mini|Gymnasium Grimma mini|Gymnasium Ergolding Das Gymnasium als Teil des Schulsystems in Deutschland ist eine Sekundarschule mit einem Schwerpunkt auf theoretischem Unterricht und der Vorbereitung auf eine anschließende weiterführende akademische Ausbildung (Studium).
Die Schüler eines Gymnasiums werden als Gymnasiasten bezeichnet. Sie beginnen ihre Schullaufbahn im Alter von etwa zehn bzw. zwölf Jahren, je nachdem, ob die Grundschule in dem betroffenen Bundesland vier oder sechs Jahre lang dauert. Meistens entscheidet eine Empfehlung der Grundschullehrer über die Art der weiterführenden Schule, allerdings existieren in den Bundesländern verschiedene Ausnahmen von dieser Regel. In einigen Bundesländern können Eltern eine zusätzliche Prüfung ihres Kindes verlangen, in anderen sind die Empfehlungen nicht bindend und Eltern können sich darüber hinwegsetzen.
Klassischerweise dauerte die Schullaufbahn eines Gymnasiasten seit der preußischen Schulreform des 19. Jahrhunderts neun Jahre. Nachdem die Nationalsozialisten diesen Schulbesuch auf acht Jahre verkürzt hatten (unter anderem mit der Begründung, eine „schädliche Überbildung der Jugend“ zu vermeiden),Rolf-Dieter Müller, Hans Erich Volkmann: Die Wehrmacht. Oldenbourg-Verlag, 1999, S. 447. wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland wieder das neunjährige Gymnasium eingeführt, während im Osten Deutschlands unter Einfluss der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die verkürzte Ausbildung beibehalten wurde (siehe Erweiterte Oberschule). Um das Jahr 2004 gab es auch in den alten Bundesländern das starke Bestreben, die gymnasiale Schullaufbahn auf acht Jahre (G8) zu beschneiden. Die zwischenzeitlich umgesetzten Schulzeitverkürzungen wurden allerdings in der überwiegenden Mehrzahl aller Bundesländer in den späten 2010er Jahren wieder zurückgenommen und stattdessen das langjährig übliche Abitur nach der 13. Jahrgangsstufe (G9) wieder eingeführt (siehe Abitur nach zwölf Jahren).
Den erfolgreichen Abschluss bildet der höchste deutsche Schulabschluss, die allgemeine Hochschulreife, auch kurz als Abitur bezeichnet. Unter der Voraussetzung, dass die Zulassungsbedingungen zur Abiturprüfung erfüllt werden, ist die Teilnahme an der jährlich angebotenen Prüfung möglich. Da die Schulpflicht mit dem Ende des Unterrichts formal erfüllt wurde, ist die Abiturprüfung selber für die Schüler nicht verpflichtend, sondern die Teilnahme ist freiwillig und bedarf der vorherigen Anmeldung.
Neben den öffentlich finanzierten Gymnasien gibt es auch kirchlich oder privat getragene Gymnasien, die zum Teil Schulgeld verlangen. Diese Gebühren liegen allerdings deutlich unter denen vergleichbarer Schulen in anderen europäischen Ländern oder in Amerika. Vergleichbare ausländische Schultypen sind die frühere britische “Grammar School” oder die US-amerikanische „College-preparatory school“.siehe :en:College-preparatory school (englisch)
Der Unterricht findet an Gymnasien meistens vormittags statt, wobei insbesondere während der Schulzeitverkürzungen im Rahmen von G8 auch an den Gymnasien ein Trend zur (offiziellen oder inoffiziellen) Ganztagsschule erkennbar war. Einige wenige Gymnasien werden als Internat betrieben. Die allermeisten Gymnasien sind koedukativ, es gibt aber auch Gymnasien, an denen Jungen und Mädchen noch getrennt unterrichtet werden.
Kinder von Akademikern haben in Deutschland bei gleicher Kompetenz und Intelligenz eine dreieinhalbmal höhere Chance, auf das Gymnasium zu kommen, als Kinder von Facharbeitern.Barbara Gillmann: Deutschland vergeudet seine Talente. In: Handelsblatt. Nr. 241, 12. Dezember 2012, , S. 8.
Geschichte mini|Historische Schulbibliothek des Gymnasiums Laurentianum Arnsberg mini|Blick über den Hafen auf das Alte Gymnasium Flensburg mini| Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster (1910)
Das Gymnasium erwuchs aus der humanistischen Bewegung des 16. Jahrhunderts, das erste Schulsystem, welches auch Gymnasien umfasste, entstand 1528 in Sachsen.
Gymnasien für Mädchen mini|Schülerinnen des Gymnasiums Nonnenwerth, einer reinen Mädchenschule, 1960
Der Besuch einer weiterführenden Schule wurde für Mädchen erst Ende des 19. Jahrhunderts möglich. Ein großer Schritt war die Petition von 1887 an das Preußische Unterrichtsministerium mit der Bitte um Gleichstellung der Mädchenausbildung mit der höheren Knabenausbildung. Begleitet wurde diese Petition mit der Schrift Über die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung, der sogenannten Gelben Broschüre von Helene Lange, in der sie eindringlich Kritik an der bestehenden Form der höheren Mädchenbildung übte.Hildegard Küllchen, Sonja Koch, Brigitte Schober, Susanne Schötz (Hrsg.): Frauen in der Wissenschaft. Leipziger Universitätsverlag, 2010, S. 27. Die ersten Mädchengymnasien (Lyzeen) entstanden ausschließlich aufgrund privater Initiativen, ohne staatliche Unterstützung. So wurde das erste Mädchengymnasium auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands vom Verein Frauenbildungsreform unter Leitung von Hedwig Kettler 1893 in Karlsruhe gegründet. Bedingung für die Aufnahme war der sechsjährige Besuch einer Höheren Mädchenschule.Gründerin der ersten deutschen Mädchengymnasien Kalenderblatt von Ulrike Rückert, Deutschlandradio Kultur, 5. Januar 2012.Geschichte des Lessing-Gymnasiums
Erst im frühen 20. Jahrhundert gab es einen Anstieg der Anzahl von Mädchengymnasien, die den Grundstein für den Zugang von Frauen zu einer Universitätsbildung legten.
Koedukative Gymnasien wurden in den 1970er Jahren üblich, heute gibt es kaum noch geschlechtsgetrennt unterrichtende Schulen.
Klassische Jahrgangsbezeichnungen der Gymnasien Die Jahrgänge an Gymnasien werden traditionell lateinisch bezeichnet und vom Abitur (Schullaufbahnende) her gezählt. Aufbauend auf einer vierjährigen Grundschulzeit lauten daher die klassischen Jahrgangsbezeichnungen:
+ Historische Bezeichnungen der gymnasialen Schulklassen 5. Klasse Sexta 1. Schulklasse des Gymnasiums 6. Klasse Quinta 2. Schulklasse 7. Klasse Quarta 3. Schulkasse 8. Klasse Untertertia 4. Schulklasse 9. Klasse Obertertia 5. Schulklasse Einführungsphase in G8 10. Klasse in G9 Untersekunda 6. Schulklasse Einführungsphase (EF) in G9 bzw. Qualifikationsphase 1 oder Q 1 und Q2 in 11. Klasse Obersekunda 7. Schulklasse Qualifikationsphase 2 oder Q3 und Q4 in G8 12. Klasse Unterprima 8. Schulklasse Qualifikationsphase 2 oder Q3 und Q4 in G9 13. Klasse Oberprima 9. Schulklasse
Moderne Sprachen Die Einführung von Unterricht in Französisch und Englisch im frühen 20. Jahrhundert markierte den größten Wechsel im deutschen Schulsystem seit Einführung der Realschulen im 18. Jahrhundert. Heutzutage unterrichten alle Gymnasien in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern verpflichtend Englisch (meistens als erste Fremdsprache) sowie mindestens eine weitere Fremdsprache. Dies ist mehrheitlich Französisch (meistens angeboten als zweite oder dritte Fremdsprache, fakultativ zu Latein). Viele Gymnasien bieten bei der zweiten Fremdsprache eine Wahl an – alternativ zu Französisch ist dies zumeist Latein (als erste Fremdsprache an klassischen humanistischen Gymnasien, ansonsten als zweite oder dritte Fremdsprache), allerdings nimmt die Beliebtheit von Spanisch als zweite Fremdsprache stetig zu. Außerdem werden auch Altgriechisch (als fakultative dritte Fremdsprache an humanistischen Gymnasien) sowie vereinzelt weitere moderne Sprachen (u. a. Russisch, Italienisch, Dänisch, Niederländisch, Polnisch) unterrichtet.
Unterrichtssprache An den meisten Gymnasien wird der Unterricht (außer im Fremdsprachenunterricht) auf Hochdeutsch durchgeführt, auch dort, wo das Hochdeutsche nicht dem vorherrschenden Dialekt entspricht. Einige spezialisierte Gymnasien unterrichten allerdings auch zum Teil oder vollständig auf Englisch oder Französisch. In Südschleswig bestehen daneben zudem zwei dänische (Duborg-Skolen und A. P. Møller-Skolen) und in der Lausitz zwei sorbische Gymnasien (Sorbisches Gymnasium Bautzen und Niedersorbisches Gymnasium Cottbus) mit dänischer bzw. sorbischer Unterrichtssprache.
Unterrichtsfächer mini|Gymnasiast beim Werkunterricht, Bonn, 1988 mini|Diese Tafel des Arndt-Gymnasiums Dahlem zeigt zur Linken einen jungen Mann beim Studieren, während ein anderer zur Rechten Sport treibt – eine Versinnbildlichung des antiken Mottos „Mens sana in corpore sano“ – „ein gesunder Geist [wohnt] in einem gesunden Körper“; die Darstellung stammt aus dem Schulprogramm 2008
Die Curricula variieren zwischen den Schulen, aber umfassen grundsätzlich die Kernfächer Deutsch und Mathematik, die oben angesprochenen Fremdsprachen, die Naturwissenschaften Biologie, Physik und Chemie sowie Informatik, die Gesellschaftswissenschaften Erdkunde, Geschichte sowie Wirtschaft und Politik (oder Gesellschaftskunde),Dieses Fach hat verschiedene Namen in den verschiedenen Ländern; siehe Gemeinschaftskunde. die schönen Künste Musik und Kunst (manchmal auch Werken), sowie Philosophie und Religionsunterricht verschiedener Bekenntnisse. Außerdem findet in jeder Jahrgangsstufe auch Sportunterricht statt.
Die Ausbildung an den Gymnasien konzentriert sich ausdrücklich nicht nur auf rein akademische Fähigkeiten; vielmehr sollen ihre Schüler zu umfassend und vielseitig gebildeten Individuen erzogen werden, die ihre Umwelt selbstständig und kritisch erfassen können, um sie dann ausgerichtet an einem ethischen Rahmen positiv zu beeinflussen. Auch die körperliche Gesundheit im Sinne des antiken Mottos „Mens sana in corpore sano“ – „Ein gesunder Geist [wohnt] in einem gesunden Körper“ zählt zu diesen Rahmenbedingungen. Deshalb sind die Belegung der schönen Künste sowie Religions- oder Philosophieunterricht selbstverständlich, um den aus den übrigen Fächern entspringenden Fähigkeiten einen Rahmen und eine Verankerung in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu bieten. Da das Grundgesetz die Religionsfreiheit sowie die Trennung von Kirche und Staat (Laizismus) garantiert, steht es jedem Schüler frei, den Religionsunterricht eines Bekenntnisses seiner Wahl (falls angeboten) oder alternativ den Philosophieunterricht zu besuchen.
Während für jüngere Schüler das Curriculum weitestgehend vorgegeben ist (die wesentliche Ausnahme bilden Auswahl und Reihenfolge der Fremdsprachen), können ältere Schüler in einem gewissen Rahmen wählen, welche Fächer sie weiter besuchen und welche sie abwählen möchten. Dabei gelten aber bestimmte Regeln, so müssen die Fächer Deutsch und Mathematik immer belegt werden, außerdem jeweils eine bestimmte Anzahl an Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und je mindestens eine der schönen Künste sowie Religions- oder Philosophieunterricht. Die akademischen Standards in all diesen Fächern sind generell vergleichsweise hoch, da das Gymnasium typischerweise auf die Schüler der oberen 25–35 % des Leistungsspektrums ausgerichtet ist.
Lehrkörper Die an den Gymnasien unterrichtenden Gymnasiallehrer müssen in zwei Unterrichtsfächern ein Universitätsstudium mit anschließender Staatsexamensprüfung absolviert haben. Je nach Bundesland kommen zwei weitere Nebenfächer hinzu, häufig handelt es sich entweder um Pädagogik oder Didaktik sowie um Fächer wie Psychologie, Soziologie oder Politologie. Nach Abschluss der universitären Ausbildung folgt eine Referendariatszeit, die durch ein zweites Staatsexamen abgeschlossen wird. Anschließend können sie in den regulären Schuldienst übernommen werden, allerdings zunächst entweder im Angestelltenverhältnis oder aber als Beamter auf Probe. Nach zwei bis drei Jahren folgt gewöhnlich die Verbeamtung auf Lebenszeit, der betreffende Lehrer führt ab dann den Titel eines Studienrats (StR) bzw. einer Studienrätin. Falls später zusätzliche Funktionen und Aufgaben wahrgenommen werden, kann anschließend eine Beförderung zum Oberstudienrat (OStR), Studiendirektor (StD) bis hin zum Oberstudiendirektor (OStD) erfolgen.