Holtensen liegt 5,6 km nördlich der Kernstadt von Hameln und gehört neben den Dörfern Unsen und Welliehausen zu der Ortschaft Sünteltal. 1973 wurde die ursprünglich eigenständige Gemeinde im Rahmen der Gebietsreform in die Stadt Hameln eingemeindet.
Geografie mini|Blick vom Schweineberg auf Holtensen, im Hintergrund im Westen der Ortschaft der Lengeberg
Der Ort liegt im Naturpark Weserbergland Schaumburg-Hameln auf 177 m ü. NHN. Er grenzt im Norden an das Süntelgebirge (442 m ü. NHN), im Westen an den Lenge(n)berg (277 m ü. NHN), im Osten an das Naturschutzgebiet Schweineberg (265 m ü. NHN) und im Süden an die spätmittelalterliche Rodungsinsel Gröninger Feld.
Geschichte Mittelalter Nach der Siedlungsforschung sind Orte mit den Endungen „-hausen“ und „-husen“ (abgeschliffen zu „-sen“), wie Holtensen, in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends n. Chr. am Süntel in zweitrangiger Siedlungslage angelegt worden.Helga Knoke: Wald und Siedlung im Süntel. Eine siedlungsgeschichtliche Untersuchung. Rinteln 1968, S. 118. Eine genaue Zeitangabe für die Ortsgründung ist aufgrund der Quellenlage nicht möglich. Manfred Willeke bezeichnet Holtensen als einen im 7./8. Jahrhundert gegründeten Ort.Manfred Willeke, 2019, S. 10, zitiert den deutschen Prähistoriker Friedrich Hohenschwert, 1995, S. 65–80. Kurt Wagner vermutet den Zeitpunkt der Dorfgründung dagegen um das Jahr 900 n. Chr.Kurt Wagner, 1936, S. 3. Die Entstehung des Ortsnamens geht vermutlich auf Theodericus de Hovlthusen (Theoderich von Holthusen) zurück, der im Hochmittelalter als Vertreter des altsächsischen Uradels eine kleine Grafschaft HoltensenCarl Wilhelm Wippermann, Reg. Schaumburg, S. 13 erwähnt, dass ein „placitum comitis Theoderici de Holthusen in villa munere“ existierte, welches etwa 7 Parochien zwischen Münder und Hameln umfasst haben mag. mit Stammsitz in Holtensen und sieben Parochien (Pfarreien) im altsächsisch-engernschen Tilithigau besaß. Er hatte als Gerichtsherr die beiden DingstühleDer historische Begriff Dingstuhl bezeichnete im Mittelalter den Sitz eines Richters bzw. eine Gerichtsstätte unter freiem Himmel. zu MünderDas Territorium der Grafschaft von Holthusen war nicht deckungsgleich mit dem Territorium der Goe auf der Hamel, da Münder in der Zeitstellung des Hochmittelalters außerhalb der Goe auf der Hamel lag und nicht alle Orte der Goe zur Grafschaft derer von Holthusen gehörten. und Diedersen inne und war Gograf der Goe auf der Hamel.Vgl. zur Ortsnamenforschung das Niedersächsische Ortsnamenbuch (NOB). Es ist ein langfristig angelegtes Projekt des Instituts für Historische Landesforschung an der Universität Göttingen. Urkundlich ist der Ort (Holtensen) mit dem Personennamen der Grafenfamilie Holthusen wohl erstmals um 1127/1140 belegt.UB Hameln I, Nr. 19, sofern mit der Urkunde von 1184 über den Zehnten und Land in Holthusen bei Willeke, S. 12, nicht ein anderer Ort, wie z. B. Holzhausen bei Bad Pyrmont, gemeint war. HKLH verweist auf Dürre: Regesten Homburg, Hauptteil, Nr. 19, wonach Holtensen (Holzen) östlich von Eschershausen („Holthusen prope Eschershusen“) gemeint sei.
Holtensen gehörte zum Archiadiakonat Ohsen der Diözese Minden, das faktisch bis 1647/1648 bestand und infolge des Westfälischen Friedens offiziell aufgelöst wurde.
Holtensen lag im Gerichtsbezirk bzw. Untergau Goe auf der Hamel des altsächsischen Tilithigaues. Die Bewohner von Holtensen konnten gemeinsam mit den Bewohnern benachbarter Dörfer die Waldgebiete und Fluren der sog. Ostermark im östlichen Süntel nutzen. Holtensen gehörte während des Mittelalters und der frühen Neuzeit zum Archidiakonat Ohsen der Diözese Minden (das historische Bistum Minden wurde 1803 aufgelöst).Jürgen Schlieckau: Die Geschichte der Dörfer Diedersen und Dadersen. Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden 2025, ISBN 978-3-95954-174-9, S. 25.
Der erste urkundlich genannte Pfarrer in Holthusen war Sigebodes, sacerdos (Geistlicher).Lit.: Sprenger, Geschichte von Hameln, zitiert von Kurt Wagner, 1936, S. 3. Das Kloster Amelungsborn bei Eschershausen besaß im Jahr 1180 30 Morgen Land in Holthusen als Schenkung des Edelherrn Bodo von Homburg.Manfred Willeke, 2019, S. 12.
Das Rittergut/der Edelhof der Adelsfamilie von Holthusen, das seit dem 7./8. Jahrhundert n. Chr.Manfred Willeke, 2019, S. 118. als Urhof des Dorfes vermutlich zunächst im Eigenbesitz (Allodium) der Uradelsfamilie von Holthusen war (deren Enkel und Nachfolger von Emme/Embere hießen) und vermutlich an das Bistum Minden verkauft oder abgetreten wurde,Manfred Willeke, 2019, S. 10 und S. 95. war nach 1247 im Besitz des Edelherrn Hermann von Arnheim, wurde 1304/1312 von Bischof Gottfried von Minden an Conrad von Arnheim und den Grafen Moritz von Spiegelberg verlehnt und war 1334 im Besitz der Familie von Bovenden, die Lehnsleute der Herzöge von Braunschweig waren.Manfred Willeke, 2019, S. 95. Walter von Post wurde urkundlich erstmals ab 1399 von Herzog Friedrich zu Braunschweig und Lüneburg mit Holthusen belehnt.Kurt Wagner, 1936, S. 4.Manfred Willeke, 2019, S. 19. In der Folge gehörte das Rittergut über 400 Jahre bis 1806 in den Lehnsbesitz des westfälisch-niedersächsischen Uradelsgeschlechts von Post, das ursprünglich in der Grafschaft Schaumburg (Posteburg bei Hülsede/Schmarrie) begütert war und später in Skandinavien ansässig wurde. „Das Rittergut Holtensen kam 1826 an das thüringische Uradelsgeschlecht von Wangenheim, das es (wiederum) 1883 an den Landwirt Wasshausen aus Edesheim bei Northeim verkaufte.“ Da die Familie Wasshausen nicht adlig war, war das Holtenser Gut seit 1883 kein Rittergut mehr.Manfred Willeke, 2019, S. 118. Seit 1917 besitzt die Familie Flörcke das Restgut.
Es gab vom 13. bis zum 16. Jahrhundert auch eine Reihe von Dorfbewohnern mit dem Herkunftsnamen „von/aus Holtensen“, die nicht dem Rittertum oder dem geistlichen Stand angehörten.
Von der Frühen Neuzeit bis zur Neueren Geschichte Die Dörfer der Goe auf der Hamel, zu der auch Holtensen zählte, gehörten von 1411 bis 1885 zum Amt Springe, mit Ausnahme der Zeit von 1537 bis 1586, in welcher der Ort zur Großvogtei Calenberg gehörte.Manfred Willeke, 2019, S. 23 und S. 31. Das Amt Springe gehörte im 15. und 16. Jahrhundert zum Fürstentum Calenberg, das aus einer Teilung des welfischen Herzogtums Braunschweig-Lüneburg entstanden war. Die Bauern des Ortes waren in der Frühen Neuzeit dem Dorfmeister in Vorwerk Dahle an der Deisterpforte zu Fuhrdiensten, Frondiensten und Abgaben verpflichtet.
Während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) fiel Oberst von Falkenstein, Truppenführer im Dienst des Kurfürstentums Bayern, 1622 mit seinen Truppen in den Raum um Holtensen ein. Es fanden Plünderungen statt, u. a. wurden alle Kirchenschätze geraubt. Der kaiserliche Heerführer Johann T’Serclaes Graf von Tilly raubte am 30. Juli 1625 mit seinen Truppen alles in Holtensen, was noch übrig war, u. a. Vieh und Getreide. Die Holtenser brachten alles, was sie noch retten konnten, in die Wälder am Süntel und am Schweineberg. Im Jahr 1633 wurde das Pfarrhaus in Holtensen durch einen Brand zerstört; kirchliche Urkunden und Akten gingen dabei verloren. In und um Holtensen fanden mehrere Gefechte der feindlichen Parteien statt. Der Pastor Johannes Heinrich Callmeyer notierte später im Holtenser Kirchenbuch: „Zwischen 1650 und 1654 starben in Holtensen nur 5 Personen, wodurch bezeuget wird, dass nur wenige Menschen noch in Holtensen wohnten“.Kirchenbuchnotiz des Pastors Johannes Heinrich Callmeyer (amt. 1645–1677) im Holtenser Kirchenbuch, zitiert in https://kirchengemeindelexikon.de/einzelgemeinde/holtensen-hameln/, abgerufen am 24. Oktober 2025.
Von 1692 bis 1807 gehörte Holtensen zum Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg.
Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurden französische Soldaten nach der Schlacht bei Hastenbeck im Jahr 1757 in Holtensen einquartiert. In dieser Zeitstellung hatte Holtensen nach einem topographischen Verzeichnis von 1777 einen adligen Hof und 24 Feuerstellen.Kurt Wagner, 1936, S. 8.
Ende des 18. Jahrhunderts entstanden die ersten Handwerksbetriebe im bis dahin rein gutsherrlich-bäuerlichen Dorf. Ärmere Dorffamilien verdienten sich mit der Weberei in Heimarbeit ihren Lebensunterhalt.
In den Koalitionskriegen rückte 1803 das napoleonische 94. Regiment gegen Hameln vor, besetzte die Stadt und quartierte seine französischen Soldaten u. a. in Holtensen ein. Im Jahr 1804 wurden russische Soldaten in Holtensen einquartiert, welche die Stadt Hameln belagerten, die zu dieser Zeit von den Franzosen besetzt war. Von 1807 bis 1813 gehörte Holtensen zum französischen Königreich Westphalen. Im Jahr 1808 mussten Holtenser Bauern bei der von Napoleon befohlenen Schleifung der Festung Hameln helfen. Und ab 1810 erhoben die Franzosen hohe Steuern, die für die Dorfbewohner hohe Lasten bedeuteten. Gegen Ende der französischen Fremdherrschaft quartierten sich Teile des preußischen Bülow'schen Korps, die in den Befreiungskriegen die Verfolgung der Franzosen aufnahmen, in Holtensen ein.Kurt Wagner, 1936, S. 9. 1814 kam Holtensen zum Königreich Hannover.
1830 wurde die OstermarkDer Name „Ostermark“ leitet sich nach Manfred Willeke (2019, S. 134) von der geographischen Lage ab, da die Sünteler Holzmark am östlichsten von allen lag. Sie entstand im 6. bis 8. Jahrhundert n. Chr. geteilt. Die Verhandlungen zogen sich jedoch noch bis in das Jahr 1840 hin, als die Forstgenossenschaft Holtensen im Rahmen einer Generalteilung gegründet wurde. 1850 wurde die Gemeinde Holtensen dem Amt Hameln zugeordnet und verlor das freie Jagdrecht. Zwischen 1855 und 1865 fand im Zuge der Agrarreformen die Verkoppelung (Spezialteilung) der rund 1044 Morgen Wirtschaftsflächen in Holtensen statt.Manfred Willeke, 2019, S. 56–62. 1865 hatte Holtensen 52 Feuerstellen. 1866 kam der Ort zur preußischen Provinz Hannover.
Im 19. Jahrhundert wurden im Süntel Kalksteinbrüche eröffnet, die Material zur Verbesserung des Wegenetzes lieferten. Im Zuge der Industrialisierung kam es zu sozialen Umbrüchen. Das Maurer- und Zimmererhandwerk wurde neben dem Gelegenheitsarbeiter bevorzugter Erwerbszweig Holtenser Einwohner.Friedrich Katz, 1972, S. 19. Die Arbeiter mussten im täglichen Fußmarsch zu den Baustellen in andere Orten pendeln.
1884 kam Holtensen zum Kreis Hameln. Die Kreisstraße 1 von der Holtenser Warte nach Welliehausen (Pötzer Straße) wurde 1899 als Landstraße ausgebaut. In den Jahren 1913/1914 erhielt Holtensen eine Stromversorgung. Am 1. April 1922 kam der Ort zum Landkreis Hameln-Pyrmont.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus Holtensen 18 Soldaten.
1930 erhielt das Dorf eine Wasserleitung. 1935 gab es in Holtensen 81 Häuser.Kurt Wagner, 1936, S. 13. In der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wurden Gegner der Nationalsozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten aus Holtensen, verfolgt und häufig vorübergehend im Hamelner Gefängnis inhaftiert.
Im Zweiten Weltkrieg gab es auf den Bauernhöfen im Ort Zwangsarbeiter, und Holtensen nahm Ausgebombte aus der Stadt Hannover und aus dem Saarland auf. Ein russischer Zwangsarbeiter wurde zu Kriegsende in Holtensen von Wehrmachtssoldaten erschossen, nachdem er sich zur Aussichtslosigkeit des bewaffneten Kampfes der Wehrmacht gegen die anrückenden Alliierten geäußert hatte.Bernhard Gelderblom: Bericht über einen russischen Zwangsarbeiter, in: „Liebenswertes Sünteltal“, 2024.Jürgen Schlieckau, 2025, S. 53. Im Frühjahr 1945 suchten über 1.000 Bürger der Stadt Hameln aus Furcht vor den herannahenden alliierten Truppen Schutz in Holtensen. Drei Feldküchen versorgten die Flüchtlinge im Ort. Im Zweiten Weltkrieg fielen aus Holtensen 26 Soldaten oder wurden vermisst.Friedrich Katz, 1972, S. 22.
Neueste Geschichte 1945 hatte Holtensen 81 Feuerstellen.Friedrich Katz, 1972, S. 24. 1946 stieg die Zahl der Dorfbewohner durch die Aufnahme der Kriegsflüchtlinge und Vertriebenen von knapp 400 auf etwa 760 (die im Jahr 1945 nur für kurze Zeit in Holtensen schutzsuchenden Hamelner Bürger sind hier nicht mitgezählt).