mini|hochkant|Edward Marsh, 1907 Mit Georgian Poetry (Georgianische Lyrik) wird im engeren Sinne eine Reihe von fünf Sammelbänden mit Gedichten bezeichnet, die in den frühen Regierungsjahren von Georg V. erschienen. Im geläufigen Sinne wird der Begriff gebraucht, um jene Art der Dichtung derjenigen Gruppe von englischen Dichtern und Schriftstellerinnen zu beschreiben, die in dieser Reihe veröffentlicht wurden. mini|hochkant|Gilbert Keith Chesterton im Jahre 1914 mini|hochkant|William Henry Davies mini|hochkant|John Masefield, 1912 mini|hochkant|Isaac Rosenberg: Selfportrait in a Trilby hat, Öl auf Leinwand, 1914 mini|hochkant|Philip Alexius de László: Lady Vita Sackville-West, Öl auf Leinwand, 1910 mini|hochkant|Foto Siegfried Sassoons von George Charles Beresford, 1915

Entstehung 1912 erschien (Georgian Poetry 1911–1912), 1915 (Georgian Poetry 1913–1915), 1917 (Georgian Poetry 1916–1917), 1919 (Georgian Poetry 1918–1919) und 1922 (Georgian Poetry 1920–1922). Initiator und zentrale Person war Edward Marsh, der sowohl als Herausgeber (in Zusammenarbeit mit Harold Monro (1879–1932), der der Gruppe mit seinem Poetry Bookshop ein räumliches und Publikations-Zentrum gab) wie auch Mentor einer Gruppe von Dichtern, die man entsprechend als Georgian Poets (Georgianische Poeten) bezeichnet, fungierte. J. C. Squire gab später unter dem gleichen Titel weitere Sammelbände heraus.

Angeblich basierte die Idee zur Anthologie auf einem Witz, als Marsh, Duncan Grant und George Mallory an einem Abend des Jahres 1912 eine Parodie auf jene kleinen Gedichtbände zu veröffentlichen, die zu der Zeit den Buchmarkt überschwemmten. Im Verlauf der Diskussion entschieden sie daraus ein seriöses Projekt zu machen. Marsh und Rupert Brooke sprachen Monro an, der gerade The Poetry Bookshop auf der Devonshire Street in London eröffnet hatte. Er willigte in den Plan ein, um im Gegenzug zur Hälfte am Gewinn beteiligt zu sein.

Beteiligte Dichter

Die in den ersten fünf Sammelbänden vertretenen (Ein X markiert die einzelnen Beteiligungen) Dichter waren:

Georgian Poetry 1911–12 (1912) 1913–15 (1915) 1916–17 (1917) 1918–19 (1919) 1920–22 (1922) × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × × ×

Epochenbegriff Die (ursprünglichen) Georgian Poets selbst verstanden sich als modern und progressiv und der Begriff grenzt sie von der victorianischen Zeit als der überwundenen Vergangenheit ab, aber die von J. C. Squire herausgegebenen Bände und die mit ihnen einhergehende literarischen Debatten gaben der Georgian Poetry den Beigeschmack des Konservatismus und so wurde er zu einem Kampfbegriff gegen die Moderne.

Rezeption Die spätere Kritik warf seit den 1950er Jahren den Georgian Poets vor, dass es ihnen an Tiefe fehle und sie stattdessen mit der Darstellung künstlicher Gefühle experimentieren würden. Dabei schoss diese Kritik sicherlich bei den meisten der vertretenen Autoren über das Ziel hinaus, wollte es doch mehr Marsh, Munro oder ein paar der kleineren Dichter treffen.

mini|hochkant|Fredegond Shove, fotografiert von Lady Ottoline Morrell, 1917 So kann man beispielsweise in John Drinkwater einen ihrer typischsten Vertreter ansehen, da er mit ausgeglichenen Versen das beschauliche Landleben idealisierte. Auch Fredegond Shove, eine der wenigen Frauen in diesen Bänden, bei deren Besetzung es ohnehin Streitpunkte zwischen Marsh, Munro und dem ebenfalls als bekannten Literaturkritiker geltenden Edward Shanks gab,John D. Gordan: Letters to an Editor: Georgian Poetry. Ayer Publishing 1967, S. 29f. kann trotz ihrer stellenweise mythifizierenden Überhöhung des Landlebens ihm zugeordnet werden. Marsh soll, angeblich mit dem Ziel unbedingt eine englische DichterinDie ersten drei Anthologien beinhalteten keine Dichterin: Chris Baldick: The Oxford English Literary History. Volume 10: The Modern Movement (1910–1940). Band 10. Oxford Univ. Press, Oxford / New York 2006, S. 112. in seine Sammlung aufzunehmen, Fredegond Shove gegen die Bedenken Harold Monros, Siegfried SassoonsJean Moorcroft Wilson: Siegfried Sassoon: the journey from the trenches: a biography (1918–1967). Routledge, London 2003, S. 128. und Shanks durchgesetzt haben.Timothy Rogers: Georgian poetry 1911–22: the critical heritage. Routledge, London 1997, S. 414f.

Auch René Wellek bemängelte in seiner kritischen Einordnung von Griersons Critical History of English Poetry, 1946, die Aufnahme Fredegonds Shove in den Kanon der gelobten Autoren.René Wellek: Geschichte der Literaturkritik 1750–1950. Band 4, Das 20. Jahrhundert. Die englische und amerikanische Literaturkritik 1900–1950. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1990, S. 70f.

Was den besagten Stil angeht, gilt ebenfalls für Edmund Blunden, der heute vor allen Dingen bekannt für seine herausgeberische Tätigkeit im Dienste von John Clare und Ivor Gurney ebenso das Landleben in vielen Details ausschmückte.Rolf Giese: Die Versdichtung Edmund Blundens. Traditionalistischer Ansatz und moderne Wirklichkeitserfahrung. Bochum 1982, ISBN 3-88339-273-1. Allerdings erfreute sich Blundens Prosawerk Undertones of War als Erlebnisbericht über den Krieg bester Kritiken. Edward Thomas, der seinen Lebensunterhalt als Journalist bestreiten musste, konnte sich hingegen in den 1950er Jahren aufgrund der Klarheit seiner Dichtung breiter Beliebtheit erfreuen. Obwohl Wilfrid Wilson Gibson im Gegensatz dazu thematisch das industrielle England und das Leben der Arbeiterschaft thematisierte, zählte auch er zu den Georgian Poets.Ifor Evans: Geschichte der englischen Literatur. Aus dem Englischen übertragen von Paul Baudisch. Nach der Auflage von 1976 überarbeitet von Manfred Vasold. Beck, München 1983, S. 96, ISBN 3-406-09324-8.

Die Verdienste des Dichters und Kritikers John Collings Squire wurden vor allen Dingen nach dem Ersten Weltkrieg geschätzt. War sein Geschmack zwar auch betont altmodisch, so belebte er dank seiner Herausgabe des The London Mercury die literarische Landschaft.

mini|hochkant|Fotoporträt des jungen D. H. Lawrence, 1906 Selbst D. H. Lawrence und G. K. Chesterton, den viele heute unzulässigerweise lediglich auf seine Vater-Brown-Geschichten reduzieren, die „für ihn nur Nebenwerke darstellten“Elmar Schenkel: Chesterton, G[ilbert] K[eith]. In: Metzler Lexikon Englischsprachiger Autorinnen und Autoren. Herausgegeben von Eberhard Kreutzer und Ansgar Nünning, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2002, ISBN 3-476-01746-X, S. 116. hatten in den ersten Bänden sensible Gedichte veröffentlicht.

William Henry Davies war lange Zeit einer der bekanntesten Schriftsteller dieses Kreises, so hatte der Titel seines Autobiography of a Super-Tramp (1908) selbst für die moderne Musikgeschichte eine Bedeutung und seine Liebes- und Naturgedichte wurden in England stets wegen ihrer intensiven Kraft geschätzt.

Andere Autoren wie Ralph Hodgson oder James Stephens waren frühentwickelte Talente, die später in der literarischen Versenkung verschwanden. Hodgson verglich man aufgrund seiner Naturvisionen gar mit Blake, der Ire Stephens wird heute mehr wegen seiner Prosawerke gepriesen, wie zum Beispiel The Crock of Gold. So auch der einst wegen seiner scharfen Zunge gefürchtete Edward Shanks, dessen revisionistische, patriotische Kriegsgedichte heute eher als abschreckendes Beispiel dienen, während man seine phantastische Utopien gar jenen H.G. Wells an die Seite stellen möchte. The People of the Ruins galt als typische Sozialutopie der 1920er Jahre, die im Vereinigten Königreich zu dieser Zeit häufiger geschrieben wurden. Darin betrachtet Shanks ein Europa und speziell England ein Jahrzehnt, nachdem es von einer kommunistischen Revolution überrollt wurde. Aus heutiger Perspektive wird die Science-Fiction-NovelleZur Einordnung; Mark Bould: The Routledge companion to science fiction. Taylor & Francis 2009, S. 195. im direkten Vergleich mit zeitgenössischen Werken des Genre als erschreckend schlecht angesichts des literarischen Rufs Edward Shanks beschrieben, obwohl einige Elemente seines Buches von besseren Science-Fiction-Autoren aufgegriffen wurden.John Lucas: The radical twenties: writing, politics, and culture. Rutgers University Press, New Brunswick, NJ 1999, S. 160.Vgl. zur symbolhaften Darstellung: Malcolm Smith: Britain and 1940: history, myth, and popular memory. Routledge 2000, S. 18.

Der Mystik war auch der heute weitgehend vergessene George William Russell verbunden. Der Kriegsveteran Martin Armstrong hatte hingegen eine besondere Begabung Alltagsbegebenheiten (The Buzzards, Honey Harvest, Miss Thompson Goes Shopping, 1922)Timothy Rogers: Georgian poetry 1911–22: the critical heritage. Routledge, London 1997, S. 271. in bis heute beliebte Kinder- und Jugendgedichte zu kleiden, wurde wegen der von ihm geförderten Bildung seiner Stieftochter Joan AikenAnita Silvey: The essential guide to children’s books and their creators. Houghton Mifflin Company, Boston / New York 2002, S. 8.Edward Butscher: Conrad Aiken: Poet of White Horse Vale. University of Georgia Press, 2010, S. 200.Iain Emsley: Today ist Tuesday. januarymagazine.com, Dezember 2008; abgerufen am 26. November 2012.Julia Eccleshare: Joan Aiken: Outstanding storyteller with an unusual ability to write for all ages. In: The Guardian, 7. Januar 2004; abgerufen am 26. November 2012. auch auf diese Weise literarisch bedeutsam und nahm nach dem Zweiten Weltkrieg dank seiner vielfältigen Beziehungen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Kulturprogramms der BBC. Außerdem hat sich seine Horror-Erzählung The pipe smoker aus der Kurzgeschichtensammlung General Buntop’s Miracle and Other Stories von 1934 hat sich bis heute in breiter Erinnerung gehalten, da sie in unterschiedlichen Horroranthologien bis heute abgedruckt wurde.

John Masefield wandelte sich später von melancholischer Seefahrerlyrik zu realistischen Erzählungen (The Everlasting Mercy, 1911; The Widow in the Bye Street 1912), um dann mit Dauber (1913) sich erneut dem maritimen Thema zu widmen und gar 1919 mit Reynard the Fox eine realistische Schilderung der Fuchsjagd lieferte.

mini|hochkant|Walter de la Mare Robert Graves war eine der langanhaltendsten Karrieren der Georgian Poets beschieden. Nachdem er zunächst Balladen geschrieben hatte, in denen er Skelton nachzuahmen versuchte, entwickelte er sich zusammen mit Laura Riding zum Modernisten, kehrte später aber selbstkritisch wieder zu seinen früheren Stilformen zurück. Heute ist er vor allen Dingen aufgrund seiner Historischen Romane bekannt, die er bereits in den 1930er Jahren veröffentlicht hatte, I Claudius (1934) und Claudius the God (ebenfalls 1934, in deutscher Übersetzung Ich Claudius, Kaiser und Gott.), Count Belisarius (1938, Bellisar, der Ruhmreiche 1962) und 1943 The Story of Mary Powell, Wife to Mr. Milton.Ifor Evans: Geschichte der englischen Literatur. S. 97 und S. 215.Peter Hühn: Graves, Robert In: Metzler Lexikon Englischsprachiger Autorinnen und Autoren. Herausgegeben von Eberhard Kreutzer und Ansgar Nünning, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2002, ISBN 3-476-01746-X, S. 242–243.

mini|hochkant|James Elroy Flecker, in seinen Räumen in Cambridge, um 1905