Vollmarshausen ist ein Ortsbezirk der Gemeinde Lohfelden im nordhessischen Landkreis Kassel und die älteste Siedlung im Söhreraum.August Straub: Nordhessen: Landschaft, Geschichte, Kultur, Kunst, Wirtschaft, Band 1, Glock u. Lutz Nürnberg 1969, S. 176 Bis heute ist das Ortsbild durch historische Fachwerkhäuser geprägt. Durch den Ort fließt der Wahlebach.
Geschichte mini|hochkant|Der noch unbefestigte Wahlebach führte entlang der Kasseler Straße und der Linde am Gerichtsplatz, sichtbar auch der Steintisch (1910) mini|hochkant|Die Evangelische Kirche Vollmarshausen
Ortsgeschichte Das Gebiet um Vollmarshausen wurde in der späten Bronzezeit und älteren Eisenzeit (ca. 1200 bis ca. 650 vor Christus) besiedelt, wie das 1951 entdeckte Gräberfeld von Vollmarshausen belegt. Es gehört zu den bedeutendsten Funden aus dieser Zeit in Westeuropa.
Im 10. und 11. Jahrhundert wurden die gerodeten Flächen östlich von Kassel an Kolonisten vergeben, die Felder und Grundstücke in Erbpacht.Angela Pitzschke: Lohfelden. Drei Dörfer - ein Ort. Geschichte und Geschichten, S. 83 1996 Im Jahr 1019 schenkte Kaiser Heinrich II. die Ortschaft Volmareshusun dem Kloster Kaufungen. Diese Urkunde gilt heute als die Ersterwähnung Vollmarshausens. In erhaltenen Urkunden späterer Zeit wurde der Ort unter den folgenden Namen erwähnt (in Klammern das Jahr der Erwähnung): Volcmereshusun, Wolcmereshusin (1229), Volmershusen (1306), Volmarshusin (1351) und Fulmershusen (1487).
Als Pfarrort erscheint Vollmarshausen erstmals im 14. Jahrhundert, und noch 1536 war es eine selbstständige Pfarrei.Pfarrergeschichte des Kirchenkreises Kassel-Land von den Anfängen bis 1977, Ernst Werner Magdanz, S. 18, Elwert 2002
Im 17. und 18. Jahrhundert beherbergte die seit dem frühen 14. Jahrhundert erwähnte Obermühle die Waffenschmiede von Johann Jakob Lagemann; der Betrieb wurde 1924 eingestellt, das Gebäude ist jedoch noch erhalten. In der Ortsmitte befindet sich der historische Gerichtsplatz von Vollmarshausen. Die Ursprünge des Schöppenstuhl oder Thingplatz genannten Platzes reichen bis ins Mittelalter.
mini|Poststempel aus der noch unabhängigen Ortschaft, 1959
Bis ins 19. Jahrhundert hatte Vollmarshausen eine Kirche, die aus einer Zeit stammte, als der Ort nur 850 Einwohner hatte. 1835–39 wurde die Evangelische Kirche Vollmarshausen nach Entwürfen von Daniel Engelhard gebaut. Die Formensprache folgt dem Klassizismus, Grundriss und Turm gleichen jedoch einer byzantinischen Basilika. Altargerät, Taufstein, Glocken und der Kelch wurden vom Vorgängerbau übernommen.
1905 wurde die Ziegelwerk Vollmarshausen GmbH gegründet; sie bestand bis Ende 1965, als sich die Lehmvorkommen erschöpft hatten.Angela Pitzschke: Lohfelden. Drei Dörfer - ein Ort. Geschichte und Geschichten, S. 126 1996
1933 erregte der Fall des Volksschullehrers Ludwig Rüdiger Aufsehen, der sich dem Nationalsozialismus widersetzte. Es folgten Verhaftungen. Bereits 1932 hatten Nationalsozialisten im Preußischen Landtag die Verhaftung des Vollmarshausener Bürgermeisters beantragt.
Den Krieg überdauerte die Ortschaft ohne materielle Verluste.Festschrift der SPD Vollmarshausen zum 100 jährigen Bestehen
Hessische Gebietsreform (1970–1977)
Im Zuge der Gebietsreform in Hessen fusionierten am 1. Dezember 1970 die Gemeinden Lohfelden, bestehend aus Crumbach und Ochshausen, und Vollmarshausen freiwillig zur neuen Gemeinde Lohfelden. Das bisherige Lohfelden hatte zu diesem Zeitpunkt ca. 8000 Einwohner, Vollmarshausen ca. 3000. Ortsbezirke nach der Hessischen Gemeindeordnung wurden nicht errichtet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Vollmarshausen angehört(e):
vor 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen, Amt Neustadt 1567–1806: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Neustadt ab 1806: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Neustadt ab 1807: Königreich Westphalen, Departement der Fulda, Distrikt Kassel, Kanton Waldau ab 1815: Kurfürstentum Hessen, Amt Kaufungen ab 1817: Kurfürstentum Hessen, Amt Waldau ab 1821/22: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis KasselVerordnung vom 30sten August 1821, die neue Gebiets-Eintheilung betreffend, Anlage: Übersicht der neuen Abtheilung des Kurfürstenthums Hessen nach Provinzen, Kreisen und Gerichtsbezirken. Sammlung von Gesetzen etc. für die kurhessischen Staaten. Jahr 1821 – Nr. XV. – August. (kurhess GS 1821) S. 70.Trennung zwischen Justiz (Landgericht Kassel) und Verwaltung. ab 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Kassel ab 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Kassel ab 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Kassel ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel ab 1918: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Kurhessen, Landkreis Kassel ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel ab 1971: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel, Gemeinde Lohfelden
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Vollmarshausen 3306 Einwohner. Darunter waren 108 (3,3 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 543 Einwohner unter 18 Jahren, 1320 zwischen 18 und 49, 726 zwischen 50 und 64 und 717 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 1497 Haushalten. Davon waren 150 Singlehaushalte, 483 Paare ohne Kinder und 420 Paare mit Kindern, sowie 120 Alleinerziehende und 21 Wohngemeinschaften. In nnn Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in nnn Haushaltungen lebten keine Senioren.
Einwohnerentwicklung Quelle: Historisches Ortslexikon • 1585: 48 Haushaltungen • 1747: 55 Haushaltungen
Historische Religionszugehörigkeit • 1885: 1065 evangelische (= 98,79 %), 2 katholische (= 0,19 %) und 11 andere Christen (= 1,02 %) • 1961: 2210 evangelische (= 89,15 %), 216 katholische (= 8,71 %) Einwohner
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Die historische Franzosenstraße Der Gerichtsplatz im Siedlungskern ist die älteste Dominante. Wenngleich eine sehr alte Siedlung, prägt die Periode 1790–1830 entscheidend das Ortsbild, als man sich von der Landwirtschaft abwandte. Die meisten Gebäude der denkmalgeschützten Gesamtanlage und nahezu alle der 32 Kulturdenkmäler in Vollmarshausen sind aus der Epoche der beginnenden Industrialisierung und klassizistisch ausgeführt. Auch ein Ziegelwerk im Ort änderte nichts am bevorzugten Bau von Fachwerkhäusern. Ab den 1950er Jahren wurden am Ortsrand Neubaugebiete erschlossen, die mit Reihenhäusern und Einfamilienhäusern bebaut wurden.
2006 wurde der Platz vor der Gaststätte „Zum Grünen Baum“ mit dem historischen Brunnen „An Dippels Born“ neu gestaltet, im ersten Stock des Gebäudes der Gaststätte befindet sich seitdem ein Familienraum.
Ortsspitzname Die Einwohner von Vollmarshausen werden im nordhessischen Dialekt auch mit dem Ortsnecknamen „Baddschen“ (Pantoffeln) bezeichnet.
Infrastruktur und Verkehr In Vollmarshausen gibt es eine Grundschule, eine Ortsteilbücherei und eine Kindertagesstätte. Durch den Ort führen die Kreisstraße 8 sowie die Landesstraßen L 3203 und 3236.
Durch den Ort führen die Buslinien 37 und 38 sowie die Verstärkerlinie 36. Dabei durchquert die Linie 38 Vollmarshausen auf direktem Weg zwischen Söhrewald und dem Gemeindezentrum Lohfeldens und Kassel. Durch die Linie 37 wird der größere Teil des Ortes abgedeckt. Tagsüber verkehren beide Linien im Halbstunden-Takt.
Persönlichkeiten Johann Jakob Lagemann (1696–1766), Waffenhersteller Wilhelm Beinhauer (1800–1884), Bürgermeister, Gutsbesitzer und Abgeordneter der Kurhessischen Ständeversammlung Wilhelm Albert Beinhauer (1832–1906), Gutsbesitzer und Abgeordneter des Preußischen Abgeordnetenhauses Vera Rüdiger (1936–2025), deutsche Politikerin
Weblinks
Webauftritt der Gemeinde Lohfelden
Anmerkungen und Einzelnachweise Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Ort im Landkreis Kassel Kategorie:Geographie (Lohfelden) Kategorie:Ehemalige Gemeinde (Landkreis Kassel) Kategorie:Ersterwähnung 1019 Kategorie:Gemeindeauflösung 1970