Mento Gogreve (* um 1541 in Lippstadt; † nach 19. November 1588) war ein deutscher lutherischer Theologe und Pädagoge, der in Österreich und Deutschland wirkte.
Leben Mento oder Mentho Gogreve (Gogrevius, Gogreff, Gogräfe, Gograue)In der Sekundärliteratur wird hinter der latinisierten Form teilweise auch ein deutsches „Mento Hohgräfe“ oder „Mentor Hogrefe“ vermutet. Verlesen findet sich auch „Gongrevius“, „Gogrenius“, „Gongref“ u. ä. wurde in Lippstadt (latinisiert: Lupfurt, Lüppfurt, LippfurtGogreve bezieht sich offenbar auf das bei Claudius Ptolemäus (Geographike Hyphegesis II,11) erwähnte „Lupfurdum, Lupphurdum“, griechisch Λούπφουρδον, dessen tatsächliche Lokalisierung sehr unsicher ist (zur Deutung als „Furt an der Lippe“ vgl. Rudolf E. Keller, Karl-Heinz Mulagk: Die deutsche Sprache und ihre historische Entwicklung. Buske, Hamburg 1995, S. 68). Er identifiziert damit seine Heimatstadt an der Lippefurt. Bei Tacitus (Annales I,60, editio princeps 1515) u. a. ist „Lupia“ (griechisch Λουπίας) der Fluss „Lippe“.) geborenGograf in Lippstadt war von 1537 bis 1547 Godehart (Godert) Helwich (Helwech, Hellewech, Hilweck, Helweghe); vgl. Alfred Overmann: Lippstadt. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen. Westfälische Stadtrechte 1,1). Aschendorff, Münster 1901, S. 144 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). und bezeichnete sich als „Lippiensis“ (= „Lippstädter“Bis ins 17. Jh. hieß „Lippstadt“ noch „Stadt zur Lippe“, niederdeutsch: „Stadt tor Lippe“ oder einfach „Stadt Lippe“.) oder „Sicamberus“, also als jemand aus der Gegend zwischen Lippe und Ruhr. Der Vorname „Mento“ (Menso, Menzo, Mense) ist eine niederdeutsche Kurzform von „Meinhard“ oder „Menhart“. Von Zeitgenossen wurde er teilweise als Familienname missverstanden.
Sachsen und Niedersachsen Mento Gogreve besuchte wahrscheinlich die Lateinschule in Lippstadt. Er war früh verwaist und wurde von Burchard XVIII. (1483–1550)Hauptakteur der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523), führte 1540 die Reformation im Amt Lauenstein ein; zu seinem Todesjahr, das auch 1551 oder 1556 angesetzt wurde, vgl. Epistola dedicatoria. In: Mento Gogreve: Bvcolicorvm Virgilii simplex et dilvcida metaphrasis. Wittenberg: Georg Rhau, Wittenberg 1564., und besonders von dessen Sohn Heinrich X. von Saldern (1532–1588), die Pfandherren zu Lauenstein bei Hameln waren, gefördert.Tu enim primùm me orphanum, & ab omnibus destitutum, summis … es beneficiis complexus – „Du hast mir nämlich zuerst als Waise und von allen verlassen … höchste Wohltaten erwiesen“.Vgl. Epistola dedicatoria. In: Mento Gogreve: Bvcolicorvm Virgilii simplex et dilvcida metaphrasis. Wittenberg: Georg Rhau, Wittenberg 1564. Heinrich X. von Saldern hatte in Wittenberg studiertHeinricus a Saldern wurde am 14. Oktober 1549 in Wittenberg zusammen mit Burcardus a Saldern (1534–1595) auf Equord, seit 1590 Drost in Peine, und Henningus Cabusius Hildesianus aus Hildesheim immatrikuliert. Vgl. Melchior Neofanius: Epicedion De Immatvro Obitv Nobilis & Magnifici Viri D: Bvrcharti à Salder, Productis Principum Holsatiæ, & Satrapæ in arce Peyna, Dioeesis Hildesheimensis …, o. O. 1595 (Digitalisat der Digitalen Bibliothek Wolfenbüttel). und war Rat in Wolfenbüttel bis zum Regierungsantritt von Herzog Julius von Lüneburg und Braunschweig-Wolfenbüttel (1528–1589, reg. 1568), später Calenberger Rat.Vgl. Melchior Neofanius: Elegia consolatoria de obitu … viri D. Henrici a Salder. qui ex hac vita decessit Anno 1588. die 2. Decembris. Daniel Büring, Braunschweig 1589. Er ermöglichte auch dem in Lippstadt geborenen Peter Hagen (1554–1614)Schulen in Lippstadt, Braunschweig und Hannover, Schulmeister und Hauslehrer in Lauenstein, 1577 bis 1590 Studium in Rostock und Marburg, Dr. jur. utr., 1596 bischöflicher Rat in Hildesheim, 1598 bis 1604 gefangengesetzt, weil er am Reichskammergericht für die Familie Saldern Prozesse gegen Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (1564–1613) geführt hatte, danach in Speyer, 1609 Syndikus in Lübeck. ein juristisches Studium.Vgl. Daniel Eberhard Baring: Descriptio Salae principatus Calenbergici locorumque adiacentium. Oder Beschreibung der Saala im Amt Lauenstein, Bd. I, Lemgo: Johann Heinrich Meyer 1744, S. 153–155 (Google-Books). Nach dem Tod der Margarethe von Saldern († 1561), Witwe des Reineke von Wend († 1535), bzw. dem Tod ihres Sohnes Simon von Wend († 1548), Drost zu Varenholz und gräflich lippischer Rat, hatte die Braunschweiger Familie von Saldern Streubesitz in der Nähe von Lippstadt geerbt,Vgl. Caspar Schneider, Johann Conrad Knauth: Saxonia Vetus et Magna in Parvo. Oder: Beschreibung des alten Sachsen-Landes. Zimmermann und Gerlach, Dresden 1727, S. 211f. (Google-Books). den sie bis 1563 behaupten konnte.Vgl. Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abt. Ostwestfalen-Lippe Detmold (L 25 Amt Varenholz (Akten), Nr. 184; L 82 Reichskammergericht, Nr. 786, 790 und 911); Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen Münster (Minden-Ravensberg Regierung Lehen II, 144 III); Vereinigte Westfälische Adelsarchive e. V. (Archiv Grevenburg, Urkunde 81 und 82); Niedersächsisches Landesarchiv Bückeburg (L 1 Schaumburger Samtarchiv, Nr. 629).
Am 30. Juli 1557 immatrikulierte sich Gogreve als Mento Gogref Lippiensis Westualus in Wittenberg. 1560 bezog er als Mento Gogreffius die zwei Jahre zuvor neu gegründete Universität Jena, erwarb dort den Magistergrad und wird 1561 als Pfarrer von Bergkirchen in der Grafschaft Schaumburg erwähnt.Vgl. auch Familienangelegenheiten und Rechtsstreitigkeiten des ehemaligen Pastors zu Bergkirchen Mento Gogreve (1563–1571); Staatsarchiv Bückeburg (Schaumburger Samtarchiv, Nr. 7879). 1562 trug sich M. Gogreff in das Stammbuch von Graf Wilhelm I. von Schwarzburg-Frankenhausen (1534–1598) ein.
Aufgrund einer angeblich falschen Beschuldigung wurde Gogreve um 1562 aus der Grafschaft Schaumburg vertrieben und fand nach einiger Zeit Aufnahme beim Rat der Stadt Hameln. 1563 war er Lehrer der unteren Klassen der Lateinschule in Hameln. Dort verfasste er im September 1563 als M. Mento Gogreuius Ludi literarij apud Hamelopolitanos moderator eine Arbeit über die Hirtengedichte Vergils, die er seinem Mentor Heinrich X. von Saldern widmete.
Von April 1566 bis etwa 1572 war Gogreve gemeinsamer Hofprediger der Brüder Otto VIII. (um 1530–1582), Erich V. (um 1535–1575) und Friedrich III. (um 1540–1570) Grafen von Hoya-Bruchhausen in Nienburg/Weser; er hatte damals Frau und Kinder.
Als jährliches Gehalt erhielt Gogreve „die Hofkleidung, 40 Taler zur Unterhaltung und ferner zur Erhaltung seiner Weib und Kinder jährlich 6 Malter Roggen, 6 Malter Gerste, 4 fette Schweine, 1 fetten hierländischen Ochsen, 6 fette Schafe, für 3 Kühe die Grasweide und des Winters die Fütterung dazu, 30 Herrendienst-Fuder Holz zu Behuf seiner Feuerung“. Die Grafen wollten ferner „auch jährlich seiner Frau 2 Himten Lein in unserm dazu dienstlichen Acker säen lassen. Zudem sollen ihm auch 8 magere Schweine bei unseren Schweinen geweidet und am Trog erhalten werden.“Vgl. Wilhelm von Hodenberg: Hoyer Urkundenbuch I. Hoyer Hausarchiv. Jänecke, Hannover 1855, S. 875 [sprachlich modernisiert] (Google-Books).
1570 nahm Gogreve an einer Abendmahlsdisputation in der Grafschaft Hoya teil, woraufhin er sich im folgenden Jahr in einer Monografie gegen den Vorwurf u. a. des Mag. Friedrich Rusch (1519–1599)Auch Rus, Rusius, Russius oder Rauch; Superintendent in Nienburg, verfasste 1581 eine Kirchenordnung. verteidigte, calvinistische oder Brenz’sche Positionen vertreten zu haben.Vgl. Inge Mager: Die Konkordienformel im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel. Entstehungsbeitrag, Rezeption, Geltung (Studien zur Kirchengeschichte Niedersachsens 33). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986, S. 129–165. 1579 und 1583 überarbeitete Gogreve diese Schrift und widmete sie seinen jeweiligen Dienstvorgesetzten.
Um den Streit zwischen Gogreve und Rusch zu schlichten, berief Graf Erich den Lutheraner Mag. Johann Becker († um 1571/72)Auch Ioannes Pistoris; 1541 in Braunschweig, Pfarrer an der St.-Ulrici-Brüderkirche, 1566 des Calvinismus verdächtigt und vertrieben, 1567 in Bremen, Schwiegervater von Mag. Andreas Ditmarus (um 1539–1610). zum Superintendenten, der 1570 von dem reformierten Bürgermeister Daniel von Büren (1512–1593) in Bremen aus der Pfarrstelle „Unser lieben Frauen“ vertriebenen worden war. Hermann Hamelmann (1526–1595) würdigte Becker und Gogreve im Vorwort, als er De poedobaptismo des Hermann von dem Busche 1572 neu herausgab.Hermann Hamelmann: Praefatio. In: Hermann von dem Busche: De poedobaptismo. Dispvtata Westphalica contra Anabaptistas (1533). Leipzig 1572 (Google-Books); vgl. ders.: Auszug Gründlicher widerlegung des Zwinglischen Irthumbs. o. O. 1571, S. 351 (Google-Books). Nach dem Tod Beckers musste Grogreve seine Stelle verlassen, obwohl er vom Hoyaischen Kanzler Johann Haken und dessen Sohn, Rat Robert Haken, unterstützt wurde.Vgl. Hermann Hamelmann: Historia ecclesiastica renati et evangelii per inferiorem Saxoniam & Westphaliam, Teil I (1586). In: Opera genealogico-historica de Westphalia et Saxonia inferiori, hrsg. von Ernst Casimir Wasserbach unter Mithilfe von Gottfried Wilhelm Leibniz. Henrich Wilhelm Meyer, Lemgo 1711. Möglicherweise musste er die Stelle verlassen, weil seine erste Ehe 1572 geschieden wurde.Vgl. Verein für Pfarrerinnen und Pfarrer in der Ev. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen (Hrsg.): Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen. Band III: Biogramme Fe–Ha. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2005, S. 390. Frau und Sohn blieben in Nienburg.
Mecklenburg Im November 1572 immatrikulierte er sich als M. Mento Gogreuius Lippiensis, Jenæ promotus, honoratusMatrikelbuch der Universität Rostock, WS 1419 bis SS 1760 in Rostock. Immatrikulation von Mento Gogreve im Rostocker Matrikelportal Er war dem Rostocker Theologieprofessor David Chyträus (1530–1600) von Martin Chemnitz (1522–1586) und Nikolaus Selnecker (1530–1592) empfohlen worden.David Franck: Des Alt- und Neuen Mecklenburgs Zehntes Buch. Fritze, Güstrow/Leipzig 1755, S. 252 (Google-Books). Im Mai und Juni 1573 war Gogreve kurzzeitig Diakonus (Kaplan) an der Jakobikirche, weil Superintendent Simon Pauli (1534–1591) seine Eignung für ein Amt in Schwerin prüfen wollte. Der Fürstliche Sekretär Johann Molinus protestierte im Namen der Rostocker Pfarrer bei Herzog Johann Albrecht I. von Mecklenburg (1525–1576) sofort gegen diese Besetzung, weil „allerley Reden von des Mentonis Lehre und Leben, so er anderswo … geführet hin und wieder in dieser E. F. G. Universitäten und Stadt gesprenget worden“ und er kein Abgangszeugnis aus der Grafschaft Hoya vorweisen könne.
Am 18. Mai 1573 nahm Gogreve als Lizenziatenprüfung Promotion zum Lizentiat von Mento Gogreve im Rostocker Matrikelportal an einer Disputation über die Kennzeichen der „wahren Kirche“ teil. Im Juli 1573 wurde ihm das Lizenziat der Theologie verliehen. Dieses erneute Examen wurde für erforderlich gehalten, weil Gogreve kein Zeugnisse hatte vorlegen können.Vgl. David Franck: Des Alt- und Neues Mecklenburgs Zehntes Buch von Mecklenburgs Ordnungen in Geist- und weltlichen Dingen. Güstrow / Leipzig 1755, S. 252f. (Google-Books). Schon zuvor war Mento Grogreve jedoch, nachdem man eine Auskunft beim Geistlichen Ministerium in Nienburg (Neuenburg) angefordert hatte, an der Jakobikirche „wegen des Calvinismi enturlaubet“ worden und hatte am 9. Juni 1573 die Stadt verlassen.Vgl. Zacharias Grape: Das Evangelische Rostock, oder Kurtzer Bericht Von der Stadt Rostock Reformation und Bekehrung zur Evangelisch-Lutherischen Lehre, als auch derselben Fortpflantzung. Johann Heinrich Rußworm, Leipzig / Rostock 1707, S. 401f., 536 (Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen).