Pergamon (, seltener ; ; heute Bergama) war eine antike griechische Stadt nahe der Westküste Kleinasiens in der heutigen Türkei, etwa 80 km nördlich von Smyrna (dem heutigen İzmir). Während des 3. und 2. Jahrhunderts v. Chr. war Pergamon Hauptstadt des Pergamenischen Reichs, das sich über große Teile des westlichen Kleinasiens erstreckte. Unter der kunstsinnigen Dynastie der Attaliden, die bestrebt war, ein neues Athen zu schaffen, wurde die Stadt zu einem der bedeutendsten Kulturzentren des Hellenismus. Nach einer antiken Legende wurde das nach Pergamon benannte Pergament in dieser Stadt erfunden. Tatsächlich war Pergamon ein Zentrum der Pergamentproduktion.
mini|hochkant=1.5|Akropolis von Pergamon vom Asklepieion Pergamon lag am nördlichen Rand einer Ebene, die von dem Fluss Kaïkos (dem heutigen Bakırçay) gebildet wurde. Die Bebauung erhebt sich zu Füßen, an den Hängen und auf der Hochfläche der Akropolis, deren Kern aus einem etwa 335 Meter hohen, tafelbergförmigen Massiv aus Andesitgestein besteht. Der Burgberg fällt nach Norden, Osten und Westen sehr steil ab, während die Südseite über drei natürliche Absätze einen flacheren Übergang zur Ebene bildet. Westlich durchfließt der Selinus (heute Bergamaçay) an der Akropolis vorbei die Stadt, im Osten fließt der Ketios (heute Kestelçay).
mini|hochkant=1.5|Modell der antiken Akropolis von Pergamon im Berliner Pergamonmuseum
Lage mini|hochkant|Historische Karte der Akropolis von Pergamon Pergamon liegt am nördlichen Rand der Kaïkos-Ebene in der historischen Landschaft Mysien im Nordwesten der Türkei. Der Kaïkos, der sich dort einen Durchbruch in die umgebenden Gebirge und Hügellandschaften geschaffen hat, fließt – nach zunächst ostwestlichem Verlauf – in einem weiten Bogen nach Südwesten. Am Fuße des nördlich gelegenen Gebirges erhebt sich zwischen den Flüssen Selinus und Ketios der Burgberg bis auf eine Höhe von 335 Metern über Meereshöhe. Die Entfernung bis zum Meer beträgt 26 Kilometer, allerdings öffnet sich die Kaïkos-Ebene nicht frei zum Meer, sondern wird vor der Öffnung vom Massiv des Karadağ dominiert. Die Landschaft erhält dadurch einen stark binnenländischen Charakter. Das an der Kaïkos-Mündung liegende Elaia war in hellenistischer Zeit der Hafen Pergamons. Das Klima ist wie an der übrigen kleinasiatischen Westküste mediterran geprägt mit einer Trockenzeit von Mai bis August.Altertümer von Pergamon. I 1, S. 47–50.
Wie das überwiegend aus vulkanischem Gestein, insbesondere Andesit, bestehende Kaïkos-Tal ist auch der Burgberg als Eruptivstock aus Andesit gebildet. Das Massiv ist zwischen Selinus und Ketios rund einen Kilometer breit und auf der Nord-Süd-Erstreckung rund 5,5 Kilometer lang. Das nahezu tafelbergförmige Bergmassiv besteht aus einer breit angelegten Basis und einer relativ kleinen abgeflachten Spitze, der Oberburg. Die zum Ketios, der dort zwischen Felsen durchbricht, gerichtete Breitseite fällt steil ab, während die zum Tal des Selinus gelegene Breitseite weniger schroff ist. Beim Blick von Norden auf das Massiv ist die sich über die Basis erhebende Spitze gut zu erkennen. Auf der Nordseite bildet der Berg einen etwa 70 Meter breiten, vorspringenden Sporn. Südöstlich dieses Garten der Königin genannten Vorsprungs erreicht der Berg seine größte Höhe und bricht dort unvermittelt nach Osten ab. Auf einer Länge von weiteren 250 Metern nach Süden bleibt die Oberburg mit etwa 150 Meter sehr schmal, bevor sich das Massiv in Stufen nach Osten und Süden sanfter abfallend auf etwa 350 Meter verbreitert und dann in Richtung Südwesten in die Ebene übergeht.Altertümer von Pergamon. I 2, S. 148–152.
Geschichte Vorhellenistische Zeit Die Besiedlung Pergamons lässt sich sicher für die archaische Zeit nachweisen, doch sind die Befunde gering und stützen sich vor allem auf Funde von Fragmenten westlicher Importkeramik ostgriechischer und korinthischer Provenienz, die aus dem späten 8. Jahrhundert v. Chr. stammen.Jörg Schäfer: Hellenistische Keramik aus Pergamon (= Pergamenische Forschungen. Bd. 2). de Gruyter, Berlin 1968, S. 14. Demgegenüber lässt sich eine Besiedlung bereits in der Bronzezeit nicht recht fassen, auch wenn bronzezeitliche Steinwerkzeuge aus dem Gebiet nicht fehlen.Kurt Bittel: Zur ältesten Besiedlungsgeschichte der unteren Kaïkos-Ebene. In: Kurt Bittel (Hrsg.): Kleinasien und Byzanz. Gesammelte Aufsätze zur Altertumskunde und Kunstgeschichte. Martin Schede zu seinem sechzigsten Geburtstag am 20. Oktober 1943 im Manuskript überreicht (= Istanbuler Forschungen. Bd. 17). Walter de Gruyter, Berlin 1950, S. 17–29. Erstmals wird Pergamon literarisch für das Jahr 400/399 v. Chr. genannt, da in Pergamon der Zug der Zehntausend, die sogenannte Anabasis, endete. Xenophon, der die Stadt Pergamos nennt, übergab hier im März 399 v. Chr. die Reste des griechischen Söldnerheeres – nach Diodor etwa 5 000 Mann – an Thibron, der einen Feldzug gegen Tissaphernes und Pharnabazos plante. Zu dieser Zeit war Pergamon im Besitz der Familie des Gongyles aus Eretria und Xenophon wurde von dessen Witwe Hellas gastlich aufgenommen.Xenophon, Anabasis 7, 8, 7–8. Im Jahr 362 v. Chr. versuchte ein Orontes, Satrap in Mysien, in Pergamon die Selbstständigkeit zu erreichen.Altertümer von Pergamon. VIII 2, S. 578–581 Nr. 613. Erst mit Alexander dem Großen wurde dieses Gebiet und mit ihm Pergamon von der persischen Vorherrschaft unabhängig. Spuren der vorhellenistischen Besiedlung des 4. Jahrhunderts v. Chr. sind selten, da in den nachfolgenden Zeiten das Gelände immer wieder tiefgreifend umgestaltet und im Zuge großflächiger Terrassierungen ältere Bausubstanz meist gänzlich abgetragen wurde. Auf das 4. Jahrhundert v. Chr. zurückzuführen ist etwa der Athenatempel, aber auch im Demeterheiligtum lassen sich Altarfundamente und Mauern des 4. Jahrhunderts v. Chr. nachweisen.
Hellenistische Zeit mini|links|hochkant|Münzbildnis des Philetairos auf einer Münze Eumenes’ I. Zur Zeit der Diadochen gehörte Pergamon wie das übrige Mysien zum Herrschaftsbereich des Lysimachos. Er setzte Philetairos als Bewacher der Burg ein, in der mit 9 000 Talenten ein großer Teil der Kriegsbeute des Lysimachos deponiert war. Mit diesem Schatz gelang es Philetairos, sich nach dem Tod des Lysimachos im Jahr 281 v. Chr. unabhängig zu machen und mit den Attaliden eine eigene Dynastie zu begründen.
mini|hochkant=1.5|Das Reich Pergamon in Kleinasien 188 v. Chr. Die Attaliden beherrschten Pergamon von 281 bis 133 v. Chr.: Philetairos 281–263; Eumenes I. 263–241; Attalos I. 241–197; Eumenes II. 197–159; Attalos II. 159–138; Attalos III. 138–133. War das Herrschaftsgebiet des Philetairos noch ganz auf die nähere Umgebung der Stadt beschränkt, dehnte Eumenes I. Anspruch und Gebiet nachhaltig aus. Insbesondere nach der Schlacht bei Sardes im Jahr 261 v. Chr. gegen Antiochos I. eignete sich Eumenes die Gebiete bis zur Küste und Teile des landeinwärts gelegenen Hinterlands an. Die Stadt wurde somit zum Zentrum des Pergamenischen Reichs. Eumenes I. nahm noch nicht den Königstitel an. Dies vollzog erst sein Nachfolger Attalos I., nachdem er die Galater, denen Pergamon unter Eumenes I. tributpflichtig war, geschlagen hatte. Nun erst gab es ein von allen Seiten unabhängiges Pergamenisches Reich, das 188 v. Chr. den Höhepunkt seiner Macht und Ausdehnung erreichte.
mini|links|hochkant|Überlebensgroßes Bildnis, wohl Attalos I., aus der frühen Regierungszeit Eumenes II. Die Attaliden gehörten seit der Herrschaft Attalos’ I. zu den loyalsten Unterstützern Roms unter den hellenistischen Nachfolgestaaten. Unter Attalos I. standen sie auf der Seite Roms gegen Philipp V. von Makedonien während des Ersten und des Zweiten Makedonischen Kriegs. Mit ihrem 201 v. Chr. an Rom gerichteten Hilfegesuch gegen Philipp V. waren die Attaliden zusammen mit Rhodos einer der Auslöser des Zweiten Krieges gegen Philipp.
Auch im Römisch-Syrischen Krieg gegen den Seleukiden Antiochos III. gehörte Pergamon zur römisch-griechischen Koalition und erhielt nach dem Frieden von Apameia im Jahr 188 v. Chr. große Teile des kleinasiatischen Reichsgebiets der Seleukiden zugesprochen.
Eumenes II. unterstützte Rom ebenfalls im Dritten Makedonisch-Römischen Krieg gegen Perseus. Rom dankte es seinem Verbündeten nicht. Auf Grundlage eines Gerüchts, dem zufolge Pergamon während des Kriegs mit Perseus verhandelt habe, sollte Attalos II. nach dem Willen Roms Eumenes II. als Regent ablösen, was dieser von sich wies. Daraufhin verlor Pergamon seinen privilegierten Status in Rom und erhielt auch keine weiteren Territorien zugesprochen.
Unter den Brüdern Eumenes II. und Attalos II. erlebte Pergamon seine Blüte, die im monumentalen Stadtausbau ihren Niederschlag fand. Ziel war es, ein zweites Athen zu schaffen, ein Athen der künstlerischen und kulturellen Betriebsamkeit, wie es zur Zeit Perikles’ herrschte und weite Teile griechischen Kunstschaffens dominierte. Die beiden Brüder zeugten am ausgeprägtesten von einem Wesenszug der Attaliden, der in dieser Form unter den hellenistischen Dynastien selten war: einem ausgesprochenen Familiensinn, der weder Konkurrenzkampf noch Intrigen kannte.Christian Kunze: Der Farnesische Stier und die Dirkegruppe des Apollonios und Tauriskos. Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts, Ergänzungsheft 30. De Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-016162-1, S. 83–90. Eumenes II. und sein Bruder Attalos II., der den Beinamen Philadelphos, der Bruderliebende, trug, galten gar als Verkörperungen des sagenhaften Bruderpaares Kleobis und Biton.Polybios 22, 20; vgl. auch Christian Kunze: Der Farnesische Stier und die Dirkegruppe des Apollonios und Tauriskos. Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts, Ergänzungsheft 30. De Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-016162-1, S. 83–84 mit Anm. 356 und 357.
mini|hochkant=1.5|Pergamon innerhalb der römischen Provinz Asia 90 v. Chr. Attalos III. von Pergamon, der 133 v. Chr. ohne Nachkommen starb, vererbte Pergamon an die Römer. Diese mussten aber zunächst den Aufstand des Aristonikos niederkämpfen, um ihr Erbe antreten zu können. Dies gelang erst 129 v. Chr. Aus dem Königreich Pergamon entstand so die römische Provinz Asia, die Stadt selbst wurde für frei erklärt.
Römische Zeit mini|links|hochkant|Mithridates – Porträt im Louvre mini|Bronzemünze aus Pergamon mit Namen des Diodoros unter Herakleskopf Im Jahr 88 v. Chr. wählte Mithridates VI. die Stadt zu seinem Hauptquartier im Ersten Mithridatischen Krieg gegen Rom. Die Folgen dieses Kriegs führten zu einer Stagnation in der Entwicklung und dem Ausbau der Stadt. Pergamon verlor nach Ende des Krieges als abgefallene Stadt sämtliche Vergünstigungen und den Status einer freien Stadt. Stattdessen war die Stadt nun tributpflichtig, musste die Unterbringung und Verpflegung der römischen Truppen tragen und das Vermögen vieler Einwohner wurde konfisziert. Vor allem Angehörige der pergamenischen Aristokratie, die ausgezeichnete Beziehungen zu Rom pflegten, traten mit ihrem eigenen Vermögen als Wohltäter der Stadt in Erscheinung, allen voran Diodoros Pasparos in den 70er Jahren v. Chr. Ihm gelang es durch diplomatisches Geschick, zahlreiche der neuen Bürden zu mildern oder abschaffen zu lassen. Zahlreiche in Pergamon gefundene Ehreninschriften zeugen von seinem Wirken und seiner herausragenden Stellung im Pergamon dieser Zeit.zur Person des Diodoros Pasparos siehe Altertümer von Pergamon. XV 1, S. 114–117.
mini|hochkant=1.5|Römische Provinzen und Klientelstaaten in Kleinasien 63 v. Chr.