Das gallo-römische Heiligtum von Grand (in römischer Zeit Andesina) ist dem gallisch-römischen Heilgott Apollon-Grannus geweiht. Es wurde im 1. und 2. Jahrhundert nach Christus errichtet und befindet sich auf dem Gemeindegebiet von Grand im Département Vosges in Frankreich. Die Peutingersche Tafel über das römische Straßennetz führt das Heiligtum von Grand unter dem Namen Andesinasiehe Abschnitt Andesina im Artikel Voie romaine Reims-Metz der französischsprachigen Wikipedia mit einem hervortretenden Bädersymbol auf und zählt es damit zu den großen Thermen des Reichs.

mini|700px|Römerstraße Langres (Andemantunum)- Neufchâteau (Noviomagus) – Toul (Tullum Leucorum / Tullio) – Dieulouard (Scarponna) – Metz (Mediomatricum) auf der Peutingerschen Tafel (die Verbindung Andemantunum-Noviomagus fehlt), in der Mitte das Quellheiligtum von Andesina

Ortsbeschreibung und Geologie Die Gemeinde Grand liegt 22 km westlich von Neufchâteau am äußersten Rand des Départements Vosges an der Grenze zum Département Haute-Marne auf einem von Wäldern umgebenen Kalkstein-Plateau .

Das Wasser des verkarsteten Plateaus sammelte sich unterirdisch, erschien in Form eines kleinen Teichs (einer Art Karstquelle) an der Oberfläche, verschwand dann wieder in einem Felsspalt und kam erst 3,5 km nördlich wieder als kleiner Fluss (heute „Maldite“siehe Artikel Maldite in der französischsprachigen Wikipedia genannt, der Oberlauf des „Ornain“siehe Artikel Ornain in der französischsprachigen Wikipedia) wieder ans Tageslicht. Die Schüttung der Wasseraustrittsstelle in Grand war von der Jahreszeit und der Niederschlagsmenge abhängig. Zeitweise lag der kleine Teich völlig trocken. Die intermittierende Eigenschaft der Quelle förderte die mystische Interpretation durch die ethnische Religion der Kelten.

Geschichte Keltische Zeit Die geologischen Besonderheiten des verkarsteten Kalksteingebietes und der Quellteich zogen bereits die Kelten an. Sie schufen hier eine Verehrungsstätte ihres Heil- und Quellgottes Grannus, der vor allem im Nordosten Galliens hohes Ansehen als Heilspender genoss. Die Römer vereinigten diese keltische Gottheit deshalb ohne Schwierigkeiten mit Apollo, dem Gott der Weissagung und der Heilung, der nach Caesar die Krankheiten vertreibt.

Römische Periode Die Römer entwickelten schon vor den 70er Jahren nach Christus an der Stelle der keltischen Grannus-Verehrung ihr gallo-römisches Heiligtum. Sie schlugen um den Quellteich einen Kreis mit einem Radius von 1.500 römischen Fuß (440 m) und erklärten die Fläche zum heiligen Bezirk. Die Grenzlinie war entsprechend dem Pomerium antiker Kultstätten und Gemeinden lediglich durch einen hier und da von Statuen und Skulpturgruppen aufgelockerten einfachen Graben gekennzeichnet. Sie stellt heute den befestigten Umfassungsweg des Dorfes Grand dar, dessen Bezeichnung „Voie close“siehe Erläuterung Claustrum=verschlossener Ort im Artikel Kloster an seine frühere Bestimmung erinnert. Die Luftaufnahme der archäologischen Stätte zeigt Grand als auffällige kreisförmige Fläche von etwa 880 m (3.000 römische Fuß) Durchmesser.

Die Gesamtfläche des heiligen Bezirks belegte 70 Hektar. In den Jahren 70 nach Christus und später errichteten die Römer dann innerhalb dieses pomerium eine 1760 m lange Wehrmauer in unregelmäßiger sechseckigen Form mit 22 Rundtürmen und Toren im Abstand von 80 m mit zum Teil imposanten Ausmaßen. In diesem inneren Raum von 18 Hektar lagen zentral die dem Kult des Heilgottes gewidmeten Gebäude sowie angrenzend unbebaute Grundstücke zur Unterbringung der Pilger.Siehe (Aquarell von Jean-Claude Golvin).

Vom Zentrum des Heiligtums (dem ehemaligen Quellteich), dort wo der unterirdische Fluss zu Tage trat, gingen fünfzehn Kilometer Wassertunnel (begehbare Galerien) aus. Das Leitungssystem hatte den Zweck, das Wasser des Quellflusses geregelt zu verteilen. Außerdem fand man 307 Brunnen auf dem Gebiet der Anlage. Eine besondere Heilwirkung konnte durch aktuelle Analysen nicht nachgewiesen werden.Timo Ibsen und Thierry Dechezleprêtre in: Magisches Deutschland. Ein Film von Gisela Graichen und Peter Prestel. Terra X, ZDF 2015, Minute 33 bis 40. Die Bauarbeiten am Heiligtum in Grand sind bis 140 nach Christus festzustellen.

Eine im Jahre 1935 auf der Grabungsstätte gefundene Votivinschrift bestätigt mit der Inschrift somno iussus. die Praxis des Tempelschlafs der Pilger, die die Nacht im Innern des Heiligtums verbrachten und in einem Traumzustand das Erscheinen des Gottes erwarteten. Man kann vorausgehende Reinigungs- und Wasserriten annehmen.

mini|links|Karte von Gallien 58 v. Chr. mit bedeutenden Stämmen, Städten, Flüssen usw. links|mini|Römisches Imperium um 210

Berühmte Besucher Der Kult des Apollo war von großer Bedeutung. Um 425 erinnerte der christliche Dichter Claudius Marius Victor in seinem Bibelwerk Aletheia (3, 204) daran, dass Apollo gekommen war, „um unter den Leuken als Arzt zu wirken“. Und zwei Besuche von Kaisern innerhalb von hundert Jahren gaben der Pilgerfahrt nach Grand zusätzlichen Glanz und Berühmtheit.

mini|Caracalla (188–217)

Caracalla Nach Cassius Dio (163–229) litt Kaiser Caracalla unter körperlichen und seelischen Beschwerden, zu deren Linderung er während seiner Regierungszeit (211–217) drei Stellen seines Imperium Romanum aufsuchte, die für heilenden Gottheiten bekannt waren. So kam er im Jahre 213 vermutlich in das Heiligtum von Grand. Die Annahme stützt sich auf folgende Textpassage:

Die neuere Forschermeinung hält es für möglich, dass sich die Textstelle bei Dio statt auf Grand auf das Heiligtum des Apollo-Grannus in Faimingen (Rhätien) bezieht.Jeanne-Marie Demarolle: Caracalla consulte Apollon Grannus en 213; À Grand ou à Faimingen (Rhétie)? In: La mosaïque de Grand. Actes de la table ronde de Grand, 29-31 octobre 2004. S. 63–82.

Eine von Jean-Baptiste Jollois gefundene und 1981 vervollständigte Inschrift weist mit „Antoninum“ allerdings auf Caracalla hin, dessen offizieller Kaisername „Marcus Aurelius Severus Antoninus“ lautete. Die Spenden des im Jahr 213 nach Grand gekommenen Kaisers an das Heiligtum sollen die Finanzierung des Mosaiks der Basilika und die Sanierung des westlichen Teils des Amphitheaters erlaubt haben.

mini|links|Konstantin der Große

Konstantin der Große Im Jahr 309 stattete Kaiser Konstantin der Große auf seiner Rückreise von Massalia (Marseille) über Lugdunum (Lyon) nach Augusta Treverorum (Trier) „dem schönsten Heiligtum der Welt“ (templum toto orbe pulcherrimum) einen Besuch ab.Panégyrique de Constantin, 7, 21, 3-4. " Le lendemain du jour où, informé de cette agitation, tu avais fait doubler les étapes, tu appris que tous ces remous étaient calmés et que la tranquillité était revenue, telle que tu l'avais laissée <à ton départ>. La fortune elle-même réglait toute chose de telle façon que l'heureuse issue de tes affaires t'avertit de porter aux dieux immortels les offrandes que tu leur avais promises <et que la nouvelle t'en parvint> à l'endroit où tu venais de t'écarter de la route pour te rendre au plus beau temple du monde, et même auprès du dieu qui y habite, comme tu l'as vu. Car tu as vu, je crois, Constantin, ton protecteur Apollon, accompagné de la Victoire, t'offrir des couronnes de laurier dont chacune t'apporte le présage de trente années" (Übersetzung: E. Galletier: Panégyriques latins. Band 2, Paris, Les Belles Lettres, 1952, S. 72). Brigitte Müller-Rettig: Der Panegyricus des Jahres 310 auf Konstantin des Großen. Übersetzung und historisch-philologischer Kommentar, Stuttgart 1990. S. dazu Klaus Martin Girardet: Der Kaiser und sein Gott. Das Christentum im Denken und in der Religionspolitik Konstantins des Großen, De Gruyter, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-022788-8, S. 34 Kapitel Grand (Vogesen) – ein erster Schritt: die Hinwendung zu „Sol Invictus“ Onlineauszug.

Christentum Das Christentum erinnert mit den Passionsgeschichten der nach der Überlieferung hingerichteten Märtyrer EliphiusBibliotheca Hagiographica Latina 2482. und die Heilige LibariaBibliotheca Hagiographica Latina 4903. () an das Heiligtum in Grand. Die beiden hagiographischen Texte des Mittelalters versuchen, die heidnischen Riten von Grand in das christliche Umfeld zu übertragen.

Der mythische heidnische Quellteich wurde verfüllt und mit einer nach Libaria benannten Kirche überbaut.

Bauwerke Säulengang mit Zentralbezirk Innerhalb der Befestigungsmauer umgab ein rechteckiger 6 m breiter Säulengang den für den Inkubationsritus (hypnotischer Heilschlaf nach Asklepios) reservierten Kernbereich. In ihm befanden sich die magische Wasserstelle (heiliger Teich), die man aus Respekt vor dem heiligen Charakter des Ortes naturbelassen hatte, der Tempel des Apollo und die Basilika. Die Wände des Säulengangs waren mit Marmor und Stuck geschmückt und der Boden mit geschliffenem Terrazzo gedeckt.

Der Tempel des Apollo Der zentrale Komplex von Andesina enthielt einen großen Tempel. Im Inneren des vom Säulengang begrenzten Bereichs ruhte ein Tempel aus dem späten ersten Jahrhundert oder frühen zweiten Jahrhundert nach Christus mit seinen 31 × 62 m Grundfläche auf einer 3 m hohen Plattform. Seine mutwillige Zerstörung (wahrscheinlich durch Anhänger des frühen Christentums) ließ kaum Spuren zurück. Archäologen fanden heraus, dass für seinen Bau 80 verschiedene Marmorarten aus dem gesamten Römischen Reich verwendet wurden, was einen Anhaltspunkt für seine ehemalige Pracht ergibt.

Bei Ausgrabungen kamen zahlreiche Fragmente zutage. Sie zeigen sehr unterschiedliche Figuren: Löwin, Greif, Silen bzw. Satyr, Mänade, Faun, Panther, Widder, Pferd, Mercurius, Asklepios, Hygieia, Marsyas, der Kopf eines Kindes (möglicherweise Caracalla, der Sohn des Septimius Severus) und die Reste einer großen Kaiserstatue. Es ist ein klassisches Bildhauerwerk mit hellenistischen Einflüssen und fern von einheimischen Traditionen. mini|Mosaik auf dem Boden der Basilika

Das Basilikagebäude und sein Mosaik Der Archäologe Félix Voulot entdeckte 1883 das mit 232 Quadratmetern größte bis heute in Lothringen (oder Frankreich) gefundene Mosaik. Es bedeckt den Boden der Basilika, einem zugleich als Versammlungsraum, Gericht und Markthalle dienenden öffentlichen Gebäude unweit des heiligen Quellbeckens. Lange Zeit datierte man seine Entstehung in die Mitte des 3. Jahrhunderts, heute glauben einige Wissenschaftler, es könnte bereits in der 2. Hälfte des zweiten Jahrhunderts geschaffen worden sein.Jeanne-Marie Demarolle (Hrsg.): La mosaïque de Grand. Actes de la table ronde de Grand, 29-31 octobre 2004. Centre régional universitaire lorrain d'histoire, Metz 2006.

Das zentrale Motiv, von dem nur ein Drittel erhalten blieb, könnte eine Szene aus dem Stück Phasma (Das Gespenst) von Menander darstellen.Jean-Pierre Darmon: La mosaïque de Grand mise en perspective. In: La mosaïque de Grand. Actes de la table ronde de Grand, 29-31 octobre. 2004, S. 91–118. Andere Forscher meinen, dass es sich bei den beiden erkennbaren Figuren um einen Pilger und einen Priester des Apollo Grannus handeln könnte. Die Ecken sind mit Tierdarstellungen (Hund oder Bär, Tiger, Panther, Wildschwein) ausgeschmückt. Den Apsisabschnitt zieren geometrische Motive, die als Schild (pelta) angeordnet sind.

Gotische Kirche Sainte Libaire mini|Die einsturzgefährdete Pfarrkirche Sainte Libaire

Die große Pfarrkirche des Dorfes Grand ist der hl. Märtyrerin Libaire geweiht. Die Kirche wurde zwischen dem späten 15. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts im spätgotischen Stil erbaut und im 18. Jahrhundert restauriert und dabei stark verändert. Seit damals gilt sie in ihrer gesamten Struktur als bedroht. Seit 20 Jahren ist ihr Zustand so kritisch, dass sie für Öffentlichkeit gesperrt werden musste.