Emma Ranette Budge, geborene Lazarus (geboren am 17. Februar 1852 in Hamburg; gestorben am 14. Februar 1937 ebenda) war eine deutsch-amerikanische Kunstsammlerin, Stifterin und Mäzenin. Ihr umfangreiches Vermögen und ihre Villa in Hamburg, das Budge-Palais, wurden nach ihrem Tod auf der Grundlage antijüdischer Gesetze zu großen Teilen von der Stadt Hamburg vereinnahmt, ihre berühmte Kunstsammlung mit weit über tausend Exponaten versteigert.
Leben Emma Lazarus war die Tochter des hamburgischen Kaufmanns Ludwig Lazarus und seiner aus Karlsruhe stammenden Frau Emilie, geborene Hofmann. Die Familie gehörte der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg an. 1879 heiratete Emma den am 20. November 1840 in Frankfurt am Main geborenen Bankier Henry Budge. Dieser lebte seit 1866 in den USA und war seit 1875 Teilhaber des Bankhauses L. Hallgarten & Co. Sie siedelte mit ihm in die USA über und erlangte 1882 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Henry Budge erwarb durch die Sanierung und Neustrukturierung der amerikanischen Eisenbahngesellschaften in den folgenden Jahren ein Millionenvermögen. mini|Budge-Palais in Hamburg-Harvestehude 1903 kehrte das kinderlose Ehepaar nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder. Hier hatte Budge im Jahr 1900 eine Villa an der Alster gekauft und dem Architekten Martin Haller den Auftrag zum Aus- und Umbau erteilt. Es entstand das sogenannte Budge-Palais am Harvestehuder Weg, das zu Lebzeiten der Budges zu einem Zentrum des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in Hamburg wurde. In den folgenden Jahren trug Emma Budge eine hochrangige Kunst- und Kunsthandwerkssammlung zusammen, die aus Möbeln, Textilien, Skulpturen, Goldschmiedekunst, Gemälden, Porzellan und Fayencen sowie Fächern bestand. Der Wert der Sammlung wurde Mitte der 1930er Jahre auf eine Million Reichsmark beziffert.Karin Annette Möller, Kornelia von Berswordt-Wallrabe: Zu einer Böttgersteinzeug-Statuette aus de Sammlung Emma Budge, Hamburg. In: Ulf Häder: Beiträge öffentlicher Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zum Umgang mit Kulturgütern aus ehemaligem jüdischen Besitz. Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, Magdeburg 2001, S. 269 ff.
In den 1920er Jahren gründete das Ehepaar zahlreiche Stiftungen mit sozialer Zielsetzung in Hamburg, Wetzlar und Frankfurt am Main. Diese bestanden ausdrücklich zur Unterstützung Hilfsbedürftiger ohne Unterschied des Glaubens und sollten das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden befördern. Zur Gründung der Frankfurter Universität stellte Henry Budge bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine halbe Million Reichsmark zur Verfügung. Auch wollte er den Bau eines neuen Tempelgebäudes in Hamburg unterstützen, er stellte jedoch die Bedingung, dass dort Frauen und Männer wie in einer New Yorker Reformgemeinde zusammen sitzen sollten. Das Angebot wurde daraufhin von dem Rabbiner Jacob Sonderling abgelehnt.
Henry Budge starb am 28. Oktober 1928 in Hamburg. Nach seinem Testament erhielt Emma Budge die Verfügungsgewalt über sein Vermögen. Mit einer gemeinsamen Erklärung der Eheleute sollte die Kunstsammlung nach dem Tod des überlebenden Ehegatten dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe vermacht werden. In diesem Sinne handelte Emma Budge im Frühjahr 1932 mit dem damaligen Staatsrat Leo Lippmann die Gründung einer weiteren Emma-Budge-Stiftung aus, nach der auch der gesamte Grundbesitz am Harvestehuder Weg in das Eigentum der Stadt übergehen und, mit seinen Kunstschätzen, als Museum geöffnet werden sollte.Günter Könke: Das Budge-Palais. Entziehung jüdischer Vermögen und Rückerstattung in Hamburg. In: Arno Herzig (Hrsg.): Die Juden in Hamburg von 1590 bis 1990. Wissenschaftliche Beiträge der Universität Hamburg zur Ausstellung Vierhundert Jahre Juden in Hamburg. Hamburg 1991, S. 658.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gerieten Emma Budge und die Mitglieder ihrer Familie zunehmend unter den antisemitischen Druck des NS-Regimes. 1935 widerrief sie das Testament und die Schenkungsabsichten:
mini|hochkant|Grab von Emma und Henry Budge auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt, Rat-Beil-Straße
Emma Budge starb am 14. Februar 1937 in Hamburg, wenige Tage vor ihrem 85. Geburtstag. Sie wurde eingeäschert und an der Seite ihres Mannes auf dem Alten Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße in Frankfurt am Main beigesetzt.
Das Testament In der letztgültigen Fassung des Testamentes vom November 1935 reagierte Emma Budge auf die unsicheren politischen Verhältnisse. Sie setzte vier Testamentsvollstrecker ein, die nach eigenem Ermessen eine Verwertung des Hauses, der Kunstsammlung und des Vermögens vornehmen sollten. Ausdrücklich verfügte sie, dass der Nachlass, weder Haus noch Kunstsammlung, in die Verfügungsgewalt der Stadt Hamburg gelangen durften. Als Nachlassverwalter hatte sie den Bankier Max Warburg, den Rechtsanwalt Hermann Samson und die Budge-Neffen Max Kronheimer und Ludwig Bernstein eingesetzt. Für den Fall, dass diese Beauftragten ausfallen und jemand anderes benannt werden solle, war vorgesehen, dass es sich dabei um jemand handeln müsse, der jüdischen Glaubens sei. Bedacht waren von dem Testament 13 jüdische Verwandte.
Zum Zeitpunkt von Emma Budges Tod waren mehrere der Erben bereits aus Deutschland ausgewandert, andere bereiteten ihre Emigration vor. Die Testamentsvollstrecker beschlossen deshalb die Veräußerung der Kunstsammlung und des Budge-Palais, da sie keine andere Möglichkeit der Verwertung sahen. Die Sammlung wurde noch im Jahr 1937 im Auktionshaus Paul Graupe Berlin in zwei großen Auktionen versteigert. Erworben wurden die über tausend Objekte sowohl von Privatbesitzern wie von Vertretern der wichtigen Museen im Deutschen Reich, aber auch aus den Niederlanden und aus der Schweiz.Esther Tisa Francini u. a.: Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933–1945 und die Frage der Restitution S. 192 f. Der Erlös betrug etwa eine Million Reichsmark und wurde auf ein mit Sicherheitsanordnung belegtes Nachlasskonto beim Bankhaus M.M. Warburg gezahlt, wie es die nationalsozialistische Gesetzeslage für jüdisches Vermögen vorsah.Karin Annette Möller, Kornelia von Berswordt-Wallrabe: Zu einer Böttgersteinzeug-Statuette aus de Sammlung Emma Budge, Hamburg. S. 271.
Auch das Palais wurde zum Kauf angeboten, im Herbst 1937 machte der Reichsstatthalter und Gauleiter der NSDAP Karl Kaufmann den Anspruch der Stadt Hamburg auf das Haus geltend, am 11. Dezember 1937 ging es samt seinem Grundstück und der Nebengebäude in das Eigentum der Stadt Hamburg über. Der Gesamtpreis in Höhe von 305.000 Reichsmark wurde ebenfalls dem Sperrkonto gutgeschrieben.Günter Könke: Das Budge-Palais. Entziehung jüdischer Vermögen und Rückerstattung in Hamburg. S. 659.
Zum Budge-Nachlass gehörten zudem weitere Vermögenswerte, insbesondere ausländische Wertpapiere und Dollarguthaben. Insgesamt wird von einem Gesamtwert des Erbes von sechs Millionen Reichsmark ausgegangen, das der nationalsozialistische Staat in den folgenden Jahren zum größten Teil an sich brachte, indem die Testamentsvollstrecker abgesetzt, die noch in Deutschland lebenden Erben an der Auswanderung gehindert und teilweise inhaftiert wurden und letztlich scheinbar legal über Sicherungsanordnungen, Sondersteuern und -abgaben kein Auszahlungsbetrag verblieb. Als neuer Nachlassverwalter wurde von den nationalsozialistischen Hamburger Behörden der ehemalige Steuerberater Emma Budges, der Wirtschaftsprüfer Gottfried Francke, eingesetzt.
Die Kunstsammlung mini|hochkant|Cris de Paris, 16 Meissener Figuren aus der Sammlung Emma Budge Im August 1937 wurden die diversen Sammlungen, die Gemälde, die Möbel und das Porzellan in fünf Möbelwagen von Hamburg nach Berlin gebracht und dort im Auktionshaus Paul Graupe angeboten. Die Versteigerung sollte vom 27. bis 29. September 1937 stattfinden, verschob sich jedoch auf den 4. bis 6. Oktober. Für diese erste Auktion unter dem Titel Die Sammlung Emma Budge † Hamburg erstellte das Schlossmuseum Berlin den dazugehörigen Katalog mit insgesamt 1.020 Losnummern, die teilweise mehrere Kunstobjekte umfassten. Es handelte sich dabei um Porzellan, Keramik, Textilien, Silber- und Goldschmiedearbeiten und 23 Gemälde. Die Objekte waren unlimitiert, das hieß, sie mussten um jeden Preis versteigert werden.Esther Tisa Francini u. a.: Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933–1945 und die Frage der Restitution. Zürich 2001, ISBN 3-0340-0601-2, S. 192 f. Zwei Monate später, vom 6. bis 7. Dezember 1937 wurden weitere Objekte im Rahmen einer Auktion unter dem Titel Verschiedener deutscher Kunstbesitz. Gemälde alter und neuer Meister (zum größten Teil aus Sammlung Budge †, Hamburg). Plastik/Bronzen/Möbel/Tapisserien/Textilien/Silber/Porzellan/Majoliken/Fayencen. in 338 Losnummern angeboten. Darunter befanden sich 39 Gemälde, die in der ersten Auktion keine Käufer gefunden hatten. Es handelte sich dabei um die größte Privatsammlung, die während der Nazi-Zeit versteigert, und mit den Einnahmen von etwa einer Million Reichsmark um den höchsten Versteigerungserlös, der erzielt wurde.Karin Annette Möller, Kornelia von Berswordt-Wallrabe: Zu einer Böttgersteinzeug-Statuette aus de Sammlung Emma Budge, Hamburg. S. 271.
Die außergewöhnliche Porzellansammlung umfasste Exponate aus bedeutenden frühen Manufakturen aus Wien, Nymphenburg, Höchst und Meissen. Es handelte sich um 13 Positionen Geschirr, 20 Tierdarstellungen und 99 Meissener Figuren aus dem 18. Jahrhundert, darunter Apoll und die neun Musen und 16 Miniaturen der Serie Cris de Paris des Künstlers Johann Joachim Kändler. Das wertvollste Stück der Sammlung war eine Statuette aus rotbraunem Böttgersteinzeug, die vermutlich den Kurprinz Friedrich August, den Sohn Augusts des Starken darstellt. Diese erwarb das Landesmuseum Schwerin für einen Kaufpreis in Höhe von 2.185 Reichsmark. Diese Figur wurde im Jahr 2001 nach der Washingtoner Erklärung an die Erben restituiert und 2012 nach gütlicher Einigung vom Museum erworben., Pressemitteilung, Staatliches Museum Schwerin, Januar 2012.
mini|links|Charles André van Loo: Höfische Sommerpartie aus der Sammlung Emma Budge Neben den kunstgewerblichen Gegenständen kamen auch etwa sechzig Gemälde und zehn Miniaturen, vor allem niederländischer und englischer Maler aus dem späten 19. Jahrhundert, im Dezember 1937 in die Auktion. Das davon am höchsten geschätzte Werk war die Höfische Sommerpartie von Charles André van Loo, das zu einem Preis von 20.000 Reichsmark angeboten wurde. Weitere Werke stammten von Andreas Achenbach, Oswald Achenbach, Francesco Bartolozzi, William Adolphe Bouguereau, Narcisso Virgilio Díaz de la Peña, Jules Dupré, Jean-Léon Gérôme, Ludwig Knaus, Théodore Rousseau, Benjamin Vautier und Adriaen Hendriksz Verboom (das Gemälde Das Kegelspiel wurde im Katalog Job Adriaensz Berckheyde zugeschrieben). Der größte Teil der versteigerten Sammlung gilt bis heute als verschollen. So sind im Lostart-Register, der Datenbank der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg, neben den Gemälden und Miniaturen 45 Druckgrafiken, 65 Plastiken, 34 antike Möbelstücke und 1105 Exponate des Kunsthandwerks einschließlich der Porzellansammlung als Suchmeldungen eingetragen. Hinzu kommt ein Puppenhaus, das inzwischen im Museum für Kunst- und Gewerbe zugeordnet werden konnte, und ein Puppenladen.lostart.de: Sammlung Emma Ranette Budge, Erbengemeinschaft, abgerufen am 5. April 2011.
Das Budge-Palais