „Vereinigung öffentlichen Rechts“ gemäß c. 301 des Codex Iuris Canonici (CIC). Mehrere renommierte Theologen stießen zu der Gemeinde, die durch die Nähe zu Ratzinger beträchtlich an Prestige gewann.Thomas Seiterich: Freunde Seiner Heiligkeit. In: Publik-Forum, 13. Februar 2009, abgerufen am 27. Oktober 2020. Rudolf Pesch warb zahlreiche Mitglieder seiner Frankfurter Studentengemeinde für die IG und gab 1984 seinen Lehrstuhl auf. Im Jahre 1977 zog er mit seiner Familie in ein IntegrationshausPatrick J. Fletcher: Resurrection Realism. Ratzinger the Augustinian. Cascade, Eugene (Oregon) 2014, ISBN 978-1-62564-021-5, S. 225 u. Anm. 151., und 1996 heiratete seine Tochter einen Sohn des Gründerpaares; das Paar wurde in Rom von Kardinal Ratzinger getraut.Rudolf Kutschera: Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI. und die Katholische Integrierte Gemeinde: 30 Jahre Wegbegleitung. In: Forum Teologiczne, 8. Jg. (2007), S. 69–81 (hier: S. 76). Dazu gehörten Norbert Lohfink und sein Bruder Gerhard, der 1986 ebenfalls seinen Lehrstuhl aufgab und in die Gemeinde zog. Integrierte Gemeinden wurden in weiteren Diözesen in Deutschland, Österreich, Tansania und Italien eingerichtet oder IG-Geistliche in Pfarreien dieser Diözesen delegiert.Heute. Pro ecclesia viva. Das Heft der Integrierten Gemeinde. Katholische Integrierte Gemeinde (Hrsg.), Nr. 1/1994, Urfeld, Bad Tölz 1994, S. 127. 1994 wurde die mit der Integrierten Gemeinde verbundene Priestergemeinschaft gegründet. Später änderte die IG ihren Namen in Katholische Integrierte Gemeinde (KIG) und entwickelte sich zu einer Gruppe von engagierten, vornehmlich süddeutschen Katholiken, die durch ihre Sonderstellung als familiäres Freundes-Umfeld für Joseph Ratzinger innerkirchlich und an der Römischen Kurie an Einfluss gewann.

Zu übergreifenden Zentren der Gemeinschaft entwickelten sich ihr Tagungshaus im oberbayerischen Urfeld am Walchensee sowie verschiedene Einrichtungen in München und Bad Tölz. Es folgte das mit erheblichen Mitteln errichtete internationale Zentrum Villa Cavalletti bei Rom, das jedoch nur kurzzeitig genutzt wurde. Am 25. Oktober 2003 eröffnete die KIG in ihrem römischen Zentrum die „Akademie für die Theologie des Volkes Gottes“ und erhielt aus diesem Anlass eine ausführliche Grußbotschaft des damaligen Kardinalpräfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Ratzinger.Heiner Boberski: Vatikanische Vernetzungen. In: ders. mit Josef Bruckmoser, Andreas Pfeifer: Geheimnis Vatikan. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, ISBN 978-3-499-62314-1, S. 193–200 (hier: S. 198f.). Der Auftrag der Akademie, den KIG-Initiatorin Traudl Wallbrecher in Absprache mit Ratzinger formuliert hatte, war das interdisziplinäre Nachdenken über das Gottesvolk aus Juden und Christen. Erster Direktor der Akademie wurde Ludwig Weimer, ein Schüler Ratzingers und Mitglied des Vereins P.i.D. („Priester im Dienst an Katholischen Integrierten Gemeinden e. V.“), der zusammen mit Gerhard Lohfink und Rudolf Pesch als maßgeblicher theologischer Kopf der Gemeinde bezeichnet wird. 2004 traf sich Kardinal Ratzinger mit allen Akademiemitgliedern, um sein Verständnis von der Historizität der Jungfrauengeburt und der Materialität der Auferstehung Jesu Christi klarzustellen und die Akademie auf diese Sichtweise zu verpflichten.Patrick J. Fletcher: Resurrection Realism. Ratzinger the Augustinian. Cascade, Eugene (Oregon) 2014, ISBN 978-1-62564-021-5, S. 225; vgl. Joseph Kardinal Ratzinger: Jungfrauengeburt und leeres Grab. In: Die Tagespost, 11. November 2004. Nach seiner Papstwahl empfing er im Februar 2006 das Leitungsteam der KIG zu einer Privataudienz im Vatikan und lud im selben Jahr eine Delegation der Gemeinde in seine Sommerresidenz Castel Gandolfo ein. Am 13. März 2009 wurde Ludwig Weimer an der Päpstlichen Lateran-Universität in Anwesenheit von Traudl Wallbrecher, des Rektors der Lateran-Universität, Erzbischof Rino Fisichella, sowie des israelischen Botschafters beim Heiligen Stuhl, Mordechay Lewy, der neu geschaffene Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes übergeben, der am Pastoralinstitut der Universität angesiedelt wurde. Kardinal Walter Kasper hielt den Festvortrag. Bericht über die Feierlichkeit der Inauguration des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes. In: Website der Professor Ludwig Weimer Stiftung. Priester im Dienst an Katholischen Integrierten Gemeinden e. V. (Hrsg.), ohne Datum, abgerufen am 25. November 2019. Danach hat Achim Buckenmaier das Institut bis zur Einstellung 2021 geführt.

Im Jahr 2009 legte Traudl Wallbrecher den Vorsitz der Gemeinde nieder und zog zu ihrer Tochter nach München. Nach ihrem Rückzug geriet die Katholische Integrierte Gemeinde in zunehmende innere Spannungen und wurde schließlich nach dem Tod der Gründerin, lauter werdenden Vorwürfen wegen langjähriger spiritueller Missbrauchspraktiken gegenüber Mitgliedern und zuletzt einer deutlichen Distanzierung der Kirchenführung als kirchliche Organisation aufgelöst. In welchem Rahmen die Aktivitäten der Gruppe noch bestehen (Lehrstuhl, Schule), ist nicht klar.Gründerin der Integrierten Gemeinde gestorben. In: ORF, 29. Juli 2016, abgerufen am 30. Oktober 2020. Ehemalige führende Mitglieder sind „abgetaucht“, so Recherchen der Süddeutschen Zeitung aus dem Frühjahr 2021.

Organisation Statutarische Aufgabe und Zweck Das Zweite Vatikanische Konzil befasste sich in den Nummern 18/19 des Dekrets Apostolicam actuositatem ausdrücklich mit kirchlichen Vereinigungen, die zum Zweck der gemeinsamen apostolischen Betätigung errichtet wurden, und betont ihre Wichtigkeit als organisierte Form des Laienapostolats in der heutigen Welt.

Die KIG beschrieb in ihren Statuten von 1978 ihre Arbeit als den Versuch, 1985 wurde die Integrierte Gemeinde als öffentlicher Verein nach dem katholischen Kirchenrecht errichtet. Die Gruppe war in der Liste der päpstlich anerkannten internationalen Laienvereinigungen des ehemaligen Päpstlichen Rates für die Laien verzeichnet.Eintrag Catholic Integrated Community. In: Päpstlicher Rat für die Laien (Hrsg.): International Associations of the Faithful. Directory. Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 2006, ISBN 88-209-7763-X, S. 30–32. Sie unterlag nicht der Aufsicht der vatikanischen Kongregation für die Institute geweihten Lebens, sondern blieb als Laienbewegung und kirchlicher Verein dem Ortsbischof unterstellt, in dessen Diözese sie errichtet war.

Finanzierung Ihre Aufgaben finanzierte die KIG selbstständig und weitgehend unabhängig von offiziellen kirchlichen Kanälen in privater Initiative. Es hat jedoch auch in deutschen Bistümern Pfarrer gegeben, die der KIG angehörten und unter den Gläubigen Spenden für ihre Projekte sammelten.Zum Beispiel: Pfarrer Clemens Lübbers: Dank für großzügige Spende für das Schulprojekt in Tansania. In: Aktuelle Info der Katholischen Kirchengemeinde St. Martinus und Ludgerus in Sendenhorst im Bistum Münster, Dezember 2018. (Im Blickpunkt: Gespannt auf die neue Aufgabe. Pfarrer Clemens Lübbers ist seit Dezember neuer stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender. Porträt. In: Blickpunkt. 1.2019. Zeitschrift des St. Josef-Stift Sendenhorst, Ausgabe 1/2019, S. 37, PDF auf der Website des Stiftes.) Beide: Abgerufen am 25. November 2019. Die wirtschaftliche Situation der Gemeinden und der Verbleib von Erträgen aus Unternehmens- und Immobilienverkäufen ist nach dem Bericht der Visitatoren des Erzbistums München unklar.

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